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2026-09-18 09:08:00, Jamal

Alexander der Große ist geritten und Friedrich der Große 2000 Jahre später auch.

Die Omnipräsenz von Drohnen zwingt Armeen zu Low-Tech-Lösungen. Das Pferd ist zurück auf dem modernen Schlachtfeld. In den ukrainischen Wäldern leuchtet jedes motorisierte Militärfahrzeug, jedes Quad und jeder Generator auf den Infrarotbildschirmen der Drohnensensoren wie ein Christbaum. Die Aggregate strahlen extreme Hitze ab, nutzen verräterischen Funk und erzeugen laute Motorengeräusche, die von akustischen Aufklärungssystemen sofort geortet werden. Ein mechanisiertes Fahrzeug im Visier einer FPV-Sprengdrohne ist im nächsten Augenblick ein brennendes Wrack.

Hier schlägt die Stunde der biologischen Tarnung erneut. Ein Pferd hat keine elektronische Signatur. Es nutzt keinen Funk, verbraucht keinen Treibstoff und bewegt sich im Dickicht fast lautlos. Für verdeckte Operationen von Spezialkräften und die Logistik in unwegsamem Gelände sind Tragtiere plötzlich wieder unschlagbar geworden. Sie transportieren schwere Lasten unbemerkt dorthin, wo Technik sofort entdeckt und vernichtet würde.

Es entsteht eine bizarre kybernetische Symbiose. Drohnen-Aufklärer filmten Soldaten, die Starlink-Satellitenterminals auf den Rücken von Pferden geschnallt hatten. Das Pferd liefert die unsichtbare, geländegängige Mobilität durch den Schlamm; das Terminal liefert die High-Tech-Netzwerkanbindung an die globale Cloud.

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Was passiert, wenn eine Organisation ihr institutionelles Gedächtnis löscht? Die US-Armee wurde im Sattel geboren. Im 19. Jahrhundert, während der Grenzkriege und des Sezessionskrieges, verfügte das US-Militär über das weltweit vielleicht fortschrittlichste Wissen über Kavallerie-Taktiken, Pferdepflege und Logistik in unwegsamem Gelände. 1947 schloss die U.S. Army Cavalry School in Fort Riley, Kansas. Als Mark Nutsch 2001 in Afghanistan landete, gab es in den Gliederungen der modernsten Armee der Welt keine Handbücher, Ausbilder und Logistikketten mehr für Reittiere. Dass die Mission gelang, lag auch daran, dass Nutsch dieses Wissen privat auf einer Farm in Kansas erworben hatte.

Man darf analoges Basiswissen niemals vollständig opfern, nur weil es gerade nicht in das aktuelle Narrativ passt.

Wenn der Strom ausfällt, die Satellitenverbindung gestört wird oder – wie in Afghanistan – Geografie Technik nutzlos macht, entscheidet totgesagtes Wissen über Sieg oder Niederlage. Technologie macht Armeen (und Unternehmen) oft vulnerabel und starr. Resilienz entsteht in der Fähigkeit, in unvorhersehbaren Situationen auf Ur-Wissen zurückgreifen zu können. Nutsch lieferte den Beweis dafür, dass der Low-Tech-Faktor im entscheidenden Moment das mächtigste Werkzeug sein kann.

