Turning Danger into Performance – Menschliche Stolperdrähte
Die alte Bundesrepublik – Ein Land, das seinen eigenen Untergang plante
Die Berliner Republik hat die alte Bundesrepublik beinahe restlos überschrieben. Das Westdeutschland der 1970er Jahre erscheint heute wie eine versunkene Zivilisation: eigentümlich provinziell und zugleich in einer historischen Spannung vibrierend, die sich in der Gegenwart kaum noch rekonstruieren lässt. Ihre Gerüche, Geräusche und Gewissheiten haben sich verflüchtigt. Das kollektive Gedächtnis streikt.
Westdeutschland war ein Labor der Widersprüche. Da war zunächst die sozialdemokratische Verheißung: das kollektive Aufstiegsversprechen. Es wurde eingelöst. Die zur Realität gewordene Utopie wirft keinen historischen Schatten. Die Bildungsexpansion stieß Türen auf, die über Generationen fest verschlossen waren. Die Gewerkschaftskultur bei VW gestattete vielen ein Dasein, das weit über den bloßen Broterwerb hinausging. Mittelständische Zugehörigkeit war eine allgemein erreichbare Marke. Und wenn man sechzehn war, dann ließ sich die Freiheit auf einer Kreidler Florett mit Händen greifen – zwischen Vorstadtsiedlung, Gesamtschule und Baggersee.
Es war die Ära der Reihenhaussiedlungen, Familienkutschen, Schrebergärten und Urlaubskarawanenreisen gen Süden. Kolonne-fahren im zivilen Gleichschritt der Wohlstandszuwächse. In einem Augenblick quälten sich noch alle untermotorisiert in Gebrauchtwagen über den Brenner – mit kochenden Kühlern, defekten Zylinderkopfdichtungen und zerfetzten Keilriemen, und im nächsten Augenblick stand der fabrikneue Audi 100 in der privaten Auffahrt. Der Aufstieg vollzog sich nicht in Generationen, er explodierte in einer einzigen Dekade. Es war eine Dynamik von schwindelerregender Geschwindigkeit, die wir heute vollkommen vergessen haben. Man trank erst mal einen Dujardin auf die nukleare Bedrohung, feierte klebrige Kellerpartys mit Racke Rauchzart und Lambrusco, bevor die Tupperware-Versiegelung des Alltags begann. Während Pershing- und SS-20-Raketen in Stellung gebracht wurden, gelang in Westdeutschland eine beispiellose Vermögensumverteilung. Der Kapitalismus zähmte sich selbst, weil der Systemkonflikt direkt vor der Haustür stand – und er schuf eine breite, saturierte Mitte, wo kurz zuvor noch Trümmer und nackte Armut waren.
Unter einer Decke aus Wohlstand lag die atomare Apokalypse. Die BRD plante im Geheimen ihren eigenen Untergang. Die Topografie der Lebenswelt überlagerte eine militärische Landkarte. Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien waren nie nur zivile Verkehrswege. Behörden und staatliche Institutionen erwarteten den Ausnahmezustand. Im Ernstfall wäre das Land in Stunden zum nuklearen Schlachtfeld geworden – zum verseuchten Transitterritorium für imperiale Armeen.
Das Absurde war die lähmende Selbstverständlichkeit, mit der die Aussicht auf Vernichtung mit unserem Alltag koexistierte. Man ging zur Arbeit, kaufte Schrankwände, schickte die Kinder zur Schule und buchte den nächsten Urlaub. Willy Brandt, die Ölkrise, der RAF-Terror – bei alldem übersah man, dass das Jüngste Gericht nicht mehr nur ein religiöses Motiv mehr. Dann schlug das Pendel in die andere Richtung aus. Mit Margaret Thatcher kam die Kälte aus dem Westen, es kam der Neoliberalismus und New Economy. Das sozialdemokratische Projekt kollabierte lautlos. Als die Mauer fiel, die atomare Bedrohung beseitigt und der Systemkonflikt entschieden schien, entfesselte sich der Markt. Die solidarische Gemütlichkeit der Bonner Republik erledigte sich im Handumdrehen.
