Turning Danger into Performance – Der Rhythmus des führenden Atems
Kassel und Umgebung 1978
Sie waren die Vorhut einer neuen Zeit, die ersten Bildungsaufsteiger ihrer Familien. Die mutterlos aufwachsende Ariane, deren Vater bei Henschel Panzerschmied war; Schützenkönig Kairo, der aus einer Fleischerdynastie im Kasseler Osten stammte; Supersportler Jarek, der mehr Zeit in der Obhut seines janusköpfigen Mentors Holger Müller als mit seinen Eltern verbrachte – und Gunda, die jeden Schleichweg zwischen Rothwesten und Kassel kannte. Sie verzweifelte am hochgestochenen Duktus der Frankfurter Schule. Oft verstand sie nur die Bindeworte, wenn der Vorbeter ihrer K-Gruppe Adorno und Herbert Marcuse zitierte.
Ein quälender Widerspruch rieb sie allmählich auf. Wann immer die politischen Fetzen flogen, wollte Gunda zu den Aufrührern gehören. Stattdessen verschwand sie jedes Mal in der Unscheinbarkeit. Sie schämte sich für ihre Zurückhaltung und fand sich feige. Ein namenloses Gefühl sperrte sie aus. Ihre politischen Zugehörigkeitssehnsüchte widersprachen ihrem Instinkt. Sprach ihr im VW-Werk Baunatal beschäftigter Vater am Küchentisch und in dem Haus, das sein Vater auf dem Grund seines Vaters gebaut hatte, von Heimat, rümpfte sie zwar die Nase, aber nichts in ihr lehnte sich gegen die altvorderen Ansichten auf. Die Loyalität gegenüber der Welt, aus der sie stammte, nordete sie ein und hielt sie auf Kurs. Sie verstand nicht, dass es ihr allseits angemahntes Klassenbewusstsein war, dass sie davor bewahrte, sich im Spekulativen zu verausgaben. Gunda wusste, wo sie hingehörte. Dazu gehörten Freizeitangebote der evangelischen Kirche: Judo, Bogenschießen und Chorgesang.
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Instinktiv suchte Kairo das Handwerk des Krieges. Er nutzte jede Gelegenheit, um ein Gewehr abzufeuern. Deshalb war er im Schützenbruderschaft Bettenhausen von 1867, obwohl die Brüder lächerlich gestrig waren. Unter Hirschgeweihen tranken sie ihr Bier aus Humpen, auf denen ihre Namen standen, und beklagten – als bekennende Revanchisten – den Verlust der Ostgebiete und die Ostverträge, die auf das Konto des Vaterlandsverräters Asbach-Willy B. gingen. Normalerweise hätten sie einen langhaarigen Klugscheißer hochkant rausgeworfen. Aber Kairo war ein Sinning. Sinnings gab es im Kasseler Osten seit mehr als hundert Jahren. Er hätte seine Zugehörigkeit noch nicht einmal dann verlieren können, wenn er einen Mord begangen hätte. Kairo war der Enkel vom Stalingrad-Sinning. Er hatte schon Knarren in der Hand, bevor er lesen konnte. Der Schießstand war seine Kirche. Hier hielt er seine Andacht. Auch wenn er es nie zugeben würde: die Schießfertigkeit kam bei ihm an erster Stelle.
Bettenhausen wird am 31. August 1145 als Bethnehüsun erstmals in einer Urkunde des Mainzer Erzbischofs Heinrich I. erwähnt. Jahrhundertelang ist es ein Bauernweiler an der Losse. Die urhessische Adelsfamilie von Buttlar besitzt Güter und Ländereien im Dorf. Den Kern prägt spätgotisches Fachwerk.
Einen durchgreifenden Wandel stößt Landgraf Carl von Hessen-Kassel an. Er lässt 1679 den Messinghof in Bettenhausen errichten. Im Kupferhammer werden die Platten für das Kasseler Wahrzeichen, den Herkules, geschmiedet. 1690 gründet der Landesherr das Hessische Waisenhaus in Bettenhausen. Die Institution finanziert sich protestantisch-merkantil mit einer eigenen Buchdruckerei. Als Hof- und Waisenhaus-Buchdruckerei steigt der Betrieb zu einer festen Größe in der Kasseler Medienlandschaft auf und druckt unter anderem das offizielle Amtsblatt der Regierung zu Kassel und so auch das Hof- und Staats-Handbuch.
Das war der zentrale Kalender. Das Nachschlagewerk des Fürstentums enthielt ein lückenloses Verzeichnis aller Staatsdiener und Institutionen. Es listete sämtliche Personen auf, die im Staatsapparat, in der Justiz, im Militär, in den Kirchenbehörden, Lehranstalten oder im medizinischen Dienst eine Funktion innehatten – inklusive ihrer Ränge und Titel. Wenn man wissen wollte, wer der amtierende Hofrat, Richter oder Steuereintreiber in einer bestimmten Region war, schlug man im Hofbuch nach. Ferner überlieferte es eine genaue Aufzählung der landesherrlichen Familie und deren Genealogie (Stammbaum). Die Träger staatlicher Orden, Ehrenzeichen und Adelstiteln waren verzeichnet
In der Gründerzeit siedeln sich Textilfabriken in Bettenhausen an, allen voran die Salzmann-Werke (1891), einem Produzenten von Segeltuch und martialischem Equipment. Im Jahr 1906 verliert Bettenhausen seine Selbstständigkeit. Wegen der Schlüsselindustrie wird der Kasseler Osten bei alliierten Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt.
