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2026-07-11 16:00:52, Jamal

„Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung, keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung, und ich würde anfügen - des Glaubens." Joseph Brodsky

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„Ich habe immer nur ich selber sein wollen und auch immer nur so geschrieben, wie ich gedacht hab." Thomas Bernhard

Floras Wohnung ist im Stil einer Filmsuite der Neunzehnhundertdreißigerjahre eingerichtet. Sie füllt sich zur Feier des Tages mit Ederthaler Prominenz. Ein Kunstwelttyp namens Randy Chop, eine bizarr-obsolete Erscheinung zwischen Elton John und Truman Capote, etwas ganz Unwahrscheinliches, stellt sich als Verkörperung einer Lebensart ohne Beispiel zur Verfügung. Er meldet Meriten und Laster der Gäste wie ein Klatschreporter.

 Er meldet Meriten und Laster der Gäste wie ein Klatschreporter

Straßenbau auf einem Rauchtisch. Zoe von Sowieso putzt die Straßen von der Glasplatte. Die Aristokratin ist maximal zwanzig, man möchte schon das Leichentuch über ihr ausbreiten. Sie wirkt so lebensmüde, als käme die Indolenz direkt aus den Genen.

Virgil unterzieht sämtliche Sitzgelegenheiten einer Bequemlichkeitsprüfung. Die norddeutsche Türkin Kardelen - Schneeglöckchen, ihr erinnert euch, Kardelen debütierte im Vorjahr und wurde sehr gelobt für ihren Erstling. Ich zitiere willkürlich: „Ein unbestimmter Eindruck, als müsse man sich seine Gesichtszüge erst ausdenken. Als würde der ganze Mensch nur von meiner Beobachtung zusammengehalten. Ein fehlgeschlagener Versuch."

Über eine Protagonistin: „Sie erscheint wie knapp entronnen dem Schicksal einer heimlich trinkenden Lehrerin in einem totalitären Staat. Zuletzt spielte sie eine Frau in unauffälligen Verhältnissen, eine Stadtrandfigur. Als doloses Werkzeug eines dämonischen Herrn wird sie begehrenswert. Ihre vernichtende Aufgabe besteht darin, das Liebesempfinden von Männern so zu stacheln, dass sie den Verstand verlieren und Verbrechen begehen. Der Wahnsinn der Verehrer überrascht die Gehilfin. An der Seite eines Dämons in Menschengestalt genießt sie die Hinrichtungen ihrer Verehrer."

Das passt zu unserem Thema. Ja, Alisa, du auch hier und folglich da. Kinder, wie die Zeit vergeht, die Flora ist jetzt auch schon fast vierundzwanzig. Wir werden doch alle nicht jünger. Jemand findet, Alisa sähe Siri Hustvedt ähnlich. Alisa pariert: „Ähnlichseherei ist das Merkmal schwacher Augen."

Ist das jetzt Adorno oder Nietzsche?

Wir wissen es.

„Wer zwischen zwei entschlossenen Denkern vermitteln will, ist gezeichnet als mittelmäßig: er hat das Auge nicht dafür, das Einmalige zu sehen; die Ähnlichseherei und Gleichmacherei ist das Merkmal schwacher Augen." Die fröhliche Wissenschaft, 3. Buch, Aphorismus 228 – „Gegen die Vermittelnden".

Weil wir schon mal dabei sind – Aus Alisas Aufzeichnungen:

Niemand nimmt mich in meiner Totalen wahr. Alle haben ihre Vorstellungen, denen entsprach ich gestern in den frühen Morgenstunden auf Virgil. Ich fühlte mich von ihm so missverstanden, dass alles wie am Schnürchen klappte und ich mich beinah singend in meinen äußersten Zuständen wiederfand. Nietzsche schreibt: „Wenn man als Ganzes missverstanden wird, so ist es unmöglich, ein einzelnes Missverstandenwerden von Grund aus zu heben. Dies muss man einsehen, um nicht überflüssige Kraft in seiner Verteidigung zu verschwenden."

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Sitze unausgeschlafen in meinem Acht-Uhr-Seminar und langweile mich als Zuhörerin eines Referats. Es geht um die Sprache der Literaturen im 18. und 19. Jahrhundert. An sich ist mir das Thema lieb. Aber der Referent kann sich nicht angemessen mitteilen. Er gähnt gegen sein Gähnen an. Es misslingt ihm, das eigene Desinteresse zu verbergen. Man erkennt die Ziele seiner Aufmerksamkeit. Sie zielen auf das Äußere.

Die dumme Nuss aus der letzten Bank meldet sich mit Fachjargon. Sie ist nicht die einzige Klugscheißerin zur frühen Stunde. Mir reichts, ich freu mich auf Kaffee.

Der Referent setzt sich an meinen Tisch. Das macht Spaß: mich über ihn schriftlich auszulassen, während er versucht, mir nicht immer nur in den Ausschnitt zu starren.

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Virgil wünscht sich „stumme Anbetung, die auch Maschine schreiben kann". (Arno Schmidt) Ich glaube, G. ist von ihm schwanger.

England gegen Deutschland. In der „Schneewittchen Lounge" herrscht Nationalmannschaftsbeflaggung. Schon angeknallt von Ausstellungsrotwein, frage ich nach Apfelwein. Ein Engländer namens Rupert lädt mich ein. Er sieht auf edle Art verfeiert aus.

Virgil verhält sich beleidigend indifferent. Und dann kreuzen auch noch Aslan und Aiko auf. Jetzt sind wir komplett. Nach dem deutschen Debakel ziehen die Freunde der Nationalmannschaft umgehend ab, Rupert und ich verwandeln die Lounge in eine Karaoke Bar. Ich gebe zwei Lieder als Zugabe zum Besten, mit schwerer Zunge und schwimmenden Augen. Ich lerne ein Hooligan-Lied, das ich an dieser Stelle verschweige. Rupert bittet mich, ihn in Manchester zu besuchen. Das verspreche ich.

Keep St. George in my heart,

keep me English,

keep St. George in my heart.

I pray,

keep St. George in my heart,

keep me English.

And keep me English,

'til my dying day.