Turning Danger into Performance – Die Beständige
Vor fünfhundertachtzig Millionen Jahren schlug ein interstellares Geschoss ein Loch in die Erde, das als Acraman-Krater in die Geschichte einging. Das Impaktrelief ist stark erodiert und weist die gleichen magnetischen und gravitativen Anomalien wie die Depression von Yucatán auf. Sie erscheint als Senke mit einem Durchmesser von neunzig Kilometern. Das Relief ihrer Umgebung bestimmte die rasche Abkühlung einer vulkanischen Gesteinsschmelze vor Milliarden Jahren. Die Landschaft ist das Resultat einer Schock-Metamorphose. Kosmische Gewalt brachte sie wortlos hervor. Kiona und ich empfanden die australische Sternenwunde als Resonanzraum für universelle Fragen.
Kiona stammte aus dem US-Bundesstaat Colorado und war als Offizierstochter im Dunstkreis einer hessischen Garnison aufgewachsen. Ihre Eltern waren ikonografische Produkte des Kalten Krieges; maßgebliche Protagonisten einer Parallelgesellschaft. Sie führten das sprichwörtliche Hügel-Viertel-Leben – The Officers‘ Enclave. Die Sterlings residierten exklusiv in der Hügel Housing Area zu Frankfurt-Ginnheim; in einer Villensiedlung, reserviert für „the Brass“ – die Militärelite. Ein amerikanischer Vorstadttraum hinter NATO-Draht, mitten in Deutschland. Rasen ohne Zäune, boulevardbreite Auffahrten, Straßenkreuzer mit den grünen Kennzeichen der US-Streitkräfte. Nebenan lag die Platenstraße Housing Area mit ihren einundvierzig standardisierten, tristen Drei-Etagen-Wohnblocks, und weiter östlich die Carl Schurz Housing Area in Preungesheim.
Kiona besuchte von 1985 bis 1989 die Frankfurt American Junior High School auf dem Gelände der Drake Kaserne an der Homburger Landstraße. Anschließend wechselte sie an die Frankfurt American High School (FAHS), an der sie 1993 ihren Abschluss machte. Die traditionsreiche amerikanische High School befand sich seit 1954 an der Siolistraße 41 im Creighton W. Abrams Complex, nördlich des monumentalen ehemaligen I.G.-Farben-Hochhauses, das der US Army als Hauptquartier diente. Der Schulbus passierte jeden Tag die Checkpoints der Militärpolizei. Ihre Jugend verbrachte Kiona im Teen Club, sie feuerte die Frankfurt Eagles an und deckte sich in der gigantischen WAC Circle PX am Alleenring mit Pop-Tarts, Hershey’s und Root Beer ein – lange bevor diese Dinge im deutschen Supermarkt auftauchten.
Zwischen 1985 und 1995 war Frankfurt für Kiona das logistische Herzstück von USAREUR – United States Army Europe. Ihr Vater, ein kühler Colonel der Feldartillerie, der aussah wie Robert Mitchum, koordinierte jahrelang im monumentalen Geisterhaus des IG-Farben-Gebäudes im Westend die Truppenbewegungen des V. US-Korps. Ihre Mutter diente als Lieutenant Colonel der Air Force und dirigierte beim 435th Tactical Airlift Wing jene logistischen Adern, die über die Rhein-Main Air Base pulsten.
Im Januar 1991 vereiste die Stadt. Der Schnee blieb wochenlang liegen, während in der Wüste von Kuwait die Erde brannte. Es war eine bizarre Gleichzeitigkeit. Im Fernsehen flimmerten die Nachtsichtbilder von CNN; Peter Arnett berichtete live aus dem belagerten Bagdader Al-Rashid-Hotel [1.3]. Mitten im Bombenhagel beschwerte er sich über ausgefallenen Room Service. Im Radio lief AFN Frankfurt aus den Studios im Bertramshof. Die Jingles des Senders fraßen sich wie Säure in Kionas Gedächtnis. „Some call it noise, we call it the sound of freedom“ – passend zum Donnern der C-5-Transporter im Luftraum über Rhein-Main. „I would like to dedicate ‚Highway to Hell‘ from AC/DC to my husband in Saudi-Arabia.“ Kionas Mom war kaum je zu Hause. Sie koordinierte die MedEvac-Flüge zum 97th General Hospital. Freedom is not free – das war die Losung der Eltern.
