MenuMENU

zurück

2026-06-21 14:23:49, Jamal

Turning Danger into Performance – Glühende Umkleidesexphantasie

Seit fünf Minuten stehen Alisa und Virgil vor dem Café Arkana auf dem Rathausvorplatz und schlotzen Softeis. Aus einem mit Kopfsteinpflaster verniedlichten Oval ragt eine Stele. Ein Protegé von Madeleine Gerster hat das Werk verbrochen. Die Künstlerin ist in der weiten Welt vollkommen unbekannt.

Interessanterweise fordert der Beitrag zur Moderne im öffentlichen Raum keinen Bürgerinnenunmut oder jugendlichen Vandalismus heraus. Madeleine residiert als Geflüchteten- und stellvertretende Fremdenverkehrskoordinatorin im Rathaus auf der Chefetage. Sie organisiert die Ederthaler Festspiele und kuratiert Ausstellungen in einem zur Galerie hochgejazzten, ehemaligen Saufloch. Ich rede von der alten ,Drehscheibe‘, die als Bahnhofsspelunke den abweichenden Lebensläufen vor Ort lange einen Raum bot. Schichtschlussdurstige Eisenbahner bewiesen Toleranz gegenüber den Freaks. Es gab da auch Überschneidungen Richtung Rocker. Solange die Amerikaner in der Gegend Garnisonen unterhielten, erteilten GIs Laid-Back-Nachhilfeunterricht am Tresen.  

Madeleines Hochmut fragt nicht nach den Erwartungen der Steuerzahlerinnen. Zurzeit mutet sie Ederthal Arte Povera von Michelangelo Pistoletto zu. Alisa (ein Geschöpf der Gegend und mit den Gersters um zwei Ecken verwandt) möchte gar nicht wissen, was das kostet, einschließlich der Versicherungen. Sie traut Madeleine alles zu, auch dass sie Kunst abgreift und in der Besenkammer neben dem Heimatmuseum hortet, dass der Opa der amtierenden Bürgermeisterin unter dem Rathausdach einrichten ließ.

Der Gerster-Klan hält das Rathaus besetzt. Politische Differenzen sind Dekor, sobald sich die Machtfrage stellt. Ein unverbrüchlicher, von Einfallsreichtum getunter Familiensinn, bestimmt die Gersters von jeher. Das ist wie Keschern im Aquarium. Man hat alles in einer Pfütze.

Virgil schnappt sich einen klebrigen Finger von Alisa und lutscht ihn ab. Alisa lutscht beherzt zurück. Das findet sie gerade lustig, während sein Finger in ihrem Mund Virgils Lust entfacht. Alisa kann sich nicht erinnern, erotisch je so ununterbrochen aufgeschlossen gewesen zu sein. Jedenfalls zieht die Ortskundige den texanischen Dozenten hinter sich her bis zu einem lauschigen Weiher. Alisa schmiegt sich an, wenig verbirgt die üppigen Rundungen. Sie ist voller Selbstfreude und genießt Virgils ungebremstes Begehren. Auf der Waage ihrer Empfindungen liegt nichts Widersprüchliches. Das gibt ihr zu denken.

Ich pflege an dieser Stelle einen Auszug aus dem Chat zwischen Madeleine und ihrem Brieffreund Wayne (Name von der Redaktion geändert) ein:

Madeleine: „Da du meine Geständnisse so liebst. Ja, K. lässt mich mit zärtlichem Lustblick gerne einmal zappeln, weil er es so liebt, wie innig ich ihm zeige, dass ich ihn begehre und ihn in mir spüren will. Das sind Lustspiele. Die kleinen Verführungszeichen, die ihn scharf machen, bereiten mir selbstverständlich das größte Vergnügen.“  

Madeleine: Lieber Wayne, dein Abendfickstück ist Ausdruck einer innigen Paar-Begegnung. In dieser Szene versinke ich sofort, das ist ein Traum... Ich kann nur DANKE sagen, ich bin sprachlos und wieder sehr bewegt von dieser Szene... Du weißt, wie ich es meine. Wenn ich sage, ich bin bewegt, dann hast du mich bewegt, nur mit deiner Sprache. Ahnt der Sprachmeister, was er da für kostbare Wortgeschenke zaubert?“ 

