Turning Danger into Performance – Die Krise der Halbgötter
Eine inhärente Schwäche kann in einem System nur verschoben werden. Je spezialisierter eine Art ist, so wie der Koalabär im Eukalyptuswald, desto stärker ist die Art vom Aussterben bedroht. Man muss den Feind als äußeren Fokus begreifen. Dann organisiert sich das Gehirn wie beim Werfen auf ein Ziel. Wenn dein Hintern wund ist und du als Supersoldat keine Angst und keine Überforderung zeigen darfst, wie hoch ist dann noch deine Kampfkraft? Und dann reiten diese kaum alphabetisierten Stammeskrieger rauchend auf ihren unterernährten, vor Hunger und Revierrauffrust und -Furor halbwahnsinnigen Hengsten in den Kampf und wissen nichts von der Krise der amerikanischen Halbgötter.
Die Superspezialisierung wird zur Falle, sobald sich die Umgebung ändert. Wir sind ökologische Prädatoren. Entzieht man eine Stärke ihrem ökologischen Rahmen, dann ist die Stärke futsch.
Das Gehirn in permanentem Alarm blockiert sich selbst. Es frisst seine eigenen Ressourcen, um die Fassade der Unbesiegbarkeit aufrechtzuerhalten. Die Rettung liegt in einer neurobiologischen Urfunktion. Man muss den Feind als äußeren Fokus begreifen. Dann organisiert sich das Gehirn von selbst. Diesen äußeren Fokus besaßen die Männer der Nordallianz 2001. Und schon sind wir wieder bei Pizarro im Jahr 1532.
Man stellt sich die Konquistadoren als stählerne Monolithen vor. Doch ihre Realität im peruanischen Hochland entsprach einer psychotischen Hölle. Hieronymus Boschs (ca. 1450–1516) groteske und dämonische Bildwelten lassen grüßen. Die Rüstungspanzer machten die von körperglobalen Entzündungen geschwächten Männer in der dünnen Andenluft schier verrückt. Pizarros Gefolge war erschöpft, isoliert und paranoid. Doch als die Falle in Cajamarca zuschnappte, kollabierte das System nicht. Der blanke Terror des Überlebenskampfes zwang die Spanier, jeden Zweifel auszuschalten. Ein Mix aus Todesangst und Goldgier verschmolzen zu einem extremen externen Fokus.
Aus dieser Perspektive war die Rückkehr der Taliban kein historischer Unfall, sondern das vorhersehbare Ergebnis einer evolutionären Sackgasse.
In den triumphalen Nachbetrachtungen der ersten amerikanischen Angriffswelle nach 9/11 wurde unterschlagen, was sich im Hindukusch vollzog. Die USA bauten in den Folgejahren das afghanische Militär zu einer technologieabhängigen Streitmacht aus, die ohne Echtzeit-Satellitendaten, globale Lieferketten und permanente Luftunterstützung nicht kampffähig war. Sie setzten den Koalabären in einen Eukalyptuswald. Die Taliban blieben das, was sie waren: zäh und asymmetrisch. Sie passten sich nicht dem System des Gegners an. Sie blieben militärtechnologisch anspruchslos – und gerade deshalb robust.
Die afghanische Armee war nie konsequent darauf ausgerichtet worden, unter ihren eigenen landestypischen Bedingungen autonom zu agieren. Sie war ein Proxy-Ensemble in einem westlichen System aus Luftüberlegenheit, Highend-Aufklärung, Logistik, Wartung und Beratung. Als die Supermacht den technologischen Stecker zog, ging in dem Auxiliar-Komplex das Licht aus.
Die Taliban mussten nur warten, bis der Gegner ging.
Der entscheidende Hebel für den Untergang des Inkareiches war kein biologischer, sondern ein strategischer: Atahualpas grenzenlose Arroganz. Er hatte gerade den blutigen Bürgerkrieg gegen seinen Halbbruder Huáscar gewonnen, dessen abgehalfterte Profiteure Morgenluft witterten. Atahualpa stand an der Spitze einer 80.000 Mann starken Armee. Was sollten ihm da 168 erschöpfte Spanier anhaben? Er hielt Pizarro für einen Vagabunden, den man jederzeit exekutieren konnte. Seine Geringschätzung bezahlte er am 16. November 1532 auf dem Hauptplatz von Cajamarca. Atahualpa akzeptierte Pizarros Einladung zu einem Treffen und zog mit Tausenden seiner Würdenträger ein – allerdings – als Geste der eigenen Überlegenheit – komplett unbewaffnet. Erhobenen Hauptes lief er in einen Hinterhalt. Binnen Stunden schlachteten die Konquistadoren die Inka-Elite nieder. Atahualpa wurde auf seinem eigenen Thronsessel gefangen genommen. Während die peruanische Nomenklatura noch alles Mögliche erwog, ging es Pizarro nur um das Kerngeschäft eines Eroberers: Siedlungen gründen, Einheimische versklaven sowie der Raub von allem, was Wert besitzt. Das Lösegeldangebot der Opposition stand bereits: Töte Atahualpa, und wir legen noch was auf den Goldhaufen. Der Kopf des Reiches war abgeschlagen, bevor der Krieg begonnen hatte.
