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2026-10-21 12:06:08, Jamal

Turning Danger into Performance – Nordhessische Fiktionen

Im April 1986 befahl Ronald Reagan die Operation El Dorado Canyon. Seine Luftwaffe bombardierte Libyen. Eine Serie restlichtverstärkter Bilder ersetzte den Zuschauern die Realität und schuf ein neues Design der Wüstenkriegsberichterstattung. Es folgte das nukleare Menetekel von Tschernobyl. 

Oben glänzt der Apfel, unten fault er. Alisa und ich essen im „Klosterkeller“ von Maulbronn. Bein an Bein, der genitale Puls dirigiert die Empfindungen. Da ist eine heimliche Gelassenheit, da man weiß, wie gut man dem anderen tut mit schierem Sein. Das Glück, zu wissen, man passt dem anderen wie angegossen. Das Kloster steht in einer Weinberggegend. Er gehört zu den Marken meiner Kindheitslandschaft. Besuchten wir (das herkunftsfamiliäre Wir) im März die Großeltern, kamen wir aus der Kasseler Kälte in den badischen Frühling. Zwar steht Maulbronn auf der Württemberger Seite, doch liegt da etwas Badisches in der Luft. Vielleicht rührte die Empfindung nur daher, dass meine Oma Pforzheimerin war. Bis zu meiner Einschulung war ich ein Kind meiner Großeltern gewesen. Ich blieb das mit einem trotzigen Vorbehalt auch noch, nachdem man mich zu den Eltern nach Kassel gesteckt hatte. Das waren junge Leute, halb noch in der Ausbildung, angeweht vom gesellschaftlichen Aufbruch; jedenfalls deutlich lässiger als ich.

Wir campierten mehr als wir wohnten auf mit Folie bespannten Apfelsinenkisten.

*

Es regnet so, dass man im Regen ertrinken kann. Ich kann jederzeit eine Zeitreise zum Baggerloch meiner sexuellen Initiation machen, es genießen und dann erfrischt in die Realität eines angenehm aufgeräumten Lebens zurückkehren.

Meine Gewissheiten haben die Kraft des Geschehens. Die Kiesstrände meiner Jugend und das Flüsterglück und Bauchgrummeln vor einem dramatisch aufgerissenen Himmel. Die Unbedarftheit teilen wie ein Baguette. In der Hitze körperlicher Nähe scheu werden. Ein Zusammenstoß der Zehen wiegt schwerer als eine Umarmung in der Ausgelassenheit des Vielleicht. Das Vielleicht ist weggeräumt und heißt jetzt Verlegenheit. Die Anziehungskraft gestattet dem Abstand nicht das Mindeste. Die Luft brennt. Jetzt braucht man keine Erfüllung wie sonst so oft zur Bestätigung eines Irrtums, der einen erst später bekümmern soll. Du eröffnest das Fingerspiel. In der Geborgenheit des Abendrots dürfen wr uns so sicher fühlen wie niemals zuvor.

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Liebe M., ich habe in meinen inneren Registern dem Nordhessischen stets den Vorzug für dem Südwestdeutschen gegeben. Jetzt überlagert die liebliche Landschaft meiner wahren Herkunft und Abstammung – im Gegensatz zu den schroffen nordhessischen Fiktionen – fast alle Erinnerungen an meine Kasseler Kindheit. im Alter werde ich (wieder) zum Sohn meiner Großeltern und das Schwäbische und Badische setzt sich durch.

…

Ich habe schon einen Spaziergang am Bodden hinter mir. Man sieht da nur zufriedene Gesichter. Wem das Alter hier zeigt, was eine Harke ist, der weiß um sein Glück. Ich meine, Spielarten des stillen Selbstgesprächs auf meinen Kurzausflügen zu beobachten. Die Kraft der Tagträume – meine Oma erzählte davon. Ich sah sie manchmal selig lächelnd; was sie sich da wohl erzählt haben mochte?  

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Baggerloch II. Nichts muss arrangiert werden. Alles stellt sich von selbst ein. Jede Not ist zu Ende. Die Linien zwischen Zärtlichkeit und Verlangen verlieren ihre Trennschärfe an eine vorausgeschaut-vertraute Seligkeit. Die Knie berühren sich, und die Zehen. An den Kontaktpunkten wechselt ein Lavastrom der Großzügigkeit den Körper und macht sich breit im anderen.  

Die meisten Menschen treiben sich in eine Eindeutigkeit, die ihnen nicht gerecht wird.

Wir sind von morgens bis abends damit beschäftigt, Flächen zu produzieren, die für uns zu Glatteis werden können.

