MenuMENU

zurück

2026-08-30 15:40:15, Jamal

Glut und Glamour 

Gerade sitzt Scarlet Sterling im Café ihrer Tante Reihaneh und gewährt Imai eine letzte Aussprache, an der sie sich allerdings nicht lange beteiligt. Sie verkörpert einfach nur sich selbst, während einer ihrer Cousinen Imai unter die Lupe nimmt. Cynthia kennt seine Okā-san, die in den Frankfurter Sukeban-Gangs als Quasi-Ono einen Ruf wie Donnerhall genießt.

Was zuvor geschah

Als letzte Maßnahme vor der Trennung hat das erzählende Ich, die Karatekoryphäe Philologin Scarlet Sterling, ihren von ihr liebevoll Ducky gerufenen Imai aus seiner Eigentumswohnung geschubst und ihn so heimgeschickt in das Reich der übermächtigen Okā-san. Imais Okā-san (Mutter) ist Vorsitzende der Geheimloge QX, von der William S. Burroughs in „Auf der Suche nach Yage“ berichtet.

Scarlet entstammt einem kurdischen Klan, der im Grenzland zwischen Iran und Irak bis in die Fünfzigerjahre des XX. Jahrhunderts eine merkwürdige Eigenständigkeit bewies. Achthundert Jahre vor dem Erscheinen des Rabbi (vielleicht auch falschen Propheten) Jesus von Nazareth wurde von Scarlets Leuten das Nordreich Israel gegründet. An diesem biografischen Punkt trifft sie sich mit Ayat, dem Paten von Gelnhausen, wie auch mit dessen Tochter Asenath und deren bildschönen Bruder Omri. Sieht Scarlet einen Grund zur Klage, wendet sie sich an Ayat. Sie begegnet ihm in den Wäldern des Main-Kinzig-Kreises. Man zieht gemeinsam Koks im Wert eines Kleinwagens durch die Nase und theoretisiert über Kampfkunst und Kriegsführung. Ayat dient ein Billigbrillenimperium als Fassade und Geldwaschanlage. Als Pate erfüllt er eine ihm vom Großvater auferlegte Pflicht. Die ererbte Bürde soll auf Asenath übergehen, um Omri aus den Schusslinien zu halten. Er wird zum Consigliere seiner Schwester erzogen. Scarlet bereitet sich darauf vor, die Familienmiliz anzuführen.

So geht es weiter

Cynthia geht als Löwin unter die Leute. Alles an ihr ist Glut und Glamour und brennender Horizont. Sie braucht einen gediegenen FDH (eine für den Hausgebrauch geeignete, männlich gelesene Person). Jemand, der sich zu kleiden weiß, mit Stil devot ist und Geld wie Heu hat.

Keine Frage, Imai bringt das mit. Das Prestige seiner Okā-san Quasi-Ono hebt ihn. Er ist ein nicer, leicht handhabbarer, eifrig bei Fuß gehender und willig apportierender Schwachkopf.

Turning Danger into Performance - Grammatik als psychologischer Filter

„Komm endlich.“

Gleich spielt England gegen Frankreich und wir sind Geiseln des Wahnsinns in der Galerie meines ehemaligen Verlobten Rainer. Ai-Rainer stellt den Blödsinn von Emma aus. Ich bewerte das als Verrat. Es ist kaum zu fassen, keine vier Monate nach Imais Trennung von Emma und meinem Einzug bei ihm flutschen schon wieder die diplomatischen Beziehungen im Geleit der Artigkeiten. Eben standen Emma und Imai so da, als wären sie das Paar. Sie waren sieben Jahre zusammen und haben immer noch ein gemeinsames Kraftfeld. Ich werde gleich verrückt.

Rainer hat versucht eine Grußadresse an unsere gemeinsame Vergangenheit zu richten. Unfassbar, dass ich diesen Simpel einst heiraten wollte. Der jungen Königin fehlte das Qualitätsbewusstsein.

Rainers Notlösung guckt so besinnlich, als sei alles im Lack. Emmas akute Affäre ist auch so was Wiederbelebtes, das in grauer Vorzeit, als immer Winter und Emma meine beste Freundin war, zum Holz sammeln in den Wald geschickt wurde. Ich kenne keinen Mann, der sich nicht schicken lässt. Und alle haben diesen Dackelblick.

England verliert 2:1

Endlich findet Imais Aufmerksamkeit das richtige Ziel, wir gehen ab durch die Mitte fast im Stechschritt. Fuckt euch, ihr Sackmimosen. Wir landen in einer Tankstelle voller Gestalten in den deutschen Farben. Imai zieht die Jacke aus, so dass jeder sein englisches Trikot sehen kann. Ich trage mein 5:1-Shirt. Schon angeknallt vom Ausstellungsrotwein, gebe ich mit Apfelwein Gas.

