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2026-09-05 17:21:14, Jamal

„Wenn du einen Hund nicht beißen kannst, zeig ihm nicht deine Zähne.“ Mexikanisches Sprichwort.

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Lance fuhr einen schwarzen 68er Mustang Fastback als Tribut an den Heldenwagen der längsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. In „Bullitt“ jagen Steve McQueen und sein Double dieses Prachtstück in einem Straßenkampf gegen einen Dodge Charger R/T durch die Straßen von San Francisco.

Texas war von 1690 bis 1821 eine Provinz des Vizekönigreichs Neuspanien. Es gab einen fehlgeschlagenen französischen Versuch, sich im Fort Saint Louis niederzulassen. Dieses Scheitern ist mit dem Namen des in Rouen geborenen Kaufmannssohns und Jesuitenschülers René-Robert Cavelier de La Salle (1643–1687) verknüpft.

Im Jahr 1666 war Cavelier in die Neue Welt ausgewandert. Er landete in Neufrankreich, dem heutigen Kanada, und stieg in den Pelzhandel ein. Gerüchte über eine schiffbare Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Pazifik, die angeblich im Golf von Kalifornien mündete, trieben ihn in das Unbekannte. Die Expedition stand unter einem schlechten Stern. Epidemien und die ständigen Fehden mit der indigenen Bevölkerung setzten Cavelier und seiner Mannschaft so schwer zu, dass sie bereits beschlossen hatten aufzugeben, als es für den Expeditionsleiter zur letzten Konfrontation kam. Er fiel im Kampf gegen eine schon lange ausgestorbene Gemeinschaft.

Die Ethnologen beobachten einen Stamm so lange, bis er ausstirbt. Und wenn sie aufhören, ihn zu beobachten, stirbt er erst recht aus, weil er gar nicht mehr weiß, dass er existiert.“ Heiner Müller

Während Caveliers Zeit verschleppten die Karankawa jedoch genug französische Frauen und Kinder, um ihren Teil zur Entstehung der Cajun-Kultur beizutragen. Nachkommen dieses besonderen Stammes treffen sich noch heute heimlich auf Gipfeln, ihren einzigartigen Ursprung beschwörend. Die Karankawa hoben die Unterschiede zu ihren Nachbarn so stark hervor, dass sie keinerlei familiäre Bindungen zu anderen Stämmen anerkannten. Unter ihnen gab es viele Großwüchsige. Mein Informant für diese Phänomene war Lance Longeau. Er zog ein Bein nach und sah aus wie ein ramponierter Steve McQueen. Lance entstammte einem weißen Moonshiner-Klan, war in Ferriday, Louisiana, aufgewachsen und hatte ironischerweise lange Zeit für das Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms (ATF) in Baton Rouge gearbeitet. Irgendwann hatte er sich mit einem Gangster angelegt, der den Rang eines Polizeileutnants bekleidete. Der Kontrahent hatte Lance erledigt – und ihn nur durch einen Zufall am Leben gelassen. Lance wirkte zerbrechlich, doch ich hatte keinen Zweifel daran, dass er aus der Hölle zurückkehren würde, um eine offene Rechnung zu begleichen. Er hatte den Staatsdienst quittiert und Baton Rouge hinter sich gelassen. Nun lebte er wieder in der Gegend seiner Herkunft, gleich auf der anderen Seite des Flusses im Bundesstaat Mississippi.

Dort besuchte ich ihn. Ich war Anfang zwanzig, der Afghanistan-Krieg lief im Fernsehen, und die Mudschaheddin galten als die Guten. Lance hatte nicht mehr viel zu tun; er war nicht der Typ für Hobbys. Er verbrachte seine Tage in einem 68er Mustang. Die legendäre Gesetzlosigkeit seiner Vorfahren ließ ihn besonders vertrauenswürdig erscheinen. Er brachte mich mit Veteranen der Home Guard zusammen, die in aller Breite den „Standpunkt der Südstaaten“ vertraten. Sie behaupteten, dass eine Hochkultur ohne Sklaven gar nicht existieren könne. Inzestuöse Hinterwäldler führten Mesopotamien, Griechenland und Rom ins Feld. Sie sprachen von Prädestination und erinnerten daran, dass Freigelassene sich nach der Sklavenbefreiung von 1863 oft wieder unter den Schutz ihrer ehemaligen Besitzer gestellt hatten. Es gab eine Familie aus Virginia, die sich im 18. Jahrhundert am Mississippi niedergelassen und von 1627 bis 1863 Sklaven besessen hatte. In der Zwischenzeit spielten die Herren Evolution – sie waren Menschenzüchter gewesen.

