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2026-10-01 14:14:18, Jamal

„Wenn das Spiel vorbei ist, kommen der König und der Bauer zurück in dieselbe Schachtel.“ Italienisches Sprichwort

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„Der Kampf wird weit entfernt von den Augen der Zuschauer gewonnen oder verloren – hinter den Kulissen, im Fitnessstudio und draußen auf der Straße, lange bevor ich unter diesen Scheinwerfern auftrete.“ Muhammad Ali

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„Um etwas zu erreichen, was andere nicht erreichen wollen, musst du Dinge tun, die andere nicht tun.“ Lazar Angelov

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„Beharrlichkeit kann Misserfolg in außergewöhnlichen Erfolg verwandeln.“ Matt Biondi

Prinz und Brigant

Nach Naomis Hochzeit war ich oft mir selbst überlassen und dabei nicht immer so unglücklich und ratlos wie dann doch noch oft genug. Die Party ging weiter, auch auf dem Sterling-Anwesen nahe dem Lanana Creek und dem historischen Camino Real de los Tejas – dem heutigen Highway 21. Schlussendlich war Cissies Ahnherr, Charles S. Sterling, um bei dem Namen zu bleiben, dem er selbst den Vorzug gegeben hatte, im Schatten der spanisch-mexikanischen Festung Nacogdoches häuslich geworden.

La Casa Piedra hieß das 1779 von Antonio Gil Y‘Barbo erbaute Fort. Die Golfbrise war vielleicht schon ein erster Atemzug der Canícula, jener bleiernen Hundstage. Sie trug den Duft von Magnolien und frischem Harz auf die Veranda. Aus Richtung einer Remisenflucht, die einst Kaleschen beherbergte, drang das Ticken einer mechanischen Zeitschaltuhr – ein rhythmisches Zahnradgeräusch, das von metallischem Klacken unterbrochen wurde. Dann zog ein Relais an, und mit einem dumpfen Zischen schoben sich Messingdüsen wie U-Bootteleskope aus dem satten Grün.

Cissy nahm meine katholisch-kreolischen Eröffnungen mit aufreizender Unaufgeregtheit zur Kenntnis. Es war ihr Texas, ihre Veranda und ihr Nachmittag, und der deutsche Klugscheißer, der ich war, amüsierte sie bestenfalls. Die Wahrheit, die ich ihr soeben nahegebracht hatte, war ein exotisches Ornament und ganz bestimmt kein Abgrund. Irgendwann war mal jemand aus ihrer Verwandtschaft schwarz und bis zum Wahnsinn verwegen gewesen. So what. Oder eher noch: wie aufregend; war er doch Prinz und Brigant. Cissies Nonchalance unterschied sich sehr von den Attitüden anderer Southern Belles. Sie spielte für mich mit einer Locke, während ihr Blick träge über das besprenkelte Rasenparadies glitt, auf dem die Regner ratterten und das Licht in glitzernden Bögen brachen.

Mir war, als sollte ich nähertreten, um in einem verschwiegenen Augenblick meiner Minne körperlichen Nachdruck zu verleihen. Auf dem Highway beschleunigte ein Pickup-Truck. Aus offenen Fenstern soundete das Bass-Intro von ZZ Tops „Legs“. Cissy nahm den Rhythmus auf, kaum merklich, ein winziges, träges Wiegen im Becken. Als schien sie sich selbst in dem ikonischen Video wahrzunehmen – so eine war sie, so sah sie sich, eine jener unerreichbaren, aber doch nicht unberührbaren MTV-Göttinnen im flirrenden texanischen Asphalt-Haze, die Männer mit einem Augenaufschlag lenkten.

Sie vollzog an sich selbst die Apotheose. Sie brauchte nur die Gewissheit ihrer makellosen Präsenz. Das war der Moment, in dem sie mich zuließ. Nicht aus einem und sei es noch so rudimentären Verlangen, sondern weil ich ein Spiegel ihres narzisstischen Flows war. Ich reflektierte das Schauspiel ihrer Eigenliebe.

Cissy betrachtete mich wie einen Hund, der Anschluss sucht. Sie zeigte sich bereit, mich zwischen den Ohren zu kraulen. Es bedeutete nichts und doch geschah es wie unter Zwang. Ich hatte in meinem Jahr in Texas ein Dutzend solch somnambuler High-Society-Tête-à-têtes.

