MenuMENU

zurück

2026-08-09 08:31:44, Jamal

Turning Danger into Performance - Was sind Songlines?

Im Karijini Nationalpark

Wir standen auf dem Plateau der Hamersley Range, knapp fünfhundert Meter über dem Meer. Die Sonne stand schräg, der rote Sandstein glühte, als trüge er das Feuer seiner Entstehung noch in sich. Der Höhenzug gehört zu den ältesten geologischen Zeugen der Erde. Seine Felsen stammen aus dem Archaikum, einer Ära vor über 2,5 Milliarden Jahren. Da war die Erde jung. Ein Magmapfuhl. Aus dieser Urzeit stammen die metamorphen und magmatischen Felsen.

Die Pilbara-Region ist seit mindestens 40.000 Jahren Heimat der Aboriginal-Völker, insbesondere der Yindjibarndi und der Martuthunira. Es gibt nur wenige permanente Flüsse, die meisten Wasserläufe sind saisonal oder episodisch. Die Region verfügt über zahlreiche Wadis und natürliche Wasserbecken, so genannte Rockholes.

Wir erreichten den Dales Gorge - einen Riss in der Landschaft, belebt von den Fortescue Falls. Der Abstieg war steil, die Stufen rutschig. Moose hafteten an den Wänden. Wir passierten eskapistisch siedelnde Farngärten. Farne sind älter als alles, was wir mit Händen greifen können. Sie sind älter als Dinosaurier und bereicherten jene Urvegetation, die einst riesige Wälder bildete. Sie entstanden vor vierhundert Millionen Jahren im Devon. Viele Farnarten, die wir heute sehen, stammen direkt von diesen frühen Formen ab. Sie sind lebende Fossilien. Millionen Jahre vor dem ersten Vogel, lange bevor ein Mensch seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, wucherten sie in dampfenden Dschungeln.

Ein Pflanzendach verbarg den Fern Pool. Wir befanden uns an einer heiligen, zumal den Frauen bestimmten Stätte der Banjima.

Ein Ort, der entstand, als die Erde noch weich war.

Dreaming Tracks

Wir erreichten Kata Tjuta nach langer Fahrt am späten Nachmittag. Die Erde brannte unter meinen Füßen. Ich hatte Bilder gesehen. Aber nichts konnte eine Europäerin auf diesen Ort vorbereiten. Wir passierten den Valley of the Winds Walk. Der Weg war steinig, steil, staubig - und wunderschön. Der Wind kam aus dem Nichts, drehte plötzlich auf, fuhr durch die Schluchten. Ich hörte ihn in einer Sprache flüstern, die wir verlernt hatten.

Kata Tjuta war die ursprünglichste Kultstätte der Anangu, noch archaischer und enigmatischer als Uluru. Durfte man einfach die Begriffe der Aboriginal-Gemeinschaften übernehmen. Ich war vorsichtig und beinah abergläubig, wenn es um die Mythologie und Kultur der ursprünglichen Bevölkerung ging. Du warst unbekümmert.

Was sind Songlines?

Songlines sind mythische Pfade, die von den Schöpferwesen während der Traumzeit (Dreaming) zurückgelegt wurden, als sie die Welt formten – Berge, Wasserlöcher, Tiere, Gesetze.

Jede Songline ist eine Landkarte in Liedform. Singend erinnern sich Aboriginal People an Wege, Wasserquellen, Tiere, Geschichten, Rituale. Die Lieder sind gleichzeitig Geschichte, Navigation, Identität und spirituelle Verbindung mit dem Land. Manche Songlines durchqueren riesige Landstriche - über Tausende von Kilometern - und verbinden verschiedene Stämme.

Welches Recht hatte ich, von Dreaming und Songlines zu reden. Du sagtest, Wissen wolle geteilt werden, aber ich war mir da nicht sicher.

Später, in der Stille zwischen den Felsen, fragte ich mich, ob wir unbewusst einer Songline gefolgt waren. Ob nicht unser Weg von Karijini nach Kata Tjuta längst in einem Lied verzeichnet war, das älter war als Karten, Sprachen, Erinnerungen - und das uns geführt hatte, ohne dass wir es wussten.

