Zu den Bildern. Seit ein paar Wochen beschäftigen mich erotische Seitenwege meines Lebens. Hinter dem Prospekt der großen Lieben tauchen erstaunlich lebhafte Erinnerungen auf, die Jahrzehnte außerhalb meiner Bewusstseinsreichweite lagen. Dazu gehört die Baggerlocherotik meiner frühen Jugend. Sie verbindet sich nicht nur mit Madeleine. Allerdings war Madeleine draufgängerischer als alle. Es war ihre Idee, im März nackt baden zu gehen. Die Sonne war ein Kaltstrahler. Madeleine zog sich aus und sprang ins Wasser, während ich nicht nur vor der Kälte zurückschreckte. Der Wind war ein verspäteter Bote des vergangenen Winters. Auf unserem Annäherungsparcours war das Baggerloch in den Fuldaauen die fünfte Station. Wir sagten zwar Baggerloch, dachten aber Bombentrichter. Weil Kassel so viel abbekommen hatte. Es war trotzdem nur ein zugelaufenes Baggerloch.
Madeleines ungezügeltes Temperament und ihre Schamfreiheit waren mir geläufig, wenn auch nicht geheuer. Im Raum der Schülerselbstverwaltung hatte sie mir schon ihren Busengezeigt. Es begann mit der Frage: „Wie findest du meinen BH?" Zu diesem Zeitpunkt war sie noch mit Heinrich zusammen. Sie besprach seine Liebhaberqualitäten im Freundeskreis, als ginge es um Heinrichs begrenzte, aber nicht unbeachtliche Musikalität. Wir waren zusammen im Pornokino, weil Madeleine es so wollte. Zu viert, zwei Zaungäste, namentlich Britta und ich, und Madeleine noch mit Heinrich. Siebejubelte die außerordentlichen Geschlechtsteile der männlichen Darsteller und störte sich an keiner Szene. Nebenbei holte sie Heinrich einen runter, der das so hinnahm, als gehörte es zu den Oberstufen-Selbstverständlichkeiten. Hat man erst mal die Mittelstufe hinter sich, widerfährt einem das laut Stundenplandrei in der Woche, von mir aus auch vier Mal am Tag. Was ich sagen will, die grotesken Hypertrophien auf der Leinwand wirkten sich nicht verzerrend auf das handfeste Liebesspiel aus. Britta wandte sich mir zu, wir bewegten uns schon zwei Jahre an einer Grenze. Wir hatten geschwisterlich im Ehebett meiner Elternübernachtet und auch sonst schon viel Nähe erlebt. Man nannte das platonisch. Uns verband eine platonische Freundschaft, weil Britta in ihren ernsthaften Verhältnissen viel zu engagiert war, um sich auch noch mit mir körperlich abzugeben. Siebeschwerte sich über die Achtlosigkeit der anderen, aber das bedeutete nichts. Traf sie K. (oder P. oder R.) schlang sie ihm die Arme um den Hals und ließ den Eindruck entstehen, sie habe ihn schmerzlich vermisst. Am nächsten Tag bedachte sie die Begegnung wieder mit einer missmutigen Bemerkung. Ich glaube nicht, dass sich Britta in dem Pornokino herausgefordert fühlte. Zum ersten Malküssten wir uns ‚auf Zunge'. Ich nahm die Gelegenheit wahr, die leibliche Lustlandschaft zu erkunden, während Madeleine einen Schenkel gegen meinen presste. Das war schon sehr schön, wenn auch von Nervosität und Unsicherheit aufgefräst. Wie näherten uns gemeinsam dem Stadium, in dem die körperliche Liebe so verfügbar sein würde, wie die Freuden in der Stammkneipe. Es gab noch an allen Ecken Pilsstuben. Zweifellos waren wir vier nach dem Kinobesuch noch im „Bermudadreieck" an der Goethestraße/Ecke Querallee. Da lagen drei Kneipennebeneinander: Die „Fiedel", das „Klöndorf" und das „Knösel".
