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2026-07-11 13:00:40, Jamal

Der Bembel des Todes

Richie braucht im Bad länger als Lara. Er zupft seine Brauen. Freunde ziehen ihre Kreise in einem Schwarm von Schwangeren und Vätern, die sich zu ihrem Vorteil mit dem Nachwuchs beschäftigen. Der Nachwuchs dekoriert sie. Besonders hübsch erscheint ein Igel mit kupferrotem Haar. An seiner Seite schnoddert ein Fingerhutgeschöpf, die Schwester offenbar. Die Drapierungen zeigen, was los ist. Die Schlümpfe sind Leistungsnachweise und Statusmelder ihrer Eliteeltern.

Richie erklärt Rupert, was man nicht sagen darf. Er hat sein eigenes Glas in der „Chattenburg“. Ein Goldrand markiert es, Richie versiegelt das Goldglas gegen Luftangriffe mit einem Holzdeckel, in dem sein Name eingebrannt ist. Er geht mit dem Sitzkissen seiner Oma zum Stammtisch.

Rupert kann sich Lara auch mit den Namen der englischen Nationalspieler tätowiert vorstellen. Er hat ihr schon einige Lieder beigebracht.  

Keep St. George in my heart,

keep me English,

keep St. George in my heart.

I pray,

keep St. George in my heart,

keep me English.

And keep me English,

´til my dying day.

...

Rupert findet Gefallen an den allnächtlichen Havarien der Eingeschweißten. Für noch einen vorletzten Lütten, wie die norddeutsche Türkin Kardelen sagen würde, ist er immer zu haben.

Rupert schläft in den Farben der englischen Nationalmannschaft. Er sucht eine Frau, die zur Bettwäsche passt. Sie muss hochgradig anfällig sein für englischen Fußball. Sein Begehren richtet sich auf Lara, obwohl sie in festen Händen ist. Kardelen hat gerade keinen festen Freund. Sie liebt das Leben nach Art der Ostholsteinerinnen. Da gibt es keine halben Sachen, ihre Unbewussten schnackten die Kreide von den Felsen der Steilküste. Im Dunast (Rausch) verlegt Kardelen Frankfurt vom Main zu den Schwarzbunten an die Ostsee. Sie zeichnet einen Strand in Asche, Kardelen zitierte Hinkemann im Original. Hinkemann treibt Kurtaxe bei Touristen ein.

„Ist der beste Job der Welt“, behauptet Kardelen. Sie macht sich einen Sport daraus, den Hessen Spottlichter aufzusetzen. Sie durfte das. Das geheime Komitee liebt Kardelen. Wie schön sie – gemeinsam mit Lara – singen kann zur allnächtlichsten Stunde:

God save our gracious Queen,

Long live our noble Queen,

God save the Queen!

Send her victorious,

Happy and glorious,

Long to reign over us;

God save the Queen!

O Lord our God arise,

Scatter her enemies

And make them fall;

Confound their politics,

Frustrate their knavish tricks,

On Thee our hopes we fix,

God save us all!

Rupert steht stramm, seine Schwurhand liegt auf dem Herzen. Er kommt mit allen klar, sofern sie sich von ihm beleidigen lassen. Besonders gut versteht er sich mit Direktor Nasenschweiß. Nasenschweiß hat in der Waffenkammer der Burg ein Theater aufgezogen. Nacht für Nacht wird sein Spielplatz zur grundsoliden Suppenküche für Späteinkehrer. Sie brocken sich einen Spätstart in den nächsten Tag ein. Erst geht die Show über die Bühne, dann kommt jemand mit dem Besen.

Der mit dem Besen tanzte

Am liebsten tanzte Texas mit seinem Besen. Er fegte gern auch in den Ecken. Das war eine Art von Träumerei. Texas hatte jede Trennung von Arbeit und Leben überwunden, er lebte glücklich in der Totalität von Arbeit.

