Turning Danger into Performance - Zur neurobiologischen Ausbeutung männlicher Dominanz
1984/85 ist Naomi erst die Verlobte und dann die Ehefrau des Supersoldaten Saltus. Sie hat nicht das Gefühl fremdzugehen, wenn sie mit Jarek spielt. Das ist lange kein richtiger Sex.
Kuhstall-Philosophen
Wie schon Hoffmann von Fallersleben verbindet Jarek Texas mit einem utopischen Freiheitsbegriff. „Nach Texas! Nach Texas! Goldener Stern, du bist der Bote unseres neuen schönen Lebens.“
Der Vormärz strebte nach Texas in der Hoffnung auf politische und persönliche Selbstbestimmung. 1842 entstand die Texas Association, ein von Angehörigen des Adels geprägter Zusammenschluss mit patriotischen Zielsetzungen. Jarek spürt dem romantischen Geist des 19. Jahrhunderts nach, als revolutionäre Schwärmer in Texas Kommunen gründeten. Texas war ein Sehnsuchtsland deutscher Forty-Eighters. Freidenker und politische Flüchtlinge gründeten radikaldemokratische Wohngemeinschaften, wie „Bettina“ (1847 am Llano River, benannt nach Bettina von Arnim) und „Lateinische Siedlungen“ in Sisterdale und La Réunion. Reisende berichteten fassungslos von Farmern, in der texanischen Wildnis beim Melken der Kühe fließend Latein sprachen, abends Passagen aus Mozarts Don Giovanni sangen, leidenschaftlich über die Schriften von Karl Marx debattierten (dessen Schwager, Baron von Westphalen, lebte in Sisterdale) und die Sklaverei verabscheuten.
In der gängigen Kulturkritik wird die Unterwerfung der Frau unter die männliche Dominanz fast ausnahmslos als patriarchales Herrschaftsszenario gelesen – als ein Akt der Selbstaufgabe, konsolidiert in struktureller Gewalt. Diese Lesart übersieht jedoch ein neurobiologisches und historisches Phänomen: die rituelle Unterwerfung als strategisches Management. Wenn Naomi sich Jarek ab 1993 submissiv zeigt, schlüpft sie keineswegs in eine passive Rolle. Sie exekutiert ein Befreiungsschema, das Jareks blockierte Software bio-hackt.
Diese Überlegungen stehen auf dem Sockel absolut einvernehmlicher Handlungen.
Um die Dynamik zu verstehen, muss man die Sexualität von ihrer soziologischen Oberfläche lösen, und Jarek in seiner Epoche betrachten. Er ist kein Macho; vielmehr ein Kind der sozialdemokratischen Bildungsreformen, ein gleichermaßen pazifistisch und martialisch geprägter Repräsentant der ersten Gesamtschulgeneration. Er wurde erwachsen in der Ära des NATO-Doppelbeschlusses, der Pershing-II-Stationierungen in Westdeutschland und der lähmenden „German Angst“. 1984 reist er nach Nacogdoches, um den texanischen Gründungsmythos zu erforschen. Den Amerikanisten fasziniert die Freiheit der Frontier. Doch als reflektierter BRD-Intellektueller verdonnert er sich selbst zu einer kritischen Auffassung seiner Archivfunde.
Die Genese des „Sir“
In dieser Phase füttert Naomi Jareks Nervensystem mit hyper-intensiven Bildern. Sie baut eine libidinöse Spannung auf, die er nicht autonom abbauen kann. Wichsen reicht nicht. Naomi entzieht sich Jarek körperlich, während sie ihn visuell versklavt. Sie lässt ihn zuschauen und konditioniert sein Gehirn auf die Geräusche und den Anblick ihrer Ekstase.
1985 heiratet Naomi den Supersoldaten Saltus. Als sie Jarek 1993 – zwei Jahre nach Saltus‘ Heldentod im ersten Irakkrieg – wiedertrifft, bricht die aufgestaute Dynamik wie nach einem Dammbruch durch. Das Wort „Sir“ wird zum ultimativen Auslöser für den Mann, der neun Jahre zuvor von Naomi zum Spanner gemacht worden war.