Madeleine war eine Johanna Dampf in allen Gassen, getrieben von einer großen Freude an Entdeckungen. Sie war die unerschrockene Tochter quietschfideler Eltern. Da war dann noch ein verregneter Sommernachmittag im Freibad am Auedamm. Madeleine, ihre Freundin Dorothea, beide Nachfahrinnen von Hugenotten, gingen gemeinschaftlich vor. Die Ansiedlungsgeschichte der Hugenotten in Kassel und Nordhessen gehört zu den faszinierendsten Kapiteln der Stadtgeschichte. Sie ist eine migrantische Erfolgsgeschichte. Landgraf Carl von Hessen-Kassel nahm im April 1685 mit seiner „Freiheitskonzession" eine europäische Vorreiterrolle ein, indem er den französischen Glaubensflüchtlingen weitgehende Privilegien, Steuerfreiheiten und eigene Gerichtsbarkeit zusicherte – und das sogar noch vor dem Potsdamer Edikt in Brandenburg. Insgesamt strömten rund 4.000 Réfugiés nach Hessen-Kassel.
Sie mussten Frankreich aufgrund des Edikts von Fontainebleau verlassen, das Ludwig XIV. am 18. Oktober 1685 erließ. Mit diesem Verdikt hob der Sonnenkönig das Edikt von Nantes auf, das den Protestanten knapp 90 Jahre zuvor Religionsfreiheit und Bürgerrechte garantiert hatte.
Landgraf Carl hatte eine visionäre Idee. Er wollte die hochqualifizierten französischen Flüchtlinge nicht einfach in der bestehenden, engen Altstadt unterbringen, sondern gründete für sie 1688 einen völlig eigenen, modernen Stadtteil außerhalb der alten Festungsmauern: die Oberneustadt – Ville Neuve. Der hugenottische Baumeister Paul du Ry plante das Quartier als barocke Reißbrettstadt mit eleganten Sichtachsen und großzügigen Plätzen. Sein Enkel, Simon Louis du Ry, entwarf den monumentalen Friedrichsplatz, den kreisrunden Königsplatz und war maßgeblich am Bau von Schloss Wilhelmshöhe beteiligt.
Die Hugenotten brachten Know-how mit, das es in Nordhessen bis dahin kaum gab. Sie bauten Manufakturen auf und machten Kassel zu einem Zentrum für Luxus- und Textilwaren. Bis weit ins 18. Jahrhundert blieb Französisch die Hauptsprache in der Oberneustadt. Es gab ein eigenes französisches Obergericht, ein französisches Konsistorium und die Französisch-Reformierte Gemeinde, deren barocke Karlskirche noch heute am Karlsplatz steht. Erst in der dritten Generation (ca. 1760–1780) gingen die Familien sprachlich ganz im Deutschen auf, behielten aber ihren bildungsbürgerlichen Stolz und ihre protestantische Arbeitsethik.
Das Freibad am Auedamm war verwaist. Zwei, drei unentwegte Nussknacker zogen ihre Bahnen. Das Personal hatte sich in seinen Aufenthaltsraum zurückgezogen. Die Pommesbude war gar nicht erst in Betrieb genommen worden. Die meisten Kasseler Wasserfreunde tummelten sich auf der Fulda oder in der Waldauer Wildnis jenseits des Flusses. Da war eine Klappe im Unterholz, war FFK und Versehrtensport. Da lag unser Baggerloch. Das schöne Schwimmbad wirkte wie ausgespart und in die Ecke gestellt. Wir schwammen im Trainingsmodus. Madeleine und Dorothea waren Vereinsschwimmerinnen und Handballspielerinnen. Sie nannten sich gegenseitig ‚Keule'. In der Retrospektive sehe ich viele Umkleidegelegenheiten; labyrinthische Reviere der Einzelkabinen, Sammelumkleiden und Duschräume. Es gab aber auch zwei Betonwaben, die von Schwimmvereinen als kombinierte Umkleide- und Duschräume genutzt worden. Da konnte man seine Sachen nicht wegschließen. Die Waben wurden von den Trainern dichtgemacht und dann eben auch wieder aufgeschlossen. Ungenutzt blieben sie unabgeschlossen. Es gehörte zu den geringgeschätzten Freiheiten meiner Jugend, an wenigstens drei Stellen im Auedammbad duschen zu können. Ich neigte zu stundenlangem Heißduschen. Wie auch immer, an diesem Tag hatten wir uns für so eine Wabe entschieden. Beim Umziehen vor dem Schwimmen waren wir noch halbwegs diskret vorgegangen. Aber danach streiften die Frauen (es widerstrebt mir Mädchen zu schreiben) ihre Wettkampfbadeanzügen ab. Von mir erwarteten sie unverhohlen neugierig, dass ich vor ihren Augen die Hose herunterließ.