Madeleine: Liebster Wayne, meine Freude hast du, ja. Ich empfinde das auch so, wie du es beschreibst. Dass wir zusammen Glückstexte hervorbringen, ohne uns je gesprochen oder getroffen zu haben, ist phänomenal. Das ist natürlich auch ein Mangel. Ich weiß, dass du nicht weitergehen und mich folglich nicht treffen willst, und ich respektiere das. Zugleich ist es mir unbegreiflich, wie du mich so einnehmen und überwältigen kannst, ohne eine körperliche Berührung. Ich verstehe wirklich nicht, warum du mich und meinen Körper nicht brennend entbehrst. Ich weiß, dass ich dich glücklich machen kann.“  

Madeleine: „Mir ist gerade so danach, dir zu gestehen, dass ich es keinen Tag ohne dich in unserem Sprachschloss aushalte. Du ziehst mir das Kleid über den Kopf, rahmst mein Gesicht mit deinen Händen und küsst mich gierig. Ich wichse deinen Schaft, deine Hände wandern auf meinen Arsch und weiter, und wir ergeben uns gemeinsam einer glühenden Umkleide-Phantasie, einer kurzen, drankonischen Fickgeschichte, bis wir beide gleichzeitig kommen. Schon taucht am Horizont des Geschehens die Erwartung auf, dass wir gleich noch mal verkehren. Du hast mir schon gesagt, wie du dir mich wünschst.“

Madeleine: „So wenig Worte hattest du heute Morgen für mich übrig und trotzdem setzten sich die Kraft eines erotischen Wolkenbruchs frei. Das ist ein vollkommen körperliches Erlebnis, das aus dem Geist entsteht. Ist das nicht magisch?“   

Madeleine: „Was für eine wunderschöne Begrüßung... Deine Wegzehrung ist eine Luxusmahlzeit für meinen Geist und die Sinne, ich weiß gar nicht, wie ich dir adäquat danken kann. Der Text ist erotisch-sinnlich, kraftvoll, geheimnisvoll-mythisch und auch verspielt und charmant provokant... da hast du wieder dein magisches Schreibkönnen eingesetzt und ich liebe es sehr. Du hast meinen hingebungsvollen, enthusiastischen Dank dafür in all seinen Zwischenraum-Auffaltungen, liebster Sprachmeister. Das neckische Spiel zwischen Alisa und Virgil, ja, sie können sich zum Lachen bringen mit ungewöhnlichen Aktionen.“  

Zurück zum Ederthaler Alltag

Die Gebärden der Sorge gleichen sich überall. Armut stellt sich aber in der Stadt ganz anders dar als auf dem Land. Während der insolvente Städter die Hände in den Schoss legt, der Vorsorge entsagt und zum maulenden Zaungast wird, bleibt die rurale Dürftigkeit tätig. Sie bewirtschaftet einen Streifen, der seit Generationen in Familienbesitz ist. Sie erntet den Beerensaum des Hauses. Sie befreit einen herrenlosen Obstbaum von seiner Last. Sie erkennt ihren Vorteil an einem Feldrand. Sie existiert im Eigentum. In Ederthal wohnt keiner zur Miete, mit dem man spricht. Wer Ansehen genießt, hat auch ein Haus und sei es noch so zugeneigt der Erde. Mit Almosen sollte keiner rechnen, beschenkt werden die Reichen, so dass sie es noch besser haben. Die Armen stellen Fallen in den Forst, um zu ihrem Braten zu kommen. Sie stehen in geheimen Sex- und Schnapsverbindungen zu den evangelischen Schüttlern im Flüchtlingssumpf. Am Marschbach zur Eder siedeln aus Ungarn vertriebene Protestanten als illegal brennende Schnapsbauern. Die Moonshiner leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Nicht wenige laufen mit einem Wolfsrachen durch die Gegend. Aber auch in ihrer Gesellschaft brummt das Fortpflanzungsbusiness. Es kommt zu Überschreitungen der Demarkationslinien und in der Folge zu routiniert-robusten Aushandlungen. Bürgermeisterin Atlanta Gerster sieht über alles hinweg, solange die Schüttler unter sich bleiben und höchstens mit der äußersten Randgruppe ihrer Gemeinde Ringelpiez im hohen Gras spielen. Atlanta dreht sich auf ihrem Drehthron, ihr Gesicht gleicht einem Trümmerfeld, die Haut sieht aus wie zerschnitten. Sie hört ihre Nichte Madeleine auf dem Korridor und ruft: „Hoch die Hände. Wochenende.“

Madeleine managt auch den Landliebe Kalender, in dem sich der Landkreis entblößt. Sie präsentiert sich selbst jedes Jahr aufs Neue. Ihr Fotograf ist der Berufsspanner Holger Olm aus Wabern. Das ganze Jahr durchforstet Olm die nordhessische Pampa auf der Suche nach Modellen. Ausgerechnet der blöde Olm hat seiner Obsession ein perfekt sitzendes Kleid angepasst. Sich vor ihm erst auszuziehen und dann erotisch zu verkleiden, wird als Auszeichnung und Wertschätzungsbeweis erlebt. Krethi und Plethi können nach allgemeiner Auffassung froh sein, so einem Olm (eins siebenundsiebzig in Schuhen mit Plateauabsätzen) mit Alfa Romeo Spider und solide geerbtem Knusperhäuschen ihre, sinnlich drapierten, sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen zu dürfen.

