Im Paarungsflow
Von jeher baumelt im Haus zum Steinernen Schweinchen ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten.
In diesem Herrenhaus lebt Madeleine Gerster mit ihren Eltern. Wir haben schon über sie geredet. Sie ist die Fremdenverkehrskoordinatorin von Ederthal und administriert im Rathaus auf einer Etage mit ihrer Tante, der Bürgermeisterin Atlanta Gerster.
Haben wir schon einmal über das Rathaus geredet? Über die komplex gedrechselten Handläufe. Sie sind eine Sehenswürdigkeit und enden in einer Sphäre, die dem öffentlichen Verkehr nur nach Absprache zugänglich ist. Der Volksmund spricht von den „Gemächern des Grauens". Der reißerische Anklang transportiert keine Übertreibung. Zwei Rathauskammern bergen Interieur und Equipment einer verbürgten Folterkammer. Die peinlichen Befragungen der Inquisition fanden auch in Ederthal statt, den protestantischen Landesherrn (seit Philipp, dem Großmütigen) zum Trotz. Madeleine kennt den Schauplatz seit ihrer Kindheit. Ich zähle auf: ein Kniestuhl, eine Streckbank, diverse Zangen und Halseisen so wie das Schwert des „Marschbacher Köpfers" zu einem Ensemble des Grauens (siehe „Ederthtal im Spiegel der Geschichte" von Diana von Pechstein. Gefördert von der Stiftung „Weltweites Hessen".) Der Köpfer soll ein auf eigene Faust operierender Gerechtigkeitsfanatiker des 17. Jahrhunderts gewesen sein. Die landesherrlichen Scharfrichter kamen aus Kassel nach Ederthal, um zu köpfen oder zu hängen. Komplizierte Übergänge vom Leben zum Tod wurden anderenorts vor größerem Publikum exekutiert. Neben dem Gruselkabinett erhält man in einem Verschlag eine Monstrosität aus der Abteilung Jahrmarktssensationen. Erzählungen von Moorleichenfunden erfahren ihre Anschaulichkeit in naiver Bebilderung. Es gibt eine Vitrine mit Spangen, Fibeln, Kämmen und Klingen und es gibt den Stuhl des Novgorod-Fahrers mit der Jahreszahl 1412 als ein in Stunden nicht zu begreifendes Schnitzwerk. Jahrhunderte stand die Moritat in der Marienkirche den Nachkommen eines Weltmannes zur unbequemen Verfügung. Bis das Fernsehen kam, reichte das Gedächtnis der Gemeinde weit in die Vergangenheit. Da war ein Ederthaler Gotthilf beinah noch als Kind Reisenden nachgelaufen bis Stralsund. Er fand ein Auskommen auf See. Er wurde Mitglied einer Hansa (nicht der Kaufmanns- und Städtekooperation Hanse). Hansa ist ein germanisches Wort für Gemeinschaft. Verlor man die Zugehörigkeit, war man verhanst. Gotthilf sammelte im Kategatt Hering ein, der so üppig aufkam, dass man ihn mit den Händen greifen konnte. Er kehrte heim mit einem zum Aufspüren von Wildhonig abgerichteten Bären. Der Bär könnte auch ein großer Hund gewesen sein. Gotthilf lehrte die Jagd mit stumpfen Pfeilen auf wertvolle Pelztiere in der russisch-skandinavischen Art. In seinem Bericht erschienen Magnaten in Gewändern von mongolischer, via Venedig nach Pommern geschaffter Seide. Gotthilf zählte zu jenen, die mit einem Freibrief der Mecklenburger Herzöge die maritime Großmacht (und Haupterbin der Warägerexpansion) Dänemark auf der Ostsee geschädigt hatten. Ihre Kriegsschiffe nannten die Hanseaten Friedenskoggen. Das und noch viel mehr erzählt Diana von Pechstein als Privatdozentin in ihren Vorlesungen an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Sie ist zudem Madeleines Cousine. Zärtlich streift der Finger meiner Aufmerksamkeit über das legendäre Stuhlrelief. Tändelnde Hände verfolgen Konturen eines Mannes im Knöpfrock. Er trägt Barett und Schnabelschuhe. Sein zum Gürtel reichender Bart ist geteilt und geflochten.