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Kairo stand auf der dritten Bahn des halboffenen Fünfzig-Meter-Standes. Er trug einen Pferdeschwanz – ein optischer Fremdkörper neben den geschorenen alten Hasen, die von einer Neigung zur Uniformierung gleichgeschaltet wurden. Statt der obligatorischen Schießjacke trug er einen Parka mit abgetrennten Ärmeln. In seinen Gehörgängen steckten Zigarettenfilter. Kairo schoss eine Krico-Repetierbüchse im Kaliber .22lr. Hinter ihm stand die Bogenschützin Gunda und sah dem Schulfreund über die Schulter. Zu ihrem Erstaunen atmete sie den Mix aus Ammoniak und Nitro nicht ungern ein.
Kairo kurbelte die Zielscheibe über den Seilzug in seine Reichweite. Der schwarze Kreis in der Mitte war durchlöchert. Drei Schuss, eine enge Gruppe. Gunda betrachtete Kairo und die Scheibe in einem Empfindungsgewitter. Sie sollte das alles verabscheuen. Es war so unerträglich militaristisch. In der Schule redeten alle von Entmilitarisierung, von der strukturellen Gewalt und repressiven Toleranz des Staates und der revolutionären Befreiung der Gesellschaft. Das passte nicht zu der Bewunderung, die sich in ihr breitmachte. Ja, sie bewunderte Kairo. Und während sie es sich eingestand, begriff sie, wie wenig ihr die sterilen Herolde der Revolution in Wahrheit zu sagen hatten.
„Zeig mir das“, bat sie mit belegter Stimme.
Kairo schob sich hinter sie und drückte ihr das Gewehr in die Hände. Gunda schmiegte sich an ihn. Seinen Leib nahm sie wie eine Lafette als schützende Verstärkung wahr. Vor Anspannung hielt sie die Luft an.
„Du musst weiteratmen“, raunte Kairo. Sein Atem streifte ihr Ohr. „Erspür den Druckpunkt.“ Er war in seinem Element. „Warte noch, es geschieht von selbst.“
Gunda empfing den fremden Herzschlag wie eine Botschaft. Die raubtierhafte Konzentration und die überwältigende Nähe des männlichen Körpers – sie blickte über den Lauf. Die Kimme stand scharf vor ihrem Auge, das Korn saß darunter, und dahinter tanzte verschwommen der schwarze Scheibenpunkt.
„Nicht die Scheibe jagen“, flüsterte Kairo. Seine Lippen berührten ihre Schläfe. „Lass den Kreis tanzen. Er kehrt immer wieder in die Mitte zurück. Atme ihn ein.“
Kairos Brustkorb an ihrem Rücken … sie spürte seine Härte an ihrem Po. „So kann ich mich nicht konzentrieren“, flüsterte sie.
„Doch das kannst du.“
Ihr Zeigefinger suchte den Widerstand des Abzugs, er wanderte über den Grat des Druckpunkts. Als Bogenschützin wusste sie, worauf es ankam. Das erfüllte sie mit Stolz. Das war die falsche Regung. Ist nichts zwischen Reiz und Reaktion, dann ist da auch kein Stolz, kein Bewusstsein, kein Wille und keine Sprache. Wu-Wei – 無為 – das absichtslose Handeln, bei dem man im Fluss des Lebens (Dao) mitschwimmt – neither resist nor insist. Laozi sagt: „Der Weise tut nichts, und doch bleibt nichts ungetan.“
Das normale Handeln (Yu-Wei) wird vom Verstand, von Absichten, Zielen, Ängsten oder dem Wunsch nach Anerkennung gesteuert. Man will das Ergebnis kontrollieren. Das erzeugt Druck. Überträgt sich der Druck auf den Abzug, verzieht das Gewehr.
„Nicht die Scheibe jagen“, flüsterte Kairo. Seine Lippen bewegten sich so nah an Gundas Schläfe, dass die Stimme auf ihrer Haut vibrierte. „Lass den Kreis tanzen. Er kommt immer wieder in die Mitte zurück. Atme ihn ein.“
Gunda folgte dem Rhythmus des führenden Atems. Oh ja, sie kannte das Momentum. Es war das absolute Gegenteil von Kraft und Zwang. Beim Bogen gab es diesen einen Punkt, an dem der Pfeil die Sehne verließ, nicht weil der Finger losließ, sondern weil das Halten im Moment der vollendeten Balance aufhörte. Man musste in dem System aufgehen, bis die Trennung zwischen Schütze, Waffe und Ziel kollabierte.
Zwischen zwei Atemzügen brach der Schuss. Kairos monumentale Verstärkung ihrer Schulter absorbierte den Rückstoß fast vollständig. Adrenalin schoss Gunda ins Blut. Eine Ewigkeit in Sekunden standen Gunda und Kairo eng ineinander verkeilt, ihr Kopf an seinem Hals. Sie erlebte seinen genitalen Puls als unausgesprochenen Höhepunkt. Beide wussten, dass das, was gerade passierte, mehr Taug hatte in ihrem Leben als jede K-Gruppen-Flugblattaktion. Ja, Kairo und Gunda besaßen die stille Radikalität der Existenz. Sie waren das Salz der Erde – aus jenem harten Holz geschnitten, das Katastrophen übersteht und das Fortbestehen der Menschheit sichert. Sie besaßen Substanz.
„Gut gehalten“, sagte Kairo leise. Es klang wie ein Schwur auf alles, was noch kommen sollte.
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Im Daoismus sind Erotik (Sexualenergie/Jing) und die existenzielle Erfahrung (Wu-Wei) untrennbar verbunden. Beide Zustände brechen das Ego auf und führen in die absolute Gegenwart. Allerdings hatte Gunda einen Freund. Dazu bald mehr.