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2026-08-04 16:38:36, Jamal

Turning Danger into Performance – City Slickers II. – Sexy und Sattelfest

Was zuvor geschah

Australien 2020 – Die Welt brennt im Black Summer. Staatsgrenzen schließen im globalen Lockdown. Die Idee des Cordon sanitaire erlebt eine Renaissance. In dieser flirrend-dystopischen Endzeitstimmung brechen die finnisch-lappische Erzählerin Anniina – genannt Ina – und ihre US-amerikanische Gefährtin Jill mit der Retreat-Managerin Signe, kurz Sig, zu einer Buschtour auf.

Die Backpackerinnen sind für Sig „Stadtmenschen“ – was die Tatsachen komplett verfehlt. Ina und Jill sind ausdauernd liierte Digital Nomads, die zwischen Öko-Projekten und Model-Jobs pendeln. Beide entstammen hyperruralen Peripherien. Als Tochter samischer – in der Tundra lebender – Rentierzüchter bringt Ina ihre eigene arktische Ruhe mit. Als Tochter von Pferdezüchtern und Nachfahrin der Ulster Scots wuchs Jill im westlichen Wyoming auf, wo die Rocky Mountains das Land beherrschend prägen. Zu ihren Ahnen zählt Colonel Callum Campbell, der im Sezessionskrieg martialisch die Sache des Südens vertrat. Jill kann einen Sattel im Dunkeln festzurren.

Sigs dänische Hippie-Eltern betreiben nahe dem Uluru eine Bush-Bäckerei. Während Sig auf dem heiligen Boden der Anangu aufwuchs, ohne je einem archaischen Verständnis von Autochthonie zu entsprechen, sind Ina und Jill legitime Abkömmlinge wilder Linien. Sig inszeniert sich zwar als bärbeißiges Outback-Original, doch die raue Schale verbirgt einen erotischen Glutkern. Zumal die Sámi-Schönheit Ina Sigs Herz höherschlagen lässt. Jedes Klischee im Spektrum zwischen Liebesfieber und Verzauberung passt.  

So geht es weiter

Wir campierten in einer Senke, die Sig „Wanne“ nannte. Es war nur eine versandete Delle, kaum geschützt von windflüchtigen Akazien. Ich hätte sehr gern gebadet. Gerüchte rankten um nicht kartierte Wasserstellen im Schatten von Uluru. Mysteriös in Frage kamen Felsmulden, versteckte Gullys, saisonale Wasserlöcher. Solche Kenntnisse gehörten zu den Heimspielvorteilen. Wo vollzog sich Verdunstung nicht im Galopp der vegetationsarmen Wüste? Welche Schlucht hielt Feuchtigkeit? Wo zeigten Pflanzen und Tiere verdecktes Leben an.

Sig besaß ein exklusives Ortswissen über artesische und subartesische Zuflüsse. Sie kannte Felsrinnen, die nach Regenfällen zu Pools wurden, und die vergessenen Bohrungen aufgegebener Farmen. Fossiles Grundwasser war älter als das älteste weiße Lebenszeichen in Australien. Wasser als Gedächtnis des Kontinents. Sig führte uns zu einer unscheinbaren Austrittsstelle. Libellen tummelten sich über einer kaum sichtbaren Wasserhaut. Spuren kleiner Wesen, das ungesättigte Grün einer Pflanze, die ihrer Verkümmerung soeben entging. Wasser perlte aus einer schmalen Fuge, kaum stärker als Schweiß auf der Haut. Ein dünner Film rann über Gestein, sammelte sich in einer fadenscheinigen Vertiefung, verschwand wenige Meter weiter wieder im gierigen Sand … und wuchs sich gleich darauf zur Sensation aus – als Badewasser in einem klandestinen Felsauge. Seggen und Binsen klammerten sich an den Beckenrand. Aus einem Riss kroch eine Feige, deren Wurzeln petrifiziert schienen. Daneben standen Farne Spalier. Ihre Vorfahren existierten bereits vor 360–400 Millionen Jahren, lange bevor es Blütenpflanzen, Gräser und Säugetiere gab. Sie waren Zeugen einer Zeit vor der Zeit. Als die Fortpflanzung noch in den Kinderschuhen steckte.

Sporen statt Samen.

Ein mineralischer Dunst lag über dem schwarzen Spiegel.  

Jill war die Erste. Sie entledigte sich ihrer Klamotten in Windeseile und stolperte beinah ins Wasser. Es hatte etwas von Boccaccios Decamerone – jenes arkadische Valle delle Donne, in das die Jugend vor der Pest flieht, um nackt im kreisrunden Felsbecken die Vergänglichkeit der Welt zu verlachen. Ein lebendig gewordenes Gemälde von Giorgione, mitten im australischen Staub. Außerhalb unseres Kokons ging die Epoche im Cordon sanitaire unter, aber wir waren selig in unserer lustfleischlichen Gegenwart. Ich glitt zu meiner Liebsten. Das Wasser war von einer schockierend-geothermalen Hitze, die mich augenblicklich einschloss.   

„Sie starrt dich an“, flüsterte Jill. Ich deutete die Bemerkung für ein Signal des Einvernehmens. Warum auch nicht. Sig klemmte sich zwischen uns. Sie lauschte Jills kompromissloser Prärie-Präsenz und registrierte vielleicht auch meine arktische Halbgöttlichkeit, die in dem urzeitlich-arkadischen Idyll eine angemessene Umgebung erkannte. Mein Blick folgte den Tropfen, die über Sigs Schlüsselbeine wanderten.