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Wir schreiben das Jahr 1978. Vier Jugendliche bewegen sich querfeldein auf Rothwesten zu. Gunda, Ariane, Kairo und Jarek. Alle sind Begünstigte der sozialdemokratischen Bildungsreformen. Sie werden die ersten in ihren Familien sein, die als Abiturienten ins Rennen gehen. Ariane, Kairo und Jarek stammen aus dem Kasseler Osten, Gunda ist in Rothwesten zuhause. Die Freunde sind selbstverständlich links. Sie kritisieren den Radikalenerlass der Ära Brandt/Schmidt und ahnen nicht, dass sie längst Teil eines apokalyptischen Drehbuchs sind.
Mehr zu einem kaum beachteten Kapitel des Kalten Krieges – die Stay-Behind-Organisationen (Operation Gladio) und die paramilitärische Unterwanderung ziviler Strukturen zur Vorbereitung eines Partisanenkrieges unter den Vorzeichen eines sowjetisch besetzten Westdeutschlands ab den 1950er Jahren. Colonel Aaron Bank gilt als „Vater der Green Berets“. Er war im Zweiten Weltkrieg OSS-Agent und gründete 1952 die 10th Special Forces Group. In Erwartung einer sowjetischen Invasion wurde die Einheit 1953 nach Bad Tölz verlegt. Bank war mit den Spielarten unkonventioneller Kriegführung betraut. Die CIA und der Bundesnachrichtendienst steuerten die Stay-Behind-Netzwerke. Sportvereine, Pfadfinderverbände, Schützenbruderschaften, der Katastrophenschutz und das Technische Hilfswerk wirkten ahnungslos mit. Geheimdienste suchten gezielt nach besonders kriegstüchtigen Personen. Die oft ahnungslos Eingegliederten wären bass erstaunt gewesen, hätten sie gewusst, dass sie ein Bedeutungsfaden mit dem Pentagon und der CIA verband.
Das zweischneidige Rekrutierungsmuster
Da man Schattenkrieger suchte, die bereit waren, in einer sowjetisch okkupierten Bundesrepublik auf verlorenem Posten zu kämpfen, griffen die Netzwerke (ab der Organisation Gehlen) auch auf Personal der Wehrmacht, der SS und rechtsextremer Gruppen zurück.
Der Warschauer Pakt sollte im nordhessischen Nadelöhr seine Anlaufgeschwindigkeit verlieren. In den Weilern rund um Kassel lebten Waldläufer, die als menschliche Stolperdrähte zur Entschleunigung motorisierter Vorstöße eingeteilt worden waren – ohne selbst auch nur das Geringste davon zu wissen.
Das THW als strukturelles Chamäleon
Das Zauberwort „Katastrophenschutz“ war eine wasserdichte Tarnkappe. Es lieferte dem Kalten Krieg eine zivile Matrix. Der westdeutsche Staat besaß eine Doppelstruktur: Jede zivile Infrastruktur hatte ein klandestines militärisches Negativ.
Das Technische Hilfswerk (THW) – im August 1950 auf Betreiben des Bundesinnenministeriums gegründet – ist das Paradebeispiel für diese janusköpfige Architektur.
Offiziell ging es beim THW um die Beseitigung von Unwetterschäden und um weltweite humanitäre Hilfe. Zugleich war das THW die ideale paramilitärische Reserve. THW-Helfer besaßen Fähigkeiten, die man für einen Infrastrukturkrieg braucht: Brückenbau, Bergung unter Trümmern, Freiräumen von Marschwegen, Sprengtechnik und Notstromversorgung.
Das THW organisierte zehntausende Männer unter zivilen Vorzeichen in uniformierten Strukturen.