England verliert 2:1. Die Kneipe wird zur Karaokebar.

Ich fühle mich unterbewertet. Wer hält den Freundeskreis zusammen, macht Partys klar und trägt die teuren Sachen von Amourelle?

Aus der Werbung:

Dieser elegante Balconette-BH von Amourelle hebt die Büste sanft an und formt ein formvollendetes, natürlich zentriertes Dekolleté. Die Cups sind so geschnitten, dass sie selbst bei tiefen Ausschnitten optimalen Halt bieten und gleichzeitig perfekten Sichtschutz garantieren. Ein funkelndes Schmuckelement am feinen Mittelsteg setzt einen luxuriösen Akzent. Auf den Cups entfaltet sich eine filigrane Blütenstickerei auf transparentem Tüll, die sich wie ein edles Tattoo an den Körper schmiegt. Das tiefschwarze Design fasziniert durch ein nuancenreiches Zusammenspiel aus matten und glänzenden Details. Zarte Träger mit exklusiven Applikationen an den Ansätzen unterstreichen den reizvollen Charakter dieses Dessous, während die transparenten Seitenteile für ein wunderbar leichtes und feminines Tragegefühl sorgen.

Ich wälze mich nicht in Bescheidenheitssuhlen. Ich erwarte von einem Mann, dass er sich wenigstens ab und zu für mich ein Bein ausreißt. Haben wir uns verstanden, mein Lieber. Und bitte nicht dieser Blick (in dem sich Unterwürfigkeit mit Frauenverachtung paart).

Griechenland ist Europameister

und in Imais Wohnung wird eine neue Heizung eingebaut. Ich habe ein Auto meines Vaters zur freien Verfügung, Imai und ich könnten nach Straßburg fahren. Da lebt sein Vater. Er heißt Ben und ist in dritter Ehe mit einer Französin verheiratet, die ihm, so schildert es mein Imai, noch ein Kind abverlangt hat.

Ich schwanke zwischen Wohlbefinden und Sorge

Ich weiß, dass Emma Imai das Leben leicht gemacht hat. Ich kenne sie lange. Sie war das Mädchen von nebenan, die Freundin im Kindergarten, die Verstärkung auf dem gemeinsamen Schulweg und sie ist meine Cousine. Außerdem sind wir katholisch in einer evangelischen Gegend. Unsere Eltern spielen größere Rollen in unserer Gemeinschaft der Gläubigen.

„Außer Haus erleben Imai und ich kaum noch etwas gemeinsam“, sage ich. Emma und ich sitzen im Burggarten vor einem Zehner-Bembel. (Nebenbei, was man zum Apfelwein sagen darf: Ebbelwoi oder Äbbelwoi. Äppler aber war Jahrhunderte lang ein Schimpfwort für Busenpetzer.) Wir unterhalten uns in einem Schwarm Schwangerer und Väter, die sich mit dem Nachwuchs beschäftigen. Besonders hübsch erscheint ein Igel mit kupferrotem Haar. An seiner Seite schnoddert ein Fingerhutgeschöpf, die Schwester offenbar. Beide tragen Kapuzenpullover übereinander, als zierliche Drapierungen ihrer Schlumpfwesenhaftigkeit.

Ich gehe Emma absichtlich auf den Keks mit Gejammer. Sie wehrt sich mit Details aus ihrem (im Augenblick besonders unerheblichen) Liebesleben.

Zwei Monate später – Usagi

Gestern ist Imai zu seiner Mutter gezogen. Guten Tag, mein Name ist Scarlet Sterling, ich bin eine auf der richtigen Seite des Mains geborene Geburtsfrankfurterin. Machen wir uns nichts vor, das können nicht viele von sich behaupten. Ich kenne viele Probleme nur vom Hörensagen. Um nicht seltsam zu wirken, habe ich mir auch schon Probleme ausgedacht. Grundsätzlich erachte ich mich als eine in jeder Hinsicht begünstigte Person, mit einer selbstauferlegten Verpflichtung zur Nachsicht gegenüber den Fucky Duckies mit ihren Flohmarktfressen.

