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2026-09-05 15:32:50, Jamal

Turning Danger into Performance – Martialischer Geniestreich  

Die unverfälschte Herzlichkeit vieler Texaner hatte etwas Berauschendes. Evangelines Vater, Malcolm Gerrish Cooper, erklärte: „Sie sind genauso Texaner wie ich. Kümmern Sie sich um Ihre Green Card. Ich kann Ihnen eine Wohnung geben, damit Sie bis an Ihr Lebensende bei uns recherchieren und schreiben können.“

Cooper war im Ölgeschäft. Fossile Brennstoffe standen damals noch über jeder Kritik. Niemand scherte sich um einen ökologischen Fußabdruck. Du konntest hundert Liter Sprit am Tag verjubeln, die Reifen auf dem Asphalt versengen und im Sonntagsgottesdienst trotzdem als aufrechter Christ dasteht. Öl war Gottes Segen.

Cooper veredelten die messerscharfen Gesichtszüge seines berühmtesten Ahnen. Das war jener Cooper, der am 21. April 1836 mit Sam Houston in die Schlacht von San Jacinto gezogen war. Texaner lieben diese Geschichte. General Santa Anna lag im Mittagstiefschlaf, als die angloamerikanischen Freischärler angriffen. Nach achtzehn Minuten war das Gefecht vorbei und Texas frei; so die patriotische Lesart. Ein martialischer Geniestreich, auf dem ein ganzes Imperium gründet.  

Cooper besaß die athletische Lässigkeit eines Lex Parker. Den Gunslinger von 1840 hätte man ihm sofort abgekauft. Die Waffen des sagenhaften John Wayne Cooper hütete er wie die Insignien eines entthronten Fürsten. Er präsentierte jenen Colt Paterson No. 5 Holster Model aka Texas Paterson, mit dem JWC in den Kampf geritten war. Samuel Colt zog seine allererste Fabrik nicht in Hartford, Connecticut, auf, sondern in Paterson im Bundesstaat New Jersey. Die dort zwischen 1836 und 1842 produzierten Waffen waren die ersten feldtüchtigen Revolver der Welt und gingen als Paterson Colts in die Geschichte ein. Colt stellte Pistolen in verschiedenen Größen her. Es gab Taschenmodelle (Pocket) und Gürtelmodelle (Belt). Das Modell Nr. 5 hatte das größte Kaliber – .36 statt .28 – und einen Neunzolllauf. Sein Gewicht ließ keine andere Trageweise als im Holster zu. Die Republik Texas kaufte 1839 diesen Revolver für die Texas Navy. Später übernahmen die Texas Rangers dieses bewährte Faustpfand des Überlebens. Unter Captain Jack Hays schrieben die Rangers mit dem No. 5 Revolver History. Die Trommel lud fünf Patronen. Das erst gab den Texanern im Kampf gegen pfeilschnelle Komantschen ausreichend Feuerkraft. Der Paterson hatte noch keinen festen Abzugsbügel. Der Mechanismus klappte erst aus dem Gehäuse, wenn man den Hahn spannte. Der weltberühmte Colt Single Action Army, den man aus Western kennt – Peacemaker –, kam erst 1873 auf den Markt.  

Ich glaube, Cooper hätte mir ohne Zögern eine Kugel direkt in den Kopf gejagt, wenn er gewusst hätte, dass ich mit seiner Prinzessin schlief. Sie war einem Millionär versprochen; das alles hatte verdammt viel von „Dallas“.

Evangelines beste Freundin war Naomi DeWitt. Ihr Clan hatte in Texas seit dem frühen 19. Jahrhundert Pioniere, Rancher, Ranger, Rebellen, Lehrer, Bürgermeister und Magnaten hervorgebracht. Ihr Stammvater war ein Mustanger, Desperado, Söldner, Verbannter, Filibuster und Tejano gewesen, der mit Namen jonglierte und schließlich eine Abrechnung seines Lebens unter dem Namen Mortimer DeWitt vorlegte. Spätere Generationen hielten einen anderen DeWitt für ihren Ahnen. Green DeWitt hatte ab 1825 als Empresario Kolonisten nach Texas geführt. Er wetteiferte mit Stephen Fuller Austin, dem „Vater von Texas“, scheiterte aber an bürokratischen Hürden und verlor schließlich seine Ländereien. Die Geschichte hatte ihn bloß- und kaltgestellt und doch zählte er zu den texanischen Gründervätern. Green DeWitt starb im ersten Jahr der Revolution, 1835, in Monclova an der Cholera; man weiß nicht, wo er in seinem namenlosen Grab liegt. Er desertierte in Krankheit und Tod, während Männer wie John Henry Moore, Mathew Caldwell, James C. Neill, Almaron Dickinson, Joseph Washington, Elliot Wallace, Edward Burleson, Henry Blix, Texas Thunderbolt, John Wayne Cooper Junior und Rutherford Calhoun in dem weiten und leeren Raum zwischen Fayette, Columbus, Nacogdoches, San Antonio und Gonzales den Kampf suchten. Sie alle wollten die Mexikaner daran hindern, eine kleine Kanone wieder einzutreiben. Green DeWitt selbst hatte dieses Sechspfünder-Geschütz Jahre zuvor, im Januar 1831, von der mexikanischen Regierung geliehen, um seine Kolonisten vor Razzien der Komantschen zu schützen. Doch als die mexikanische Zentralregierung unter Santa Anna die Entwaffnung der Siedler befahl, weigerten sich die Bürger von Gonzales. Greens Witwe Sara – eine geborene Lafitte aus Baton Rouge, Louisiana – und ihre Tochter Naomi erlebten die Geburtsstunde der Texas-Revolution, bekannt als die Schlacht von Gonzales, am 2. Oktober 1835 hautnah mit. Sie hatten aus Naomis Hochzeitskleid ein Banner gefertigt – mit der legendären Aufschrift Come and take it - Kommt und holt sie euch unter der Abbildung einer Kanone. Es wurde zur ersten offiziellen Revolutionsflagge und zum ewigen Symbol des texanischen Stolzes – wie Cornelius Kammschneider in den offensichtlich fiktiven „Abenteuern eines deutschen Cowboys“ überflüssigerweise bemerkte. Genießen wir den historischen Ausblick. Kolonisten, die Green DeWitt folgten – ich erinnere an siebenundfünfzig Ulster-schottische Familien und drei ledige Schotten aus Missouri –, vergrößerten nach der Fredonia-Rebellion von 1826 die wohlhabenden Gemeinden von Nacogdoches und Gonzales. Neben DeWitt und Austin nennen die Annalen Haden Edwards, Samuel May Williams und Martín de León als Granden. Die Mächtigen gerieten über ungenaue Abkommen in Streit. Feindseligkeiten bestimmten fortan das Verhältnis zwischen den Neuankömmlingen und der ursprünglichen sowie der bereits etablierten Bevölkerung.   

