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2026-10-16 15:43:19, Jamal

Szenen aus dem Nebenbei – Kassel und Umgebung um 1980

Alfred Dregger sprach vor dem Rathaus. Erinnert sich noch jemand an Dregger? In den 1970er und 1980er Jahren galt der langjährige hessische CDU-Vorsitzende als der härteste Falke des nationalkonservativen Unionflügels. Von seinen politischen Gegnern als „Rechtsaußen“ markiert, stand er für eine unnachgiebige Law-and-Order-Politik und eine Rhetorik, die im linken und studentischen Milieu jener Tage Aversionen auslöste. Shauna wünschte sich wenigstens ein Puddingattentat auf ihn. Der Begriff geht auf das Jahr 1967 zurück, als Mitglieder der Berliner Kommune 1 (darunter Fritz Teufel) einen Anschlag auf den US-Vizepräsidenten Humphrey planten –mit Beuteln voll Pudding und Mehl. Als Spaßguerilla-Aktion gedacht, parodierte das Puddingattentat den bewaffneten Kampf der Baader-Meinhof-Bande und wurde zum geflügelten Wort für symbolischen Protest. Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin gehörten zur ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Um 1980 war der Deutsche Herbst bereits vorüber, doch in einigen Subkulturen existierte eine romantisierte, popkulturelle Verklärung des Outlaw-Lebensstils der RAF-Akteure.

Ja, Shauna. Es gab in Kassel nicht nur Gunda und Ariane … und Annabelle, die sich vor Kurzem erst in die Geschichte schmuggelte. Wir beide waren die ersten füreinander. Ich habe Jahre nicht mehr daran gedacht. Es hatte etwas Ethnologisches. Die Waldauer Seite der Fuldaauen war vor der Kultivierung im Rahmen einer Bundesgartenschau schiere Wildnis. Ich habe Empfindungsszenarien aus dieser Sphäre dem Amazonas zugeschrieben. Manches Uferrelief sah wie ein Dschungelsaum aus. Alles wuchs, wie es dem großen Gärtner in den Tropen gefiel. Schilf, Lilien, Wurzelstöcke, Stauden und Büsche verschlangen sich bis zur Verwirrung der Eindrücke. Ich steure einen Fluchtpunkt meiner Kindheit an. Im Vorgriff auf die von mir strategisch angestrebte totale Freizeit verbringe ich den Vormittag auf der Fulda. Bei niedrigem Wasserstand schießt Vegetation durch die Schlammdecke. Steht das Wasser hoch, reißt es das Ufer in Stücke. Ich befahre den Fluß wie der erste Mensch in einem Einbaum der Rosenheimer Faltbootwerft Klepper. Ich steuere das Kajak ins Schilf. Ein Schiefermassiv buckelt am Ufer. Auf einem hakenförmigen Sporn zerfallen die Mauern einer Burgruine. Der Volksmund nennt den natürlichen Hafen Kilians Becken. Kilian war ein irischer Missionar. Er organisierte Massentaufen, die aufgrund heiß diskutierter Formfehler Wiederholungen nach sich zogen. Mit den Wiederholungen kritisierten schottische Missionare das Prozedere ihrer irischen Kollegen, die oft nicht gut Latein konnten und ihre eigenen Taufformeln hatten. Vorgebliche Mönche lehrten kultische Reinheitsrituale zum Zweck der Selbstheilung. Sie verbreiteten ihre Druidenlektionen und Diätpläne unter christlichen Vorspiegelungen.

Annabelle war so unverfroren. Sie hatte mir einen Liebesbrief geschrieben, eher noch gemalt, ein Bild aus großen, runden Buchstaben. Ich habe ihn aufbewahrt und zähle ihn zu meinen Schätzen. Auch wenn es mir nicht im Traum einfällt, ihn noch einmal zu lesen. Annabelles Begriffe von meiner Person waren absurd schmeichelhaft. Ich war ein Halbgott in ihrer phantasievollen Betrachtung. Im Deutschunterricht saß sie neben mir. Ihr handfestes Wesen verlangte den Vollzug ohne Vorrede. Wir verabredeten uns zu der Tat und erkoren die Waldauer Wildnis zum Schauplatz des Einmaligen. Wir ignorierten die Welt im Unterholz. Nackt wie die ersten Menschen staunten wir uns an.  

