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2026-09-29 11:25:08, Jamal

Turning Danger into Performance – Bürgerliche Spielregeln  

Ich sehe eine Walschule im ozeanischen Himmel. Sie ist auf dem Weg nach Texas. Die Wolken schweigen in ihrer Weisheit. Sina hat gerade angerufen. Sie wollte wissen, wie ich den Affären-Marathon mit Evangeline, Naomi, Martha und … überlebt habe. Die Wahrheit ist: Ich habe etwas ausgelassen. Ich habe es nicht vergessen, ich habe es einfach noch nicht enthüllt. Und auch jetzt verrate ich es noch nicht. Wartet es einfach ab.

Bei Bataille entdecke ich den Begriff der „souveränen Ungeheuerlichkeit“. Der Autor wendet das Wort auf einen Mann aus, der um 1660 in der Nähe von Nantes in eine Kirche stürmte, um einen Feind zu töten. Für die Zeitgenossen wog die Entweihung der Kirche schwerer als das Vergießen von Blut. An einem anderen Ort wäre eine Tat gegen Leib und Leben nicht zwangsläufig als Mord bewertet worden. Dem souveränen Ungeheuer gelang die Flucht nach Akadien (im heutigen Maine). Die Kolonie gehörte der französischen Krone. Der Berserker taufte sich selbst auf den Namen Pierre Caprice. Er floh aus der spärlichen Zivilisation in das Land der Wabanaki-Konföderation, gründete eine Familie und befahl seinen Söhnen, ein rücksichtsloses, unerschrockenes, aber vor allem prachtvolles Leben zu führen. Soweit wir wissen, starb Pierre Caprice ohne Reue.

Ein Nachfahre war besonders gewalttätig. Er marodierte mit anderen wilden Weißen im Mississippi-Delta und strandete schließlich am St. Catherine Creek (heute im Bundesstaat Mississippi). Er fristete ein erbärmliches Dasein. Die nächste Generation verleugnete wesentliche Merkmale ihrer Herkunft. Aus einem Caprice wurde der Plantagenpatron Bon Caprice. Er genoss das Leben der weißen Mittelschicht. Bon Caprice überlebte die Natchez-Rebellion und erlebte sogar, wie das Gebiet 1763 Großbritannien zufiel. Seine Söhne litten unter einer Familienzusammenführung. Verwandte, die sich eher in die indigene Richtung weiterentwickelt hatten und die äußerlich nichts mehr von ihrem französischen Ahnherrn an sich hatten, für die Pierre Caprice jedoch ein Heiliger war, beschworen eine gemeinsame Abstammung herauf. Sie deklassierten den Caprice am Catherine Creek.

Lafayette im Frühjahr 1985/Jarek erzählt

Martha öffnete die Knöpfe meiner Lewi‘s. Ich war jung und – wenigstens nach den bürgerlichen Spielregeln – ungebunden. Die Sache versprach Fun & Thrill. Und schlafende Hunde soll man bekanntlich nicht wecken. (Die Bemerkung bezieht sich auf Ghost-Dog-General Foreman, der bei meinem Besuch in seinem Haus in Lafayette einfach eingeschlafen war.)

Wie alle, die von Sprache eingenommen sind, neige ich zu Leichtgläubigkeit. Die Leichtgläubigkeit unterminiert das Vorgefasste. Andere sichern ihre Standpunkte auf Teufel komm raus. Ich steige ungesichert wie ein Liebender in das Bergwerk eines jeden und entdecke Schätze. Ich glaube erst einmal alles. Das heißt, ich glaube nichts. Aber das weiß ich nicht. Erst Stunden nach der Begegnung fangen meine Zweifel an, die Bilanz zu orchestrieren. Während sich jemand noch im Besitz meiner Zustimmung wähnt, hackt mein System ihn schon klein. Er wundert sich dann, was er über sich lesen muss. Ich wundere mich auch, vermutlich bin ich sogar mir selbst gegenüber leichtgläubig.

