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2026-07-11 15:26:36, Jamal

Das Schwesternspiel

Aus Elenas Aufzeichnungen

Man sieht Marder in der Stadt, und manchmal auch Eichhörnchen, die, innehaltend auf den großen Straßen, zueinander höflich sind. Ihre Wildheit hinterlässt auf dem Asphalt keine Spur. Man kommt ihnen nicht nah, es sei denn als Pelz am Kragen, und wer trägt so was schon. So könnte man auch über manche Menschen reden. In ihrer Verwilderung gleichen sie den Mardern und Eichhörnchen in der Stadt.

Ich traute Sebastian ausführliche Selbstgespräche zu, das nahm mich für ihn ein. Er schrieb Gedichte. So immunisierte er sich gegen die Welt. Das sagte er so. Ich fand das in Ordnung, auch das die Gedichte nichts taugten. Wir verbrachten einen Nachmittag im Café Schneider. Am Nebentisch saßen bösartige höhere Töchter. Fliegen paarten sich auf Kuchenkrümel. Wir rauchten und tranken Kaffee und veranstalteten eine Sauerei auf dem Tisch. Die Bedienung hatte die Kraft nicht mehr, sich zu empören. Sie war so gut wie tot. Wir legten unsere Drecksfüße auf Stühle. Wir aschten weiter den Tisch voll und zerrupften Bierfilze und verschütteten Kaffee. Sebastian war mit mir zusammen zur Schule gegangen, jetzt ging ich ohne ihn dahin. Er wusste, dass ich in Juri verliebt war. Sebastian wäre gern Alines Freund gewesen, aber Aline war auch in Juri verliebt. Er versuchte daraus eine Verbindung zwischen uns Zwillingen herzustellen. Ich verriet ihm nicht, wie sehr wir das Schwesternspiel liebten. Juri war uns schon mehr als einmal auf den Leim gegangen.

Für die zu spät Gekommenen: Elena und Aline sind zum Zeitpunkt dieser Episode die schönsten Mädchen von Ederthal. Die Zwillingstöchter eines Hauptkommissars namens Clint Steinbrenner schlagen aus ihrem einheitlichen Aussehen Aufmerksamkeits- und Lustkapital und spielen mit dem Genre der provozierten Verwechslung. Was ihren Verehrern reizvoll erscheint, die Schönheit im Doppelpack, reizt auch die Schwestern.

Weiter im Text – Ich schrieb „Im Mai wird die Welt zum Kontakthof“ auf eine Serviette. Dann strich ich den Satz wieder durch, das eine wie das andere geschah aus Langeweile. Der Zustand hielt an. Wieder dachte ich, dass alle ein Leben haben, alle außer mir und Sebastian. Sebastians Vater war Fernsehjournalist, viel beschäftigt und unterwegs. Seine Mutter kümmerte sich um die Mühseligen und Beladenen und um die Tierheimtiere. Wegen ihr war ich Mitglied des Deutschen Tierhilfswerks e.V. geworden. Irgendwann saßen Sebastian und ich in meinem Zimmer und tranken Bier. Ich besaß einen besonderen Stuhl, einen Mies van der Rohe-Freischwinger, auf dem niemals jemand saß, es sei denn, ich wollte ihn da sitzen sehen. Das war erst zweimal vorgekommen. Einmal hatte ich Juri auf dem Freischwinger fotografiert. Ich wäre sehr gern von ihm geküsst worden, aber Juri schnappte sich bloß die Kamera. Er fotografierte den Fußboden, Tischbeine und so was. Er gab mit ungewöhnlichen Perspektiven an, an sich hasse ich es, wenn einer auf Teufel komm raus originell sein muss. Mit Sebastian teilte ich eine Pizza Margarita und eine Tafel Ritter Sport Vollmilchschokolade. Meine Mutter hatte die Sachen eingestellt. Außerdem hatte sie Wäsche aufgehängt, die von mir und Aline in der Maschine vergessen worden war. Solche Aktionen stimmten mich nachdenklich. Ich erwog, meiner Mutter den Schlüssel zu der Einliegerwohnung zu entziehen, die unser Vater für mich und Aline schon vor unserer Geburt eingeplant hatte. Damit wir unser eigenes Reich im Elternhaus haben würden: in den Jahren zwischen Restnestwärme und Abnabelung. Ja, er ist ein um- und weitsichtiger Mann. Ich fand nichts dabei, als mir Sebastian eröffnete zu müde zu sein, um noch nach Hause zu gehen. Er war ein Freund. Mit seiner Hand auf meinem Hintern wachte ich auf. Die Erregung nahm ihn mit, aber mich nicht. Als Enttäuschte schlief ich wieder ein. Ich wachte vor Sebastian auf. Ich hielt es keinen Augenblick länger in meinem Bett aus. Ich floh aus meinem Zimmer zu Aline. Sie frühstückte im Garten, unter dem Baumhaus, in das wir uns als Kinder separiert hatten. Auch das ein Werk unseres Vaters, der den Wert bleibender Erinnerungen kennt. Aline musste rasch wohin, ich übernahm ihr Frühstück. Sebastian tauchte auf, so gut kannte er sich aus im Leben der schönen Zwillinge. Er behauptete, ich würde im Schlaf mit den Zähnen knirschen. Es sollte nichts geschehen sein. Ich war so sauer, dass ich gar nichts sagen konnte. Sebastian nahm breitbeinig Platz, garantiert dachte er sich nichts dabei. Er griff zu, ich sah mich ein Messer in seine Hand rammen. Ich sah Sebastians Kindlichkeit, die Unbeholfenheit. Das überspielte Unbehagen. Sebastian schien zu erwarten, dass ich die Spannung zwischen uns auflöste. Er machte ein paar Anläufe, ich ließ ihn leerlaufen. Aber ich ließ ihn auch an unserem Campingtisch essen. Ich platzte fast. Am Ende war ich nur noch erleichtert, als Sebastian ging. Wir begegneten uns oft und noch jedes Mal bereute ich es, Sebastian nicht furchtbar in den Arsch getreten – ihn nicht mit Verwünschungen und irgendetwas Brandmarkendem aus meinem Bett gejagt zu haben. – Und noch jedes Mal hatte ich den Eindruck, dass für Sebastian gar nichts passiert war, an dem Abend mit der halben Pizza Margarita.