Turning Danger into Performance – Routinen der Verzauberung
Der Katholizismus drängte die Französische Revolution zurück. Fast das ganze 19. Jahrhundert herrschte Restauration in Frankreich. Das christliche Mahlwerk zerrieb Großartigkeiten des Ideentheaters und überließ dem mediokren Pfaffen im Schatten eines Operettenkaisers die große Bühne.
Der erschlaffte Weltgeist setzte sich eine Schlafmütze auf.
Das Bündnis von Thron und Altar (1815–1830)
Nach dem Sturz Napoleons I. kehrten die Bourbonen-Könige (Ludwig XVIII. und Karl X.) zurück. Die katholische Kirche kontrollierte das Bildungswesen und führte sogar ein Blasphemie-Gesetz ein, das die Todesstrafe für Sakrilege vorsah. Auch wenn es 1830 und 1848 zu weiteren Revolten kam, blieb das rurale Frankreich der Monarchie ergeben. Die royale Epochensignatur verdankt sich dem Zweiten Kaiserreich (1852–1870) unter Napoleon III. (Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, der Neffe des großen Napoleon). Marx prägte in seiner Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ das Diktum, dass sich die Weltgeschichte zweimal ereignet – das eine Mal als Tragödie (der echte Napoleon I.), das andere Mal als Farce (sein Neffe Napoleon III.). Die Knallcharge auf dem Thron regierte mit imperialem Pomp, glanzvollen Kulissen und einer theatralischen Zensurpolitik. Napoleon III. überließ dem Klerus immense Privilegien im Schulsystem und schickte sogar französische Truppen nach Rom, um den Papst gegen die italienische Nationalbewegung zu verteidigen. Ein glanzloser Klerus wurde zum staatstragenden Akteur.
Der erschlaffte Weltgeist setzte sich eine Schlafmütze auf. Meine Formulierung reagiert auf ein Wort von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Jener hatte 1806, als er Napoleon I. durch Jena reiten sah, enthusiastisch ausgerufen, er habe „den Weltgeist zu Pferde“ gesehen – die personifizierte Vernunft und den Fortschritt der Geschichte im Sattel.
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Der Champagner perlt nicht in den Schalen aus Sèvres-Porzellan. Es fehlen die Moussierpunkte auf der glasierten Oberfläche. Die Brust-Coupettes sind für Milchgetränke gemacht. Es gibt die nach der Brustform von Königin Marie-Antoinette modellierte Jatte téton. Auch die Gastgeberin wirkte formgebend. Im privaten Cabinet hoch über dem offiziellen Lärm von Versailles herrschen die Aromen von Amber, parfümiertem Reispuder und geschmolzenem Wachs. Jeanne-Antoinette, die Marquise de Pompadour, folgt ihren Routinen der Verzauberung. Seit Jahren versteht sie es, den König zu fesseln – in Akten kalkulierter Leidenschaft nicht nur. Jeanne ist mit dem Herzen bei der Sache.
Alle Welt fragt sich, was trägt die Schöne der Nacht in der Gegenwart des Königs. Das schwere Seidenkleid (das Grand Habit oder die Robe à la française) hat sie zu diesem Zeitpunkt längst eigenhändig abgelegt. Eigenhändig ist alles andere als selbstverständlich. Jeanne inszeniert sich im Unterkleid (der Chemise) aus Linon. Die Chemise ist das intimste Kleidungsstück der Epoche – semitransparent, der Ausschnitt mit Spitzen besetzt.
Tauschen die beiden Zungenküsse?
Im galanten Frankreich spricht man euphemistisch vom „Florentiner Kuss“, dem baiser florentin, und vom „Taubenkuss“, dem baiser à la colombe. Das 18. Jahrhundert gehört dem Libertinismus, denken Sie an Casanova und Choderlos de Laclos’ Gefährlichen Liebschaften. In den Boudoirs und Betten geht es hoch her; die Leidenschaft ist zugleich Kunstform und Schlachtfeld.
Weilt der König die ganze Nacht bei ihr?
