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2026-09-27 15:56:21, Jamal

Turning Danger into Performance – In Badeanzug und Gummistiefeln

Rackwick Bay, Isle of Hoy, Orkney, 2000

Die anglisierte Wikingerin in der struppigen Strandbude bewegte sich erst einmal nicht. Sie sah aus, als seien unter ihren Vorfahren Scoten, Pikten und Nordmänner bei den Orkney-Ahnherrinnen ein und ausgegangen. Über ihr baumelte ein Schild, malerisch windschief: ‚Thora’s Driftwood & Drownings‘. Es war eine orkadische Grenzüberschreitung. Makaber und furztrocken.

Offensichtlich war der Kiosk aus Treibholz zusammengeschustert worden. In Venedig auf der Biennale wäre er gewiss als Kunstwerk durchgegangen. Das dachte Naomi, die weltweit engagierte Kunsthändlerin, in ihrer unübertrefflichen Kunstverachtung.

Thoras Blick war so unnachgiebig wie die Klippen von St John’s Head, die sich im Küstennebel verloren. Ihre Augen waren so kalt und klar wie Schmelzwasser. Obwohl die Kundinnen wenig mehr als Pudelmützen trugen, erkannte das geübte Auge die soziale Champions League. Solche Edeldamen verirrten sich normalerweise nicht in diese Bucht. Nein, Thora fiel auf Naomis absurdes Outfit nicht rein. Vielmehr erkannte sie die Prädatorin in Gummistiefeln. Auch Nana war ihr sofort klar. Gab es nicht Bilder von Königinnen beim Heckenschneiden? Zweifellos war das die richtige Hausnummer. Thoras verfickter Stammbaum hatte Jahrhunderte von Plünderern, Bastarden und skandinavischen Jarlen gesehen; sie roch blaues Blut und räuberisches Kapital drei Meilen gegen den Wind.

Der tobende Atlantik ließ die literatursüchtige Philologin Nana an eine flüssige Klinge denken. Sie assoziierte Schiefer und Blei. Die Wellen brachen sich an pechschwarzen Steinen – the Rackwick boulders –, die im Rhythmus der Brandung aneinanderstießen wie die mahlenden Backenzähne eines vorzeitlichen Megafaunawesens. Klack. Klack. Klack. Ein Geräusch, das Knochen brechen konnte.

Nana, deren linguistisches Ohr auf jede Frequenz der Vergangenheit ansprang, spürte es sofort: Thora sprach zwar Englisch, aber unter ihren Konsonanten lag das Echo von Norn. Norn war das atlantische Silben-Parlando, war die Traumheimsuchung der aufgepeitschten See, die Schroffheit der Felsdorne und das Knarren von Kaperschiffen; war eine Sprache aus Eis und Walfett, die in den Ohren der Sklaven so anders klang als in den Ohren freier, kampfbereiter Männer und ihrer Beutebräute. Als Verkehrssprache vom Kurs abgekommen im achtzehnten Jahrhundert, schwang das Sakrament der Inselfrauen, in den Norn-Stein gemeißelt, in Thoras Kehle wie ein Phantomschmerz mit.

Die Frauen erwartete kein Vergnügen. Sie waren weder geübt noch passioniert in den einschlägigen Metiers. Es war eine Schnapsidee. Und die vertrug in jedem Fall noch einen Schnaps. Nana bestellte:

„Is there any chance we could get something... strong? To fortify the blood?“

Thora hielt taxierend inne. Naomi zauberte einen Schein vor die Nase der Zaudernden. Money makes the world go round.   

„Strong,“ echote Thora spöttisch. Ihr Dialekt singsangte skandinavisch. Sie griff nach der schottischen Bückware. Das war eine Flasche ohne Etikett. Der Inhalt changierte in den Farben von Bernstein. Thora platzierte drei angeschlagene Keramikriesenfingerhüte.