Mehr zu Jareks Doppelprägung. Er wurde von seinem vorgeblich linken Kunst- und Sportlehrer Holger Müller nach der Stay-Behind-Doktrin des Colonel Aaron Bank – dem Vater der US-Special Forces/Green Berets – zum Schattenkrieger für Hit and Run Operationen nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts trainiert und war der beste Milizionär, den Holger je ausgebildet hat. Ich möchte hier etwas einfügen, weil es wunderbar zu einem Thema passt, dass wir vor Kurzem besprochen haben. Die Evolution funktioniert wie ein Schleppnetz. Sie zieht Fähigkeiten in die nächste Generation, lässt aber auch Fähigkeiten liegen.
Dazu:
Turning Danger into Performance - Quit Professionals versus Stone Age High Tech
Sobald man in einen Kampf gerät, wundert man sich nicht mehr. Vielmehr fängt man an, sich zu erinnern. Das sind uralte Bilder, die in einem aufsteigen … und es ist ein vertrauter Zustand.
*
In jeden Green Beret wurden Millionen Dollar gesteckt – und dann scheitern diese Highend-Koryphäen beinah an ihren beim Reiten auf aggressiven Hengsten wundgescheuerten Hintern.
*
Der Sattel war kein ergonomisches Meisterwerk aus den Laboren von Natick (US Army Natick Soldier Systems Center), sondern ein starres, mit Rohhaut und Teppichfetzen bespannter Holzrahmen, der den Knochen direkt an den Knochen weitergab. Captain Mark Nutsch musterte seine Krieger. Die Quiet Professionals von ODA 595 schwiegen verbissen. Aber der Kommandant sah es an ihren arretierten Kiefermuskeln und der unnatürlichen Haltung ihrer Oberkörper. Muscle Tension overrides your intention.
In jedem Mann steckten zwei Millionen Dollar des amerikanischen Steuerzahlers. Sie trugen die DNS des härtesten Selektionsverfahrens der westlichen Welt in sich. Da saß ein 18D-Medical-Sergeant, ein Mann, der im Q-Course gelernt hatte, unter Artilleriebeschuss einen sterilen Kaiserschnitt im Schlamm durchzuführen, Arterien blind abzuklemmen und tropische Seuchen zu diagnostizieren. Neben ihm ritt der 18C-Engineer, ein Genie der destruktiven Mathematik, der die statische Schwachstelle jeder Brücke Eurasiens in Sekunden berechnen und mit drei Gramm Plastiksprengstoff exakt kollabieren lassen konnte. Sie sprachen Dari, sie beherrschten die Frequenzen von SATCOM-Anlagen im Schlaf und konnten aus der Stratosphäre punktgenau im freien Fall in eine feindliche Landezone gleiten. Sie waren die absolute Krone der technologischen Kriegsevolution.
Und nun scheiterten sie an ihrer weichen Gesäßhaut.
Die stundenlange, ungewohnte Reibung auf den unkastrierten Hengsten hatte die taktischen Hosen durchgewetzt. Darunter blutete das Gewebe. Blut und Schweiß mischten sich mit Staub. Jeder Schritt des Pferdes, jedes unvorhersehbare Auskeilen dieser aggressiven Tiere, die unterwegs ihre eigenen territorialen Kämpfe austrugen, trieb einen glühenden Schmerzbolzen durch das Gesäß direkt in das Gehirn der Supersoldaten. Ein Großteil ihrer mentalen Rechenleistung – dieselbe kognitive Energie, die eigentlich für die Lagebeurteilung, die Koordination von B-52-Bombern und das Lesen des feindlichen Terrains reserviert war – wurde in diesem Moment für eine einzige, erbärmliche Aufgabe aufgebraucht: die Unterdrückung der nackten Angst vor dem Kontrollverlust und das Verbergen des physischen Ruins vor den Augen der afghanischen Milizionäre.
Die Kombattanten der Nordallianz ritten in zerschlissenen Mänteln und Plastiksandalen an ihnen vorbei. Sie saßen locker im Sattel, rauchten und lasen die Bewegung der Gräser. Für sie war das hier kein historischer Anachronismus und kein heroischer Opfergang. Es war ein Dienstag.
