Turning Danger into Performance – Kein Typ für eine Nebenrolle
Crobbet Joe Leland schoss seine Bilder. Er imitierte Niki de Saint Phalle. Weil er riesig war, einen verschlingenden Blick hatte und die karierten Hemden von Chief Bromden trug, sah bei ihm alles nach ausgeflipptem Holzfäller und nichts nach Kunst aus.
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Wer in Texas ein Steak durchbrät, begeht ein Verbrechen. Well-done heißt hier Schuhsohle - boot leather.
In den letzten Monaten vor ihrer Verlobung mit dem Millionenerben Saltus inszenierte sich Naomi als Muse. Es gefiel ihr, mit kreativen Randfiguren abzuhängen, von denen ihr Vater selbstverständlich nichts hielt. Leland imitierte Niki de Saint Phalle und wunderte sich, dass die Nachahmerei für ein Leben als anerkannter und vermögender Künstler nicht ausreichte. Allerdings punktete Leland an zwei Stellen. Erstens war er ein fähiger Selbstversorger mit grünem Daumen und zweitens hatte er als Siebzehnjähriger eine Nebenrolle in einem Acid Western mit Jack Nicholson. Der Film schaffte es nie ins Kino und wurde erst in den 1990er Jahren fürs Fernsehen aufbereitet. In Nacogdoches konnte ihn niemand gesehen haben. Trotzdem zweifelte man nicht daran, dass Leland an einer Filmkarriere haarscharf vorbeigeschrammt war. Er musste einfach etwas Großes verpasst haben, so groß wie er war und so heroisch wie er wirkte.
Leland sah aus wie der Held im Zwielicht. Wie einer, der an einem Schicksalstag der Nation eine tragische Entscheidung zugunsten des Vaterlandes und zum Nachteil eines Freundes oder einer Frau gefällt hatte und seither keine Ruhe mehr fand. Stieg er aus seinem Auto, wunderte man sich, dass die Karosserie nicht hinter ihm aus den Nähten platzte. Er verschlang Berge von Pfannkuchen … Leland wohnte in Goings Gartenhaus. Das war ein stehender Begriff in Nacogdoches. Es bezeichnete ein idyllisch am Angelina River gelegenes Anwesen. Leland hatte die Immobilie geerbt. Auf die historischen Einzelheiten komme ich später zu sprechen. Naomis Verbindung zu Leland bezifferte eine Mesalliance. Mit mir als Drittem im Bund passte beinah schon „Basket of Deplorables“, ein Wort, das Hillary Clinton Jahrzehnte später prägte – gemünzt auf Trump-Wähler. Bei einem Barbecue in der Auenlandschaft hinter Goings Gartenhaus trat Naomi in einem himmelschreiend blauen Stretchmini auf, der keinen Zweifel gestattete, was sie darunter nicht anhatte. Sie zeichnete mich vor den anderen mit besonderer Aufmerksamkeit aus. Sie grillte mich in der Hitze, die sie verströmte. Jedes Mal, wenn ich Anstalten machte, ihr die letzten Flusen der Unverbindlichkeit vom Kleid zu fegen und auf Vollzug des wieder und wieder Versprochenen zu bestehen, entzog sie sich mir. Stattdessen flirtete sie mit einem Stetsonträger, den sie seit ihrer Kindheit kannte und der selbstverständlich enorm viel Grund und Boden an den Füßen hatte. Ich dachte an das deutsche Sprichwort: Appetit holt man sich draußen, gegessen wird daheim. Aber wo war daheim für die freidrehende Verlobte? Naomis polyamoröse Ausritte fanden in einem gesellschaftlichen Rahmen statt, den ich später in einem justiziablen Zusammenhang so definierte: Macht erlaubt es, ein System von Helfern, Vermittlern und wegschauenden Dritten aufzubauen. Konsequenzen werden einfach externalisiert; das Risiko sozialer Sanktionen erscheint minimal. Der dauerhafte Aufenthalt in einem abgeschirmten und einflussreichen Milieu führt zu einer chronischen Verzerrung der eigenen Wahrnehmung. Wenn das Umfeld jeden Widerspruch systematisch filtert, entsteht das Gefühl einer Ausnahme-Existenz, bei der alltägliche gesellschaftliche Normen und rechtliche Grenzen als nicht mehr bindend oder schlicht verhandelbar erlebt werden.
Gerade lief Jim Croces “Bad, Bad Leroy Brown”. Leland überragte den Tumult auf seiner maroden Veranda. Er verkörperte das ungeschriebene Gesetz des Lone Star State: In Texas everything is a little larger – and so are the men. Er pflegte den Waylon-Jennings-Stil, der nur Superlative kannte: “I’ve always been crazy, but it's kept me from going insane.”