Schließlich kollabierte die Sowjetunion und Mom & Dad kriegten einen Marschbefehl nach Fort Carson. Da tat Kiona das Unvorstellbare. Sie legte ihren militärischen Sonderstatus wie eine zu eng gewordene Haut ab und verweigerte eine Heimkehr in die Fremde. Sie saß in den überfüllten Warteräumen der Frankfurter Ausländerbehörde, beantragte eine reguläre Aufenthaltserlaubnis und tauschte ihre goldenen Privilegien gegen das stupide Recht, im wiedervereinigten Deutschland zu arbeiten. Dass Kiona ausgerechnet bei der Frankfurter Rundschau landete, während ihre Eltern in Colorado die republikanische Flagge auf dem Familienrasen hissten, war ein Treppenwitz der Lokalgeschichte. Sie schrieb auf Deutsch, und doch blieb sie Amerikanerin.
Manche amerikanischen Frauennamen transportieren ein prä-kolumbianisches Erbe. Winona, Cheyenne, Dakota, Aiyana, Shawnee, Seneca, Nokomis, Onawa und Sacagawea haben ihren Ursprung in den Sprachen der indigenen Völker Nordamerikas. Bei Kiona ist die Etymologie fraglich. Einige Register verorten den Namen in Sprachen der Cherokee und übersetzen ihn mit „braune Hügel“. Ein erdhaftes Epitheton, das wie ein Echo aus ihrer ersten Heimat wirkt, wo die schroffen Ausläufer der Rocky Mountains den Horizont dominieren. Am Rand der australischen Depression erfuhr ich, dass Kiona auf Hawaii als Variante von Keona gelesen wurde – „das gnädige Geschenk“ oder, in manchen polynesischen Dialekten, schlicht „Schnee“. In dem mörderischen Glutofen des Outback verband sich mit Schnee lebensfreundliche Abkühlung. Am tiefsten resonierte eine keltische Deutung, die Kiona als weibliche Form des altirischen Cian verstand. Seine Bedeutung changierte zwischen „uralt“ und „beständig“.
Das war Kiona für mich – die Beständige. Wir lebten in einer Ellipse aus Nähe und Distanz. Andere umkreisten unseren Glutkern wie Trabanten, waren eine Weile bildbestimmend und gaben zu hochgespannten Hoffnungen Anlass. Dann suchten wir sich wieder wie auf ein geheimes Zeichen hin, kehrten zu uns zurück und hatten erst einmal Sex, der wie ein großes Aufatmen war.
Normalerweise klapperten Kiona und ich Anglerheime, Campingplatzschwemmen und Gartengaststätten am Main zwischen Frankfurt und Aschaffenburg ab. Außerdem galt unser Interesse eingesessenen Griechen und Portugiesen, die von ihren Landsleuten als Identitätstanks genutzt wurden. Viele Einwanderer waren in der Unauffälligkeit mehrheitsgesellschaftlicher Arrangements verschwunden und hatten ihre Häuser auf Klein- und Vorstadtränder gesetzt. Sie folgten anderen Präferenzen, beachteten andere Umgebungszeichen als die ursprünglichen Deutschen, und sie fuhren gut mit ihrem Herkunfts- und Ursprungswissen.
Manche Anglerheime wurden von trist-verkrachten Ehepaaren in Last-Exit-Manier bewirtschaftet. Andere hatten bloß einen Ausschank. Da materialisierte sich mitunter eine schon lange nicht mehr tageslichttaugliche Gestalt im Halbdunkel eines Verschlags.
So etwas liebten wir. An solchen Orten redeten wir besonders gern über unseren Lieblingsschriftsteller. Seit vielen Jahren erhoben wir uns mit Peter Handke aus unseren Senken; Kiona und ich widmeten uns kultisch seiner Lektüre. Wir schrieben uns auf parfümiertem Papier Briefe. Handke fand sich exotisch als Empfänger persönlich gehaltener Briefe – „Briefe, die den Namen (verdienen), die Adresse nicht vorgedruckt, sondern in echter Handschrift.“ Er macht sich ein Gewissen aus dem Alltag der Zustellerin, die wegen ihm so oft dann doch nicht, „von der … -Straße abbiegen muss … zum Tor am Ende der Allee.“
„Die Briefträgerin inzwischen mit vielen weißen Haaren und bald Großmutter.“
Kiona beschenkte mich mit Erregungsmaterial, erotischen Epiphanien, Fotos, die das ikonografische Momentum der Man-Ray-Moderne zitierten. Lyrische Schnappschüsse, eine diskrete Pornografie. Kiona wohnte in einer kalkuliert spärlich möblierten Altbauwohnung im Nordend. Dielen, Flügeltüren, freigelegtes Vorkriegs-Mauerwerk an einigen Stellen. Der nackte Ziegel fungierte als Objet trouvé. Die massivste ästhetische Bruchstelle verbarg sich im Schlafzimmer. Direkt neben Bill Anders‘ großformatigem Earthrise-Foto hing die amerikanische Flagge. Sie war eine Herausforderung für jeden deutschen Liebhaber. Vermutlich lag darin ihre Hauptbedeutung. Sie takelte die links-grünen, Toskana-Terracotta-blasierten Lebensentwürfe der Schlafgäste ab.
