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2026-09-24 07:26:51, Jamal

Turning Danger into Performance – Das Kaminfeuer in Stromness

In Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsepos „Apocalypse Now“ gibt es eine Szene, die sich in das kollektive Gedächtnis des Westens eingebrannt hat.  Lieutenant Colonel Kilgore stellt seine Lässigkeit an einem Dschungelstrand zur Schau, während Granaten detonieren. Der Kommandeur einer Luftkavallerie-Einheit trägt einen traditionellen Kavallerie-Stetson. Seine grenzenlose Arroganz – gipfelnd in dem legendären Befehl, im feindlichen Feuer zu surfen („Charlie surft nicht!“) – war das filmische Denkmal einer Epoche, in der technologische Überlegenheit noch mit imperialer Pose und dem Gefühl persönlicher Unverwundbarkeit einherging. Es war das Paradebeispiel der asymmetrischen Hochtechnologie-Kriegsführung. Der Westen schlug von oben zu, geschützt von einem schier undurchdringlichen Wall aus Stahl, Elektronik und absoluter Lufthoheit.

Wer heute auf dem Schlachtfeld wie Kilgore auftritt, überlebt keine sechzig Sekunden. Die totale Transparenz des modernen Schlachtfelds, garantiert von billigsten FPV-Drohnen und unerbittlicher Satellitenaufklärung, erstickt jede Form von martialischem Hochmut im Keim. Im Vietnamkrieg schlug die US-Luftwaffe noch mit industrieller Übermacht aus dem Himmel zu – mit Napalm, Hubschrauber-Gatlings und B-52-Bombern. Der Vietcong musste die Vertikale komplett aufgeben. Er verkroch sich unter die Erde – in die kilometerlangen Tunnel von Củ Chi. Damals signierte die Diaspora unter der Erde einen asymmetrischen Zustand, den nur die unterlegene Seite wählen musste, während die USA ihre Herrschaftspose im Hubschrauberballett aufrechterhalten konnten. Inzwischen kann sich selbst die am besten ausgerüstete Hightech-Armee der Welt diesen Kilgore-Hochmut nicht mehr leisten. In Vietnam war der Tunnel das Schicksal des Inferioren; heute nivelliert die Technologie die Hierarchien völlig. Sie beendet die Suprematie des Westens – indem sie schlicht alle Akteure in die Primitivität zwingt.

Eine Drohne für 500 Euro zerstört einen Kampfpanzer für 10 Millionen Euro. Eine Flugabwehrrakete für eine Million Euro muss abgefeuert werden, um eine Sperrholz-Drohne für 20.000 Euro abzufangen. Diese ökonomische Asymmetrie überfordert auf Dauer jede Volkswirtschaft.    

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Nana und Naomi stehen sich zurzeit schwesterlich nah. Schon immer gehören sie einer Klasse an, die in Jahrtausenden die Kraft fand, sich über andere zu erheben. Demokratie bedeutet ihnen nichts. Sie könnten Kommunisten sein aus lauter Selbstgefälligkeit und Kim Philby nacheifern. Ihre Vorfahren waren stets obenauf.  

Kim Philby (1912–1988) war der ultimative Wolf im Tweedpelz; britischer Geheimdienstoffizier und überzeugter Kommunist, der für die Sowjetunion spionierte. Als Angehöriger des Establishments nutzte er seine Privilegien wie einen Dietrich – seine Herkunft öffnete ihm die Türen bis in die innersten Zirkel des MI6. Als Kopf der berüchtigten „Cambridge Five“ stieg er zu einem der raffiniertesten Doppelagenten des Kalten Krieges auf. Der Name Philby bietet bis heute eine Chiffre für ein explosives Paradoxon: Das tödliche Zusammenspiel von Privilegien, ideologischer Besessenheit und der absoluten Gewissheit, über jedem Gesetz zu stehen.