In meinem Kopf spukte Naomi. Sie nagte an meinem Herzen. Naomi war zur Obsession geworden. Cissies beleidigend beiläufiges Entgegenkommen lenkte mich ab.

„Du solltest nicht so viel graben und grübeln, Mr. Teichmann“, sagte sie süß. „Hier in Nacogdoches lassen wir die Dinge gern da, wo sie hingehören. Unter der Grasnarbe.“

Weiter kamen wir nicht. Ein selbstbewusster Schritt ließ die Verandadielen vibrieren. Cissies Superlover kreuzte auf. Seine Bugwelle schob mich auf den Rasen. Beaufort ‚Beau‘ Blount, seines Zeichens Anwalt und Vizepräsident einer Rinderzucht Assoziation, war ein wandelndes Klischee aus gestärktem Denim. Eine Gürtelschnalle von der Größe einer fliegenden Untertasse prahlte über der Penisbeule.  

Selbstverständlich entstammte Beau einer First Family, wenn auch nur von Nacogdoches. Ihr monumental-viktorianisches Anwesen an der Mound Street gehörte zu den städtischen Wahrzeichen. Die Blounts verkörperten die Synthese aus altem Plantagen- und neuem Öl-Geld. Der Reichtum hatte sich – wie geologische Schichten – über fast zwei Jahrhunderte abgelagert und sein eigenes Sediment generiert. Im Fundament steckte das Old Three Hundred-Erbe: Imperien aus geraubtem Land, Sklavenwirtschaft, Baumwollpiraterie und Holzeinschlägen im Piney-Woods-Gürtel, gefolgt vom Segen des Spindletop-Booms, der bloody Cotton-Money in Öl wusch und in ein unantastbares Geflecht überführte.

Das Öl war ein historisches Waschmittel. Der Spindletop-Boom machte aus delinquenten Landnehmern respektable Tycoons. Die Nobilitierten investierten stets auch in Rinder und Pferde. Sie lebten sportlich auf ihren Gestüten. Dass ich, ein Kind des nordhessischen Plattenbaus, auf ihren herrschaftlichen Landsitzveranden herumsaß und mit den Debütantinnen mehr oder weniger artig parlierte, verdankte ich einem zynischen Snobismus. Der Patrizier-Adel fand auch die Come-and-take-it-Rücksichtslosigkeit seiner Stammväter vorbildlich. Im Übrigen war dem Bodensatz die Landesgeschichte gleichgültig; kein Trailer-Park-Boomer scherte sich ums koloniale Erbe.

Ich hatte mit meinem Texasspleen meine eigene analoge Krypto-Währung erfunden und ein intellektuelles Schürfrecht erworben. Die dynastischen Nachkommen von Tejano-Desperados gewährten mir Zutritt. Eine Saison lang war ich das Maskottchen der Southern Belles und Beaus und dann war ich auch noch eine Saison lang der schräge Vogel aus Germany.

Cissy und Beau begrüßten sich so innig, als wäre ich überhaupt nicht da. In gewisser Weise war ich das auch nicht. Beau kickte mich mit jener Beiläufigkeit aus Cissies seelischem Emfangsraum, mit der schon seine Vorfahren von einem ewigen Vorfahrtsrecht Gebrauch gemacht hatten. In ihrer von Chris-Kyle-Vätern geprägten Weltsicht existierte diese unerbittliche texanische Dreifaltigkeit, die wie ein Dogma weitergereicht wurde. Es gab auf dieser Erde Schafe, Wölfe und Schäferhunde. Die Schafe leugnen das Böse und stehen wehrlos auf der Weide. Die Wölfe reißen die Schwachen. Und dann gibt es die Schäferhunde, die mit der Gabe der Aggression gesegnet sind, um die Herde zu beschützen. In dieser Ordnung, in der Väter ihren Söhnen einschärften, dass in ihrer Familie keine Schafe gezüchtet würden, war ich das gelehrige Schaf aus der alten Welt und Beau der Schäferhund, der gar nicht erst knurren musste.

