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2026-09-04 21:28:17, Jamal

Turning Danger into Performance - “You may all go to hell, and I will go to Texas.” Davy Crockett

Im Klapperschlangenparadies

Nacogdoches im Sommer 1984 – Jarek Teichmann saß auf der maroden Veranda eines Holzhauses, das älter war als der texanische Gründungsmythos. Mit verblasster Aufmerksamkeit stocherte er in vergilbten Aufzeichnungen. Sein Enthusiasmus erschöpfte sich in einer Fülle unglaublicher Geschichten. Der deutsche Amerikanist war in eine Phase der halluzinierenden Wahrnehmung eingetreten. Sein Aufenthaltsort war ein historischer Schauplatz. Im Januar 1836 hatte Nicholas Adolphus Sterne den damals längst legendären Davy Crockett in diesem Haus empfangen. An der Wand warf das flackernde Kaminfeuer furiose Schatten auf Regale voller Bücher. Nichts war seltener im Grenzland als Bücher.

Sterne, einst Bürgermeister von Köln, schenkte seinem Gast Wein ein. Der ehemalige Abgeordnete aus Tennessee trug seine berühmte Waschbärenmütze auch in geschlossenen Räumen.  

„Sie haben ein gutes Haus gebaut, Nicholas“, sagte Crockett mit einer Stimme, die wie mahlender Kies klang. „Ein Stück alte Welt in der Wildnis.“

Sterne lächelte wehmütig. Er hatte so vielem entsagt, um in Texas etwas zu finden, das es im Europa des Vormärz nicht gab: Raum zum Atmen. Er hatte die New Orleans Greys ausgerüstet, Männer, die bereit waren, sich der mexikanischen Übermacht entgegenzustellen.

„Die alte Welt hat uns die Ideale geschenkt, David“, erwiderte Sterne. „In Texas geben wir ihnen die Kraft der Wirklichkeit. Auch wenn der Preis hoch sein wird. General Santa Anna marschiert nach Norden. Er wird keine Gefangenen machen.“

Crockett entgegnete ungerührt: „Ich habe allen Kongressmännern gesagt, sie mögen zur Hölle fahren, ich gehe nach Texas.“

„Bereuen Sie es?“

Crockett schüttelte den Kopf. „Ein Mann muss tun, was er für richtig hält. Ihre Greys sind schon in San Antonio. Sie warten in der Missionsstation Alamo.“

Sterne schwieg. Er wusste, dass Sam Houston – der in diesem Haus zum Katholizismus konvertiert war – die Freiwilligen für verloren hielt. Doch der Freischärler-Stolz war unbändig.

„Morgen reite ich nach Alamo“, verkündete Crockett. „Die Würfel sind gefallen.“

Sterne trat ans Fenster. Die Nacht verbarg das Land, das Filibuster vom Schlage eines Bull Calhoun einst illegal durchstreift hatten. Einst spanisches, jetzt mexikanisches Land, das im Sturm der Texas Revolution amerikanisch werden sollte. Er hob sein Glas.

„Auf die Freiheit, David. Und darauf, dass die Geschichte sich an diese Nacht erinnert.“

Plötzlich flog der nächste Vorhang der Geschichte auf und Bull Calhoun trat auf. Ein Mann, der nie eine Schule von innen gesehen hatte, aber das verbotene Tejas wie ein offenes Buch las. Calhoun trieb Mustangs durch Klapperschlangenparadiese der Gesetzlosigkeit, ein Hasardeur im Niemandsland. Zugleich spann er Fäden für den Verräter James Wilkinson. Wilkinson war ein US-amerikanische General, der Staatsgeheimnisse an die spanische Krone verkaufte. Das war das wahre Texas an seinem Anfang: Zuflucht und Endstation für Desperados.

