Turning Danger into Performance - Die Hinrichtung
Der Mann vor der Tür ist ein Vorbote, der Pfadfinder für die erste Terrainerkundung. Er stellt keine irritierenden Fragen. Er fragt nach Schleswigs Befinden. Er sagt, man müsse jetzt aufpassen, dass die Debatte nicht entgleise. Schleswig nickt. Sie hat den Faden ihres Lebens verloren. Der Verlust nimmt ihr auch die Fähigkeit zum intransigenten Widerspruch. Der rabiate Querschuss war mal ihr Markenzeichen.
Der Scout sagt, dass man sie nicht fallen lassen werde.
Schleswig muss lachen. Sie nimmt sich die unkontrollierte Reaktion übel.
„Wer ist man?“, fragt sie.
„Die Leute, die noch unterscheiden können zwischen einem Fehler und einer Hinrichtung.“
‚Hinrichtung‘ ist zu groß für jeden einschlägigen Anlass und deshalb genau richtig. Schleswig spürt sofort das erzählerische Potenzial; das Wort ist der Keim einer Fabel. Das Drama einer Frau, die an der Heuchelei eines selbstgerechten Establishments zerbricht oder sich daran abarbeitet – maßgeschneidert für das kollektive Gedächtnis. Es wird ihr Leben sein, das verhandelt wird, aber umgeschrieben zu einem Stück, bei dem sie nur noch das Material liefert, während andere Regie führen
„Und was wollen Sie von mir?“
Der Mann faltet die Hände. Er habe einige Gespräche geführt, sagt er. Es gebe Interesse an einem längeren Interview, vielleicht auch an einer Veranstaltung. Man könne über die Zustände sprechen, über die Doppelmoral, über die Verengung des Meinungskorridors. Es sei wichtig, dass jemand mit ihrer Erfahrung einmal ausspreche, was viele dächten.
Schleswig sieht ihn an.
„Was viele denken?“
„Was viele nicht mehr zu sagen wagen.“
Sie kennt den Satz. Sie hat ihn oft genug gehört, meist von Leuten, die ihn mit einer Miene vortrugen, als hätten sie gerade einen gefährlichen Gedanken aus einem brennenden Haus gerettet. Dass sie selbst nun als Beweis für seine Richtigkeit dienen soll, ist beinahe komisch. Sie ist nicht verstoßen worden. Man hat sie nicht zum Schweigen gebracht. Sie wird hier und da nicht mehr eingeladen und ihre Sendung steht auf der Kippe. Das ist Berufsrisiko.
Der Emissär hat kein Interesse an solchen Differenzierungen. Er sucht eine Headline-Lieferantin. Er will die Marke ‚Marion Schleswig‘ kaufen, solange die Leiche noch warm ist, frisch vom Schafott. Meinungskorridor. Die Grenzen des Sagbaren. Gott, wie ich diese abgenutzten Metaphern hasse. Wer hat eigentlich behauptet, dass ich mundtot bin? Ich habe dreißig Jahre lang öffentlich meine Meinung gesagt und nie die Klappe gehalten. Ich kenne jede Frequenz des öffentlich-rechtlichen Betriebs. Die Verengung des Korridors beklagen doch immer nur jene, die nichts mehr zu sagen haben.
Es war der Standardsatz derer, die drinnen saßen, im Warmen, am Hebel der Definitionsmacht. Es war der Satz ihres Wir. Und jetzt soll sie die Kronzeugin für eine weinerliche Fundamentalopposition machen. Dafür würde sie sich nicht ergeben. Wenn die Freunde ihre Hinrichtung wollen, müssen sie sich schon selbst die Finger schmutzig machen.
Schleswig klammert sich an die Rhetorik ihrer Henker, um sich einzureden, dass sie noch immer dazugehört. Dass sie keine von denen ist. Sie verachtet diese Leute noch immer aus tiefster Seele. Lieber geht sie unter, als sich mit ihnen gemein zu machen. Zumal sie versprochen haben … Das sie war bis gestern ihr Wir. Wie entfremdet sie schon ihrem eigenen Wir ist. Sie blickt den Emissär an, der sie mit lauernder Geduld mustert.