Die Stars and Stripes im Schlafzimmer einer Rundschau-Redakteurin waren der ultimative Overkill. Kiona nutzte die stärkste Manifestation des Glaubensbekenntnisses ihrer Eltern als intellektuelles Störobjekt, um die Selbstgerechtigkeit ihrer Liebhaber vorsorglich auszuschalten. Das Banner zwang die Frankfurter Post-68er-Intellektuellen in die Knie. Es war Kionas persönlichste Form der Schock-Metamorphose.
Mir bot sich da kein Hindernis. Ich war, was niemand und folglich auch Kiona nicht wusste, ein martialischer Transatlantiker. Ein Nato-Kid der zweiten Generation; von meinem Sport- und Kunstlehrer Holger rekrutiert und getrimmt in der Unverfänglichkeit einer Pfadfinder- und einer Kraftsportgruppe. Jahrelang hatte ich auf Holgers Kommando gehört. Er war Offizier im geheimen Auftrag. Er rekrutierte Nachwuchs für ein irreguläres Heimatschutzprogramm. Eine Schattenarmee sollte nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts hinter den feindlichen Linien das Prinzip Hit and Run verfechten. Holger tarnte sich als Linker. Seine musischen und sportlichen Neigungen waren echt. Sein Gefolge erlebte die Formung als eine Mischung aus Biologie für Anfänger, Erste Hilfe, Jagd- und Kartenkunde, Geschichtsunterricht, Nachtwanderungen, Orientierungsläufen und noch mehr Sport. Wir wilderten mit Pfeil und Bogen im Kaufunger Wald. Wir lernten, wie man ein Reh aufbricht. Wir bestimmten mit Spucke und Zeigefinger die Windrichtung. Holger trieb uns in die Erschöpfung, er ersparte uns den Sinn der Übungen. Erst heute, da alle wissen, was hybride Kriegsführung ist, verstehe ich ganz und gar den Sinn der klandestinen Erziehung zur autonomen Einheit. „Ich fühle eine Armee in meiner Faust“, sagt Schiller. One Riot, one Ranger, sagte man in Texas noch um 1900.
Wenn Kiona und ich uns nach dem Sex seelisch wiedervereinten, wirkte die Aufnahme aus dem Weltraum wie ein Versprechen ewiger Freundschaft. Für Kiona war es das bedeutendste Foto schlechthin. Anders hatte die Aufnahme auf der Apollo-8-Mission am 24. Dezember 1968 mit einer modifizierten Hasselblad 500 EL auf 70-Millimeter-Ektachrome-Film geschossen, in jenem kritischen Moment nach dem Einschuss in die Mondumlaufbahn. Zusammen mit Frank Borman und Jim Lovell war er drei Tage zuvor mit der Saturn-V-Rakete gestartet, um den Trabanten als erste Menschen überhaupt zehnmal zu umkreisen. Es war ein riskanter Testflug. Zum ersten Mal erblickten Menschen aus nächster Nähe die von Kratern zerfurchte Oberfläche der ewigen Mondrückseite. Doch das Wunder geschah unangekündigt während der vierten Umkreisung. Als das Raumschiff seine Nase drehte, tauchte über dem monochromen Horizont des Mondes plötzlich diese blau-weiße Murmel auf – das einzige farbige Objekt im gesamten bekannten Universum. Anders hielt die Luft an und drückte ab. Später formulierte er den Widerspruch dieser 240.000 Meilen weiten Reise in einem einzigen Satz: „Wir machten uns auf den Weg, den Mond zu erforschen, und das Wichtigste war, dass wir die Erde entdeckt haben.“ Es war dieselbe existenzielle Erschütterung, die Alan Shepard, den Kommandanten von Apollo 14, drei Jahre später überwältigte. Der Haudegen gab später zu, beim Anblick des blauen Planeten am absolut schwarzen Himmel geweint zu haben.
*
Das Dorf war fast ausgestorben. Ein paar Uralte saßen vor einer neorealistisch-tristen Bushaltestelle, aber in den zwei Wochen meines Aufenthalts sah ich nie ein öffentliches Verkehrsfahrzeug. Ab und zu bretterte ein Pritschenwagen durch und einmal am Tag hielt ein Tankzug, der die Letzten mit Wasser versorgte.
Im Zuge der Entvölkerung hatte das Dorf seinen Mittelpunkt verloren. Der Schauplatz finaler Gemeinschaftsereignisse war eine Wiese am Rand gewesen, auf der noch Bänke und Tische verrotteten.
In einer zugespitzten Darstellung überragte das Dorf eine Felsnase, hoch über dem Ligurischen Meer. Das Blau des Himmels spiegelte sich mit phantastischen Effekten. Manchmal war die Horizontlinie schwarz, manchmal grün.