Mit dem US-Kavallerie-Knowhow in der Prime dieser Waffengattung hätten die Special Forces der Nordallianz Reitunterricht erteilen können. Um 1800 operierten amerikanische Einheiten in einer Welt, die der afghanischen Bergwelt glich: unwegsames, nicht kartiertes Terrain, asymmetrisch agierende Gegner und eine Logistik, die an das Tier gebunden war. US-amerikanische Offiziere erfanden das Konzept der Dragoons (Dragoner) neu – berittene Infanterie, die sich im Sattel schnell bewegte, aber für den eigentlichen Kampf absattelte. Die US-Kavallerie entwickelte eine Perfektion in der Kriegsführung zu Pferd, die weltweit ihresgleichen suchte. Sie verstand es, Pferde über Wochen ohne feste Versorgungsstationen durch Wüsten und Gebirge zu treiben, sie taktisch im Gefecht zu dirigieren und unter extremem Stress zu kontrollieren. Als die Green Berets 2001 im Hindukusch mit störrischen Hengsten und Holzsätteln kämpften, war ihre Unbeholfenheit das Resultat einer kollektiven Amnesie. Die Kunst, Tiere im Gefecht zu führen, Sättel für lange Märsche im Gebirge zu modifizieren und eine berittene Truppe taktisch mit Infanterie zu verkoppeln, war außer Kurs gesetzte. Die Nordallianz war den Amerikanern im Sattel meilenweit voraus. Ein US-Kavallerie-Offizier des Jahres 1800 wäre General Dostums Männern mindestens auf Augenhöhe begegnet.

Als die Spezialkräfte (Green Berets) im Herbst 2001 im Hindukusch landeten, repräsentierten sie die technologisch fortschrittlichste Streitmacht der Weltgeschichte. Sie trugen Nachtsichtgeräte, navigierten über Satelliten und nutzten tragbare Laser-Zielgeräte. Doch als sie auf die Pferde der Verbündeten steigen mussten, kollidierte diese High-Tech-Welt schmerzhaft mit der Realität. Elf der zwölf Elite-Soldaten des Teams ODA-595 besaßen keine Reiterfahrung. Nur dem privaten Hintergrund ihres Kommandanten Mark Nutsch war es zu verdanken, dass die Mission nicht im Desaster endete.

Diese Episode bleibt eine zeitlose Warnung vor technologischer Hybris. Sobald eine Organisation ihr analoges Basiswissen opfert, beraubt sie sich ihrer Resilienz. Unter unvorhersehbaren Bedingungen – ob im Schlamm Afghanistans oder im elektronisch gestörten Drohnenkrieg – entscheidet oft das totgesagte, menschliche Ur-Wissen über Sieg oder Niederlage. Wahre Elite zeigt sich nicht darin, wie viele Satelliten man kontrolliert, sondern ob man im entscheidenden Moment die Zügel wieder in die Hand nehmen kann.

Und hier schließt sich der nächste Kreis rund um Mark Nutsch und den modernen Drohnen. Steigt so ein Spezialist heute in ein leicht aufklärbares Fahrzeug, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine 500-Euro-Kamikaze-Drohne das Millioneninvestment Supersoldat in einer Sekunde vernichtet.

Die Annahme, das Pferd sei im Jahr 2001 ein Relikt des Rückschritts gewesen und folglich zehn Jahre später völlig nutzlos, greift grundlegend zu kurz. Sie verkennt die Existenz von anthropologischen und geografischen Konstanten. Alexander der Große ritt im 4. Jahrhundert vor Christus im Keil seiner Gefährten-Kavallerie gegen die Perser. Friedrich der Große formte fast zweitausend Jahre später die preußische Kavallerie zu einer der diszipliniertesten und kriegsentscheidendsten Offensivwaffen Europas. Dazwischen lagen Epochen des Wandels. Das Römische Reich stieg auf und fiel, das Schießpulver revolutionierte die Schlachtfelder, die Lineartaktik ersetzte die Phalanx. Und doch blieb die Konstante Pferd unangetastet.

Das ist nicht trivial. Es ist der Beweis dafür, dass es fundamentale Schnittstellen zwischen der menschlichen Physis, der Beschaffenheit des Planeten und der Tierwelt gibt, die sich durch keinen technologischen Epochenwechsel wegdiskutieren lassen. Ein Pferd ist kein veraltetes Transportmittel wie eine Dampflokomotive, die durch einen Verbrennungsmotor ersetzt wird. Es ist ein biologisches System, perfekt evolutionär angepasst an unwegsames Gelände, steile Hänge, dichte Wälder und extreme Witterung. Ein Berg bleibt ein Berg, Schlamm bleibt Schlamm, und ein Wald bleibt Wald – egal, ob der Soldat ein Steinstoßgewehr oder ein Satellitenterminal nutzt.