Vielleicht war das Lied nicht für uns. Aber wir durften es hören.

Folgten wir einer Linie, die nicht wir gewählt, sondern erinnert hatten? Rief uns das Land? War unsere Route in Wahrheit ein Resonanzraum mit persönlichen Botschaften?

War dieser Einfallsreichtum nicht leichtfertig? Was wussten wir schon. „Dreaming - Traumzeit" reduzierte das Konzept auf eine westliche Vorstellung von Träumen, Innerlichkeit und Fiktion. Die Deutung ignorierte einen ontologischen Rahmen, in dem Schöpfung, Land, Identität und Handlung miteinander verwoben sind. Mich faszinierte diese Kosmologie. Ein vollständiges nicht-technisches Deutungssystem, in dem sich eine Lebensweise spiegelt, die für uns 300.000 Jahre lang ständige Praxis war. Ich will jetzt nicht von Stone Age High Tech anfangen. Für mich zeigte sich darin auch eine Einladung, andere Seinsweisen wahrzunehmen – weniger individualistisch, stärker eingebunden, verbunden mit Ort, Zeit und Ahnen. Es kontrastierte westliche Vorstellungen von Autonomie, Fortschritt, Getrennt-sein. Vielleicht lag gerade darin der Wert, sich „Dreaming" mit Respekt und Offenheit zu nähern - nicht um es zu vereinnahmen, sondern um zu lernen, dass unsere Welt auch anders gedacht werden konnte.

Einst hatte ich versucht, Sigmund Freud originell zu lesen und ihn als jemanden zu verstehen, der eine europäisch-urbane Variante von „Dreaming" geschaffen hat - wenn auch auf seine eigene, tief in Rationalität und Individualpsychologie verankerte Weise. Das „Dreaming" (in der Kultur der Aboriginal People) ist kollektiv, mythisch, zeitlos, zyklisch, landschaftsgebunden und identitätsstiftend. Es erzählt, wie die Welt entstanden ist, welche Verbindungen zwischen Menschen, Orten, Tieren und Gesetzen bestehen. Freuds Traumdeutung hingegen ist individuell, psychologisch, linear, innengeleitet und symbolisch - aber auch sie ist eine Kartografie des Unsichtbaren, eine Interpretation von Sinn, durchzogen von Erzählstrukturen und symbolischen Figuren, die aus einem „anderen" Bewusstsein sprechen. Beide Systeme - das „Dreaming" und Freuds Theorie des Unbewussten - versuchen, verborgene Kräfte, die das sichtbare Leben strukturieren, verständlich zu machen. Beide erkennen im Traum eine vermittelte, tiefer liegende Wahrheit. Beide verwenden Erzählung, Bild, Symbolik - um Unsichtbares zu übersetzen. Und beide sind letztlich auch Sinnstiftungsmaschinen - mit ethischer, sozialer oder heilender Funktion.
Freud „verinnerlicht" die Mythen: Er sucht sie im Subjektkern. Das ist die große Verschiebung vom mythischen Weltverständnis zur modernen westlichen Innenwelt.

Die eurozentrische Sicht - Sigmund Freud, der in seinem Werk auf archaische Mythen und „primitive" Kulturen zurückgriff, interpretierte sie meist als Projektionsflächen für westliche Seelenkonflikte - ohne deren Eigenlogik zu verstehen. Seine Konstruktion der Psyche ist tief verwurzelt im kulturellen Selbstbild des Westens. Die „Urhorde", das „primitive Ich", die Phantasmen der Wildheit - das alles folgte einer Gliederung im Geist des industriellen Zeitalters, an deren Ende der europäische, bürgerliche Mann als implizites Ideal stand. Freud schrieb über „die Wilden", ohne ihnen je begegnet zu sein - sie waren Denkfiguren, nützliche Folien. Claude Lévi-Strauss' „Traurige Tropen" gilt als Meilenstein der Ethnologie, ist aber zugleich Ausdruck einer melancholischen, fast ästhetisierenden Fremderfahrung, die das Eigene an der Differenz misst und das „Andere" letztlich zum Spiegelbild europäischer Krisen verklärt. Und André Malraux, der mit kolonialem Gestus durch Kambodscha streifte und Tempelreliefs wie Trophäen betrachtete. Skrupellos wilderte er im Reich der Roten Khmer. Vor seiner Glanzzeit als Schriftsteller und Kulturminister war er ein Plünderer - geleitet von der Überzeugung, dass große Kunstwerke gerettet -, wenn nötig auch aus ihrem Zusammenhang gerissen werden müssten. 1923 ließ er in Kambodscha Tempelreliefs aus Banteay Srei entfernen - kunstvolle Apsara-Figuren, gemeißelt in rosa Sandstein. Er wurde verhaftet, verurteilt, kam aber schnell wieder frei. Später stilisierte er sich zum Verteidiger der Kultur gegen das Vergessen. Der weiße Hochmut blieb unangetastet.