Zu den Chris-Kyle-Vätern

In American Sniper trägt der Krieg keine Uniform, wenn er nach Hause kommt. Er sitzt am Küchentisch, liegt nachts wach neben Chris Kyle und fährt unsichtbar auf dem Beifahrersitz durch die Straßen. Clint Eastwood erzählt den Krieg nicht als großes Schlachtengemälde, sondern als etwas, das sich langsam in einen Menschen einnistet. Kyle, gespielt von Bradley Cooper, wird zur Projektionsfläche eines amerikanischen Selbstbildes: Beschützer, Familienvater, Soldat, Patriot. Im Irak scheint die Welt zunächst einfach – Freund und Feind, Deckung und Ziel, Leben und Tod. Je länger der Film in dieser Welt verweilt, desto poröser werden die Grenzen. Der Scharfschütze sieht alles gestochen scharf und verliert doch zunehmend den Blick für das Leben außerhalb des Schlachtfeldes. 

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Auf eine dezente Weise provozierte Cissy meine Herabsetzung. Sie schmiegte sich an Beau und sah an mir vorbei ins Leere, während seine dominante Hand Besitz von ihrer Hüfte ergriff. Im Spiel der Dynastien gab es für mich keine Rolle. Ich stand da wie ein Tagelöhner, der dem mexikanischen Gärtner einen Schlauch hinterherträgt. Ich badete in Drachenblut und wusste es. Meine Lächerlichkeit war weiter nichts als die Kehrseite einer akademischen Karriere. Die machtgesättigten Herrenreiter hatten eine unheilbare Schwäche für extraordinäre Stunts. Meine Erkundungen ihrer Ahnenlinien dachten sie mit Schneid zusammen. Für mich war es Akribie, für sie, ein akademischer Husarenritt. Ich griff ihr Deutungsmonopol an, ausgerechnet in Nacogdoches, der ältesten Stadt des Staates. Angriff ist wieder zu viel gesagt; niemand sah in mir einen Angreifer, sonst wäre ich umgelegt worden. Violence as a Service gab es schon damals. Nein, ich war unterhaltsam, ein Barbecue-Buddy, der gern mal am Grill (einer Spezialanfertigung) stand und über die Größe der Steaks staunte. Kurz gesagt, ich war der ordnungsgemäß kastrierte Betrachter ihrer heroischen Pracht. Ein außergewöhnlicher Wallach.

Die Dynasten sammelten Dinge. Sie kauften Rinder, Land, Kunst und eben auch exzentrische Köpfe. Mehr als einmal bot man mir mietfrei ein Haus an. Ich sollte mich nur um meine Green Card kümmern, für den Rest würde gesorgt sein. Das war kein leeres Gerede, vielmehr patronisierende Großzügigkeit auf Premiumniveau. Hätte ich es gewollt, ja, ich wäre eingemeindet worden.  

Aus dem Off  

Am Überlebensgroßen zu schnuppern, war für Jarek eine Droge. Doch der Preis für einen Rausch in der ersten Reihe war hoch. Jarek musste akzeptieren, dass er in diesem System der privilegierte Zuschauer bleiben würde.

Southern Belles waren seine Sirenen. Mit ihrer lasziven Nonchalance zogen sie ihn magisch an. Sie lockten den Kasseler Klugscheißer aus seiner Komfortzone auf die Klippen des Exzesses. Sie waren auch seine Nornen – die Wächterinnen seines Schicksals in Texas. Cissies scheinbar nur so dahin gesagter Satz – „In Nacogdoches lassen wir die Dinge gern da, wo sie hingehören. Unter der Grasnarbe“ – war ein Orakelspruch und eine Warnung der Schicksalsschwester. Jarek gehörte den texanischen Nornen und sie bestimmten, was mit ihm geschah. In diesem mythologischen Spannungsfeld war Jareks Voyeurismus ein ritueller Akt. Er musste zusehen, wenigstens bis auf Weiteres.  

Der akademische Reitlehrer  

Hätte er die Großangebote angenommen, wäre Jarek das intellektuelle Äquivalent zu James Hewitt, Prinzessin Dianas Reitlehrer, geworden. Zu einem dekorativen Dienstleister des Herzens und des Geistes. Zu demissionieren bedeutete die Rettung seiner bürgerlichen Autonomie.