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Ich fand eben in meinem Fundus den Anfang einer Besprechung, die auch der Anfang einer Geschichte sein könnte. Ich genieße solche Übergäbe. Ich lese etwas wieder, das vielmehr von mir stammt als von dem Urheber des Primärtextes und fühle mich angenehm angesprochen. Hier die Stelle: Sie sind Ferienhausnachbarn und Buddel-Buddys in einer skandinavisch-idealtypischen Fichten- und Kiefernwald- und Geröllstrand-Idylle im Weichbild von Bergen. Kreuzfahrtschiffe passieren ihren Ausschnitt der Welt auf dem Weg zum Polarkreis. Noch nicht ganz ist der Literaturprofessor K. ein fetter Mann, der sich schämt. Eines Morgens erlöst er ein schwer verletztes Katzenjunges, das sich von der Nähe zu Menschen offenbar mehr Hilfe versprochen hatte. „Am Stoff klärt sich das Dunkle auf“, sagt Meister Adorno. Norman Mailer bekannte einst, er habe in der Hochzeit des Masters und Johnson-Hypes „fast schon Nostalgie für die schwülstigen freudianischen Gewissheiten der 1950er Jahre“ empfunden. Freud war mal so einleuchtend und ist jetzt ganz weg vom Fenster des Einleuchtenden.

Café Jelinek

Der Himmel über Wien schildert sich als „lachsfarbenes Ekzem“. Das Café Jelinek besteht seit hundertzehn Jahren als Institution im 6. Bezirk. Ein besonderer Reiz liefert das Belle-Époque-Interieur. Die baedekereske Ursprünglichkeit bildet zumindest halbwegs einen Unique Selling Point. Federico Italiano registriert den verbürgten „Jugendstil eines Gusseisenofens“. Die Heizkörper stehen unter Denkmalschutz.

Das Biedermeiersofa und der Marmortisch sind der Rede wert. „So unerschütterlich wie ein Samurai“ erscheint dem lyrischen Ich der Stil des Hauses. Es schreibt einem du „an dem Tag an dem du gestorben bist“. Der Zeile fehlt das Komma zwischen Tag und an (nicht).

Federico Italiano, „Sieben Arten von Weiß“

Aus dem Briefwechsel mit den Zwillingen Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Zuge der gemeinsamen Niederschrift von „Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen“.

Datum: Fri, 7 Dec 2007 18:54:59 +0100

Jutta schreibt: Lieber Jamal,

die Begegnung mit Dylan sprengte meine Kategorien. Sie offenbarte mir eine neue Dimension des Seins. Es war 1974, ich kam direkt aus der politischen Arbeit, Antifaschismus, Rote Armee Fraktion, das lief in Deutschland gerade auf Hochtouren. Wir hatten uns mit den Eltern überworfen, die Janusköpfigkeit ihrer Vergangenheit quälte uns. Wie konnten wir sie lieben? (Und doch liebten wir sie.) Unsere Eltern - die Eltern unserer Generation - hatten eine mörderische Übermenschenraserei hinter sich, in dem ein ganzes Volk als minderwertig, als Pest, Verhängnis und Übel der Menschheit dargestellt wurde. Die Erde sollte davon gereinigt werden. Es sollte ein Gottesstaat errichtet werden. Ich komme, das merke ich beim Schreiben, immer noch nicht zurecht damit. Wir kann man das auch? Dieser Hintergrund war damals noch verdammt nah an einem dran und wenn (via LSD) die Kontrolle ganz wegflog, dann tauchten die eingeätzten Bilder auf und gewannen ein schreckliches Leben. In Amerika wurden und werden wir bis heute noch von jüdischen Freunden (meist sehr schnell) darauf angesprochen und direkter, als man es sich in Deutschland traut.

Visuelle Einöden

Liebe M., das ist endlich einmal eine interessante Frage – Wie oft wurde man Zeuge sexueller Handlungen im öffentlichen Raum? Auf Anhieb erinnere ich sieben einschlägige Situationen. Zu den Highlights zähle ich ein Balkongeschehen vor 40 Jahren in Frankfurt am Main. Das Paar legte es darauf an, beobachtet zu werden. Das ist ein Thrill, der sich mir nie erschlossen hat. Zwei nächtliche Strandereignisse – wahrgenommen im Zustand des adoleszenten Somnambulismus – erschöpften sich in visuellen Einöden. Heute assoziiere ich in beiden Fällen einen Erdmännchen-Konvent im halbgeschlossenen Schlafsack. Es hügelte und ruckelte … und davon abgesetzt: das post-koitale Momentum. Die Koinzidenz von offenen Fragen und Trägheit. Einst vernahm ich einen Schrei ekstatischer Erlösung auf einem Campingplatz. Das war der akustische Gipfel dieses Genres.