„Man kann solche Leute nicht läutern“, sagte Lance, während wir in einem schwimmenden Restaurant Alligator am Spieß aßen. „Es ist die Erinnerung an das Blut, die sie so hochmütig macht. Ihre Vorfahren waren Gottes Stellvertreter auf Erden. Sie waren unbestritten. Kannst du dir vorstellen, was es bedeutet, unbestritten zu sein? Für sie geht es überhaupt nicht um Rassenbarrieren. Sie glauben einfach, sie stünden über allen. Für die bin ich White Trash in der fünften Generation, darauf kannst du Gift nehmen. Sie wissen genau, wie der erste Longeau, der in diese Gegend kam, mit Vornamen hieß. Sie wissen mehr über meine Familie als ich selbst.“

Der Alligator schmeckte wie Hühnchen. Er schwamm in einer süß-sauren, scharfen Sauce, und ich fragte mich, ob Lance mit einem Magengeschwür kämpfte. Er aß, als fiele es ihm schwer. Er hatte keine Familie gegründet – seltsam, denn alles andere schien bei Lance völlig in Ordnung zu sein. „Sind diese Faschisten organisiert?“

„Sie werden in eine Ordnung hineingeboren. Nur die männlichen Nachkommen einer festgelegten Anzahl von Familien sind in der Bruderschaft zugelassen. Für sie ist die Gegenwart bloß eine Atempause ihrer Allmacht, sie haben immer noch alles in ihren Kellern. Sie glauben fest daran, dass sie oder ihre Nachfahren dazu bestimmt sind, das Jüngste Gericht zu vollstrecken.“

Lance bestellte Malzkaffee zum Nachtisch, und der Kopf des Küchenchefs tauchte kurz auf. Er war die einzige Person of Color, die ich in dem Laden sehen konnte. Die Gäste gaben sich reserviert und waren sorgfältig gekleidet, die Kellnerinnen wirkten bestens geschult. Ich spürte einen geheimen Zusammenhalt, der auf gemeinsamen Überzeugungen beruhte, von denen mir keine einzige behagte. Die Amerikanisierung Deutschlands war noch lange nicht so weit fortgeschritten, wie meine Großmutter immer behauptete. Lance stellte sich seinem Kampf mit dem Gleichmut eines Mannes, der sich nichts anderes vorstellen konnte. Seine Statur verriet wenig, als fürchtete er, dass sich ein festes Bild von ihm etablieren und man ihn darauf festnageln könnte. Er verhielt sich flüchtig.

Lance war der erste Ghost Dog, dem ich begegnete. Ich sollte bald begreifen, dass er zu einem Rudel gehörte. Aber an jenem Abend am Old River – einem See, der einst eine Schleife des Mississippi gewesen war, bevor man ihn begradigte – dachte ich noch, diese schläfrige Art, mit der Lance seine Bewegungen tarnte, sei bloß so eine Eigenheit von ihm. Ich schnappte einen Fetzen vom Nebentisch auf. Es ging um Angelköder. Lance lächelte so gemütlich wie eine Kobra; er war meinem Abschweifen gefolgt.

„Dieser Angler da gehört zum White Citizens Council. Er würde dich im Sumpf verschwinden lassen, wenn er wüsste, was für ein Mensch du bist. Aber zum Glück sieht man dir deine Gedanken nicht an.“

Versuchte Lance mir einzureden, ich sei in einen Dschungel geraten? Ich hatte keine Ahnung, dass er mich benutzte. Dass ich sein Köder war und er mich in die Irre führen wollte, indem er eine Gefahr heraufbeschwor, die gar nicht existierte. Für die reformierten Karnivoren des Ku-Klux-Klans im White Citizens Council existierte ich überhaupt nicht. Sie hatten das FBI kommen und gehen sehen, ohne ernsthafte Verluste zu erleiden. Ein paar kleine Fische waren gegrillt worden. Intern sprach man von einer Säuberung. Es hieß: „Wo Aas ist, da sammeln sich die Geier.“

Lance machte mich mit dem Captain bekannt. Lassen Sie mich einen narrativen Bogen schlagen. Ich stelle gleich wieder den Zusammenhang her.

Es war ein fundamentaler Irrtum, geboren aus der Arroganz steriler Statistiken und bürokratischer Hybris im Pentagon. Washington schickte reguläre Truppen, gepanzerte Divisionen und ein apokalyptisches Aufgebot an B-52-Bombern gegen einen Feind, der sich weigerte, Gestalt anzunehmen. Die Strategen richteten eine industrielle Kriegsmaschine gegen einen Geist. In den Einsatzzentralen von Saigon zählten die Generäle stur Body Counts, fixiert auf Tabellen und Diagramme, gefangen in dem Glauben, man müsse die Zahlen nur hoch genug treiben, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Sie begriffen nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Die Việt Minh – jene Unabhängigkeitsliga, die Hồ Chí Minh einst aus dem Nichts gestampft hatte – hatten dasselbe Spiel schon mit den Franzosen gespielt. Sie hatten die koloniale Supermacht 1954 in der Hölle von Diên Biên Phú zermürbt. General Võ Nguyên Giáp kannte die mathematischen Gesetze dieses Krieges. Er verstand, dass seine regulären Verbände der NVA und die im Verborgenen operierenden Guerilleros der NLF im Süden der amerikanischen Feuerkraft unterlegen waren. Seine Kämpfer waren Meister der Camouflage; tagsüber Bauern, nachts Geister. Ihr einziger Auftrag bestand darin, den Krieg quälend in die Länge zu ziehen. Giáp wusste: Die Zeit besiegt das Blei.