Es roch nach Schimmel und Chlor. Vor mir standen zwei majestätische Geschöpfe mit Gänsehaut. Wir umarmten uns im Dampf der auf- und heißgedrehten Brausen. Viel mehr passierte nicht. Das lag nicht an Madeleine und Dorothea.
Die letzten Striche der Vorzeichnung – Madeleine besuchte mich in meinem Elternhaus und wunderte sich über die vielen „Kinderbücher" in meinem Regal. Darunter verstand sie Märchen und Abenteuerromane. Heute weiß ich, dass ihre Erwartungen weitergespannt waren als meine Möglichkeiten, sie einzulösen. Ich war eine Enttäuschung an diesem Nachmittag. Nebenbei, niemand hätte uns gestört. Meine Mutter signalisierte grünes Licht. Madeleine lag auf meinem Bett, bereit für die finale Stufe. Sie ging enttäuscht. Meine Mutter war da, voller Verständnis, sie hätte uns gewähren lassen, niemand hätte gestört.
Noch am selben Abend besuchte Madeleine Heinrich. Sie machte kein Geheimnis daraus. Es war für sie nur eine Randnotiz. Heinrich war in seinen Grenzen verlässlich. Ich hatte das im Kino beobachtet. Zwei, drei vorbereitende Bewegungen und er war bereit. So souverän wie ein Pornokönig. Und wenn er es sich einfach nur gefallen lassen sollte, dann war es auch gut. Er konnte sich zurücklehnen. Ich habe ihn vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal gesehen. Er war immer noch begriffsstutzig auf eine listige Weise.
Er hat immer schon nebenbei Geschäfte gemacht und sich nie eine Gelegenheit entgehen lassen. Dabei sich kein Bein ausgerissen.
Ich blieb nominiert. Die Welt entließ ihn nicht aus ihren Verheißungen. Der Kreis schloss sich schließlich im Vollzug am Ufer der abgesoffenen Kiesgrube.
Mehr zu Alisa Vogelsangs merkwürdig medienkritischen Debütroman „Die Systemadministratoren der Moral"
Der Soziologe Rachid Amirou berichtet, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Ansturms erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonisten schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.
Geben sich die alten weißen Frauen und Männer für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Ist das Kolonialismus im Mutterland?
Alisa Vogelsangs Romandebüt spielt im zweiten Jahr der Corona-Pandemie und er erinnert an die damals aktuellen Verwerfungen und ihre Vorzeichnungen im Spektrum des Cordon Sanitaire. Übrigens war Marcel Prousts Vater ein Spezialist für diese Art der Abschottung. Adrien Achille Proust (1834–1903) stand schon mit knapp dreißig der Pariser Charité vor. Der Epidemiologe avancierte zum General des französischen Gesundheitswesens mit ungeheuren Verdiensten. Bei seinem Sohn diagnostizierte er Neurasthenie. Er vermutete in dem Leiden eine Folge mütterlicher Fürsorgeexzesse.
Adrien Proust war ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Sohnes Marcel, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wurde. Der alte Proust fand in der Hygiene einen Zivilisationsschlüssel. Seine titanische Natur versicherte Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vortastete. Außerdem verfasste der Supersenior ein Standardwerk zur Behandlung von Neurasthenikern. Seine Frau hielt an ihrer (das Kind überthronenden) Praxis fest. Sie war für Marcel, was Adrien Proust für Frankreich war. Im Weiteren variierte A.P. Hermann Kafka als hypertüchtigen Vater eines ‚genialen Schwächlings'.