Einer seiner Adlaten wendete Steaks auf dem Grill – einer Maßarbeit. Blut zischte in der Glut. In Texas grenzt durchgebratenes Fleisch an Blasphemie. Naomi tauchte neben Leland auf und veranlasste ihn zu einer Umarmung. Sie war mehr als einen Kopf kleiner und lugte an seiner bramarbasierenden Brust vorbei in meine Richtung. Ihre Zunge blitzte vor. Die Show war für mich bestimmt. Ich war damals nicht in der Lage, das Ausmaß der erotischen Berechnungen zu ermessen, die Naomi zu ihrem Vergnügen anstellte. Sie zog Leland ins Haus, mich, solange es ging, im Blick behaltend. Der Blick fesselte mich. Ich sah mich gezwungen, wie ein Spanner ums Haus zu schleichen; nicht zuletzt von der Vermutung geleitet, dass Naomi mir einen Logenplatz reserviert hatte. Ich lag goldrichtig. Sie verführte Leland in einer kaum mehr als bettbreiten Kammer, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. Ich hatte mich deswegen schon erkundigt. Die beste Erklärung war abenteuerlich. Der Raum könnte zuerst ein Safe Place gewesen sein – ein Geheimzimmer. Erst im 20. Jahrhundert war ein Fenster in die Außenwand gesetzt worden. Dadurch sah ich, wie sich Naomi vor Leland auszog. Ich verstand sofort den Katalogreiz des Arrangements. Naomi zeigte, was mich erwartete oder mir entging. In gewisser Weise degradierte die Konstellation Leland mehr als mich. Ich war im Bilde und kannte meine Rolle. Leland erblindete sozial in seiner Ahnungslosigkeit. Naomi öffnete seine Hose und blieb dabei in einer angedeuteten Rumpfbeuge; so dass ich ihren wogenden Hintern betrachten konnte. Nein, Naomi hatte mit der Fitness-Fee Jane Fonda nichts am Hut.
Die Aerobic-Welle der 1980er Jahre war weit mehr als nur ein Sporttrend. Angeführt von Jane Fondas legendärem Workout-Video aus dem Jahr 1982 wurde Fitness zu einer globalen Konsumkultur und einem Schönheitsdiktat. Der Look bestand aus grellbunten Spandex-Leotards, Beinstulpen, Schweißbändern und extrem hoch ausgeschnittenen Hüften. Das Ziel war ein athletischer, disziplinierter, fast gestählter Körper – „Feel the burn.
Naomi war üppig, schamlos, instinktiv und wild. Sie prahlte mit ihrem großen Hintern, als der Pfirsich dem Po-Ideal entsprach. Ich war Naomi ausgeliefert – ein Spanner am Fenster, obwohl ich nie Probleme gehabt hatte, als Liebhaber attraktivere Rollen zu spielen. Zugleich glühte ich vor Verlangen – in der göttlichen Abwesenheit von Internet und Smartphone. Damals existierte eine fundamentale Intimität, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Wer halböffentlich vögelte, tat es im Schutz analoger Dunkelheit. Unbekannt war die Angst vor weltweiter Entblößung mit nur einem Klick. Naomi konnte die Sau rauslassen; ihr Auftritt war flüchtig und exklusiv.
In ihrem schamlosen Zeigestolz lag schon etwas Anachronistisches. Wir leben in einer Welt, in der jeder Schritt, jeder Blick und jede Entblößung potenziell digital konserviert, geteilt und algorithmisch ausgewertet werden kann. Deshalb hat die Szene für mich den Wert eines Fetischs. Immer wieder greife ich darauf zurück, vergegenwärtige mir Details und spritze auf die Freiheit von 1984. Ich fetischisiere die Vorstellung, irgendwo im Nirgendwo unbemerkt erregt zu sein, ohne dass ein Sensor mitläuft.
Für Leland war es ein Quickie in der Standardausführung. Er konnte das ständig überall haben – überlebensgroß und magnetisch, wie er war. Und so wie die Zeiten waren. Aids war im öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen und galt zudem als Schwulenpest.
Im April 1984 wurde das HI-Virus als Ursache identifiziert. Einen kommerziellen Bluttest gab es ab März 1985. Die US-Öffentlichkeit erwachte erst im Sommer/Herbst 1985, als der Hollywood-Star Rock Hudson seine Aids-Erkrankung öffentlich machte und daran starb.
1984 galt die Krankheit außerhalb der Metropolen als „gay plague“. Für einen heterosexuellen Naturburschen wie Leland existierte das Risiko schlichtweg nicht. Er lebte in einer unbeschwerten sexuellen Verlängerung der 1970er Jahre.
Leland wollte Naomi auf seinen Schenkeln tragen, im Karate nennt man die Position Reiterstand - Kiba-Dachi, aber Naomi hatte etwas anderes im Sinn. Ich war in ihrer Vorstellung – bedenken Sie zwei Konnotationen des Wortes Vorstellung – mit von der Partie. Sie sah also aus dem Fenster, mich dahinter wissend, während Leland hinter ihr sein Bestes gab. Das Zusammenklatschen leistungsfähiger Leiber erzeugte ein Geräusch, dass für mich zum erotischen Signal wurde. Ich sah Naomis theatralisch-ekstatisch entgleisenden Züge, gewiss, dass sie mich ansprach und stimulierte, dass ich in ihrem Spiel ein Lustfaktor war. Sie krönte die Inszenierung, indem sie den Mund weit öffnete und mir die Zunge entgegenstreckte. Ich verlor meinen Samen just in dem Augenblick, in dem Leland einen Coitus interruptus kunstturnerisch exemplifizierte, gewiss nur aus Freude an der visuellen Allianz seines Prachtpenis, der Spermafontäne und Naomis galaktischen Hintern. Oh ja, ich hatte es immer gewusst, auch Leland war ein Connaisseur des Erotischen – und nicht nur ein einfältiger Eintopfesser. Es versteht sich von selbst, dass ich als guter Verlierer vom Platz ging. Ich konnte mich zu diesem Premiumpaar so wenig in ein realistisches Vergleichsverhältnis setzen wie zu einem Pornostarpaar.