Nein, Ludwig XV. kommt spät abends nach dem Coucher, dem offiziellen Zubettgehen vor dem Hofstaat. Er muss mitten in der Nacht zurückschleichen. Er darf in keinem Fall bis zum Morgen bleiben, da sein Erwachen ein zentraler Aspekt des höfischen Existenzialismus ist. Die Sonne Frankreichs geht auf, wenn Ludwig sich vor seinen Schranzen am Sack kratzt.
Was trägt der König?
Ludwig XV. trägt das Banyan (auch Robe de chambre genannt) – ein asiatisch anmutender Hausmantel aus Brokat, mit Pelz und Samt gefüttert. Darunter trägt er Kniebundhosen (Culottes), deren Schnallen bereits gelöst sind. Seine Perücke hat er abgelegt; sein Haar ist unter einer Nachthaube verborgen, was ihn wenig männlich erscheinen lässt.
Sind die beiden wirklich allein?
Ja, das ist das größte Privileg der Pompadour. Ihre Petits Appartements lassen sich temporär in dienstbotenfreie Refugien verwandeln. Beim Souper und im Bett ist das Paar völlig allein. Deshalb wurde der Table Volante eingebaut. Diener bereiten das Essen im Stockwerk darunter vor, und der Tisch fährt mechanisch durch den Boden hoch.
Das Spiel mit der bürgerlichen Häuslichkeit
Jeanne Antoinette Poisson stammt aus dem Pariser Großbürgertum, nicht aus dem Hofuradel. Sie bringt eine Kultur in die Gemächer des Königs, die er im offiziellen Versailles schmerzhaft vermisst: das ungezwungene Gespräch. Beim Essen schenkt sie zwar nach und reicht ihm eine Feige, aber das geschieht als Akt der Zärtlichkeit und der Koketterie, nicht als sklavischer Dienst. Es ist das Spiel mit den Insignien der bourgeoisen Ehe. Nichts entbehrt Ludwig mehr als diese Freiheit. Das Geschehen bei Tisch gehört zum Vorspiel.
Ludwig XV. ist ein chronisch gelangweilter Melancholiker. Seine größte Angst ist die Ennui (die gehobene Langeweile). Jeanne weiß, dass sie ihn mit Sex allein nicht halten kann. Sie lässt sich von ihm ins Vertrauen ziehen. Dass sie aufs Freizügigste in der halboffenen Chemise parliert, bietet Ludwig mehr als einen zusätzlichen Reiz.
Ihre Chemise aus blütenweißer Seide ist gekonnt drapiert, das einschnürende Mieder liegt längst achtlos auf dem Chaiselongue. Sie weiß genau, in welcher Position das Kerzenlicht ihren Schlüsselbeinen besonders schmeichelt. Ludwigs Hand gleitet unter den hauchdünnen Saum ihres Unterrocks. Das Bett der Pompadour ist eine Zuflucht; ist ein Thron der Intimität. Der weibliche Schoß als Schloss im Schloss. Das rhythmische Knarzen des Rahmens, das Rascheln der Laken und das empfängliche und ermunternde und so singulär kultivierte Seufz-Atmen der Mätresse vermischen sich mit Haushaltsgeräuschen im Schloss. Nach dem royalen Erguss und dem Momentum des petite mort, in dem das absolutistische Ego des Monarchen erlischt und die barocke Weltordnung für Sekundenbruchteile stillsteht – greift Jeanne nach einer silbernen Glocke. Sie läutet zweimal. Mit einem mechanischen Surren öffnet sich die Mitte des Tisches im Raum – der Table Volante versinkt, um ohne die störende Präsenz von Dienern mit frischen Feigen und eisgekühltem Wein wieder aufzutauchen. Ils sont livrés à eux-mêmes. Seuls au monde.
Es ist drei Uhr morgens. Ironisch empfiehlt sich Ludwig mit einem Handkuss. Bevor das Grand Lever, das offizielle Aufstehritual beginnt, muss er durch das Labyrinth der Geheimgänge und Tapetentüren zurück in seine eigenen Gemächer eilen. Es ist ein bizarres Paradoxon des Versailler Absolutismus. Der König von Frankreich darf nicht in dem Bett erwachen, in dem er die Nacht verbracht hat.