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2026-09-05 14:08:14, Jamal

Turning Danger into Performance – Sons of the Republic

Ich hätte der glücklichste Mann unter der Sonne sein müssen, mit Evangeline Gerrish Cooper als (m)einer Geliebten. Die vornehmste Prinzessin von Nacogdoches schlüpfte bei unseren flüchtigen Begegnungen gern unter die Decke und beschäftigte sich mit einem Gegenstand, den sie Reverend nannte. Sie sprach mit ihm wie mit einem Baby einerseits – und andererseits so, als sei er eine Respektsperson, die völlig unabhängig von mir, dem verrückten Deutschen, Entscheidungen traf. Wenn ich die Sache abkürzen wollte, weil uns die Zeit davonlief, tauchte sie auf, funkelte sie mich aus ihren rauchgrau-smaragdgrünen Augen an und erinnerte mich an ihren – nach den Margen des texanischen Gründungsmythos – großartigsten Ahnen und an die Schlacht von San Jacinto: „Achtzehn Minuten, Jarek. Echte Texaner brauchen achtzehn Minuten, um Geschichte zu schreiben.“

Evangeline reagierte weitaus ungestümer auf mich als Naomi. Die mondäne Millionärstochter schätzte Sex im Rodeo-Stil. Die eher ziellose Naomi hingegen, die sich seelisch mit esoterischen Kalenderweisheiten über Wasser hielt, liebte Geschichten, die das ganze Spektrum vom Märchenhaften bis zum Übernatürlichen abdeckten. Sie schenkte einem Erzähler die ultimative Erfüllung, weil sie auf Sprache erotisch reagierte. Sie registrierte die Finesse eines narrativen Stils, sezierte die Art und Weise, wie man eine Anekdote zum Besten gab, und bewunderte narrative Volten, Loops und Twists. Naomi war in der Lage, die Spannung lange aufrechtzuerhalten und erzählerische Höhepunkte ganz nah an die sexuellen heranzuführen. Genau das machte die Sache für mich so gefährlich. Evangeline betrachtete ihr Interesse an mir als eine Art unverdiente Gunst, die sie mir erwies. Auf der gesellschaftlichen Leiter stand ich meilenweit unter ihr. Alles an ihr war exquisit. Es wäre Evangeline nie in den Sinn gekommen, um irgendjemanden kämpfen zu müssen; sie spielte das Spiel des Lebens außerhalb der normalen Umlaufbahnen.

Wir ritten gemeinsam aus und sahen uns regelmäßig auf dem Schießstand, wenn auch stets in den Masken bloßer Freundschaft. Ich war ein Fremder, der richtig reiten und schießen konnte – keine bloße Miniaturversion des echt Texanischen. Die meisten Leute, einschließlich Evangelines Eltern, wären nie auf die Idee gekommen, dass diese Premium-Braut Vergnügen daran finden könnte, sich vor mir auszuziehen.

Wer war ich schon? Ein deutscher Fan des texanischen Lebensstils; ein Niemand, der sich interessant zu machen wusste. Aber mit Naomi war ich auf Augenhöhe. In einer sturmfreien Bude zeigte sie mir ihr Entzücken, während ich ihr die Geschichte der „Unsterblichen Zweiunddreißig“ erzählte. Man nennt sie die Sons of the Republic – jene Ranger, die am 2. März 1836 aus Gonzales an der alten Franziskaner-Missionsstation San Antonio de Valero eintrafen, besser bekannt als das Alamo. Auf ihrem Ritt hatten sie sich nicht einmal aus dem Sattel bemüht, um zu pinkeln. Sie wollten so schnell wie möglich zu den Todgeweihten stoßen, die dort einer überwältigenden Übermacht trotzten.

Bei Gonzales hatten achtzehn Texaner einhundertsechzig mexikanische Husaren in die Flucht geschlagen. Sie beeilten sich, um ja nicht zu spät zum Sterben zu kommen. Im Alamo warteten einhundertsiebenundfünfzig Verteidiger unter Colonel William Travis auf Verstärkung gegen die dreitausend Soldaten, die Antonio López de Santa Anna Pérez de Lebrón vor den halb verfallenen Mauern zusammengezogen hatte.

Das Alamo war bereits in spanischer Zeit von seinen Mönchen aufgegeben und später als mexikanische Garnison genutzt worden. Auch das war schon alte Geschichte, als die Ranger aus Gonzales den Belagerungsring durchbrachen, um ihre eingeschlossenen Freunde zu umarmen. Travis hatte seinen Brief bereits geschrieben:

Kommandantur des Alamo

Béxar, 24. Februar 1836

An das Volk von Texas & alle Amerikaner in der Welt

Mitbürger & Landsleute,

ich werde von Tausenden von Mexikanern unter Santa Anna belagert. Ich habe ein vierundzwanzigstündiges, ununterbrochenes Bombardement und Kanonenfeuer erlitten und keinen einzigen Mann verloren. Der Feind hat die bedingungslose Kapitulation gefordert, andernfalls soll die Garnison im Falle der Einnahme des Forts über die Klinge springen. Ich habe die Forderung mit einem Kanonenschuss beantwortet, und unsere Flagge weht immer noch stolz auf den Mauern. Ich werde mich niemals ergeben oder zurückziehen. So rufe ich Sie im Namen der Freiheit, des Patriotismus und allem, was dem amerikanischen Charakter teuer ist, auf, uns so schnell wie möglich zu Hilfe zu kommen. Der Feind erhält täglich Verstärkung und wird in vier oder fünf Tagen zweifellos auf drei- oder viertausend Mann anwachsen. Sollte dieser Ruf ungehört verhallen, bin ich fest entschlossen, mich so lange wie möglich zu halten und wie ein Soldat zu sterben, der niemals vergisst, was er seiner eigenen Ehre und der seines Landes schuldig ist.

Sieg oder Tod.

William Barrett Travis
Lt. Col. comdt.

Die unsterblichen Zweiunddreißig: Isaac G. Baker, John Cain, George Washington Cottle, David P. Cummings, Jacob Darst, John Davis, Squire Daymon (Damon), William Dearduff, Charles Despallier, William Fishbaugh, John Flanders, Dolphin Ward Floyd, Galba Fuqua, John E. Garvin, John E. Gaston, James George, Thomas J. Jackson, John, Benjamin Kellogg II, Andrew Kent, George C. Kimble, William Phillip King, Jonathan L. Lindley, Albert Martin, Jesse McCoy, Thomas R. Miller, Isaac Millsaps, George Neggan, Marcus L. Sewell, William Summers, George W. Tumlinson, Robert White und Claiborne Wright.

Naomi lag mit geschlossenen Augen und offenem Mund da. Ab und zu zeigte sich die Zungenspitze, so als wollte sie die Namen der Glorreichen schmecken. Das war die Finesse, die bei ihr das Lustfieber auslöste. Der Lider Vorhang ging hoch. Die Pupillen waren fast schwarz.

„Sie wussten, dass sie sterben würden“, flüsterte Naomi, vor Erregung heiser.  „Sie ritten in eine Falle, Jarek. Einhundertfünfundsiebzig gegen dreitausend. Sie haben nicht einmal gezögert.“

Sie zog mich an sich, ich hatte ihr ein prächtiges Vorspiel geboten. Sie brauchte das Epische, den Pakt mit dem Tod.