Für Adorno war Auschwitz kein Betriebsunfall der Moderne, sondern ihr immanentes Produkt.
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Die Zivilisation erzeugt jene gesellschaftlichen Bedingungen, die Barbarei ermöglichen.
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Das Labyrinth ist deshalb so grausam, weil es die Hoffnung auf Erlösung bis zur letzten Seite am Leben erhält.
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Adorno beschrieb die Shoah nicht als Zivilisationsbruch. Seine Diagnose war pessimistischer. Für ihn war Auschwitz kein Betriebsunfall der Moderne, sondern ihr immanentes Produkt. Gemeinsam mit Max Horkheimer legte er in der „Dialektik der Aufklärung“ dar, dass die Zivilisation selbst jene regressiven Kräfte erzeugten, die im Holocaust mündeten. Der Prozess der Aufklärung, der den Menschen befreien sollte, schlug im Zwang zur Naturbeherrschung in eine neue Mythologie um. Vernunft wurde zur instrumentellen Vernunft verengt – zum Werkzeug der Zweckmäßigkeit, Effizienz und Beherrschung, das die menschliche Subjektivität auslöscht. Die fabrikmäßige Vernichtung von Millionen Menschen in den Konzentrationslagern war demnach die radikalste und pervertierteste Form dieser bürokratischen, technisierten Zweckrationalität.
Aus dieser totalen Krise der bürgerlichen Gesellschaft leitete Adorno in seinem Essay „Erziehung nach Auschwitz“ die einzig verbleibende, kategorische Forderung ab: „Dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Da die Zivilisation versagt hat, ihre eigenen destruktiven Tendenzen zu bändigen, muss Erziehung die blinde Anpassung und das „Autoritäre“ im Charakter des Einzelnen durchbrechen, um die Entstehung von Tätern im Keim zu ersticken.
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Wenn Kafka sich nicht über den Vater hinwegsetzt, dann vielleicht geleitet von einem historischen Instinkt. Die vitalen Gründerväter hatten die Strecke von der Peripherie ins Zentrum der bürgerlichen Ordnung in Rekordzeit zurückgelegt. In Kafka wird die Emanzipationsenergie des Vaters Literatur. Im „Prozess“ fügen sich Treppen, Dachböden und Hinterhöfe nicht mehr zu einer stabilen Stadtkarte zusammen. Josef K. durchmisst Räume, die wie in einem kubistischen Gemälde verzerrt und verschachtelt sind. Jede Tür führt nur zur nächsten Schwelle. Das Gericht sitzt in anonymen Dachkammern und Wohnungen; die bürokratische Ordnung wird absolut. Was bei Meyrink noch Topographie war – die Frage nach dem Wo –, wird bei Kafka zur reinen Topologie, die nach den unbarmherzigen Beziehungen von Einlass und Ausschluss fragt. Kafka nutzt die bürgerliche Mäßigung und Sachlichkeit des Prager Amtsdeutschs, um das geometrische Gefüge der Angst freizulegen. Prag wird in seiner Prosa zu einem mitunter unsichtbaren Resonanzraum.
Liebe Musenzeit, ich habe mich schon so daran gewöhnt, nur noch zu meinem Vergnügen zu schreiben, dass ich mich umstellen müsste, würde ich das wieder professionell machen. Aber einen Reiz verspüre ich schon. Es fällt mir so leicht. Ich sprühe so einfach. Gedanklich bin ich gerade in den Auen meiner Kindheit und Jugend und will da noch bleiben. Baden im Baggerloch und es ist März. Diese Stelle ist absolut authentisch: Die vollgelaufenen Löcher waren Hinterlassenschaften des Kiesabbaus. Direkt an der Fulda lag eine Versehrtensportanlage. Der Anblick abgeschnallter Prothesen. Entstellte Männer, die mit nussknackerischem Wackeldackelmut Leibesübungen exorzierten. Sie waren im Schneid geblieben. Waren schneidiger als die Davongekommenen bei ihrer Amputationsolympiade. Der Triumph des Willens über die Invalidität. --- Ich erinnere die buchstäbliche Unverfrorenheit meiner Freundin Annabelle, die sich – als Bürgerstochter – über die Schamgrenzen des Proletariats einfach hinwegsetzte und nackt in dem arschkalten Wasser ein Vollbad nahm. Die Spanner störten sie nicht. Ich erinnere Annabelles gnädigen Spott. Sie entstammte einer Hugenottenfamilie, das habe ich noch gar nicht erzählt. 1685 machte Ludwig XIV. Schluss mit dem protestantischen Unfug in Frankreich. Er schuf die reformierte Kirche ab und kurbelte so die Wirtschaft in den Nachbarländern an. Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1654 – 1730) gewährte den Hugenotten Siedlungsfreiheit. Die Flüchtlinge bauten sich unter ihm zu Kassel die Oberneustadt. Sie revanchierten sich, indem sie in der Residenz den Merkantilismus modellhaft auf die Spitze trieben. Das wollte ich jetzt gar nicht erzählen.