Ein Charakter, der sich nicht modellieren lässt; der sämtliche Formulierungsausflüchte überlebt. Aus dem man kein Feuilleton machen kann. Ich sehe Kaspar von Roßbach. Herausfordernd gerade hält sich der Flugkapitän im Ruhestand auf seinem handgefertigten Fahrrad. Handgefertigt nach Ideen eines Genies seines Fachs in einer Ederthaler Manufaktur. Madeleine versteht nicht, warum der Großonkel so viel Umgebung für das beste Fortbewegungsmittel in dieser Gegend braucht. Sie an seiner Stelle hätte sich mit einem Kauf beim Zweirad Zeisel ewiges Entgegenkommen und den besten Service weit und breit gesichert. Tagesausflügler, die jede Wolkenformation zum Beweis ihrer Freizeitspielräume fotografieren, nehmen Kapitän Kasper vermutlich als exemplarischen Babyboomerpensionär wahr. Stets das weiße Hemd dezent einen Knopf zu weit offen. Die Breitling Bentley Mark VI im Anschlag.
Ein angeborener Vorwärtsdrang beflügelt Kasper. Er gehört zu jenem Schlag, der sich ununterbrochen etwas abverlangt. Er hätte mehr Spaß mit Gunda von Schmalsund, wäre sie wettkampforientierter oder zumindest stärker an Alphaflausen interessiert.
Gunda dirigiert Kasper zu einem aufgegebenen Lieblingsplatz; an einer vom Schilf schützend eingefassten Bucht mit verrottetem Steg. Sie zieht sich ruckzuck aus. Kasper wälzt sich umständlich aus seiner Wäsche. Jede Bewegung verrät, wie bewusst ihm sein Alter und wie schwierig für ihn öffentliches Nacktsein ist. Die Scham steht ihm auf der Stirn geschrieben.
Kasper entbehrt die mit der Muttermilch eingesogene Freikörperkultur. Wie Gunda es vor fünfzig Jahren gelernt hat, liefert sie sich sofort und vollständig der Kälte aus. Kasper setzt hinter ihr auf allmähliche Gewöhnung. Er ahnt nicht, dass Gunda ihn gerade enger einführt in ihren Lebenskreis. Ihrem kritischsten Blick hält der nackte Freiherr stand. Es ist alles dran an dem Mann.
Kasper hat seine Altersform gefunden. Er ist solvent in jeder Hinsicht, gleichermaßen brauchbar als Grandseigneur und als Gartenfreund und außerdem handfest-humorvoll. In diesem Augenblick sucht er sein Verhältnis zu Gundas Körper. Da steht eine Vierundfünfzigjährige, so straff und elastisch, dass man mit ihr einen Fit-im-Alter-Film drehen könnte.
Für Kasper geht es nicht darum, dass man auf sich achtet. Gunda und Kasper zählen zu jenen, die dabei sind, unsere Vorstellungen vom Altwerden zu ändern. Auch ich spüre Gundas Anziehungskraft. Es ist noch Sex im Schrank. Das Aufreibende der Geschlechterspannung reibt und ätzt noch. Es gibt noch Tränensalz und Wundenschmalz. Doch macht sich die Genügsamkeit schon an allen Enden bemerkbar. Ich würde an Kaspars Stelle keine so teure Uhr unter einer Sandalensohle für ausreichend versteckt halten.