In Stromness, im Südwesten der Insel Mainland, dem Generalarchipel der zu Schottland gehörenden Orkney-Inseln, anno 2000

Nana von Eisenreich und Battenberg

Birst mein System vor gestauchter Leidenschaft, erlebe ich eine biometrische Kalibrierung. Jarek hält mich im Erregungsdelirium, verweigert mir das Ventil der schnellen Befriedigung und agitiert mich fürsorglich. Es ist das raffinierteste Instrument seines Regimes. Jarek schützt das Spiel vor der Langeweile. Weh und arg wäre mir ums Herz, wenn ich mich im Futteral seiner Liebe nur geborgen fühlen dürfte.

Wir sind in Stromness. Die Stadt schmiegt sich an die Hamnavoe Bay. Wellenkämme brechen im fahlen Licht der Wolkenfalten in phantasmagorischen Schaumseen im Hoy Sound, während sich die Seehunde hinter Nebelschleiern wiegen. Jahrhunderte war Stromness der letzte europäische Außenposten vor der Überquerung des Atlantiks. Die Schiffe der Hudson’s Bay Company legten hier an, um Wasser zu bunkern und die härtesten Männer der Inseln als Pelzjäger und Walfänger anzuheuern. In den Pubs wurden Verträge per Handschlag besiegelt. John Rae stammte von den Orkney-Inseln. In den Kneipen munkelte man noch lange über seine Berichte von Kannibalismus unter den gestrandeten Royal-Navy-Offizieren.

John Rae (1813–1893) war ein schottischer Arzt und Arktisforscher. Rae stammte von den Orkney-Inseln, studierte in Edinburgh Medizin und ging 1833 als Arzt zur Hudson’s Bay Company nach Kanada. Dort lebte er zehn Jahre und eignete sich Kenntnisse und Überlebenstechniken der Inuit und anderer indigener Bevölkerungen an. Diese Adaptionstoleranz unterschied ihn von vielen Polarforschern seiner Zeit. Bedeutend erschien den Zeitgenossen seine Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. 1854 erhielt Rae von Inuit Informationen über deren Schicksal und überbrachte die Nachricht, dass die Männer ums Leben gekommen waren. Er kolportierte Hinweise auf Kannibalismus. In der viktorianischen Öffentlichkeit stieß das auf Entsetzen; Rae wurde wegen der Unverblümtheit seiner Darstellungen angegriffen, obwohl seine Informationen bestätigt wurden.  

Vor der Bucht liegt der Naturhafen Scapa Flow. 1919 befahl der deutsche Admiral Ludwig von Reuter dort die Selbstversenkung der gesamten deutschen Hochseeflotte. Vierundsiebzig Kriegsschiffe versanken innerhalb weniger Stunden. Jahrzehnte kamen Bergungstrupps, Abenteurer und Wracktaucher nach Stromness. Wir kehren in einem Pub namens ‚The Blind Skerry‘ ein. Die Deckenbalken sind wuchtige, pechschwarz kalfaterte Planken von gestrandeten Walfängern des 18. Jahrhunderts. Orkney-Sandstein und maritimes Interieur. Rostige Harpunenspitzen und Walrosszähnen. Die Patina ist ein Palimpsest der Windjammerära.  

Aus dem Off

Nana unterhält die Teichmanns mit hessischer Landesgeschichte. Sie ist eine Verwandte der englischen Königin und des Hauses Mountbatten; Nachkommen jener Battenbergs, die an der Eder herrschten. Auch wenn viele behaupten, das Geschlecht sei 1300 ausgestorben, lediglich der Name habe im 19. Jahrhundert eine Wiederbelebung erfahren, weiß Nana, dass sich die Battenbergs im Mannesstamm durch die Jahrhunderte erhielten, nach einer intimen Verbindung mit den Fürsten von Lothringen-Brabant. Das Haus Hessen geht auf das Fürstentum Lothringen-Brabant (die Reginare) zurück, dass 1264 die westlichen Landesteile von Thüringen übernahm und das erlöschende Haus der Ludowinger beerbte, die bis zu ihrem Niedergang die Landgrafen von Thüringen und die Grafen von Gudensberg stellten.