Das Habsburger Reich erwehrte sich der Pest erfolgreich mit einer Befestigung seiner Außengrenzen: einer Sperrzone von Kroatien bis Moldawien. Das Osmanische Reich stellte es mit militärischen Mitteln unter Quarantäne.
„Auf der türkischen Seite des Balkans wütetet die Pest noch bis 1840, auf der österreichischen ward sie nie mehr gesehen." Das erzählt der Archäologe Ian Morris unter der Überschrift „Covid 19 - Antworten aus der Vergangenheit". Übrigens verdanke ich Morris noch andere interessante Definitionen. Ich beschränke mich auf eine: „Jede Gesellschaft hat die Moral der Energie, die sie verwendet." Karl Heinz Götze bemerkt in seinem im „Merkur" erschienenen Aufsatz „Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung": „Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit ... Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 ... Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen."
Noch zählt Vogelsangs Heldin Marion Schleswig zu jenen Hauptstadt-Influencerinnen, um die sich die Alphariege der politischen Ansager bemühen. Das ist der entscheidende Wendepunkt – wenn die Biografie kippt. Das süße Gift der Anerkennung gibt es nur noch in zu geringen Dosen. Brauchbares Interesse zeigt immerhin der ansehnliche Vize-Fraktionsvorsitzende des ‚Bündnisses Lila Wagenfurth' Achmed Seiler. Er sieht aus wie gecastet. Schleswig trifft ihn auf den Allgemeinplätzen der Medien- & Macht-Branchen. Axel macht der Versprengten Avancen. Sie lädt ihn in ihr Büro ein, offeriert ihm Whiskey und gibt so etwas preis. Früher hätte man von Gewohnheit gesprochen. Heute heißt es überall nur noch Sucht.
Vogelsang skizziert die Grenzen des prominent Sagbaren auf allen gesellschaftlichen Feldern: unter den Vorzeichen eines überall angekommenen und überall abgenudelten Aktivismus. Schleswig taugt zum Bauernopfer und zur Hashtag-Prügelperson. Vor ihr tut sich gerade die Erde auf. Vom Gipfelpunkt eines muckeligen Maulwurfhügels starrt sie in eine Schlucht, die gestern noch nicht da war. Erstaunlich viele Leute erkennen Schleswigs Lage und ziehen ihre Schlüsse. Ein Rechtsausleger macht der Strauchelnden ein unmoralisches Angebot, nicht anders als Seiler. Schleswig kann nur dann noch etwas darstellen, wenn sie nach rechts geht. Dann wird sie zwar links geächtet, aber was ist der Knackpunkt? Ein geächtetes Nichts im vertrauten Salon ist auch nicht besser als eine dekorierte Trophäe im fremden Lager.
Es wird psychologisch interessant in der Berliner Funksphäre. Vogelsang referiert die Stadien der sozialen Vernichtung einer Person innerhalb eines Milieus, dessen moralische Überheblichkeit keinen Zweifel erlaubt. Zugleich schildert sie die politische Verwertbarkeit einer sozialen Vernichtung. Was dem einen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall. Schleswig verliert ihren Status. Die liberale Mitte, die sie gestern noch hofiert hat, entzieht ihr die Anerkennung; die Rechte erkennt in diesem Entzug eine Gelegenheit. Sie bietet Schleswig eine neue Rolle an, allerdings keine Rettung. Sie soll die Ausgestoßene spielen, die Märtyrerin. Ihre persönliche Krise als politischer Rohstoff.
Das ist eine vermutlich von vielen Kollegen überlesene Romanpointe. Die Ächtung verliert ihre abschreckende Wirkung, wenn das Milieu, das sie ausspricht, der Geächteten nichts mehr zu bieten hat. Der Aktivismus liefert auf beiden Seiten das soziale Betriebssystem. Er ist überall angekommen und deshalb abgenudelt. Das Ganze ist immer das Falsche. Er produziert weiterhin Ausschlüsse, wenn auch mit nachlassender Dynamik.
