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2026-09-05 12:50:31, Jamal

Die dynastische Lüge

1984/85 – Naomi in ihren eigenen Worten

Wenn ich meinen Vater vor anderen und manchmal auch in unserer Zwiesprache Sir nannte, war das ein Zeichen von Ehrerbietung und zugleich das in Fleisch und Blut übergangene Resultat einer Dressur. Ich erinnere meine ersten Reitlektionen. Sir duldete keine Schwäche und schon gar nicht im Sattel; er brach den Willen der Pferde und er formte meinen nach seinen Vorstellungen. Ich lief an der Longe seines Willens. Wer befehlen will, muss gehorchen können. Ich lernte, mich einem viel stärkeren Wesen gegenüber nicht nur zu behaupten; vielmehr es zu dominieren, schließlich nur noch mit Schenkeldruck und ohne Einsatz von Zügel und Trense. Man nennt die unterstützenden Maßnahmen Hilfen. Mein Vater lehrte mich, dass unser Name das Einzige ist, was zählt. Jeder DeWitt verlängerte eine Abstammungslinie, die untrennbar mit dem texanischen Gründungsmythos verbunden ist und für die es sich zu morden lohnt.   

Ich erlaubte Leland, mich zu befriedigen. Seine heroische Dummheit gab mir den Raum, Regie zu führen. Er begriff nichts. Aber der Deutsche, den ich zum Spanner und unverheirateten Cuckold machte, begriff alles. Seine Recherchen waren in den Augen meines Vaters Nachstellungen. Sir befahl mir durch die Blume väterlicher Floskeln, Jarek mit unseren Gangarten vertraut zu machen. Ich empfand echtes Interesse, das machte es mir leicht.  

Ich liebte Jarek sogar, wenn auch in einer Weise, die Männer niemals verstehen werden. Ich genoss es, ihn an der Nase herumzuführen, sein Verlangen mit obsessiven Noten zu schärfen, während Leland mich befriedigte. Ich schenkte ihm Bellevue-Perspektiven auf mein Begehren, präsentierte ihm stolz meinen formidablen Arsch und beteiligte ihn generös an meiner Ekstase. Ich wollte ihn rasend. Er sollte sich um mich drehen, wie ein Garn um die Spindel. Indem er es für möglich hielt, mich zu besitzen, besaß ich ihn ganz und gar, und dies wie nebenbei. Gewiss war ich die beste Schülerin, die Sir sich wünschen konnte. Niemals würde ich es zulassen, dass Jarek mit modrigem Archivkram den Rang meiner Dynastie schmälerte. Wir waren ein Familienzweig mit verborgener Wurzel. Das Sichtbare lag nicht nah – wen interessieren schon Akten aus dem frühen 19. Jahrhundert – und es verfehlte den historischen Kern. Das war die Legende. In Wahrheit war es umgekehrt. Das Naheliegende, die Feststellung einer bloßen Koinzidenz und der unrechtmäßigen Annahme eines Namens, dem aus der Perspektive unseres Ahnherrn zufällig eine enorme Bedeutung zukam, verbarg sich erfolgreich hinter der haltlosen Zugehörigkeitsbehauptung. Kein legitimer Nachfolger des Großbankrotteurs Green DeWitt war je auf die Idee gekommen, nicht mit uns verwandt zu sein. Der Punkt war, echte DeWitts identifizierten sich in der Matrilinearität der Erbfolgelinie über Sara Seely, die mit zwei, drei gelungenen Spielzügen ihre Familie vom Elend der totalen Pleite zu bewahren wusste. Sie war die Stammmutter in der Klan-Narration. Für Außenstehende war DeWitt der große Name, für Insider signierte Sara Seely die Erfolgsgeschichte.   

