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2026-10-21 08:22:03, Jamal

Das Handwerk der Fügung

Liebe M., ich habe beinah wahllos in die digitale Kiste gegriffen und eine Rezension zu einem belletristischen Dutzendtitel herausgefischt. Erst spät habe ich angefangen, Reißbrettprosa zu rezensieren. Das Vergnügen daran ist so trivial wie die Werke selbst. Es ist wie Seriengucken. Gleichzeitig faszinieren mich die aus Versehen entstandenen Spiegelungen und labyrinthischen Einschlüsse, die sich aus der Machart ergeben. Ich sage das nicht verächtlich. Darin liegt ein Reiz. Es funktioniert wie die Phantasiedroge Soma in Aldous Huxleys Schöner neuer Welt: leicht euphorisierend, leicht narkotisierend. Man könnte sich diszipliniert darüber hinwegsetzen. Aber warum sollte man das tun?

Das Ganze streift das Genre der sozialen Pornografie. Meine Rezension trug den Titel Weltanschauungstheater. Darüber setzte ich ein Zitat von Henry James:

„Wir arbeiten im Dunkeln – wir tun, was wir können – wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und die Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Der Rest ist der Wahnsinn der Kunst.“

Erinnert sich noch jemand an die Koordinaten der Generation X? In Douglas Couplands gleichnamigem Debütroman tauchen sie als Earth Tones auf. Den Eltern dieser Generation war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen. Ihre Kreativität verwandten sie auf ein Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit kaschieren sollte.

Tilda, 34, verkörpert die Post-Boomer-Tochter wie aus einem Bilderbuch geplatzter Träume. Die alleinerziehende Mutter klapperte mit ihr in einem klapprigen Mini Flohmärkte und Vintage-Messen ab. Sie fand jeden Schatz eines Kofferraumverkaufs, inspizierte lüstern aufgegebene Bestände und erfand für Tilda Legenden, die sich um den Ramsch der anderen rankten. Je häufiger der Schrott die Besitzerin wechselte, desto größer sollte seine Bedeutung sein. So überhöhte die Mutter ein Leben auf der Resterampe.

Zweifel meldeten sich bei Tilda, sobald sie die mütterliche Ableitung zu Ende dachte. In den Regalen und Schubladen der Mutter staute sich mehr Bedeutung als irgendwo sonst auf diesem Planeten. Das war schon eine adoleszente Dekonstruktion.

Im Handlungsjetzt ist die Mutter seit zwei Jahren tot. Tilda hält sich für die einzige Londonerin ihres Jahrgangs, die auf Kate Bush und Bryan Ferry steht. Sie genießt die vorläufige Sicherheit einer Festanstellung: laut Arbeitsplatzbeschreibung als Journalistin. Tatsächlich moderiert sie auf der Lifestyle-Plattform Nuke, die von der drakonisch-sardonischen Chefredakteurin Tomoko Nixon regiert wird, das TV-Boulevardformat „Was habt ihr euch noch zu sagen?“.

Die Sendung exploitiert die Romantikdefizite des Publikums. Gefühlskitsch und Werbung sind so ununterscheidbar miteinander verschränkt, dass sich das Format kaum von seinen Konkurrenzprodukten abhebt. Alle geben dem Feuerwehrmann auf Steroiden Studioraum und Sendezeit, damit er erzählt, wie er eine verpeilte Person, die sich aus dem Stand in ihn verliebte, aus einer brennenden Wohnung barg und ins Krankenhaus fuhr – obwohl bei der Aktion ausgerechnet die Katze der Geretteten vom Retter überfahren wurde. Im einen Augenblick imaginiert die Zielgruppe den Feuerwehrmann in Uniform beim Sex, im nächsten avanciert er als Katzenkiller zum Hassobjekt.

Die Liebe auf den ersten Blick ist Tildas Lieblingszwangsvorstellung. Schmerzlich entbehrt sie Gänsehauterlebnisse angenehmer, wenn nicht gar erregender Art. Auf einem Recherchetrip nach Skye begegnet sie einem Mann, der eins zu eins aus ihren Träumen stammen könnte. Das Schicksal spielt ihr sein Tagebuch in die Hände. Er hat es auf einem Cafétisch liegen lassen. Sie kapiert zu spät, dass es … Oh, wie unplausibel.

Liebe M., in dem Roman, auf den ich reagiere, ist es nicht das Tagebuch, sondern etwas, das dramaturgisch funktioniert. Um nicht zu dicht am Original entlang zu lavieren, wollte ich die Konstellation variieren. Dabei habe ich unterschätzt, worin die Leistung solcher Romane besteht: in der Kunst, das Unwahrscheinliche so einzurichten, dass es als Fügung durchgeht. Die Sprache darf speckig und abgegriffen sein, die Figuren dürfen aus einem All-inclusive-Fundus stammen; die Handlung muss ihre Haken und Ösen so geschickt verbergen, dass man nicht an ihnen hängen bleibt.

Das ist eine handwerkliche Leistung. Eine Autorin mag auf der Ebene der Metaphern, der Satzrhythmen und der psychologischen Differenzierung wenig riskieren und dennoch über ein ausgeprägtes Gespür für Plotmechanik verfügen. Plausibilität ist das A & O. Die Konstruktion darf nicht knirschen.

Ich überspringe jetzt einfach meine Lücke.

In einem B&B-Cottage liest Tilda fasziniert in den privaten Aufzeichnungen eines Francis Lamar. Er ist supermusikalisch und ein leidenschaftlicher Fan von Tildas Lieblingsmusikern. Zitate belegen es. Die Isle of Skye ist für Tilda ohnehin ein magischer Ort der Liebe. Auf den Klippen von Elgol sind sich ihre Eltern im stürmischen Sommer 1988 nahegekommen. Die Landschaft ist mit einem Liebesversprechen aufgeladen, das Tilda nur aus zweiter Hand kennt. Secondhand scheint ihr Schicksal zu sein. Ihr Vater ist für sie ein Phantom.

Tildas Mutter war eine Meisterin in der Sakralisierung banaler Dinge. Tilda macht es mit Menschen nicht anders. Sie braucht nur eine Songzeile, einen geheimnisvollen Fremden und eine sentimental verfügbare Landschaft, um aus Zufällen eine Fügung zu montieren. Der Unterschied zwischen Mutter und Tochter besteht vielleicht nur darin, dass die Mutter ihre Geschichten auf Flohmärkten fand, während Tilda sie im Fernsehen produziert. Beide wissen, wie man aus dürftigem Material eine Weltanschauung baut.

Auf Skye erfuhr Tilda einst, dass sie unehelich geboren wurde. Wie egal ist das denn. Chefin Tomoko sitzt ihr im Nacken. Tilda soll die romantischsten Nacktbadestrände recherchieren und Erhellendes zur Frage beisteuern: Wie kriege ich einen Bikinikörper? Die große Liebe und der optimierte Körper, das Geheimnis der Herkunft und die Verwertbarkeit eines Strandes: Auf Nuke ist alles gleich nah am Gefühl und gleich weit von der Erfahrung entfernt. Sehnsucht ist Content.

Ein mysteriöser Taxifahrer kommt ins Spiel. Erst gibt er sich harsch, doch bald zeigt er sich aufgeschlossen bis zur berstenden Herzlichkeit.