Ich trinke Kaffee aus meiner Lieblingstasse, eine der wenigen Geschenke von Imai, die nicht zu Bruch gegangen sind, und gucke japanisches Frühstücksfernsehen. Die Moderatorin trägt ein Gewand, auf dem Being filled steht. Ich erwähne das Detail nur, weil es auf ein Kulturmissverständnis verweist, das nie aufgedeckt werden wird. Warum? Weil kein Europäer freiwillig japanisches Frühstücksfernsehen guckt, es sei denn, er hat sich dem Japanischen verschrieben. Den Japanern selbst ist Englisch egal – mit einer Gleichgültigkeit, die man sich als Deutsche kaum vorstellen kann. Für die Designer in Tokio sind englische Phrasen reine Grafik. Dekoration für ein Volk, das lateinische Buchstaben für modern hält und esoterischen Nippes so lange googelt, bis die mechanische Passivform „Abgefüllt werden“ auf der Brust einer TV-Moderatorin prangt. Es ist die radikale Befreiung des Wortes vom Sinn.

Grammatik als psychologischer Filter

Die Deutschen vernehmen im Englischen noch immer den freundlichen Sieger im anglo-amerikanischen Plural. Englisch ist die Sprache der Befreiung. In Deutschland bedeutete die Stunde Null 1945 einen totalen Bruch mit der eigenen Vergangenheit. In Japan ließen die Amerikaner den Kaiser (Tenno) im Amt. Der Kern der japanischen Identität und Tradition blieb unangetastet. Japaner assimilieren Fremdwörter über ein eigenes Schriftsystem namens Katakana. Aus Table wird Tēburu, aus Strike wird Sutoraiki. Die phonetische und visuelle Anpassung japanisiert alles. Englisch wird in diesem Rahmen zu einem künstlichen Werkzeug (Wasei-Eigo – in Japan erfundenes Englisch).    Die Japaner haben das Englische über ihr eigenes Schriftsystem domestiziert, es zu einem Ornament gemacht. Sie sind ernsthaft auch im Nonsens. Sie inszenieren die absolute Sinnentleerung mit einer Präzision und Würde, die Europäer fassungslos machen müsste, würde sie es denn begreifen.

Auf dem Bildschirm besucht Beingfilled eine Karate-Schule. Der Meister ist ein wüster Knochen. Er heißt Naruto Usagi. Ich kenne sämtliche Usagi-Videos. Die Opfer seiner weltweit kursierenden Demonstrationen krauchen wie geprügelte Hunde herum. Sie leiden schrecklich. Usagi ist ein echter Hulk mit Faschofrisur. In seinem Dōjō trainieren mysteriös schlechte Schüler, darunter ein paar alte Schleicher, die so aussehen, als würden sie beruflich in Mülltonnen wühlen.

Usagi ist mein Favorit im Reich der menschgewordenen Comicfiguren. Beingfilled ist auch nicht schlecht. Sie erscheint im brettharten Keikogi. Sie kriecht gehend und kniet stehend. Usagi ist begeistert. Er zeigt ihr dies und das, aber Beingfilleds Aufmerksamkeit gehört den Kameras, die sie umschwärmen. Sie ist der Star. Usagis bevorzugter Dummy muss sich vor ihr zum Affen machen. In meiner Welt zählt er zu den Celebrities der unfreiwilligen Komik. Jeder Meisterschlag und Meistertritt bricht seine Haltung, das kann man sich stundenlang auf YT angucken. Einem Kollegen ergeht es genauso dreckig, während Usagi klarmacht, dass er wieder höchstens sieben Prozent seiner Energie eingesetzt hat. Er bleibt durchgehend herablassend. Die Schmerzkrümmungen der Adlaten quittiert er mit verächtlicher Gleichgültigkeit.

Plötzlich erwacht in Beingfilled der sportliche Ehrgeiz. Vielleicht kommt der Drive auch aus der Verpflichtung, bei jedem Stunt gut auszusehen. Japanische Moderatorinnen gehen für ihren Job durch die Hölle. Usagi lobt Beingfilled und gibt sich philosophisch. Er hantiert mit seinen Spielzeugen, sprich Waffen. Ich schalte um und sehe einen Hanauer Kotzbrocken in aller Gemütlichkeit auf Apocalypse Now TV (ANT) Hessen-Weltweit. Ich schalte zurück. Gerade verweigert Usagi dem Ehrengast die Chefarztbehandlung. Er korrigiert einen Karatenormalo, der sich bestimmt viel von dem Training verspricht. Er lächelt gequält, er weiß, dass er nicht gut ankommt mit seinem Kraut-und-Rübengebiss und dem Hundeblick, der mich an Imai erinnert. Wie gesagt, er wohnt jetzt nicht mehr in seiner Wohnung, sondern wieder bei seiner Mutter, der Architektin.

Mir hat die Wohnung immer schon besser gefallen als Imai. Seine Mutter hat sich im Zuschnitt verwirklicht. Die Türklinken passen farblich zu den Fensterrahmen. In dieser Wohnung ist das teuerste Zeug verbaut worden. Richtige Handwerker haben die Visitenkarten ihres Könnens abgegeben.

