Turning Danger into Performance - Von alkalisch bis arkadisch - Vom Lake Amadeus zum Lake Disappointment
Ohne dich war ich dann auch am Lake Disappointment aka Kumpupintil Lake. Er liegt im Land des Martu-Volks, das bis in die 1960er Jahre nomadisch lebte.
Der Salzsee füllt ein endorheisches Becken im Zentrum der Gibson Desert - ein abflussloses System, das sich seit Jahrtausenden episodisch mit Wasser füllt; unterlagert von präkambrischen Kristallingesteinen, die zu den ältesten Formationen der Erde zählen.
Seine Hydrologie ist ephemer: Nur in seltenen Jahren führen sintflutartige Regenfälle über den Rudall River oder kleinere Run-offs vom Little Sandy Desert Plateau Wasser zu. In den langen Trockenzeiten bleibt nur eine strahlend weiße Ebene zurück, durchzogen von polygonalen Bruchlinien.
Alles war grell und leer und voller Bedeutung - so, wie es nur in der Leere möglich ist.
Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich hierhergekommen war. Ich war eine Ahnung im Gedächtnis der Erde. Dieser Ort war ein Gedächtnisspeicher der Menschheit. Eine tektonische Erinnerungsschicht, in die sich ein Mythos eingeschrieben hatte. Ein Speicher geologischer Epiphanien. Ich hatte gehofft, etwas zu finden im Spektrum von Zeichen, Bedeutung und Richtung. Vielleicht war ich für einen Moment offen genug, so dass das Land durch mich sprechen konnte. Und dann trat sie aus dem Flimmern. Eine Frau. Alt, wettergezeichnet, mit ledriger Haut und Augen, in denen ein ferner Sturm lag. Sie gehörte zum Volk der Martu.
Ngamarr Yunkurra wurde zu einer Zeit geboren, als die Wüste noch unberührt war und die Stimmen der Traumzeit überall zu hören waren. Ihr Name Ngamarr bedeutet „die Ältere“ oder „Mutter“ und wurde ihr gegeben, weil die Frauen in ihrer Familie über Generationen Hüterinnen des Wissens und der Rituale waren. Der zweite Teil ihres Namens, Yunkurra, erinnert an einen heiligen Ort, wo der Himmel den Sand zu berühren scheint. Es heißt, dort habe die Regenbogenschlange einst Ruhe gefunden.
Von klein auf wurde Ngamarr von den Ältesten gelehrt, die Geschichten der Traumzeit zu bewahren und weiterzugeben. Sie lernte die Lieder der Sterne, die Geheimnisse der Pflanzen und die Wege der Ahnen, die durch die endlosen Weiten des Landes ziehen. Als junge Frau begann sie, die Jugend ihres Volkes zu unterrichten, und entwickelte dabei eine tiefe Verbindung zu den Geistern des Landes.
Ngamarr Yunkurra wurde zur Ältesten, zur lebenden Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft ihres Volkes. Sie trug die Verantwortung, das heilige Wissen zu bewahren, die Rituale zu leiten und die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Wenn Ngamarr sprach, lauschten alle, denn ihre Worte trugen die Kraft der Ahnen und die Weisheit der Wüste.
In einer klaren, mondlosen Nacht versammelte sich das ganze Dorf um das Feuer, das wie ein lebendiges Herz im Zentrum des Lagerplatzes brannte. Ngamarr Yunkurra saß auf einem großen Stein. Sie begann zu singen, ihre Stimme war weich und doch kraftvoll, getragen von den alten Liedern, die die Geschichte der Regenbogenschlange erzählten. Mit jedem Ton schien die Luft zu vibrieren, und die Funken aus dem Feuer stiegen wie Sternsplitter gen Himmel.
„Yunkurra ist nicht nur ein Ort“, erklärte Ngamarr, „es ist das Band, das uns verbindet mit dem Land, den Ahnen und dem Leben selbst. Die Schlange webt ihre Farben durch die Erde, und in ihren Mustern liegt unsere Geschichte.“
Die jüngeren Dorfbewohner saßen ehrfürchtig da, manche mit Tränen in den Augen. Ngamarr führte sie durch ihre Träume und leitete ihre Erinnerungen. Sie lehrte, die Zeichen des Landes zu deuten.
„Unser Land ist lebendig, unsere Geschichte lebt in uns. Wir sind Hüter und Kinder zugleich. Vergesst niemals, wer ihr seid.“
Ihr Leben war ein Beweis dafür, dass das Land und seine Geschichten untrennbar verbunden sind. Die Geschichten, die sie erzählte, transportierten eine Topografie, die den Martu half, ihren Platz in der Welt zu verstehen und zu bewahren.
*
„Du gehst hier nicht, um etwas zu finden. Du gehst, um dich zu ent-lassen.“
Das sagte sie zu mir.