Das schmutzige kleine Geheimnis der echten DeWitt-Dynastie in sechzig Sekunden. Als der Empresario Green DeWitt im Jahr 1835 in Mexiko in einem unmarkierten Grab verscharrt wurde, hinterließ er den Seinen nichts außer astronomisch hohen Schulden und völlig wertlosem, eigenhändig hergestelltem Notgeld. Im Vergleich zu den makellosen Heroen der Republik – dem glanzvollen Stephen Fuller Austin und dem titanischen Samuel Houston – haftete dem Namen DeWitt der Makel des Scheiterns an. Von daher rührt eine Namensscham, an die sich hundert und mehr Jahre später niemand mehr erinnern konnte. Dennoch blieb ein Hautgoût, von dem ich nichts wissen sollte. Dass überhaupt Land blieb, auf dem die Nachfahren im 20. Jahrhundert so herrschaftlich auftrumpfen konnten, war kein Verdienst des Stammvaters, sondern das Werk einer zähen Frau. Sara Seely DeWitt hatte 1831 in weiser Voraussicht des Gattenruins mexikanisches Recht genutzt und sich unter ihrem Geburtsnamen Seely ein ordentliches Stück Land im heutigen Gonzales County gesichert. Man bewirtschaftete das Mutterland, während man sich im Namen der historischen Vergesslichkeit schließlich wieder als DeWitt und in texanischen Farben aristokratisierte. Die schlafwandelnd behauptete Lebenslüge der Mortimer-DeWitts passte zu dem biografischen Krummholz der Green-DeWitts. Das waren Kartenhäuser, die sich in feste Burgen verwandelten. Versilberte Schmach. Für die Unantastbarkeit des so gut erfundenen Mythos sollte man vor nichts zurückschrecken; es sei denn, man fand in der Bedeutungslosigkeit einen Reiz.  

Wie gesagt, wenn ich meinen Vater Sir nannte, war das ein Zeichen von Ehrerbietung nicht nur. Schon als Kind empfand ich ehrliche Hochachtung vor seinem fürstlichen Geltungswillen und der Unbedingtheit, mit der seine Interessen verfolgte. Ich war seine legitimste Erbin, die Einzige, die ihn verstand. Meine Sehnsüchte richteten sich auf das Imago eines Mannes, der Sir ebenwürdig war. Ich hoffte, in Saltus meinen König gefunden zu haben. Er war reich geboren. Reiten und schießen konnte er seit seiner Knabenblüte; das verstand man in unserer Gegend unter Erziehung. Unvorstellbar, dass ich ihn, so wie Jarek, zum Spannen vor ein Fenster stellen konnte. Sogar nach den Spielregeln texanischer Hypertrophie war Saltus eine Ausnahmeerscheinung. Mit achtzehn war er in West Point eingetreten und hatte an der Militärakademie der Vereinigten Staaten eine vierjährige Ausbildung absolviert. Mit zweiundzwanzig Jahren verließ er die Akademie als Second Lieutenant und ging zur Infanterie. Er stellte sich dem Ranger School Programm in Fort Benning – heute Fort Moore. Unter brutalem Schlaf- und Nahrungsentzug werden die Teilnehmer an ihren Belastungsgrenzen geschliffen. Es geht vor allem darum, noch führen zu können, wenn die Erschöpfung den Verstand vernebelt. Wer diese Ausbildung übersteht, darf die „Ranger Tab“ auf der Schulter tragen – ein sichtbares Siegel für jemanden, der unter Druck nicht zusammenbricht, sondern gerade dann funktioniert: built for pressure. Meine Sehnsüchte richteten sich auf das Imago eines Mannes, der Sir ebenbürtig war. Ich hoffte, in Saltus meinen König gefunden zu haben. Er war reich geboren. Reiten und schießen konnte er seit seiner Knabenblüte; das verstand man in unserer Gegend unter Erziehung. Unvorstellbar, dass ich ihn zum Spannen vor ein Fenster stellen konnte.

Saltus‘ Weg führte ihn zum 75th Ranger Regiment, der Speerspitze für Spezialoperationen. Ranger operieren da, wo Geschwindigkeit, Präzision und absolute Belastbarkeit gefragt sind. Die Armee schickte ihn zum Jura-Studium. Als verdeckter Logistiker des Pentagons hatte er im Rahmen der CIA-Mission Operation Cyclone in Peshawar die Dollarmillionen und Waffenlieferungen für den Widerstand der Mudschaheddin gegen die Sowjets koordiniert und war dafür ausgezeichnet worden. Nun, mit Ende zwanzig, bekleidete Saltus den Rang eines Captains. Ich würde einen dekorierten Schattenkrieger heiraten.