Milan Kundera liest Kafka im Schatten der totalitären Erfahrung des schwarzen 20. Jahrhunderts – und gibt Prag seinen Namen zurück. Er nimmt Kafkas existenzielle Labyrinthe und verortet sie historisch. In „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ verbindet Kundera die Absurdität der bürokratischen Macht direkt mit der Topographie der Stadt. Die Episode um den Kommunisten Clementis, der aus einem historischen Foto wegretuschiert wird, während seine Mütze auf Gottwalds Kopf verbleibt, inszeniert Kundera auf dem Altstädter Ring, an dem Kafka einst zur Schule ging. Hier schließt sich ein Kreis urbaner Archäologie, während sich die Funktion der Stadt ein letztes Mal verschiebt. Bei Meyrink bewahrt das Haus im Geheimen das, was der Mensch vergessen hat. Bei Kafka verhindert das Gebäude als bürokratisches Monstrum, dass der Mensch jemals Zugang zur Wahrheit findet. Bei Kundera schließlich wird das bürgerliche Prag – die Stadt der europäischen Mäßigung, der Kaffeehauskultur und der rationalen Moderne – zum umkämpften Speicher einer bedrohten Zivilisation. Prag bewahrt das Gedächtnis einer Nation gegen die Maschinerie einer totalitären Macht, die Geschichte systematisch löschen und überschreiben will. So wird das Prager Labyrinth im Verlauf eines Jahrhunderts von einer mystischen Innenwelt zur existenziellen Falle – und endet bei Kundera als bürgerliche Bastion gegen das Vergessen.
Es geht bei alldem um den Unterschied zwischen bürgerlich und feudal. Ich habe Prag als literarischen Ort vor allem als eine Bastion des Bürgerlichen wahrgenommen. So wie Frankfurt und anders als Berlin. Der Städte Geist - Prag war ein Labor der bezähmten Moderne. Der Kubismus schuf sich eine eigene Spielart, während der Futurismus in Italien den Faschismus vorbereitete. Das sind die Qualitäten, die sich retrospektiv offenbaren. Kein Zeitgenosse genießt solch eine Aussicht auf seine Gegenwart. So wie Westdeutschland als Boomerparadies in der Berliner Republik kümmerlich erscheint, obwohl es ein Hochofen des Kalten Krieges war.
Zum Abschluss meiner Kafka-Reihe frage ich: Kann Kafka uns zum Lachen bringen? Kafka zeichnet das Bild einer Wirklichkeit, in der Menschen sich in undurchschaubaren Ordnungen bewegen und bewertet werden, ohne die Maßstäbe zu kennen. Kafka lachte über die von ihm kartografierten seelisch-alpinen Eng- und Hochpässe. Max Brod erinnert, dass Kafka beim Vorlesen des ersten Kapitels von „Der Prozess“ so sehr lachen musste, dass er zeitweise nicht weiter vortragen konnte. In einem Brief an Felice Bauer schrieb Kafka: „Ich kann auch lachen, zweifle nicht daran, ich bin sogar als großer Lacher bekannt.“ Die Nachkriegsrezeption neigt zu Verdüsterungen des Autors und seines Werks. Das Komische an Gregor Samsa besteht aber darin, dass er auf eine ungeheuerliche Verwandlung wie auf alltägliche Beschwerlichkeiten reagiert. Wir dürfen über die groteske Diskrepanz lachen, tun es aber nicht. In der Kafka-Kirche wird nicht gelacht. Adornos Interpretation hebt die Unverständlichkeit moderner Herrschaft hervor. Sie ignoriert die komische Dimension. Adornos berühmtester Satz über Kafka lautet: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“ Metaphorisch gesprochen antwortet Kafka auf das Diktum in einem Brief an Oskar Pollak 1904: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“