„Sie verstehen das falsch“, sagt Schleswig, und ihre Stimme hatte wieder diesen metallischen Klang, den sie sich vor dreißig Jahren zugelegt hat, als ein rapportierendes Sprechen modern war. „Ich bin keine Gefallene. Ich bin eine Angestellte, deren Vertrag vielleicht nicht verlängert wird. Das ist kein Totalitarismus, das ist die Quote.“
Der Emissär lächelt schmal. Er ist erschreckend unbeeindruckt.
„Sie verteidigen die, die Sie schlachten, Frau Schleswig. Das ist nicht loyal. Das ist das Stockholm-Syndrom des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“
Die Grenzen des Sagbaren. Der Satz schmeckt wie Asche. Sie denkt an die Kollegen, die sie heute Morgen übersehen haben. Sie ist längst weit weg von ihrem Lager und ihren Gewissheiten.
„Mein Name steht nicht zum Verkauf. Weder für eine Festschrift noch für einen Nachruf.“
*
Früher konnte man die Linken von den Rechten einfach unterscheiden. Das kann man heute nicht mehr. Aktivismus wirkt uniformierend. Schleswigs Besucher könnte auf jeder Demo der besorgten Zivilgesellschaft mitlaufen, ohne als Agent Provocateur mit Maßnahmen rechnen zu müssen. Schleswig bedenkt das Phänomen der rhetorischen und ästhetischen Hufeisen-Konvergenz. Beide Seiten nutzen dieselben Vokabeln, denselben Habitus und dieselbe Ästhetik. Beide inszenieren sich als „Unterdrückte“, beide beklagen den „Meinungskorridor“, beide nutzen das Narrativ vom „Widerstand“ gegen ein „selbstgerechtes Establishment“.
Schleswigs Besucher ist die personifizierte Schnittmenge. Er trägt den unauffälligen, gut bürgerlichen Funktions- oder Business-Casual-Look, nutzt therapeutische Sprache und tarnt seine Absichten als Fürsorge.
Er lässt ihr Zeit und umschifft alle Klippen. Er macht das nicht zum ersten Mal. Schleswig erahnt seinen Erfahrungsvorsprung. Seine Zuversicht ist ein Menetekel.
Endlich fragt sie: „Und wenn ich nichts zu sagen habe?“
„Dann“, sagt er, „wird man Ihnen sehr schnell wieder etwas zu sagen verbieten.“
Es ist der erste ehrliche Satz des Abends.
Aus dem Unterricht
Wenn das Nervensystem eine Bedrohung wahrnimmt, reagiert es mit einer neuromuskulären Schutzspannung. Diese neurologische Blockade lässt sich durch reine Willenskraft oder statisches Dehnen nicht lösen, da das Gehirn starr am Schutzmodus festhält. Indem du jedoch bewusst eine mechanische Wellenbewegung (Undulation) einleitest, zwingst du die Muskulatur über das Prinzip der reziproken Hemmung in einen ständigen Wechsel aus An- und Entspannung. Diese fließende Bewegung sendet über die dichten Mechanorezeptoren der Faszien und Gelenke ein massives Signal von Sicherheit („Flow“) an das Gehirn, welches die langsameren evolutionären Warnsignale („Blow“) im Rückenmark blockiert. Durch dieses bewusste Vorschießen („Fake it till you make it“) nutzt du die Neuroplastizität deines Gehirns. Du simulierst einen sicheren Zustand so lange, bis neue neuronale Bahnen angelegt sind. Erkennt das Nervensystem die Schmerzfreiheit und Energieeffizienz der Bewegung, übergibt das Großhirn die Kontrolle an tiefere, autonome Netzwerke im Rückenmark, die sogenannten zentralen Mustergeneratoren. Die Bewegung wird intrinsisch, läuft von selbst ab und die schmerzhafte Schutzspannung schmilzt nachhaltig dahin.