Währenddessen griff die technologische Speerspitze der einzigen Weltmacht nach dem letzten, alles entscheidenden Gut, das ihnen in dieser ersten Phase des Krieges das Überleben sichern sollte: einer hastig aus den Sanitätstaschen verteilten Tube medizinischer Vaseline und einer Dose Babypuder. Die High-Tech-Dinosaurier standen da mit heruntergelassenen Hosen; desavouiert von der unbarmherzig-atmenden Physik von Pferd- und Reitersystemen wie aus der Bronzezeit.
*
Die texanische Waffen-Liberalität – Gun control in Texas means you use both hands – deckt Jareks verborgene Seite auf. Er überrascht die Feuerkraft affinen Texaner mit militärischen Fähigkeiten, die einen sehr überraschenden Kontrast bilden zu der sozialdemokratisch-pazifistischen Performance, die er gedankenlos zur Schau stellt. Jarek ist ein opportunistischer Omnivore wie wir alle. Seine Prägung ist sein Panzer. Was in Westdeutschland als erwünschtes Verhalten verbucht wird, erscheint in Texas bescheuert.
Als Naomi 1984/85 mit Jarek ihr erotisches Spiel treibt, ohne mit ihm die klassische Ehe-Sexualität zu vollziehen, trifft sie ahnungslos auf ein doppelt kodiertes System. Softie Jarek ist ein Schattenkrieger auf Standby, der gelernt hat, bei Bedrohung sofort auf tödliche Abwehr zu schalten. Wenn sie ihn am Fenster von Lelands Gartenhaus zum Spanner degradiert, fordert sie ihn nicht frontal heraus. Sie zwingt ihn in die absolute Passivität. Sie lässt ihn in der analogen Dunkelheit stehen.
*
Colonel Aaron Banks Konzept basierte auf seinen OSS-Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Special Forces wurden ausgebildet zu dem Zweck, hinter feindlichen Linien Widerstand zu initiieren und zu organisieren. Ein einzelnes A-Team (12 Mann) sollte eine Guerilla-Armee in Bataillonsstärke aufbauen. Bank etablierte die Struktur, dass in jedem Team Spezialisten für zwei Kernbereiche redundant vorhanden sein - und Fremdsprachen beherrscht werden mussten.
Jarek zu den Stay-Behind-Netzwerken in Westdeutschland
Ich war ein zunächst ahnungslos Rekrutierter in einer geheimen Schattenarmee. Sie sollte beim als unvermeidlich angesehenen Einmarsch des Warschauer Paktes in Westdeutschland wirksam werden. Stay-Behind-Organisationen wurden vom Allied Clandestine Committee der NATO und dem BND organisiert. Im BND-Jargon der operativen Beschaffung (HUMINT – Human Intelligence) gab es und gibt es dafür feste Bezeichnungen. Instruktoren waren festangestellten BND-Mitarbeiter, die für die Ausbildung der Stay-Behind-Zellen zuständig waren. Sie brachten ihren Schäfchen in geheimen Lehrgängen und offenen Pfadfinder-, Kraftsport- und Orientierungslaufgruppen das Funken, Verschlüsseln, den Umgang mit Sprengstoff oder das unauffällige Verhalten im Gelände bei. Die Pfadfinder, Kraftsportler und Orientierungsläufer wurden intern als „Schläfer“, „Resistenzler“ und als „Mitarbeiter im Heimatstab“ geführt. Die Jungen in meiner Gruppe wussten nicht von ihrer Rekrutierung. Holger machte Andeutungen. Er weckte unser Interesse an Konspiration und Subversion. Der Plan sah vor, dass die Rekrutierten die Wahrheit erst im Augenblick der Invasion erfahren sollten. In diesem Szenario wäre der BND-Instruktor an den Zivilisten herangetreten, hätte das klandestine Depot geöffnet und gesagt: „Der Ernstfall ist da. Hier sind eure Knarren, liebe Freunde der Nacht, da sind die Sprengstoffe und die Funkgeräte. Eure Mission beginnt jetzt.“ Mein Instrukteur war mein Kunst- und Sportlehrer, ein kerniger Franke, der mit vierzig noch einmal Hessischer Kraftdreikampfmeister wurde. Er war, wie ich, ein intellektuelles Kraftei. Holger Müller markierte den friedensbewegten Linken und ewigen Jungsozialisten. In seiner Küche brach in jeder Samstagnacht die Revolution aus. Wer Andreas Baader und Ulrike Meinhof nacheiferte, fühlte sich bei dem gut getarnten Kalten Krieger Holger formidabel aufgehoben. Irgendwann weihte er mich ein. Das war wohl eine Beförderung, aber dann überschlugen sich die Ereignisse und wir lebten ohne den alten Feind in einer neuen Zeit. Das Ende der Geschichte schien da. Das ist ein Vorgriff. Ich war Mitte Zwanzig, als ich mit Naomi auch am Schießstand flirtete und vermutlich nur sehr wenig von dem verstand, was sie mir durch die Blume zu verstehen gab.