Die Bundesrepublik durfte nach 1945 zunächst keine reguläre Armee aufstellen. Die Gründung des Bundesgrenzschutzes (BGS) im Jahr 1951 bildete das Fundament und den personellen Grundstock für die Bundeswehr.
Der BGS als verdeckter Armee-Grundstock
Der BGS wurde als paramilitärische Polizeitruppe des Bundes aufgestellt. Er war kaserniert, militärisch strukturiert, mit leichten Infanteriewaffen ausgerüstet und besaß völkerrechtlich Kombattantenstatus. Nach Gründung der Bundeswehr 1955/56 wechselten 55 Prozent der BGS-Beamten direkt in die neuen Streitkräfte. Der BGS lieferte somit das schlüsselfertige Kaderpersonal (Offiziere und Unteroffiziere) für die Wiederbewaffnung.
Wer plante den Partisanenkampf?
Der Partisanenkampf oblag den Stay-Behind-Netzwerken. CIA und MI6 bauten zusammen mit deutschen Stellen klandestine Strukturen auf. Der „Bund deutscher Jugend“ und seine bewaffnete Gliederung „Technischer Dienst“ (TD), wurden verdeckt für den Guerillakampf und Sabotageakte geschult und mit monatlich zehntausenden D-Mark finanziert. Paramilitärische Ausbildung fanden in Grafenwöhr und einer geheimen Partisanenschule im Odenwald statt. Für den Fall einer sowjetischen Invasion im Kalten Krieg („Tag X“) sollten sich die Kombattanten von der Front überrollen lassen. 1952 stellte sich heraus, dass der Technische Dienst Liquidationslisten angelegt hatte.
Ehemalige Offiziere der Wehrmacht und der Waffen-SS – angeführt von Oberst Albert Schnez – begannen 1949 eine paramilitärische Truppe aus Veteranen aufzubauen. Die Einheit sollte im Falle eines Angriffs des Warschauer Pakts sofort zuschlagen. Es wurden bis zu 40.000 Mann erfasst und Verstecke mit Vorräten und Treibstoff angelegt. Bundeskanzler Konrad Adenauer überließ es der Organisation Gehlen (den Vorläufer des BND unter Reinhard Gehlen), die Schattenarmee in den bundesrepublikanischen Betrieb einzubinden.
Das Prinzip des getarnten Katastrophenschutzes ging weit über das THW hinaus. Die Geheimdienste – allen voran die Organisation Gehlen und dann der BND webten ihr Stay-Behind-Netzwerk systematisch in die Lebensadern der Republik ein. In den Bundesbahndirektionen saßen Eisenbahner, die im Ernstfall Brücken sprengen oder blockieren sollten, um den sowjetischen Nachschub zu lähmen. Sie kannten jeden Tunnel und jede Weiche. Das Fernmeldewesen war der wichtigste Nervenstrang. Postbeamte wurden konspirativ angeworben, um geheime Telefonleitungen, Funkrelais und Abhörknotenpunkte zu betreuen. Sie stellten sicher, dass das Netz der NATO-Schattenkrieger auch dann noch funkte, wenn die reguläre Kommunikation zusammenbrach. Speditionen und kommunale Fuhrparks wurden erfasst. Im Katastrophenfall Krieg wären Bagger, Lkw und Räumfahrzeuge sofort in die Befehlskette der Verteidigung übergegangen.
Ein junger Mann, der 1963 in Nordhessen zum THW ging, tat dies aus ehrenamtlichem Pflichtbewusstsein. Er wollte bei Hochwasser helfen. Er wusste nicht, dass sein Ortsverband im strategischen General Defense Plan der NATO eine Variable war. Er war jederzeit einsatzbereit. Die Matrix des Kalten Krieges funktionierte so: Die oberste Schicht war friedlicher Katastrophenschutz – die Schicht darunter diente dem Guerillakrieg und seinen hybriden Vorläufern.