Man klappte allerhand zu und stellte die Stühle an die Wand. Die Wurst blieb auf dem Tresen. Freunde des Hauses liefen ein, der Künstler des Abends packte endlich seine Sachen. Zum Glück wohnte er in Mainz und musste die Bahn kriegen. Er ging noch mal kurz, vermutlich absichtlich daneben, die Klappe unter der Konstabler Wache war seine nächste Station. Die Eingeschweißten prüften sich in Verfassungstreue. (Sie beteten das galaktische Taschentuch und den heiligen Aschenbecher an.) Jemand dimmte das Licht. Keiner war mehr aus Versehen im Raum.

Alles schien so richtig, wenn wir vor Madagaskar lagen. Im Winter kühlte der Saal rasch aus. Die Ölkanne hatte eine lange Nase. Nasenschweiß machte Richie zum Personal- und Tresenchef im Gernegroß. So hieß das Burgtheater. Richies Vergangenheit als Berlin-Brandenburger Hooligan verband ihn mit Rupert, da hatten sich zwei gefunden.

Ich weiß, es gab auch Dramen, mancher blieb auf der Strecke seines kurzen Verstandes. Ich finde kein Wort für meine Gleichgültigkeit. Für Abgründe war alles zu mickrig. Die Pseudologia phantastica mancher Beteiligter vergrößerte den Quatsch. Die Burg war kein Mythos. Frankfurt war zu teuer für Experimente und Selbstausbeutung. Das Geld widersprach der Kunst. Deshalb die Schwänke und Klamotten auf unserer Bühne, und diese entlastenden Sozialchimären als heitere Musen für Reisende, die den letzten Zug verpasst hatten und aus ihren Wartehallen nicht mehr herauskommen würden. Hauptsache Arbeit: das galt nicht in Frankfurt. Arm aber ehrlich, auch nicht.  

Wenig war der Rede wert, die Kollegen entwickelten eine ungesunde Neugier, soweit es das Geschlechtsleben unserer Kardelen wahlweise Lara weniger Finja betraf. Kein Mensch interessierte sich für Denisas Liebesleben. Obwohl Denisa wie eine Marzipantorte roch und auch so schmeckte. Sie wohnte über der Kegelbahn, Klempner Fleischwolf hatte die Kammer hergerichtet. Es stand darin ein Waschgeschirr von 1900.   

Einmal wieder unterhalten uns die Probleme ungebremsten Zuzugs. Es steht außer Frage, dass wir den Zuzug beschränken müssen. Für die, die kommen oder bleiben dürfen, entwickeln Nasenschweiß und Texas einen Einbürgerungstest. Sie testen den Test am auswärtigen Gesinde. Die Durchfallquote ist dramatisch.

Sein Standpunkt ließ nichts zu wünschen übrig - Texas wollte das Nordend von Deutschland abkoppeln, eine Mauer hochziehen, mit seinen Texas Ranger die Mauer bewachen und ohne Einbürgerungstest keinen mehr ins Nordend lassen. Auf dem Friedberger Platz sollte ein Flughafen entstehen, den Holzhausenpark wollte Texas zu Acker pflügen.   

„Ihr wisst gar nichts. Von Rechts wegen dürftet ihr alle nicht hier sein“, erklären Kurt und Texas den Personalpfeifen.

„Begründen schöne Augen ein Bleiberecht?“ fragt Texas den Kollegen.

„Das kann im Einzelfall nur mein Bauchumfang entscheiden“, verkündet Kurt. Er scheint sich gut von seinem temporären Irresein erholt zu haben. Wir setzen temporär in Anführungszeichen.

Texas und Kurt feiern das Fest der Zugehörigkeit im Engtanz. Kardelen, Lara und Denisa fühlen sich ausgeschlossen als unsentimental-krisenfeste Personen. Kulturell abweichend in ihrem Glauben an die selbstreinigenden Kräfte häuslicher Feierpausen. Man muss nicht jede Nacht durchtagen und man muss nicht alles nach außen tragen.

In einer Apfelweinburg gibt es keinen Milchkaffee. Das habe ich euch schon erklärt. Nun gehört zur Burg das Theater plus Café Gernegroß und da gibt es allerdings Milchkaffee. Man glaubt gar nicht, wer alles zum Kaffeeschnorren vorbeischneit. Eben flutscht Lara durch die Flügeltür. Sie trägt eine Nofretete-Hochfrisur. Die Unbelesenen sagen einfach Vintage. Dazu bald mehr.