*

Liebe M., ich finde in meinem Fundus Variationen, in denen ich den E-Mailverkehr mit den Zwillingen mit Episoden verwoben habe.

Lieber Jamal, ich verstehe völlig, dass Du keine Lust mehr hast. Ich habe mich auch mit der Peitsche zwingen müssen – aber der Dylan muss noch rein. Hab das Gespräch im Garten weitergeführt, Gisela und ich hatten uns kurz davor einen Trip geteilt ... Gisela findet das Kapitel gut und ist froh, dass da noch was von mir gekommen ist. Die Schlacht um Bob verletzt Paul (Getty) am meisten. Ich sehe, wie gekränkt und verzweifelt er ist. Neben dem Genie (Dylan) und seinen Buddys wirkt er wie ein Kind. Ihm fehlen die Muskeln der Willenskraft und die Anziehungskraft einer großen Begabung. Daran gewöhnt, ohne Anstrengung zu kriegen, was er will, erscheint er unter den weltberühmten Künstlern unfertig. Sein Kredit von Opas Gnaden interessiert hier keinen. In einem Augenblick scheint Paul der einsamste Mensch auf Erden zu sein. Er fliegt an mir vorbei wie ein Satellit auf Schrottkurs. Ich schlage ihn mir aus dem Kopf. Um Paul geht es nicht. Ein titanisch breiter Kris Kristofferson läuft auf. Er hat mehr als eine Flasche Whiskey und wenigstens ein Pfund Koks intus. Gleich fällt er tot um. Dennis‘ Augen brennen Löcher in meine Haut. Wir erreichen das Haus von Roger McGuinn. Die Party ist in vollem Gang. Die Augen gewöhnen sich an Kerzenlicht. Die Leute lagern auf Teppichen. Es herrscht pharaonischer Überfluss. Kartons voller Kokain werden herumgereicht, überall wartet das Gras in Schalen. Dazu psychedelischer Rock. Wir wähnen uns in einem Refugium für freie Geister und freie Liebende. – An einem mythischen Ort auf der Spitze der Welt. – Bei einer Versammlung der Auserwählten, im Auge des Hurrikans. Hier atmet unser Karma: For ever young, for ever here. 

Warum wir so lange esoterisch geblieben sind

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Qi existiert, sondern warum wir keine besseren Begriffe als die chinesische Metapher haben, um biomechanische Prozesse zu beschreiben. Die alten Meister waren scharfe Beobachter. Sie entdeckten Bewegungsprinzipien, die Nutzung elastischer Gewebespannung und die neurologische Koordination der Kraftübertragung. Doch ihnen fehlten die begrifflichen Instrumente der Newtonschen Mechanik, der Zellbiologie und der Neurowissenschaften.

In Ermangelung von Begriffen wie „kinetische Kette“, „Newtons drittes Gesetz“ oder „propriozeptives Feedback“ entwickelten sie eine Terminologie, die in faden Adaptionen zu Esoterik degenerierten. Die Esoterik fungiert als Benutzeroberfläche einer komplexen Software, deren Quellcode sie zwar nutzen, aber nicht isolieren konnten. Qi wurde zum Sammelbegriff für alles, was funktionierte, aber nicht zu sehen war.  

Die Lücke zwischen Erfahrung und Erklärung

Ein weiterer Grund für das Fortbestehen esoterischer Erklärungsmodelle liegt in der Kluft zwischen subjektiver Erfahrung und objektiver Messung. Wenn ein Praktizierender eine perfekte strukturelle Integration erreicht, fühlt sich das energetisch an – ein Gefühl von Leichtigkeit, Wärme und müheloser Kraft.

Da die Wissenschaft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kaum Werkzeuge besaß, um feine neuromuskuläre Kontrolle oder die Tensegrität von Faszien in Echtzeit zu messen, wurde das Feld den Mystikern überlassen. Wo die Wissenschaft schweigt, wuchern die Mythen. Die Esoterik füllte das Vakuum, das die klassische Medizin hinterließ, die den Körper eher als eine Ansammlung von Einzelteilen betrachtete und ganzheitliche Perspektiven an den Rand drängte.

Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen. In einer entzauberten, hochstrukturierten Welt bedient die Esoterik den Wunsch nach dem Wunderbaren. Viele Praktizierende wollen gar nicht wissen, dass ihre „Qi-Ausstrahlung“ schlicht eine präzise Koordination von Impuls und Masse ist. Das Geheimnis verkauft sich besser als die Mechanik. Diese Romantisierung hat dazu beigetragen, die veraltete Terminologie zu bewahren.

Wir blieben esoterisch, weil die Bildersprache funktioniert, solange man lediglich praktiziert. Sie versagt in dem Moment, in dem man verstehen will.