Sie nahm pulverisierten Ocker aus einem Beutel und rieb es auf meine Stirn, als wäre ich ein Stein, der markiert werden musste.
„Der See ist nicht enttäuscht. Er täuscht dich frei.“
Ich verstand nicht, aber ich wehrte mich auch nicht. Alles verband sich. Ich war offen. Ich war Wind. War Sediment.
Vielleicht war es ein Fiebertraum. Vielleicht war es Wahrheit. Vielleicht ist es dasselbe, wenn man bereit ist zu hören.
Ich hatte das Gefühl, wie ein Staffelstab von Hand zu Hand zu gehen. Je eremitischer ich unterwegs war, umso begleiteter fühlte ich mich. Je extremistischer ich diesen - von einer phantasmagorisch-neolithischen Kosmologie kartografierten - Raum auf mich wirken ließ, desto deutlich wurde mir gezeigt, dass ich mich angemessen verhielt. Wo immer ich von meinem Wahn geheilt zu werden hoffte, tauchte eine Seelenführerin auf und behandelte mich wie eine Gesandte.
Rund um den See dehnte sich eine Vegetation aus Spinifex und saltbushes. Das waren Pflanzen, die gelernt hatten, in der alkalischen Einöde zu überleben. Der Himmel glich einer Lichtkuppel, die sich manchmal schwarz färbte, wenn die Reflexion des Salzes zu stark war.
Ich stand in einem weißen Dom ohne erlebbare Begrenzungen.
Historischer Kontext
Der Name „Lake Disappointment“ stammt von Frank Hann, einem ‚Entdecker‘ des 19. Jahrhunderts, der enttäuscht war, dort kein Trinkwasser zu finden. Die Martu nennen den See Kumpupintil, was so viel bedeutet wie „Platz, an dem keine Kinder geboren werden“. Das ist eine Warnung und verweist auf ein Tabu. In ihrer Kosmologie beherrschen gefährliche, Respekt und Abstand erheischende Wesen (Jukurrpa) das Gebiet.
Im Karijini-Nationalpark - Aus Aljas Aufzeichnungen
Ich reiste weiter nach Norden. Unterwegs vereinten wir uns. Es war das Ende unserer ersten Trennung. Wir beschnupperten uns einen halben Tag, dann war das Vertrauen und die Lust wieder da. Karijini. In meinen Ohren klang der Name wie ein Rhythmus. Der Karijini Nationalpark ist berühmt für seine spektakulären Schluchten. - Hancock Gorge, Weano Gorge, Joffre Gorge. Das sind geologisch famose, oft mehrere hunderte Meter tiefe Einschnitte im Pilbara-Gebirge. Nach Regenfällen entstehen Wasserbecken, sogenannte „Pools“ oder „Gumpas“.
Die Pilbara-Region ist ein geologisches Archiv. Die ältesten Steine der Erde liegen hier herum. Sie sind bis zu 3,5 Milliarden Jahre alt, also älter als unsere Atmosphäre. Wir wanderten in die Hancock Gorge, tasteten uns an nassen Felswänden entlang, stiegen durch den Spider Walk, wo die Steilwände sich fast berühren.
Hier ist das Wasser in der Zeit eingeschlossen.
Hydrologisch betrachtet sind die Becken Teil eines geschlossenen Systems. Yunkurra bezeichnet in der Sprache der Martu natürliche Wasserstellen. Geologisch handelt es sich meist um Sandsteinsenken. Hydrologisch sind diese Becken von enormer Bedeutung. Sie bilden temporäre oder permanente Wasserspeicher, die nicht nur Tieren und Pflanzen, sondern auch Menschen in der Wüste das Überleben sichern. Aufgrund der sehr geringen Niederschläge (im Martu-Gebiet oft weniger als 250 mm jährlich) sind solche Wasserstellen spirituelle und physische Zentren der Gemeinschaft.
Geografisch liegen diese Becken häufig in Tälern oder zwischen Dünenrücken, wo das Gefälle und der Untergrund das Versickern des Wassers verlangsamen. Der Boden um die Becken besteht aus feinem Sand, Ton und manchmal Schlamm, der in der Trockenzeit austrocknet und harte Risse bildet.
Wir entdeckten eine Badestelle. Das Wasser war klar. Umgeben von Klippen, die wie Wachtürme wirkten, war der Ort ein kleines Paradies in der großen Wüste.
Der Himmel war blassrosa, das Gestein weinrot. Das Wasser, so hatte es die Marlu-Älteste gesagt, ist das Blut des Landes. Es speichert die Geschichten der Ahnen und die Kraft der Regenbogenschlange. Wer badet, nimmt die Kraft der Erde in sich auf. Ich sagte dir das nicht. Ich zog mich vor dir aus, zeigte dir, was für dich bestimmt war.