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2026-10-16 09:54:54, Jamal

Wie entstehen Epochensignaturen? Ich habe dieses Bild vor mir: ein Gemälde im Stil der Neuen Sachlichkeit – Walter Benjamin auf einem Lehrstuhl in Tel Aviv. Er hätte – im Takt seines Milieus – doch in New York der New School for Social Research angehören müssen, auf Augenhöhe mit Adorno und Horkheimer. Stattdessen widerfährt ihm so ein Pleiten-Pech- und Pannen-Mist in Südfrankreich. Vielleicht erzähle ich noch die Geschichte seines finalen Scheiterns. Im September 1940 floh Benjamin, mehrfach angegriffen, aus dem besetzten Frankreich. In einer Gruppe, darunter die Fotografin Henny Gurland, machte er sich zu Fuß auf den Weg über die Pyrenäen von Port-Vendres in Richtung Portbou in Spanien. Geführt wurde er von Lisa Fittko (geb. Elisabeth Eckstein), eine deutsch-jüdische Fighterin. Benjamin bewegte sich stets in der Aura einer großen Kraft und hinkte ihr doch seelisch und leiblich hinterher. Ich imaginiere mich in die Rolle seines Trainers. Ich mache ihm schnelle Beine.

Literarische Résistance

Es ist aus der Luft gegriffen und so feuilletonistisch-flüchtig wie ein Zeitungstext. Die Behauptung stehen auf dem Fundament meines Mutwillens. Prag, das denke ich gerade, ist eine topografische Chiffre für das Phantastische, das Labyrinthische und das Tragische. Ich assoziiere ein Wort von Milan Kundera – „Prag, ein Gedicht verklingt“. Nach dem Prager Frühling erschien dem Autor die Moldau-Metropole vom Schicksal des „versunkenes Atlantis“ bedroht. Franz Kafka versteht sich von selbst als tschechischer Pessoa. Ich sehe ihn als eine Figur von Giacometti. Und schon erscheint Guillaume Apollinaire. Als der französische Avantgardist 1902 in Prag weilte, erkannte er in der Stadt ein surreales Laboratorium der Moderne. Für Apollinaire war Prag die Stadt der Alchemisten und folglich eine Stadt der ewigen Verwandlung. Er sah ein magisches, fast märchenhaftes Prag, das unendlich reich an literarischer Textur ist. Wieder und wieder überschrieben, zumal auf Deutsch. „Du bist im Garten eines Gasthofs in der Umgebung von Prag/Du fühlst dich ganz glücklich, eine Rose liegt auf dem Tisch/Erschrocken siehst du dich in den Achaten von St. Veit gezeichnet/Die Zeiger der Uhr des jüdischen Viertels gehen rückwärts/Beim Hinaufsteigen zum Hradschin.“

Für Kafka war Prag etwas ganz anderes. „Prag lässt nicht los“, schreibt er, „dieses Mütterchen hat Krallen.“ Kafkas Prag kommt weitgehend ohne explizite Straßennamen aus, und doch atmet sein urbaner Kosmos die klaustrophobische Topografie der Altstadt. Das Prager Deutsch seiner Epoche war die Sprache einer Minderheit. Als Kundera Jahrzehnte später der Stadt den Puls fühlte, erkannte er die Überformung einer organischen Kultur im Betonmantel einer totalitären Normalisierung. Kundera insistierte, dass Prag nicht zum kulturellen Osten gehöre. Das Porträtieren Prags wurde für Kundera zu einem Akt des Widerstands – Literarische Résistance. 

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Liebe M., ich erlaube mir, weiter in dem Eskapismus des Feuilletons von gestern Abend zu schwelgen. Das alles ist nicht gesichert und nur so aus dem Gelenk geschlenzt. Meyrink, Kafka und Kundera: Wie eine Stadt zur Form des Bewusstseins wird – Prag ist in der Literatur des 20. Jahrhunderts ein zentraler Schauplatz. Man kann in dieser Stadt spazieren gehen wie in seinem eigenen Gedächtnis. Bei Gustav Meyrink, Franz Kafka und Milan Kundera wird Prag auf drei unterschiedliche Weisen zu einem Erfahrungsraum, der jedem gebildeten Europäer vertraut ist. Es ist eine Topografie des kollektiven Gedächtnisses. Die Autoren verbindet die Erfahrung einer urbanen Zwischenlage. Prag ist ein Raum, in dem Sprachen, Kulturen und historische Schichten so dicht übereinanderliegen, dass die Frage nach dem Ort unmerklich in die Frage nach der eigenen Identität übergeht.

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Freihändig setze ich den Hebel meiner Imagination an und lunarisiere an einer Stelle, die in meiner zweiten Kindheit eine Rolle spielte: damals, als ich an den Rockschößen von Maras Mutter noch einmal regredieren und die Toughness eines Underdogs abstreifen durfte.

Kubin und Meyrink waren Säulenheilige im Neusel’schen Kosmos. Der Golem trat neben den Gestiefelten Kater und Kater Murr in singulären Deutungszwischenlagen. Das begabte Kind wird ständig mit Wissen gefüttert, ohne dass man es auffordert, erwachsen zu werden. In meinen Ursprungsverhältnissen war es umgekehrt. Man musste früh erwachsen werden, brauchte aber nichts zu wissen.

Das Prag Gustav Meyrinks gleicht mitunter einer optischen Täuschung. Man folgt dem Protagonisten durch die engen Gassen des jüdischen Viertels Josefov, steigt Treppen hinab, biegt um Ecken, die es tagsüber nicht gibt, und steht plötzlich in einem Raum, der laut jedem logischen Stadtplan gar nicht existieren dürfte: einem „Zimmer ohne Zugang“. Es hat keine Fenster zur Straße, keine Tür zum Flur, und doch ist man darin.

In der Dämmerung dieses Raums geschieht das Ungeheuerliche. Man tritt vor ein Glas und blickt nicht in ein Spiegelbild, sondern einer stummen Kreatur ins Gesicht. Das Ich wird im selben Moment zum Fremden.

Das ist natürlich kafkaesk. Aber entscheidend ist, dass Prag seinen Kundschaftern des Geistes solche Erfahrungen nahegelegt hat. Es ist zugleich ein literarischer Vorgriff auf den Surrealismus und die Bildwelten der Moderne. Meyrink antizipiert hier das Paradoxe eines René Magritte, dessen Figuren ihrem eigenen Spiegelhinterkopf begegnen, und die unmöglichen Architekturen eines M. C. Escher, in denen Räume mathematisch konstruiert sind und sich dennoch logisch gegenseitig ausschließen.

Meyrink trimmt das romantische Doppelgängermotiv auf das 20. Jahrhundert.