„Sie starren schon wieder in die Leere, Jarek.“

Die Stimme von Evangeline Gerrish Cooper holte ihn nicht zurück in die Gegenwart. Sie erstrahlte auf die Veranda, ein Glas Eistee in der Hand. In ihren Adern floss Pionierblut, wie man hier sagte. Sie war eine Urenkelin von John Wayne Cooper Jr., der Seite an Seite mit Sam Houston gekämpft hatte. Evangeline verkörperte die mondänste Variante des Gründungsmythos. Sie war eine Southern Belle der Extraklasse und zählte an erster Stelle zu den Prinzessinnen von Nacogdoches. Verlobt war sie mit Jackson Stonewall Stoner, der auf seiner Brust die Battle Flag der 4th Texas Infantry trug. Stoner war ein Mann aus dem Panhandle, aufgewachsen in Lubbock. Er rühmte sich der Verwandtschaft mit Colonel Benjamin Franklin Terry. Eine Freiwilligenvereinigung hieß nach ihrem Gönner Terry’s Texas Rangers (8. Texas Cavalry). Jeder Ranger erhielt ein Gewehr, einen Colt, ein Bowie Messer und einen Sattel. Terry unterstützte den Kongressabgeordneten, Publizisten, Verleger, Anwalt, Arzt und Colonel der Konföderation John S. Ford. Gemeinsam mit Ford und Gouverneur Thomas Saltus Lubbock (1817 – 1862) schiffte sich Terry im Juni 1861 im Hafen von Matamoros ein. Via Galveston segelten die Sezessionisten nach New Orleans. Da nahmen sie den Zug nach Richmond, Virgina, um sich General James Longstreet zu unterstellen. Ihren Aufrufen folgten insgesamt 1170 Texaner. Terry führte seine Ranger von Virginia nach Nashville, Tennessee, und weiter nach Bowling Green, Kentucky. Am 17. Dezember 1861 fiel Terry vor Woodsonville, Kentucky, in einer von den Konföderierten gewonnenen Schlacht. Lubbock sagte bei der Beerdigung: No braver man ever lived. Ford übernahm Terry’s Texas Rangers. Nach dem Krieg machte er weiter als Zeitungsmann und Politiker.  

„Alldieweil am Bücherwichsen, Wurm?“, flachste Evangeline.   

Jarek verzog keine Miene. Er trieb mit Bull Calhoun und John Wayne Going Senior – der spanischen Krone entzogene – Mustangs über den Neutral Strip an der Grenze zu Louisiana. Die Autoritäten der alten Welt, Papst und König und ihre Schergen und Büttel, hatten im No Man’s Land aka Sabine Free State nichts zu bestellen. Das Recht war eine Frage von Pulver und Blei. Über dem Sattelknauf lag eine Charleville-Muskete (Model 1777), Kaliber .69. Eine französische Waffe, gestohlen in New Orleans. Glattläufig. Auf achtzig Schritt holte Jarek damit einen spanischen Dragoner vom Pferd. Alles darüber hinaus war Glückssache. Auf dem Rücken trug der Westmann aus Kassel eine Pennsylvania Longrifle mit lanzenlangem Lauf. Evangeline betrachtete er im Geist der Alienation of Affection. Diese Rechtsfigur – Entfremdung der Zuneigung – stammte aus dem anglo-amerikanischen Common Law. Es behandelte die Ehefrau nicht als souveränes Rechtssubjekt, sondern als Eigentum (Property) des Ehemannes. Wenn ein anderer Mann die Zuneigung der Ehefrau stahl, war das Diebstahl, ein unerlaubter Eingriff in das Eigentumsrecht, der wie der Diebstahl einer Kuh, eines Pferdes und kurioserweise auch eines Gewehrs bewertet wurde.

Evangeline ließ sich vom deutschen Wicht nicht in Frage stellen. Sie sah ihm über die Schulter und las mit. 1811 erreichte Miguel Hidalgos mexikanische Revolutionsidee Nacogdoches. Eine Nebelkerze noch, aber sie entfachte einen Flächenbrand.