Zurück zu Shauna. Wie gesagt, sie erwartete ein Puddingattentat, natürlich ohne selbst ein Risiko einzugehen. Sie war viel zu edel, um sich hauen zu lassen und in den Knast zu gehen. Am liebsten wäre es Shauna gewesen, wir hätten Banken überfallen – in der Variante, Gudrun Ensslin kann heute keine Bank überfallen wegen einer Vorpremiere im Staatstheater.

Erinnert ihr euch an den Philip? Der hatte den „Trichter“ in der Tischbeinstraße. Dichter gingen in den Trichter. Aufmärsche fanden da nicht statt. Wer etwas auf sich hielt, verkehrte im „Truthahn“ an der Hessenschanze. Die magisch gelegene Bar gehörte Frank Rüsteberg. Rüsteberg eröffnete dann das „Jello“ an der Alten Hauptpost, gleich gegenüber vom „Fez“, wo die abgewanderten Studenten nach der Bescherung einfielen.

Shauna hatte zwei Klassen übersprungen und war selbst schon Studentin. Sie war daran gewöhnt, dass Wünsche in Erfüllung gingen. Ich denke an eine Reihe verschneiter Western, die wir gemeinsam sahen. Meine Mitbewohnerin Simone hielt eine Ratte, wäre ich nur ein bisschen weiter gewesen, hätte ich sie im Klo ertränkt. Ich fuhr Auto ohne Führerschein, Shauna fuhr einen Motorroller, ein Fahrzeug, das nicht modern war. Sie hatte Adornos Kritische Theorie intus, bevor sie siebzehn wurde. Ich konnte Herde und sogar Waschmaschinen allein tragen. Das kam an bei Leuten, die einen Sprudelkasten zu zweit trugen.

Shauna erwartete von Männern unverständliches Verhalten. Ich war ihr lange nicht irre genug. Ich erinnere Shaunas schnippische Enttäuschung, da Dregger unversehrt vom Platz ging. Typen in Gestapomänteln hofften in der wogenden Menge auf Krawall. Ich hatte gute Momente. Massive Konfrontationen waren für mich keine große Sache, während Leute, die für einen Aufstand mit Waffen plädierten, vor kampfbereiten Männern die Gesichtsfarbe wechselten. Sie hätten eher eine Bombe unter einem Auto deponiert als einfach zuzuschlagen.

Immer fanden Konzerte statt, immer feierte jemand Geburtstag. In der Schule reichte Anwesenheit. Das war schon mehr als viele fertigbrachten. Der Unterricht war zum Schlafen da, es kam überhaupt nicht in Frage, Lehrer ernst zu nehmen. Mücke war Fahrschülerin - eine Ausgeschlossene. Wegen schlechter Verbindungen musste sie stets zu früh weg. Sie war deshalb morgens auch zu früh da. Mücke hatte die Arschkarte gezogen, Schuldgefühle untergruben sie. Ihr schlechtes Leben schob sie der eigenen Schlechtigkeit in die Schuhe. Den Zusammenhang verstand natürlich keiner. Jemand bat mich, eine Karre verschwinden zu lassen, ich fuhr mit dem Klau tagelang durch die Stadt und zur Schule. Es bot sich an, Mücke nach Zierenberg zu fahren, ich sollte an einer Tankstelle halten. Mücke kaufte Bier in sechs Büchsen, ihre Hände zitterten, sie säte Tabakkrümel auf dem Sitz. Ihr Blick hielt keinem Blick stand. Was war los mit ihr? Ich überließ ihr die Musik, Mücke konnte keine Entscheidung treffen. Ich schlug einen Spaziergang hinter dem Herkules vor, nach ein paar Metern brauchte Mücke eine Pause. Wir kamen keinen Meter weiter.  

In der Sauna

Ich schreibe im Frankfurter Hilton. Kranausleger triften vor das Fenster und zeugen einen Vergleich mit Federball spielenden Giganten - eine Metaphorik, die sich im Hoheitsgebiet der Leichtigkeit bedient.