Aus dem Off
Jarek war sein Schattenkriegerpotential nicht bewusst. Im Übrigen gab nicht nur den alten BRD/BND-Huronen Holger; Jarek hatte auch noch einen archaisch inklinierten Großvater, einen schießenden Opa, der auf seiner Ranch in der nordhessischen Savanne selbstherrlich schaltete und waltete wie weit und breit niemand sonst. Deshalb bleibt Jarek trotzdem ein Kind der Platte und des sozialen Wohnungsbaus, das die texanischen Dallas-Dimensionen anstaunt und weiß, er ist nur ein Snack für die Prinzessinnen von Nacogdoches ist. Im Vergleich zu den gigantischen Latifundien der Rinderbarone ist Opas Koppel „nichts, was man in Texas ernst nehmen könnte“.
Jarek ist smooth. Er protzt nicht. Er reitet und schießt mit verblüffender Selbstverständlichkeit, vor allem jedoch schießt er niemals übers Ziel hinaus.
Im Sommer 1985 endet Jareks texanisches Intermezzo. Er kehrt zurück in die Bundesrepublik, doch kommt er okkupiert nach Hause. Er ist seelisch und neurobiologisch kolonisiert von einer Frau, die ihn schon wieder vergessen hat. Naomi verschwendet keinen Gedanken mehr an den deutschen Gesamtschulgelehrten; sie hat ihren Ranger Saltus geheiratet, das logistische System ihres elitären Milieus hat das Risiko einer Mesalliance erfolgreich externalisiert und die Akte Jarek geschlossen.
Für Jarek waren die Erlebnisse mit Naomi die irreversible Programmierung seines Systems. Er irrlichtert durch Frankfurt am Main. Das Wort „nur“ ist das am meisten deplatzierte Wort in seinem Kosmos. Selbst als er im Herbst 1984 bei einem Quickie-Marathon von Naomi mit drei Liebhabern in drei Stunden als Spanner keine körperliche Zuwendung erhielt, und es sich am Ende in seiner morastigen Absteige selbst machen musste, empfand er das nicht als Erniedrigung. Naomi hatte ihn beteiligt. Seine libidinöse Energie gehorcht erfundenen Kommandos einer Herrscherin, die das Interesse an ihm verloren hat.
Naomi muss ab Sommer 1985 keinen Aufwand mehr treiben, um Jarek zu kontrollieren. Sie muss nicht einmal an ihn denken. Sie hat die totale Herrschaft direkt in Jareks Nervensystem implantiert. Die Tochter des Zuchtmeister-Sir züchtet im Geist einer unsichtbaren Kybernetik. Sie konditionierte den Hörigen aus dem deutschen Waschbeton in wenigen Monaten. Sie entzog sich ihm radikal. Jareks Nervensystem übernahm die lückenlose Fortführung des Drills im Frankfurter Exil völlig autark. Er läuft an einer unsichtbaren Leine, deren anderes Ende Naomi gar nicht mehr in der Hand halten muss – er hat sich das Halsband selbst in die Seele tätowiert. Während sie im fernen Texas als Mrs. Saltus eine Milliardärs-Dynastie managt und ihren eigenen Vater um die Ecke bringt, funktioniert ihr biologisches Kunstwerk in Frankfurt fehlerfrei auf Autopilot. Jareks Leiden ist sein Treibstoff.