Viereinhalb Jahrhunderte später glaubte das Pentagon, es diesmal besonders schlau eingefädelt zu haben. Dominanz bedeutet, das gegnerische System kinetisch und neurologisch so radikal zu überfordern, dass es gar nicht erst zu einem symmetrischen Abnutzungskampf kommen kann. Bevor der Gegner eine Entscheidung fällen kann, ist seine Befehlskette bereits gekappt, seine Sensorik blind und seine Logistik Asche. Der Angriff erfolgt so tief, so präzise und mit einer so absurden Geschwindigkeit, dass die Reaktionsfähigkeit des feindlichen Kollektivs augenblicklich gegen Null sinkt. Echte Dominanz verweigert dem Gegenüber das Duell – sie radiert jeden Widerstand aus.
Ein kinetischer Enthauptungsschlag funktioniert vermutlich fehlerfrei gegen einen industrialisierten Nationalstaat – gegen ein System, das selbst ein Gehirn und Nervenbahnen besitzt, die man im Cyberspace und mit Marschflugkörpern ausschalten kann. Trifft die Supermacht jedoch auf einen Gegner, der gar kein zentrales Nervensystem besitzt, läuft der neurologische Overkill ins Leere. Man kann einen dezentral operierenden Schwarm nomadischer Warlords und in Höhlen hockende Terroristen nicht neurologisch überfordern.
Die Terroristen mussten der Infrastruktur des 21. Jahrhunderts nur entsagen. Sie kappten jede Verbindung zum Cyberspace und zogen sich in das unwegsamste Gelände der Erde zurück: in die Tora-Bora-Berge. Sie nutzten die Urgewalt der Geografie als letzten Schutzschild gegen den Algorithmus. In der Höhle waren sie plötzlich wieder im 20. Jahrhundert. Sie kommunizierten per Pony Express und kämpften mit einer Waffe, deren Mechanik seit Generationen unverändert ist: der Kalaschnikow.
Eine Spur dieser Waffen führt ins afghanisch-pakistanische Grenzland. Wer dort eine AK-47 führte, hielt oft eine sogenannte Khyber-Pass-Kopie in den Händen. In Orten wie Darra Adam Khel hatten Paschtunen-Schmiede das Kopieren von Kriegswerkzeugen über Generationen hinweg zur Perfektion getrieben. Als Rohmaterial diente der Schrott vergangener Epochen. Die Läufe wurden aus antiken Eisenbahnschienen gebohrt, die Gehäuse aus dem Blech liegengebliebener sowjetischer Lastwagen gestanzt, und die Federn aus den Aufhängungen ausgemusterter Militärfahrzeuge gebogen. Gearbeitet wurde mit einfachsten Feilen und handbetriebenen Bohrern in winzigen Lehmhütten.
Die Khyber-Pass-Kalaschnikow ist die Steinschleuder unter den Gewehren. Sie ist das Werkzeug des archaischen David gegen den globalen Goliath. Sie braucht keine transkontinentale Logistikketten, keine Software-Updates und keine seltenen Erden – sie wird aus dem Zivilisationsmüll des Feindes geboren.
Es ist das ultimative Paradoxon der Moderne: Supermächte bauen Tarnkappenbomber für Milliarden Dollar, entwickeln Künstliche Intelligenzen zur Zielerfassung und filtern den gesamten weltweiten Datenverkehr – nur um am Ende fassungslos vor einem Loch im Boden zu stehen, in dem ein Mann mit einem Bart, einer Wolldecke und dieser Steinschleuder der Moderne sitzt. Hightech hat den Raum über der Erde sterilisiert. Alles Gesehene stirbt. Die modernste Kriegsführung zwingt den unterlegenen Akteur in eine Verweigerungshaltung, die so alt ist wie die Menschheit. Er lässt das System des Gegners ins Leere laufen, indem er technologisch schlicht nicht mehr anwesend ist.