Malraux war kein Einzelfall. Ganze Museen des Westens beruhen auf dieser Geste: der Überzeugung, dass sich aus gebildeter Bewunderung Ansprüche ableiten ließe - weil man zu würdigen weiß. Der koloniale Blick verkleidet sich. Noch immer tragen Aneignungen die Signatur des Übergriffs: Wir geben euch Bedeutung, indem wir euch entnehmen.

*

Wir fuhren früh los, du am Steuer, ich mit den Füßen auf dem Armaturenbrett, im Rock. Meine Beine waren verschrammt. Wie schön ich es fand, dass du sie so schön fandest. Die Sonne kroch gleißend über den Horizont. Ich malte mir ein Quickie am Straßenrand aus, mit einem Kängurupublikum. Du hieltest das Lenkrad mit einer Hand. Die andere ruhte auf meinem Knie. Wir hatten einen unerschöpflichen Vorrat an gemeinsamen Themen. Auch daran erkannte ich unsere Liebe. Wir unterhielten uns so gern, und immer knisterte es in einer Diskussionsecke. Zwischen Termitenhügeln standen trostlose Desert Oaks. Kurz kreiste ein Wedge-tailed Eagle (Keilschwanzadler) über uns.

Wir zählten die Farbtöne der Landschaft auf: Ocker, Zimt, Mahagoni, Kupfer, rostiges Pink. Die Straße zog sich wie ein glühendes Band durch das flirrende Nirgendwo.

Ich wollte dich in mir spüren, mit plötzlicher Dringlichkeit.

„Halt an", sagte ich beinah nur in Gedanken.

Du hieltest in einer staubigen Straßenbucht.

„Mach den Motor aus."

Ich wandte mich dir zu, um dich zu küssen. Aber du warst schon halb aus dem Wagen. Ich zog die Füße vom Armaturenbrett, fuhr mir durchs Haar. Die Luft war so trocken, dass sie wie Papier an den Lippen klebte. Du standest vor der Motorhaube, die Hände in den Hosentaschen. Wolltest du spielen?

Ich stieg aus. Der Sand unter meinen Sohlen war erträglich warm. Deine Sonnenbrille spiegelte mich. Ich näherte mich dir wie in einem Film. Ich stellte mich direkt vor dich, die Hitze zwischen uns war wie eine dritte Haut. Du legtest eine Hand an meine Hüfte, fast beiläufig.

„Sag, dass du heiß auf mich bist."

Ich schloss die Augen.

„Ich will dich in mir spüren", flüsterte ich.

Ich roch deine Haut und war schon fast so weit. Du küsstest mich. Deine Hand fuhr unter meinen Rock und glitt unter den Slip. Ich stöhnte auf. Das reichte, um dich hart werden zu lassen. Dieses kleine Geräusch. Ich knabberte an deinem Ohr. Bald darauf verließen wir den Lasseter Highway und folgten dem Stuart Highway Richtung Norden.

Wir passierten Mount Ebenezer - eine klassische Outback-Roadhouse-Station. Ein paar Meilen weiter, eine verlassene Tankstelle. Davor ein rostiges Esky. Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Der Wind war so warm wie Atemluft. Auf dem Wagendach tanzten Hitzeschlieren.