„Whisky,“ mutmaßte Naomi. „Local?“

„Scapa,“ entgegnete Thora. „From the mainland. But it’s sat in my cellar long enough to forget the tax man.“

Naomi würdigte das handfeste Manöver mit einer hochgezogenen Braue.

„Listen to me, mistress. This is strictly off the record. No license, no receipts, no talking. If the police asks, you had tea. If you drown out there with alcohol in your blood, you found that bottle in a ditch. Do we understand each other?“

„Perfectly. Risk is my business. How much?“

Ten pounds a dram,“ sagte Thora, ohne mit der Wimper zu zucken. „And you drink it right here, behind the screen.“

In Schottland verstand man bei den Liquor Licensing Laws keinen Spaß, und für dieses Bretterelend am Ende der Welt gab es keine Ausschankgenehmigung, auch wenn die Constabulary aus Kirkwall im Bilde waren. In diesen Breiten ließ sich nichts verheimlichen.

Thora schnappte sich den Schein zwischen Naomis Finger und zerknitterte ihn in einer Hosentasche.

„Das nenne ich Taschenbuchhaltung“, sagte Naomi auf Deutsch.

Der Preis war astronomisch. Gleichwohl gefiel es Naomi, dass Thora die Spielregeln des Marktes so schamlos zu seinen Gunsten nutzte. Thora entkorkte die namenlose Flasche mit den Zähnen und goss ein. Der Strahl war fast ölig und gab Aromen frei, die sich gegen den Sturmwind behaupteten: beißender Torfrauch, die Süße von feuchtem Heidekraut und die stechende Note von medizinischem Jod. Es roch nach jahrhundertealtem Verfall und kaltem Ruß. Nicht ein Tropfen ging daneben. Thora war mit von der Partie. Nicht aus Kumpanei, sondern weil man auf Hoy einen kriminellen Pakt rituell besiegelt.

Die Frauen hoben die Becher. Drei Welten an einem Strandguttresen.

„To the asset managers of the sea,“ sagte Naomi, während ihr Blick über die Brandung glitt. Sie sah eine schwarze Finne und verschwieg den Schrecken. „May they recognize their own.“

„To the grammar of survival,“ ergänzte Nana. „And the words we bury before they bury us.“

In Thoras Augen blitzte archaischer Respekt.  

„Drukna,“ sagte sie. Mochte es Ertrinken oder Prost bedeuten.

Die Frauen kippten den Whisky.

„Now go,“ sagte Thora nicht unfreundlich. „Before the Atlantic realizes you’re trying to cheat him. And before your tea gets cold.“

Naomi legte einen weiteren Schein auf die verwitterte Theke.

„Done,“ sagte Naomi. „Pour.“

Thora zuckte die Achseln und goss ein. Dann verstaute sie die Flasche wieder. Das Geld war schon in ihrer Sphäre verschwunden.  

„Drink it fast,“ sagte sie und blickte hinauf zu den tiefen Wolken, die sich über den Rackwick boulders zusammenzogen. „Before the Atlantic realizes you’re trying to cheat him. And before the coast guard sees you glowing.“

Oder so – Zwei Frauen, die eine Siebenunddreißig, die andere dreiundvierzig in Badeanzug und Gummistiefeln am Ende der Welt. Die Vögel, die über ihnen kreisen, sind die wahren Herrscher der Klippen: Eissturmvögel, die wie Abfangjäger im Wind stehen, und Skuas  – massive Möwen, die im Flug andere Vögel attackieren, bis diese ihre Beute erbrechen. Gigantische Riesenhaie passieren den Küstenabschnitt. Auch eine Orca-Schule auf Robbenjagd tummelt sich in Sichtweite.    

*

Das Katapult-Modell beschreibt Bewegung als das Zusammenspiel von Vorspannung, elastischer Kraftübertragung und neuronaler Koordination.