Die Natur drückte gegen jedes Haus. Sie brach aus dem Asphalt und zerbrach die Plattenwege. Bougainvillea und Orchideen überrannten Terrassen, die Jahrhunderte einen landwirtschaftlichen Nutzen gehabt hatten. Olivenhaine säumten zerfallene Bruch- und Natursteinwerke. Nachts weideten Wildschweine in den Hainen. Sie verstärkten das Gefühl von Bedrohung. Auch unter dem Dach meiner Unterkunft tobte nachts das Leben – eine einzige Jagd.
Rückblende I
Ich hörte von Lady Dianas Unfalltod, als ich den Lago Maggiore links liegen ließ. Die Nachricht erschien mir so unglaublich, dass ich mich in der Vorstellung verlor, der Sender sei von Informationspiraten gekapert worden. In der Gegend von Mailand las ich Heidi auf. In einem Gasthof im Piemont gerieten wir in eine geschlossene Gesellschaft, ohne es zu merken. Erst als ich zahlen wollte und der Kellner freundlich abwinkte, erkannte ich, dass uns Unachtsamkeit zu Gästen eines großzügigen Patrons gemacht hatte. Ich grüßte in die Richtung eines runden Tisches. Ein Mann erhob sich und erwiderte graziös den Gruß. Ich floh vor der Grandezza, in der eine ganze Operette steckte.
Heidi und ich besprachen die Geste. Wir fanden darin neben der Schönheit auch die Musikalität Italiens. Heidis Empfänglichkeit für Spinnereien zog mich an.
Heidi stammte aus dem Berner Land, lebte aber schon zwanzig Jahre auf dem ligurischen Berg. Die Leute da hatten sie lange mit dem Heidi-Filmklischee aufgezogen und das Titellied hinter ihr her gesungen. Allen war klar gewesen, dass Heidi bleiben würde, auch wenn sie sich absetzen und das Dorf im Rahmen einer höheren Ordnung, die Zukunft verhieß, aufgeben mussten.
Das Dorf besaß jede Menge Vergangenheit. In gewisser Weise war Heidi allein mit der Vergangenheit des Dorfes zurückgeblieben. Sie verwaltete drei notdürftig in Schuss gehaltene Ferienhäuser. Das war eine Angelegenheit mit Geheimtippcharakter. Ganz klar keine Sache für Jedermann.
Rückblende II
Ich wollte über Heidi schreiben, Urlaub war Zeitverschwendung. Am Tag meiner Anreise wollte Heide in der Nähe von Mailand sein, aber du kannst mich doch einsammeln. Liegt hundertprozentig auf deiner Strecke. So unkompliziert war es nicht. Heidi hatte mich gleich mal vorab hinters Licht geführt. Ich war sauer, das amüsierte sie. Offensichtlich kannte sie sich mit Not- und Spontanlösungen aus. Heidi fand einen Dreh, mich wieder locker werden zu lassen. Sie erzählte mir von ihren Plänen. In den italienischen Antipsychiatrieprogrammen begriff man Kunst als Arbeits- und Kampfmittel weit weg vom Geniebegriff. Heidi wollte die Obdachlosenzeitung magdalena 9 so attraktiv wie Andy Warhols Magazin machen und suchte Partner für das Projekt. Ich träumte am Steuer von Kooperationen und Kollaborationen mit Heidi. Wir kamen auf ihren Berg, zuerst fielen mir Trockenmauerkuppelbauten wie in Istrien auf. Sie dienten Hirten zum Unterschlupf. Miniaturausgaben standen zwischen Ruinen. Sie widerstanden dem Verfall.
In Heidis Garten wuchsen Feigen. Klapprige Campingmöbel aus Kollektionen der 1970er Jahre deuteten Verwahrlosung an. In der Spätzeit, als der Preisgabe und dem Niedergang des Dorfes noch Widerstand entgegengebracht worden war, gehörte das Dorf zu den bevorzugten Zielen Frankfurter Ex-Spontis, die nun bei den Grünen mitmischten und in der Mehrzahl lukrative Jobs ergattert hatten.
Rückblende III.
Ich wollte eine einfache Version der Geschichte und mich deshalb darauf beschränken, wie Heidi und ich gleich am ersten Tag unserer Bekanntschaft in ihrem Bett landeten. Jetzt erkenne ich, dass ich nicht unterschlagen kann, was diese romance de vacaciones so außergewöhnlich machte. Ich hatte mich mit Kiona in Imperia verabredet. Inzwischen bespielte Kiona als Journalistin die Weltbühne. Wir wollten einmal wieder Nägel mit Köpfen machen, nach einer Phase der bis dahin weitreichendsten Entfremdung. Kiona hatte sich so in einen Kollegen verliebt, dass unser Schwur nicht mehr galt. Dazu bald mehr.