*

In Lütze an der Havel (bei Werder) findet das alljährliche „Kostümfest des FKK“ 2018 bereits Anfang Mai statt. Das teilte der Vorstand der Heimatzeitung Werder Life mit. Mich informiert Imai in dieser Angelegenheit, mit dem Ziel, auf einer Heiterkeitswoge angeschwemmt zu werden.

Er versucht es noch einmal.

„Kostümfest des FKK Lütze.“

Ich quäle mich durch ein Lächeln. Wir sitzen im Café Schwalbe und führen das obligatorische Nachgespräch. Das Café erinnert an einen außer Betrieb geratenen Paternoster. Die Gäste separieren sich in Kabinen und Nischen.

Es gibt einen Anspruch der Aufgegebenen auf ein Nachgespräch. Niemand, den ich kenne, bestreitet das. Selbst die größten Hooligans und Asozialen verweigern ihren Abgehalfterten nicht die Gelegenheit zu einer letzten Klage auf neutralem Boden.

In jeder Trennung steckt eine Entwertung. Wir trennen uns von nichts, was uns wertvoll erscheint. Der Distanzierte braucht gute Gründe, um die Entwertung im direkten Umgang auf sich wirken zu lassen. Zu den guten Gründen zähle ich gemeinsame Kinder. Die haben Imai und ich zum Glück nicht. Wir haben nur eine gemeinsame Wohnung, die Imai zwar eigentümlich gehört, von mir aber besetzt gehalten wird.

Das Café gehört meiner Tante Reihaneh. Sie ist der Milvatyp und die Sippenpatrona. Ihr abgefrühstückter Mann existiert nur noch in der einfallsreichen Verachtung seiner Frau und ihrer Schwestern. Ich verdanke Reihaneh sechs Cousinen. Alle haben Schichten im Schwalbe. Alle behaupten Unabhängigkeit und beweisen Dependenz.
Reihaneh dominiert die Szene mit machtvoller Hilflosigkeit. Als überdrehter Dreh- und Angelpunkt im Familienauflauf wird sie belagert. Sie wehrt sich mit Grobheit: „Du hast den Mundgeruch deines Vaters.“
Meine Migrationsgeschichte beginnt im Iran. In manchen Erzählungen führten unsere Vorfahren ein beschauliches Leben, das Gott gefiel. Fragt man Reihaneh, dann waren die Altvorderen eine Bande verlauster Banditen, die ihre Frauen wie Sklavinnen hielten und dem Vieh anderer Leute den Vorzug gaben.

Familie ist Scharmützel, ein Kleinkrieg um Anerkennung. Im Café ziehen mitunter zehn Frauen aus zwei Generationen und etliche Täubchen von unserem Stamm in die Schlacht. Gunst oder Missgunst, das ist hier die Frage. Es kommt zu erzwungenen Liebesbezeugungen. In den Fällen ihrer vollendeten Verweigerung weidet sich die eine am Leid der anderen. Die Leidende fühlt sich folglich in das Recht gesetzt und geradezu genötigt, der Nächstbesten eine zu verpassen. Das hat mich für Karate empfänglich gemacht. Heute Nacht habe ich von Usagi geträumt. Wir trieben es tierisch in einem luxuriösen Planschbecken in seinem persönlichen Spa, einem klandestinen Appendix der dem Plebs zugänglichen Trainingshalle. Das Traumgeschehen explodierte in Farben der Yakuza und ich verlor den Faden.

Ich lasse Imai reden wie beim tonlosen Fernsehen. Meine gleichgültige Abneigung beschirme ich mit dem Anschein von Aufmerksamkeit. Die vermeintliche Aufmerksamkeit dient Imais Kummer als Arena. Er quatscht ins Leere. Frau kann so einem Männchen ja nicht einfach auf die Nase binden, dass man es nicht mehr scharf findet, oder um es in der Sprache der Bibel zu sagen: dass man von ihm nicht mehr fleischlich erkannt werden möchte. Der kastrierte Blick, den er mit Usagis Karate-Dummy teilt, ist kein Zufall. Alle Imailuschis behaupten, sie seien Feministen mit sämtlichen Unterstrichen und Sternchen. Voll gegendert. So erschleichen sie sich taffe Mösen, aber nie für lange.

Meine Cousine Cynthia kreuzt am Tisch auf und peilt die Lage. Imai glibbert in ihre Richtung. Du kannst ihn haben, signalisiere ich ihr. Sie winkt mit einem Schulterzucken ab. Kein Bedarf, heißt das.