Biomechanisch orientiere ich mich dabei an Prinzipien der Tensegrität und der myofaszialen Kraftübertragung. Der Körper wird nicht als eine Ansammlung isoliert arbeitender Muskeln verstanden, sondern als miteinander gekoppelte Struktur. Beginnt der Bewegungsimpuls im Bereich des Beckens und breitet sich als wellenartige Bewegung durch den Rumpf aus, können die elastischen Eigenschaften von Muskeln, Sehnen und Bindegewebe zur Kraftübertragung beitragen. Die Schulter bleibt dabei möglichst frei beweglich und kann die Bewegung weiter in Arm und Hand übertragen. Die Hand wird dadurch weniger zum Ort, an dem die Bewegung erzeugt wird, sondern zum Vektor, über den der Impuls sein Ziel erreicht.

Auf der neuronalen Ebene interessiert mich weniger die Vorstellung eines einzelnen „Schalters“ als die Frage, unter welchen Bedingungen das Nervensystem eine möglichst koordinierte und wenig fragmentierte Bewegung organisiert.

Das Nervensystem verfügt über unterschiedliche Ebenen der Bewegungssteuerung. Spinale und subkortikale Netzwerke können rhythmische Bewegungsmuster organisieren und werden dabei durch sensorische Informationen und höhere Zentren moduliert. Central Pattern Generators sind ein Beispiel dafür: Sie können rhythmische Bewegungsmuster erzeugen, ohne dass jede einzelne Phase der Bewegung bewusst gesteuert werden muss.

Unter Unsicherheit, Bedrohung oder hoher Anforderung kann sich Bewegung verändern. Unter anderem können Schutz- und Ko-Kontraktionsmuster auftreten, die eine Bewegung stabilisieren, aber gleichzeitig ihre freie und ökonomische Ausführung einschränken können. Deshalb versuche ich nicht, einzelne Muskeln oder Gelenke bewusst „richtig“ zu steuern. Ich versuche vielmehr, Bedingungen herzustellen, unter denen mein Nervensystem eine möglichst gute Gesamtkoordination finden kann.

Dafür beginne ich in der Horizontalen. Über rhythmische und wellenartige Bewegungen erkunde ich zunächst die Koordination des Rumpfes, bis sich für mich ein Zustand ausreichender Bewegungsorganisation und Stabilität einstellt. Anschließend arbeite ich mit Bändern in der Horizontalen weiter und nutze dabei die entstehende Vorspannung als Vorbereitung für die vertikale Bewegung.

Mit „Vorspannung“ meine ich dabei nicht nur einen einzelnen physiologischen Mechanismus. Sie beschreibt für mich das Zusammenspiel aus Gewebespannung, neuromuskulärer Aktivierung, elastischen Eigenschaften und dem Gefühl einer gut gekoppelten Bewegung. Wie lange dieser Zustand erhalten bleibt, ist unterschiedlich. Wenn ich merke, dass die Bewegung ihre Kohärenz verliert und die Vorspannung für mich nicht mehr produktiv nutzbar ist, beende ich das Training – auch wenn theoretisch noch weitere Trainingszeit möglich wäre.

Während der gesamten Bewegung halte ich einen externen Fokus. Ich richte meine Aufmerksamkeit also nicht darauf, einzelne Körperteile zu kontrollieren, sondern auf das Ziel der Bewegung. Ähnlich wie beim Werfen entsteht dadurch eine Aufgabenstellung, bei der der Körper die notwendige Koordination möglichst selbstständig organisieren kann.

Mein Ziel ist deshalb nicht, eine Bewegung mechanisch zu reproduzieren. Ich trainiere die Bedingungen, unter denen mein Nervensystem und mein Bewegungsapparat diese Bewegung möglichst effizient organisieren können.

Die Qualität, nach der ich dabei suche, ist eine möglichst wenig fragmentierte Bewegung: nicht möglichst viel bewusste Kontrolle, sondern möglichst gute Kopplung zwischen Wahrnehmung, Vorspannung, Impuls und Ziel.