Die im Fleisch vermiedene Geliebte
Im Dezember 1945 schrieb Thomas Mann jenen berühmten Brief an Theodor W. Adorno über das Prinzip der Montage in seinem Roman Doktor Faustus, verbunden mit der Einladung, gemeinsam „darüber nachzudenken, wie das Werk – ich meine Leverkühns Werk – ungefähr ins Werk zu setzen wäre“. Die enge Zusammenarbeit an den Spätwerken Adrian Leverkühns – Adorno verfasste detaillierte Entwürfe – wurde zur Grundlage dieser Korrespondenz, die in einer sehr ungewöhnlichen Begegnung von Tradition und Moderne entstand und in diesem Spannungsfeld bis zum Tode des Dichters andauerte.
Thomas Mann „benutzt das Motiv … der im Fleisch vermiedenen … Geliebten“. Die freundlich-zupackende Übernahme und geistige Anleihe bezieht sich auf ein berühmtes Arrangement. Die noble Witwe Nadeschda Filaretowna von Meck verabredete mit dem Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski einst die Vermeidung des leiblichen Kontakts unter den vollen Segeln eines regen geistigen Austauschs.
„Damit begann eine fast 14-jährige Korrespondenz, in deren Verlauf 1204 Briefe gewechselt wurden. Ungewöhnlich war die einvernehmliche Abmachung, auf persönliche Begegnungen zu verzichten.“ Wikipedia
Die Spezialität im Verhältnis einer mäzenatisch großzügigen Muse zu einem Musiker deklariert Thomas Mann als „mythisch-vogelfreies Thema“. Im Weiteren weidet er Shakespeare aus. Er gesteht:
„An dem unverfrorenen Diebstahl-Charakter der Uebernahme (Originalschreibweise) ändert das wenig.“
Thomas Mann spricht von einer „früh geübten Art des höheren Abschreibens“. Er unterscheidet den wie Aas im Feld liegenden, zur Ausschlachtung sich förmlich selbst einladenden Gebrauchstextabfall (Abfall im Sinn von etwas fällt ab) von den Fällen, „wenn es sich bei der Aneignung um Materialien handelt, die selbst schon Geist sind.“
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Die Architekten der Azteken verfolgten keine profanen Ziele. Dem Gemeinwohl waren sie nicht verpflichtet. In ihren Sakralbauten erreichten sie das höchste Niveau des Epochenwissens.
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„Wer gibt mir je die Streifzüge zurück, zu Pferde, mit fliegenden Haaren, durch die Berge und Täler der Sahel.“
Nach dem Selbstmord eines Bruders hält Isabelle Eberhardt nichts mehr in Europa. Die Zivilisationsmüde eilt nach Tunis, erwirbt den Hengst „Souf“ und reitet allein durch die Wüste nach Algerien. Born to be wild in einer polyglotten Variante. Eberhardt unterhält Freundschaften zu Personen, die sie für einen Mann halten. So unerkannt feiert sie durchwachte Wüstennächte unter einem mit Ewigkeit prahlenden Himmel als Messen höchster Wahrhaftigkeit. Eberhardt vertieft sich in den mystischen Islam und in das Journal der Brüder Goncourt.
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Eberhardt ist eine aktive Träumerin. Sie schließt sich einem französischen Militärkonvoi an und wechselt die Begleitung, weil der Kommandant des Expeditionscorps ihr sexuell nachstellt. Mit muslimischen Pilgern dringt Eberhardt immer weiter in die Sahara vor. Die Namen der Oasen haben einen „mythischen Klang“ für die Reisende.
Die Wüste als Seelenlandschaft
Raoul Schrott beschreibt die Erfahrung der Wüste als Schauplatz einer Offenbarung – ähnlich wie vor ihm Paul Bowles. Auch Eberhardt setzt sich dieser Sonderschau des Daseins ohne Netz und doppelten Boden aus. Sie geht volles Risiko. Eine „magische Anziehungskraft“ zieht sie in die glühende Leere, die einst auch fruchtbar war. Eine andere, spätere literarische Spur dieser Faszination findet sich in Ladislaus E. Almásys „Schwimmer in der Wüste“.
Almásy entdeckte 1933 im ägyptischen Gilf-el-Kebir-Plateau die sogenannte Höhle der Schwimmer, eine Felsbildstätte mit Darstellungen menschlicher Figuren, die als Schwimmer gedeutet werden. Die Höhle wurde zu einem Symbol für verlorene Fruchtbarkeit.
Eberhardt ernährt sich von Datteln und Zigaretten. Sie zeichnet und schreibt wie im Fieber. Das Atlasgebirge schiebt sich in weiter Ferne wie eine schroffe Küstenlinie vor den Horizont.
Ihrer Zeit erscheint sie unbegreiflich. Hans Christoph Buch wird sie viel später „Rimbauds Tochter“ nennen.
Rimbaud findet Aden grässlich. Er verstellt sich da bis zur Verzerrung als spießgeselliger Kaufmann und Poesieverächter. Hart weist er Verlaine zurück. Rimbaud wählt die Regression und nennt Krankheit Gesundheit. Sein Siechtum hin zum frühen Tod erklärt er impliziert zum Genesungsprozess. Darin äußert sich der Mutwille eines Künstlers, der seinen Körper zum poetischen Gegenstand macht.
Polynesischer Apollo und erotischer Globalismus
Herman Melville (1819 - 1891) queer zu deuten ist keine Errungenschaft der Gegenwart. Schon vor über hundert Jahren wurde der Autor so gelesen. Das erotische Streifgebiet des amerikanischen Genet sind die Spelunken-Quartiere nicht allein im Verein mit dem Plankenpeloponnes an Bord windjammernder Seelenverkäufer. Dazu kommen polynesische Phantasien, die Männerfreundschaften umkreisen. Nach Melville unterschieden die Leute auf Tahiti zwischen der freien gegengeschlechtlichen Liebe und der gebundenen gleichgeschlechtlichen Freundschaft.