Natürlich bleibt das affige Königskindertreiben stinkreicher Zeitgenossen nicht unbemerkt. Im Unterholz verborgen lauern Aiko und Aslan. Sie haben es sich gerade leise wie die US-amerikanische First Nation auf dem Kriegspfad besorgt und staunen jetzt über die Unverfrorenheit der Alten. Gunda bläst unbekümmert den Pilotenpenis auf Halbmast. Das muss genügen. Das genügt. Gunda hatte an dieser Stelle bereits vor mehr als dreißig Jahren Sex. Blümchensex kriegt an der frischen Luft noch einmal eine andere Bedeutung. Vom Animalischen zum Angemessenen führt in den Beschreibungen von der Fauna zur Flora. Ferner vor Ort in der Camouflage-Verpackung des Wald- und Wiesenschrats ist Hein Hagrich. Der Schlossermeister trägt einen sprechenden Namen. Hag bezeichnet den eingefriedeten Platz und rich rührt an rīhhi-Reich/Fürst. Heinrich zählt zu Gundas verschmähten Verehrern. Er revanchiert sich mit Smartphoneschnappschüssen, bevor er seinen Schwanz auspackt und sich ko-befriedigt. Dies mit der geräuscharmen Routine des erfahrenen Onanisten. Heinrich ist zwar verheiratet, aber das hat fast nichts mehr zu sagen. Seit mehr als zwanzig Jahren haust er in einem Camper vor seinem Geburtshaus; dies in der Konsequenz eines Gatten-Agreements. Wenn du willst, das ich bleibe, geh mir aus den Augen. Die raue Ansage bekümmerte Heinrich keinen Augenblick. Er ist sich selbst genug und fühlt sich jetzt auch als Abstauber vom Schicksal nicht schlecht behandelt. Gräfin Gunda gibt sich eifrig hin. Nicht feurig, bitte, ich will eine realistische Darstellung nicht mit Übertreibungen versauen. Kasper fickt Gunda so tüchtig wie er nur kann. Er bringt es fertig, sie vergessen zu lassen, wie traurig der faltige Sack zwischen seinen Beinen baumelt. Sie stöhnt von Herzen. Das ist ihm Kompliment und Genugtuung. Heinrich kriegt Stielaugen. Auch Aiko und Aslan animiert das Schäferstündchen der Honoratioren. Sie modellieren sich zurecht, so sacht es eben geht im knackenden Gestrüpp. Ich fokussiere das Gesamtbild. Heinrich steht mit offenem Mund und heruntergelassenen Hosen, im geilen Staunen sich selbst vergessend, an seinem Platz und wichst wie von Sinnen. Immer wieder verliert er die Härte, dann kommt sie zurück. Unweit vögeln Aiko und Aslan, darauf bedacht, die Stoßgeräusche unter der Vogelfluglärmschwelle zu halten. Das gelingt nicht immer. Der Paarungsflow fordert seinen Tribut. Zum Glück steigern sich gerade auch Gunda und Kasper.
Heinrichs Samen tritt tröpfelnd aus. Die Orgasmusintensität tendiert gegen Null, wegen einer vergrößerten Prostata. Das macht die Kopfgeilheit aber nur noch heftiger. Vom Kopf her kommen müssen, aber physiologisch nicht kommen können – das steht auf der Altersagenda. Bei Kasper sieht es besser aus. Sein Höhepunkt in allernächster Zukunft wird keinem Lustbegräbnis gleichen. Auf den letzten Metern hilft Gunda sich selbst. Sie greift zwischen ihre Beine und erstrebt den maximalen Gewinn aus dem passabel steifen Glied und die eigenhändige Stimulation ihrer Perle. Auf dem Scheitelpunkt der überschaubaren Welle entfährt ihr in liebreizender Unwillkürlichkeit ein starkes Stöhnen, fast schon ein kleiner Schrei, der eine in jeder Hinsicht, also auch phonetisch unerwartete Antwort erhält.
Das Bild übersteigt meine Möglichkeiten, ich steige hier aus. Die Dämmerung liegt wie ein Schleier über der niederhessischen Prärie. Warum in ihr kein Paradies erkennen? Heinrich trollt sich, die jungen Leuten ziehen sich diskret zurück. Ich folge ihnen. Später mehr zu Gunda und Kasper. Für Aiko ist Aslan ein Geschenk des Universums. Lavendel, wilder Wein, Moosinseln auf Stein ... zwischen blühenden Pfingstrosen lieben sie sich wie am Tag ihrer ersten intimen Begegnung, so fundamentalistisch. Das Weibliche und das Männliche in idealen Varianten und in einem Idealraum.