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Ich recherchierte den Fall von Frank Zavala für eine deutsche Zeitung. Zavala war zum Tode verurteilt worden. Er hatte gerade seinen vierten Aufschub erwirkt. In einem landesweit beachteten Prozess war er des Mordes an einem kinderlosen Rentnerpaar überführt worden. Zugang zu ihnen hatte er gehabt, weil seine Geliebte, Electra Hornblower, den beiden nicht nur den Haushalt führte, sondern ein wahrer Wirbelwind war – die gute Seele und eine Art Ziehtochter. Ein Polizist hatte Frank in Gary Nelsons Cadillac gestoppt. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung trug Frank Stiefel, in deren Sohlenprofil sich das Muster zweier Blutlachen abgezeichnet hatte. Seine Fingerabdrücke waren an beiden Tatorten gesichert worden. Er argumentierte mit einem Präzedenzfall, in dem ein Verurteilter siebzehn Jahre darauf gewartet hatte, dass seine Unschuld bewiesen wurde. Frank behauptete, den Tatort erst betreten zu haben, als die ermordete Frau bereits tot war.

Das Verbrechen hatte sich in Redfield ereignet, einem 440-Einwohner-Nest, elf Autominuten von Nacogdoches entfernt, geprägt von deutschen und schottischen Einwanderern. Die Nachkommen der Deutschen bauten auf eine ganz eigentümliche Weise. Sie verliehen ihren Häusern einen Pennsylvania-Charakter – mit viel grobem Putz, Sandstein und Schmiedeeisen. Das schmale Grundstück von Lynn-Oktavia „Oki“ und Gary Nelson grenzte an unglaublich gleichmäßig parzelliertes Ackerland.

Der Himmel war atemberaubend. Die Pioniere hatten geglaubt, dieser Himmel sei die Wahrheit. Unter ihm war Bull Calhoun zu einem Prärieriesen aufgestiegen. Rutherford Calhoun hatte unter diesem Himmel seinen Halbbruder Porter Cooper erschossen. Das Leben der Nelsons war ohne große Aufregung an einem schmalen Fluss dahingegossen, an dem sie als Kinder das Wasser nach Biberart angestaut hatten. Einige Jahre lang führte der Fluss eine chemische Gischt mit sich, dann waren die weißen Flocken verschwunden. Am Tag des Verbrechens kam Gary vom Schießstand nach Hause und fand einen Zettel seiner Frau, auf dem stand, sie sei spazieren gegangen. Doch die Notiz war mit „Oky“ unterschrieben, nicht mit „Oki“. Zudem stand der Safe offen. Gary rief die Polizei und äußerte seinen bösen Verdacht. Als Deputy Allison McGee dreißig Minuten später das Haus betrat, fand er den „gutaussehenden Rentner niedergemetzelt“ in seinem eigenen Blut. McGee sagte dazu: „Es sah aus, als hätte der Täter in einem Blutrausch auf den Körper eingeprügelt. Ich vermutete, dass er ganz in der Nähe war.“

1972 war Frank Rufus Zavala verurteilt worden. Zwölf Jahre später war Frank noch immer am Leben. Er berief sich auf einen Fall, in dem jemand bis zur Aufhebung des Urteils siebzehn Jahre lang als Mörder gegolten hatte. Diese Kernschmelze im Justizreaktor schrieb nach journalistischer Aufklärung. Zumal es nicht an offensichtlichen Falschaussagen, Schlamperei oder veralteter Technik gelegen hatte, die zu dem Schuldspruch führten. Dabei stieß ich auf eine unglaubliche Geschichte.