*

Chenoa schlug Räder, Saltos und Purzelbäume. Ins Bett sprang sie mit einer athletischen Rolle und nach dem Soloakt mit Spagat und Brücke kam Flickflack vor Cornflakes. Chenoa präsentierte sich als perfekt getuntes Yoga- und Aerobic-Persönlichkeit. Kurz vor meiner Ankunft war Nacogdoches von der Aerobic-Welle überrollt worden. Frauen hakten ihr Fitnessprogramm mit Jane Fondas legendärem Workout-Video ab. Es folgten „Footloose“, „Dirty Dancing“ und koedukatives Bodybuilding in Loft-Atmosphäre.

Ihres indigenen Namens zum Trotz war Chenoa eine astreine Angloamerikanerin. Ihr Vater war ein ehemaliger Dschungelkämpfer. Seinen militärischen Rang behielt er im zivilen Leben bei. Der Captain wirkte als Sicherheitsberater für einen Öl-Konzern. Er wusste, wie man Investitionen in instabilen Regionen schützt. Offiziell flog er in Firmenjets. Inoffiziell praktizierte er die CIA-Taktiken und -Manöver mit Hubschraubereinsätzen in der Privatwirtschaft. Früher hatte er in den Wäldern von Kambodscha und Laos gekämpft. Er gehörte zu einer im Verborgenen operierenden Spezialeinheit, die in einem nicht erklärten Krieg an der Seite steinzeitlich beschlagener Khmer-Krieger und Hmong-Milizen gekämpft hatte. In ihrer Freizeit feilten sich die Auxiliar-Kombattanten der Operation Momentum die Zähne. Angeblich zerlegten sie ihre Gefangenen nach antiken Riten.   

Als wir 1964 unsere militärischen Einsätze verschärften, war Hồ bereits ein alter Mann und keineswegs mehr unumstritten. Man darf nicht vergessen, dass Hồ Chí Minh ursprünglich ein Bewunderer Amerikas war und von 1944 bis 1954 sogar amerikanische Unterstützung erhielt – vom OSS, dem Vorläufer der CIA. Mit allem, was dazugehört und was später das prägende Bild in Südvietnam werden sollte. Die CIA und das OSS agierten in Hồs Dunstkreis wie in jeder klassischen Bananenrepublik. Auch die Chinesen, die in Vietnam einen ebenso verdeckten Krieg führten wie wir in Laos und Kambodscha, trugen zu Hồs Destabilisierung bei. Unser fähigster Gegner war jedoch der Oberbefehlshaber der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA), Võ Nguyên Giáp. Giáp pflegte zu sagen: Ihr habt die Uhren, aber wir haben die Zeit.

Die von Giáp auf die Spitze getriebene Asymmetrie – ein zermürbender Abnutzungskrieg, der auf den psychologischen Zusammenbruch des Gegners setzte – wurde von der Washingtoner Administration kolossal missverstanden. Die NVA wusste, dass Nordvietnam und die Việt Minh keine großen Schlachten gewinnen mussten, um den Krieg nicht zu verlieren. Nordvietnam und die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (NLF, besser bekannt als Vietcong) würden durch schiere Ausdauer triumphieren, obwohl sie militärisch unterlegen waren. Bis dahin durfte man die Waffen nur nicht niederlegen. Für den nötigen Opfermut sorgte der Feind.

Hồ Chí Minh (1890–1969) war der revolutionäre Führer und Staatspräsident Nordvietnams.

Võ Nguyên Giáp (1911–2013) war der Oberbefehlshaber der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) und gilt als einer der fähigsten Militärstrategen des 20. Jahrhunderts. Giáp war ursprünglich Geschichtslehrer. Er besiegte 1954 die Franzosen in der Schlacht von Diên Biên Phú.

Việt Minh (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams) war eine von Hồ Chí Minh 1941 gegründete Koalition, die ursprünglich gegen die japanischen Besatzer und danach im Ersten Indochinakrieg gegen die französischen Kolonialherren kämpfte. Nach der Teilung Vietnams im Jahr 1954 ging sie im Wesentlichen in den nordvietnamesischen Strukturen auf.

NVA (Nordvietnamesische Volksarmee) war die offizielle, reguläre Armee des sozialistischen Nordvietnams.

NLF (Nationale Front für die Befreiung Südvietnams), bekannt unter dem (ursprünglich abwertenden) Namen Vietcong (kurz für Việt Nam Cộng sản = vietnamesische Kommunisten), war eine Guerillabewegung im Süden des Landes, die vom Norden unterstützt wurde. Sie bestand teils aus regulären Kämpfern, teils aus Bauern, die tagsüber auf den Feldern arbeiteten und nachts Sabotageakte oder Hinterhalte gegen die US-Truppen und das südvietnamesische Regime durchführten.