MenuMENU

zurück

2026-10-30 17:56:59, Jamal

Arktisches Portfolio

Eishaie erreichen ihre Geschlechtsreife im Alter von hundertfünfzig Jahren. Im Schneckentempo wachsen sie bis zu der Größe Weißer Haie. Es kursiert die Vermutung, dass sich im Arktischen Ozean Exemplare der Erforschung verweigern, die schon in der Kolumbusära existierten. In einem Grönlandwal, den man in diesem Jahrtausend gewaltsam aufs Eis legte, fand man Harpunenspitzen, die verrieten, dass das Tier im 19. Jahrhundert seinen Jägern entgangen war. Obwohl Grönlandwale kaum natürliche Feinde haben, „bleibt ihr Überlebensprogramm immer in Alarmbereitschaft“ (David A. Sinclair).

Wenn Hille und Jochen bei einem steifen Grog ihr Garn spinnen und gemeinschaftlich tüttern, schlagen sie gern die Lebensleistungen und Abstrusitäten von zig Ahnengenerationen in den Wind. Ihre pommerisch-baltischen Vorfahren übten trockene und halbtrockene Berufe aus. Für Hille und Jochen waren sie bloß häusliche Langweiler. Die beiden sind die Friesen, ein eigener Inselstamm, Cousine und Cousin, wenn man nur genug Ur- davorsetzt. Nicht langweilig wird ihnen die Windjammerwalfangsaga jenes Amrumer Harpuniers, dessen arktisches Portfolio alles übertraf, was ein Ostseebär je in sein Logbuch eintrug. Die genealogische Klammer spielt in dem Gewisper und Gezwitscher der beiden Ricklefs vor allem eine narrative Rolle. Hille und Jochen stammen von hünenhaften Brüdern aus der Enkellinie des nordmaritimen Migranten ab. Momme und Boy begründeten die Friesen-Enklave auf der Insel; eine genetische und charakterliche Festung.  

Um all das zu verstehen, muss man zurückgehen bis zum Jahr 1789. Werfen wir einen Blick in die sturmdurchpeitschte Finsternis des Nordatlantiks, wo Hark Ricklef, ein knorriger Haudegen, auf der Back eines Walfängers steht und den Blick in ein Auge richtet, das so kalt ist wie das All. Es ist das Auge des „Alten Schweden“, eines mythischen Finnwals, der bereits das verrostete Eisen von drei Fangflotten im Speck trägt.

Der Grönlandwal ist das langlebigste Säugetier der Erde. Er verbringt seine zweihundert Jahre in arktischen und subarktischen Gewässern. Sein Herz schlägt langsam, die Wundheilung ist phänomenal und er ist nahezu immun gegen Krebs.

Biologen entdeckten im Speck erlegter Wale eingewachsene Harpunenspitzen. Die chemische Analyse der Projektile ergab, dass Fragmente aus Schiefer und Elfenbein bestanden und um 1880 geschmiedet worden waren.      

Als Ricklef seine anderthalb Meter geschmiedeten Stahls – seine „Eisenbraut“ – dem Tier in die Flanke treibt, schneidet die Fangleine ihm fast die Finger ab. Der Wal zieht das Fangboot durch das krachende Packeis des Polarkreises. Endlich reißt das Seil. Der Wal ist weg, und Ricklef ein Gezeichneter. Aus purem Trotz und getrieben von einem obsessiven Groll, heuert Hark bei der Gelegenheit ab und treibt sich an der Küste herum, bis er auf Hilles und Jochens Geburtsflecken strandet. Bis zu seinem Tod bleibt er ein Fremdkörper, zuletzt wegen seiner Sprache. Er verweigert das mecklenburgische Platt und spricht stur sein heimisches Öömrang – jenes uralte Amrumer Friesisch, das für die Ostseestallhasen wie eine Kauderwelsch-Verschwörung klingt. Wenn er wütend ist, schleudert er ihnen Brocken entgegen, die niemand versteht.

„Dü sleepst bi a woch!“

Dem Überkommenen ergeben, leben Hille und Jochen in der Handlungsgegenwart getrennt. Eine namenlose Ostseeinsel liefert ihrem Eigensinn den Schauplatz. Ein narrativer Schleif bietet Anhaltspunkte zur Lokalisierung. Offenbar liegt die Insel in der Gegend von Rostock, jedenfalls in Mecklenburg-Vorpommern. Vielleicht stand Poel Modell.

Knotenpunkte der gemeinsamen Geschichte von Hille und Jochen heißen Chotkov, Gardist (Gardz/Gardec) – Ein antiker pommerscher Begriff für eine befestigte Anlage – und Wostrowe – noch aus der ersten Sprachschicht für Siedlungen, die auf Halbinseln oder Erhebungen („Ostrov“ für Insel/Halbinsel) um ein sakrales Zentrum entstanden sind. Der Inselalltag vollzieht sich in Randlagen touristischen Trubels. Die Eingesessenen vermeiden die Hauptrouten der Besucher, obwohl fast alle vom Tourismus leben, wenn auch nicht mehr so unmittelbar und hautnah wie ihre Eltern. Sie sind Töchter und Söhne von Leuten, die in ihren Häusern monatelang Festlandbewohner bewirteten. Als Wirte kultivierten sie eine Form der inneren Emigration. Auch Hille und Jochen teilen die Kindheits- und Jugenderfahrung, im Sommer das eigene Zimmer für Fremde räumen zu müssen. Man setzte sie zur Unterhaltung der Urlauber ein und degradierte die Erben des Eismeerbezwingers zu Statisten in Sandburgburlesken. Inzwischen ist ihr eigener Nachwuchs (Ryckmer und Eske) erwachsen und das kontinentale Publikum residiert in sterilen Resorts, dem muckeligen Familienanschlussbetrieb vollkommen entfremdet.