Es geht nicht mehr darum, was jemand tut oder denkt, sondern darum, ob die Person legitimiert ist. Schleswig wird intern degradiert und öffentlich ausgestoßen, indem selbstermächtigte Systemadministratoren ihre Tüchtigkeit im Dschungel der Aushandlungen testen. Die Ächtung ist eine Selbstvergewisserung. Man zeigt, dass man die richtigen Grenzen zieht und dazu jederzeit die Mittel hat. Whatever it takes. Dass gestern noch dieselben Leute mit Schleswig kungelten, die sie heute ablehnen, macht die Mechanik umso sichtbarer. Was im alten Lager als Makel gilt, kann im neuen eine Auszeichnung sein. Die politische Bedeutung der Person bleibt fremdbestimmt; lediglich die Verwerter wechseln.
Vogelsang geht es nicht nur darum, zu zeigen, wie Schleswig – auf einem sozialen Recyclinghof – auf der rechten Seite wieder flott gemacht wird. Schleswigs Verlust der gesellschaftlichen Anerkennung gestattet eine Innenansicht, mit der nicht unbedingt zu rechnen war. Der erstaunte Leser erkennt: Sie hat gar keine Überzeugungen. Folglich kann sich auch nicht vom Glauben abfallen. Allein eine opportunistische Witterung hält sie auf Kurs. Die einzige Frage von Bedeutung lautet: Wenn ich für euch nichts mehr bin, für wen kann ich dann noch etwas sein?
Wer ins Rutschen gerät, sucht Halt und findet ihn meistens da, wo die Handläufe aus Prinzip etwas gröber geschnitzt sind. Schleswig steht am falschen Rand des politischen Grabens. Hinter ihr liegt das gut gelaunte, daueraktivierte Mittelfeld, das sie lange als Angry Female Voice of Berlin hofierte. Vogelsang erzählt keinen Gesinnungswandel. Da war schon vorher wenig Überzeugung und viel Gewohnheit und eben auch Suff, Kumpanei und Mückenstich. Sie beschreibt eine Flucht nach vorn, bei der die Ideologie nur das Vehikel ist, um dem Nichts zu entkommen.
Ich frage mich, warum zieht sich Schleswig nicht nach Ahrenshoop zurück. Ich stelle die Frage Madeleine, die natürlich nicht da ist. Jahrzehnte kam sie in meinen Gedankenspielen nicht vor. Jetzt sitzt sie auf der anderen Tischseite im Ahrenshooper Refugium, so nah dem Bodden. Ich sehe an ihr vorbei aus dem Fenster flämische Malerei. Ich assoziiere DDR-Maritim, obwohl nichts Architektonisches in meinem Blickfeld die Spuren der realsozialistischen Vergangenheit trägt. Madeleine antwortet: „Weil Ahrenshoop für diese Leute der kreative und soziale Tod wäre."
Ein Rückzug an die Ostsee setzt voraus, dass man mit sich selbst im Reinen ist – oder zumindest die Stille ertragen kann. Für eine Schleswig, die ihre gesamte Existenz und ihren Selbstwert aus der permanenten Spiegelung im Berliner Machtgefüge zieht, ist die Provinz kein Zufluchtsort, sondern ein dröhnendes Vakuum.
Aus dem Unterricht
Die Schutzspannung ist ein Saboteur effizienter Bewegung. Sie saugt Energie ab, blockiert Gelenke und demobilisiert den Körper.
Die laterale Welle als fundamentales Prinzip menschlicher Bewegung
Menschliche Bewegung lässt sich als ein Zusammenspiel segmentaler Kräfte entlang der Wirbelsäule verstehen. In der Horizontalen wird dabei das wellenförmige Bewegungsmuster besonders einfach zum Erlebnis. Muskelgruppen werden zeitlich versetzt aktiviert und erzeugen so eine kontinuierliche Welle der Lateralflexion.