Die Skyline zerfällt zu einem Ensemble separierter Großartigkeit.

*

Er redet. Seinen Status meldet eine Frau. Während er einen feisten Rumpf dem Raum präsentiert, sitzt sie ihm zugewandt, Knie vor der Brust. Ihre Schenkel beschreiben ein V, in dem Arglosigkeit und Verwegenheit zusammenspielen. Das Arrangement findet in der Selbstumarmung statt. Die Hände des Mannes sind abwechselnd an seinen Füßen und im Gesicht. Das Unappetitliche lächelt die Frau weg. Sie nickt im Takt seiner Worte.

Er schenkt sich die Abkühlung im Kaltwasserbecken, steuert die Bar an. Er ordert ein Hefeweizen und steigt mit dem Glas in einen Whirlpool. Keinen Nerv treffen bei ihm die nervösen Selbstbespiegelungen der Wahnschlanken und der alten Asketen mit ihren unglaublichen Figuren. Die Haut wirft Falten, bildet Beutel unter Gelenken. Ramponierte Torsi. Bei dieser Rüstigkeitsolympiade sind keine Wettkampfunterbrechungen vorgesehen.

Ich bin begeistert von dem wuchtigen Autisten. Wie er seine überlegene Masse von der Subalternen ins rechte Licht rücken lässt. Sie hat nichts zu trinken bekommen; vermutlich hätte sie den Saunagang lieber regelrecht abgeschlossen.

Ich glaube, dass sie in der sprudelnden Bazillenpfütze einen Ekelschub bekämpft. Farne in Kübeln verbergen dem Publikum meine Aufmerksamkeit. Leicht könnte man mich für matt von Hitze halten.

Ich sehe die Angestellte auf dem Parkplatz vor einem Elaris Beo. Die Marke ging nach einem kurzen Börsenhype 2025 pleite. Eben noch war der Beo die Zukunft und jetzt ist er schon ein Auslaufmodell. Ein Blick genügt, um den Wagen mit Friedberger Kennzeichen als Ansage eines Mannes zu identifizieren. Hier äußert sich kompakter Mittelstand. Der Mann ist Aktivurlauber und Dauerläufer mit gesundem Ehrgeiz; ein leptosomer Willensmensch. Politik interessiert nicht, Kultur wird noch nicht mal als Freizeitpunkt in Erwägung gezogen. Er hält eine Fachzeitschrift, an den ADAC führt er Beiträge ab, die Bundesliga verfolgt er. Er könnte mir einen Abend lang sympathisch sein. Ich stelle mir vor, dass er die Gefährtin seiner gerade angebrochenen dreißiger Jahre Häschen nennt und sich nicht vorstellen kann, dass sie ihn mit ihrem Chef betrügt. Der schließt sich in eine Limousine. Das illegale Paar rauscht ab. 

Lauwarme Fanta kann man nicht trinken. Ich lasse Schokolade auf der Zunge zergehen, wie ich es als Kind gelernt habe. Die amerikanische Armee unterhielt in der Gegend lange einen Übungsplatz. Einen Wald verheerte sie mit Panzern. Ich weiß das von Radtouren, die ich mit Freunden unternahm, als ich in Frankfurt lebte. Unser Ziel war ein Lokal am Rand des Manövergeländes. Es hieß Zum Weißen Stein.

In einem Sommer war Liebe unser Thema. Jeder trug dazu bei, was er an Beispielen aus der Literatur kannte. Auf Rädern erkundeten wir die Umgebung. Schnäuzten wir uns, hatten wir schwarzen Rotz im Taschentuch. Wir entdeckten Schrebergartenkolonien voller Flaggen, Stacheldrahtreviere voller Schrott, gegen den Wind gewachsene Bäume. Wir trugen Ray-Ban-Sonnenbrillen und hörten Siebzigerpop.

Picknick im Gatter brummender Landstraßen.

Sonntagabends zerfiel die Gruppe in bewährte Paare. Sie zogen in ihre Viertel ab, wo die Wirtschaften und Wohnungen lagen, in denen das Leben unter der Woche sich vollzog. Das war zu der Zeit, als auf der Startbahn West ein Bürgerkrieg stattfand.