Der offizielle FDGB-Feriendienst der DDR konnte den enormen Ansturm auf die Ostseeküste als einziges großes Sehnsuchtsziel der Republik nie decken. Neben staatlichen Heimen setzte die DDR daher massiv auf die Privatvermietung. Um das dringend benötigte Nebeneinkommen oder begehrte Tauschwaren zu ergattern, praktizierten viele Küstenbewohner in den Sommermonaten die sogenannte „Aufbettung“. Für die einheimischen Kinder bedeutete dies eine alljährliche, radikale Verdrängung aus dem eigenen Alltag.

An den Gestaden des baltischen Meers denkt kaum jemand an Harpunen und Tranfunzeln. Auf der Ostsee gab es keinen nennenswerten Walfang. Dennoch liefen Walfänger auch in Rostock, Wismar und Stralsund zur Grönlandfahrt aus. Sie mussten den Skagerrak passieren und Kurs auf die Fanggebiete im Nordatlantik, rund um Spitzbergen nehmen.

Für die – in einer langen Saison massenhaft auflaufenden – Tagesbesucher ist die raue Idylle ein Freizeitpark. Sie fluten die Insel im Takt der Fähren, ausgestattet mit Fischbrötchen-Gutscheinen und E-Bikes. Sie suchen das Ursprüngliche und zertrampeln es dabei. Früher raubte die DDR-Grenzbrigade Küste den Insulanern mit Suchscheinwerfern die Nachtruhe und suchte den Strand nach Republikflüchtlingen ab. Das Meer war Sperrgebiet.

Jochen bewohnt ein Stelzenhaus im Vogelschutzgebiet. Es ist seine Trutzburg gegen die Gegenwart. Er führt das Leben eines Eremiten mit Familie.

Aus dem Unterricht

Während westliche Ausbilder standardisiertes Lehrbuchwissen vermitteln, beziehen sich ukrainische Experten auf die operative Realität der vergangenen Kampfwoche.

*

Die wahre Kunst bleibt für den Beobachter unsichtbar, weil sie nicht den Kampf zeigt, sondern dessen Unmöglichkeit. Der Kampf ist in dem Moment vorbei, in dem die gegnerische Struktur blockiert wird. Alles, was folgt, ist lediglich mechanische Ausführung.

Unter Stress ist jeder schablonisierte Ansatz zu langsam. Sind wir plötzlich einer Gefahr ausgesetzt, lässt uns der Instinkt erstarren und den Kiefer zusammenpressen. Wir bereiten uns auf eine Kollision vor. Aus biomechanischer Sicht ist das „Zubeißen“ ein Fehler. Es erzeugt einen lokalen Engpass. Die Kraft, die in einem einzelnen Gelenk oder einer Muskelgruppe eingeschlossen wird, verursacht unmittelbar Überlastung, strukturelle Verformung und Verletzungen.

Effizienz beruht auf der systemweiten Verteilung von Spannung. Der Kiefer ist ein zentrales Steuerungselement des Nervensystems. Der Trigeminusnerv verbindet den Kiefer unmittelbar mit dem Hirnstamm, der unsere Überlebensreflexe, den Muskeltonus und die Atmung reguliert. Indem wir den Kiefer in einem Zustand elastischer, fließender Spannung halten, ermöglichen wir uns subkortikale Reaktionen, die in weniger als der Hälfte der Zeit bewusster Entscheidungen ausgelöst werden. Dieser fließende Zustand verwandelt den Körper in ein kontinuierliches, miteinander verbundenes Netzwerk aus Gewebe und Flüssigkeit. Trifft eine äußere Kraft auf ein integriertes System, wird der Aufprall nicht auf einen einzelnen Punkt konzentriert. Da die Gelenke entlastet und der innere Druck ausgeglichen sind, kann sich die kinetische Energie wellenförmig im Körper ausbreiten.

Die Evolution schafft redundante Strukturen. Innerhalb dieser Strukturen gibt es Knotenpunkte, an denen Spannung, Wahrnehmung und Kontrolle zusammenlaufen. Der Kiefer ist ein solcher Knotenpunkt. Setzen wir ihn als Regulator ein, kann er das System beeinflussen. Wenn der obere Pol nicht in Kompression übergeht, sondern eine durchlässige Spannung aufrechterhält, kann sich der Druck im Rumpf kohärent organisieren. Die Muskulatur arbeitet dann nicht mehr primär als Kompressor, sondern als Verteiler. Das System stabilisiert sich vor allem durch gekoppelte Druck-Spannungs-Beziehungen.