Die Intimität mit Martha bewertete ich als Initiation. Sie erlebte den Vorgang vermutlich als Dechiffrierung. Sie wollte etwas von mir (über mich) wissen. Sie hatte slawische Züge, das Delta schwitzt eine Völkerwanderung aus. Martha unterbrach abrupt ihre erotischen Erkundungen, griff nach einer Marlboro, das Bett hätte in einem Bordell um 1890 seine Sprungfedern lassen können. Über uns drehte sich der Ventilator klassisch unter einer fleckigen Decke. Das Ganze sah aus wie eine Dirty-Harry-Filmkulisse. Ich glaubte nicht, dass Foreman der Gang der Ereignisse entgangen war.

*

In der Spanne zwischen 1803 und 1865 überlebten in Louisiana – beinahe wie in einem magischen Andersland – schwarze und kreolische Parallelgesellschaften, die ihren Ursprung in der pragmatischen spanischen Freizügigkeit hatten. Die Spanier hausten nur aus einem Grund nicht in Louisiana. Es gab da nichts zu exploitieren. Das Territorium diente als Puffer zwischen den spanischen Interessen in Mexiko und den expansiven angloamerikanischen Kolonien. Es gab freie Schwarze mit Eigentum, Handwerk, Bildung, katholischer Identität, dynastischen Strukturen und einem Selbstbewusstsein, das nicht in das US-amerikanische Schwarz-Weiß-Schema passen wollte. Die Abschaffung der Sklaverei bedeutete für diese Gruppen der Anfang einer neuen Deklassierung. Erst jetzt wurden sie von einem Rechtssystem flächendeckend erfasst, das Freiheit zwar versprach, Gleichheit aber untergrub. Das ist die umgekehrte Dramaturgie, die wir sonst erzählen: Vor 1865 Unfreiheit, danach Freiheit. Vor 1865 existierte trotz der Sklaverei eine erstaunlich differenzierte schwarze und kreolische Welt; nach 1865 wurde diese Welt eingehegt, nivelliert und marginalisiert. Diese kreolische Welt nicht bloß ein pittoreskes Überbleibsel der französisch-spanischen Vergangenheit, sondern der Rest einer Gesellschaft, die 1803 aus einer anderen Rechts- und Kulturwelt in die amerikanische gezwungen wurde.

*

Martha blieb unbesorgt. Vermutlich fand sie mich niedlich, weil sie keinen Widerstand spürte. Aber mein Reptiliengehirn hatte sie längst auf den Seziertisch verfrachtet. Da lag die Beute wie ein ahnungsloses Kind. (Ein Weißbrot mit einem Akzent wie Marmelade.)

Ich fuhr einen Ford-F-150 Pickup, das Modell war erst seit Wochen auf dem Markt. Die Sonne schlug auf die Windschutzscheibe, Martha hatte den Ausflug vorgeschlagen. Sie hatte die Potenz eines ballistischen Körpers, Sie dürfen mir diesen Quatsch ruhig übelnehmen. Meine Haut erinnerte die Hornhaut ihrer Hände. Nun wusste ich schon einiges. Die ersten Ghost Dogs waren in den 1870er Jahren bemerkt worden, als ethnische und soziale Randerscheinung. Es könnte sie schon immer gegeben haben. Denken Sie an Pierre Caprice. Entscheidend scheint gewesen zu sein, dass die Rassenzugehörigkeit nicht die Klammer bildete. Das waren Leute mit Anpassungsschwierigkeiten, die sich über feststehende Begriffe von Zugehörigkeit und Legalität hinwegsetzen konnten.

Marthas Schenkel öffnete sich für mich. Ich war ein Zwerg in ihrem Schoß, schon klar.

Der Ford stank nach Erstzulassung. Martha wollte noch etwas einpacken, ich hielt vor einem viktorianischen Bau. Ich wartete, sie hätte es sich auch anders überlegen können. Sie stieg wieder ein, wir versenkten die Seitenfenster. Die Luft roch nach Abend, Salz und Kiefern. Wir passierten das Atchafalaya Basin, die Raffinerien im Marschland fackelten malerisch Gas ab.

„Lass uns umkehren“, bat Martha.