Die Welle entsteht in einem koordinierten Prozess entlang einer myofaszialen Kette. Muskeln erzeugen lokale Kontraktionen, während Sehnen und Faszien elastische Energie speichern und zeitlich verzögert wieder freisetzen. Auf diese Weise entsteht ein kontinuierlicher Bewegungsfluss, bei dem Bewegung nicht aus voneinander getrennten Einzelaktionen besteht, sondern aus einer fortlaufenden Übertragung von Spannung.
Innerhalb dieses Modells fungieren Gelenke als modulare Kopplungspunkte. Sie ermöglichen Richtungsänderungen, Stabilität und segmentale Beweglichkeit, ohne den Bewegungsfluss der Gesamtstruktur zu unterbrechen. Bänder begrenzen übermäßige Bewegungsfreiheit und gewährleisten eine passive Stabilisierung. Die Welle der Lateralflexion ist ein emergentes Ergebnis der koordinierten Organisation des Körpers.
Die Organisation von Kraft
Die vertikale Dimension bestimmt die ständige Auseinandersetzung mit der Schwerkraft, wobei Kräfte in Wechselwirkung mit der Gravitation organisiert werden. Entlang der Skelettstruktur entstehen stabile Druck- und Zugachsen. Diese axialen Linien repräsentieren eine dynamische Form der Lastverteilung, die das System als stabilisierendes Fundament inkorporiert hat.
Unter Belastung reagiert der Körper mit einer erhöhten Gesamtspannung. Die schützende Spannung stabilisiert die Struktur kurzfristig, reduziert jedoch die segmentale Koordination. Beweglichkeit und Differenzierungsfähigkeit zwischen einzelnen Segmenten nehmen ab, wenn der Körper in ein starres System übergeht. Entscheidend ist daher, auch in der vertikalen Dimension differenzierte Kraftübertragungswege offen zu halten.
Plyometrie
Ein zentrales Prinzip effizienter Bewegung ist die Nutzung elastischer Rückstellkräfte. Muskeln, Sehnen und Faszien können nicht nur Energie erzeugen, sondern auch speichern. Während der exzentrischen Phase einer Bewegung wird elastische Spannung aufgebaut, die anschließend in konzentrische Arbeit überführt wird.
Auf neuromuskulärer Ebene ist dieser Prozess eng mit Reflexmechanismen verbunden, insbesondere mit Dehnungsreflexen und einer verstärkten Rekrutierung schnell kontrahierender Muskelfasern.
Die evolutionäre Architektur des Körpers
Die Entwicklung der Wirbeltierbewegung begann in der Horizontalen. Frühe Lebensformen nutzten laterale Wellenbewegungen zur Fortbewegung im Wasser. In diesem Zusammenhang entstanden bereits Kopplungsmechanismen zwischen Muskeln, Sehnen und Skelettstrukturen. Diese Systeme sind auf eine effiziente Energieübertragung ausgelegt und funktionieren als integrierte Spannungseinheiten.
Mit dem Übergang zum Landleben verlagerte sich der Schwerpunkt von der flüssigkeitsgestützten Fortbewegung hin zur stabilen Lastaufnahme. Die bereits vorhandene segmentale Architektur wurde funktionell neu interpretiert. Gelenke, die ursprünglich auf Beweglichkeit in einer horizontalen Umgebung ausgerichtet waren, übernahmen unter axialer Belastung zunehmend tragende Funktionen.
Die Vertikalisierung entwickelte sich somit durch die funktionelle Umnutzung ursprünglicher Strukturen unter veränderten physikalischen Bedingungen.
Effiziente Bewegung entsteht, sobald Stabilität und Bewegungsfluss gleichzeitig möglich sind. Ein zentrales Element dieser Integration ist die kontrollierte Rumpfspannung. Core Bracing beschreibt ein dynamisches Gleichgewicht zwischen innerem Druck und elastischer Nachgiebigkeit. Das Zusammenspiel von Zwerchfell, Beckenboden, tiefer Bauchmuskulatur und spinalen Strukturen erzeugt einen stabilisierten inneren Raum, der die Kraftübertragung zwischen Ober- und Unterkörper ermöglicht. In diesem Zustand bleibt die Wirbelsäule funktionell beweglich und stellt gleichzeitig eine stabile Achse für die Kraftübertragung bereit.