Ich wendete bei der nächsten Gelegenheit (viele Meilen später). Noch einmal fuhren wir durch Lafayette. Bald bildeten Raffinerien eine illuminierte Kette an der Küste. Ich fühlte mich wie auf LSD. Plötzlich Prärie – nun war der Himmel so klar, dass er die Nacht erhellte. Wir unterbrachen die Fahrt, sobald wir die Staatsgrenze passiert hatten, um in einer Bar wie jedermann Lone Star-Bier zu trinken. Die Flagge der Konföderierten erschlaffte hinter dem Tresen, Martha sah in die Frettchenaugen von circa fünfzig betrunkenen und bewaffneten Honks. „An armed society is a polite society.“ Bei unserem Eintritt lief „Highwayman“, ich hörte sehr zu meinem Vergnügen Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson. Ich versuchte erst gar nicht, nicht provozierend zu wirken, das hätte sowieso keinen Zweck gehabt und wäre mir außerdem als fischiges Verhalten ausgelegt worden. Die Männer wandten sich bald wieder den Billardtischen zu. Jemand blockierte die Jukebox, um sicher zu gehen, dass nicht die einzigen drei Soultitel im Angebot aufgerufen wurden. „Come and take it.“ Ich war wieder in Texas und in einer großzügigen Betrachtung immer noch auf der I-10.

*

In der Provincia de Luisiana existierte die Klasse der Gens de couleur libres – freie Menschen ‚von Farbe‘. Zur Zeit, als Grand Slam Coogan sich im Cabildo seine Passierscheine holte, das Gebäude steht heute am Jackson Square, direkt neben der St. Louis Cathedral; es wurde 1795–1799 unter spanischer Herrschaft errichtet und war Sitz des kolonialen Stadtrats, machten sie fast ein Drittel der freien Bevölkerung von New Orleans aus – eine gesellschaftliche Realität, die es in den anglo-amerikanischen Staaten der US-Ostküste nicht gab.

Diese Inseln der Freiheit waren sowohl geografische Zufluchtsorte als auch rechtliche und wirtschaftliche Schutzräume. In New Orleans waren freie Schwarze keine Exoten. Das spanische Recht schützte ihren Status rigoros. Sie besaßen eigene Häuser im Vieux Carré (dem heutigen French Quarter), erwarben Land entlang des Mississippi und betrieben florierende Geschäfte als Handwerker, Zigarrenmacher, Händler und Gastwirte. Die stärkste und stolzeste Säule schwarzer Freiheit war das Regimiento de Morenos Libres – die reguläre Miliz. Sie stand unter direktem Befehl des spanischen Gouverneurs. Schwarze Offiziere trugen den Degen, erhielten Sold aus der königlichen Kasse und genossen das Fuero Militar. Sie durften bei Vergehen nicht von zivilen (weißen) Gerichten verurteilt werden, sondern nur von ihren eigenen Militärrichtern.

Wer nicht das Geld für die Coartación (den Freikauf) hatte und trotzdem das Verlangen, sein eigener Herr zu sein, schuf sich seine Freiheit in der Geografie. In unpassierbaren Zypressensümpfen und Bajous direkt vor den Toren von New Orleans – rund um den Lake Borgne und Barataria – existierten klandestine Siedlungen entlaufener Sklaven, die Marron-Kolonien. Die berühmteste dieser Inseln – Terre Gaillarde aka Bas du Fleuve – wurde von Jean Saint Malo regiert. In den frühen 1780er Jahren bauten seine Männer befestigte Dörfer im Schlamm, trieben Handel mit freien Schwarzen in der Stadt, schmuggelten Holz und verteidigten ihre Freiheit jahrelang mit Gewehren gegen spanische Expeditionen. Die Sümpfe waren für die Spanier genauso unkontrollierbar wie die Comanchería.

Jeden Sonntag verwandelte sich der Plaza de Congo am Stadtrand von New Orleans in eine temporäre Insel der Freiheit. Das spanische Gesetz verbot Sklavenhaltern strikt, ihre Arbeiter am Tag des Herrn auszubeuten. Sklaven und freie Schwarze strömten zusammen. Sie verkauften eigenes Gemüse und Handwerk, um Silber für den Freikauf anzusparen. Am Nachmittag öffnete sich der Raum für die Kultur. Zum Takt von Bambustrommeln (Bamboulas) und Kürbisrasseln wurden getanzt und gesungen. Für ein paar Stunden war New Orleans nicht spanisch oder amerikanisch – es war afrikanisch, geschützt von Paragraphen der katholischen Krone.