Ich schildere Olm falsch. Der innere Schmierlappen verbirgt sich. Man riecht Molton Brown, die Frisur ist von Meisterinnenhand. Molina Beretta, Enkelin eines Geschäftsfreundes von Lucino Montana, dem Paten von Ederthal, beweist, dass Integration glücken kann. Sie führt den Salon Latin Lover in der Kasseler Straße. Ohne Voranmeldung geht nichts. Als Kunde muss man sich hochdienen, Geduld haben und Zeit mitbringen. Wer bei Molina ein Stein im Brett hat, wie Atlanta oder Madeleine Gerster, oder wie dieser Olm, darf vorbeischneien, sich nach dem Befinden der Familie erkunden, einen Espresso trinken, der selbstverständlich Caffè heißt, Zigaretten anbieten und sich endlich mit Haut und Haar Molinas Gestaltungswillen ergeben.

Jahre, in denen das Leben geschlossen hatte, wie ein Edeka am Sonntag. In den Heftchenromanen vom Bahnhofskiosk kamen Olms Vorlieben nicht vor. Ihm fehlte die Phantasie, die hilft, sich zu orientieren. … Rausch als Antwort auf den roten Vogel Einsamkeit. Der Kneipenklospruch, Auch Arschgeigen können zart besaitet sein, als Gratiseinsicht. Olm sehnte sich nach Liebe. Für mehr als eine Bekanntschaft reichte es nie. Olm stand noch nicht einmal das Volkshochschulvokabular für sein Unglück zur Verfügung. Nun, das Elend hat sein Ende gefunden. Inzwischen ist Olm fast so etwas wie ein Star, wenn auch in aller Bescheidenheit. Sitzt er mit der Mutter vor dem Fernseher, denkt es mörderisch in ihm: die Alte hat Schuld. Sie hat das Monster zur Welt gebracht. Alles ist alt. Die Decken, das Sofa, der Fernseher. Das ist doch nicht normal, dass alles alt ist. Das Haus, die Fensterläden, der Aufgang. Alles sieht so aus, als wäre es schon immer alt gewesen. Auch die Mutter sieht so aus. Ihre Liebe gibt sich nicht zu erkennen. Dabei müsste einen die Mutter doch wenigstens lieben, wenn sie sonst schon nichts für einen tun kann.

Mal was anderes

Liebe & Frieden. Drei Tage Spaß und Musik. Das erste Woodstock der Weltgeschichte fand im 7. Jahrhundert an der Eder statt. Eine irische Gruppe um den Barden Kilian O’Connor animierte Hunderte von Leuten, die schon lange nicht mehr wussten, wer sie waren, aber zweifellos nach fränkischem Recht rechtlos waren, mit dem Kopf zuerst in den Fluss zu tauchen. Das war der Auftakt einer Reihe von Massentaufen in irischer Regie. Diese Festivals zogen in der Konsequenz heiß diskutierter Formfehler Wiederholungen nach sich. Mit den Wiederholungen kritisierten schottische Missionare das Prozedere ihrer irischen Kollegen, die oft nicht richtig Latein konnten und ihre eigenen sinnverdunkelnden Taufformeln hatten. Als Mönche maskierte Wissende folgten den Regeln jeder Taqīyya - der Verheimlichung des wahren Glaubens in Gefahr. Sie lehrten kultische Reinheitsfloskeln zum Zweck der Selbstheilung. Sie verbreiteten ihre Druidenlektionen und Diätpläne unter christlichen Vorspiegelungen. Sie errichteten Wegmarken, die sich deuten ließen. Für den an die Scholle gebundenen Bauern gab es keine Einbahnstraßen. Er kam nie weiter, als sein Heimweg reichte. Eine Tagesreise brachte ihn ans Ende der Welt. Seinen täglichen Radius teilte er mit dem Vieh. Seine Stellung im Universum war ihm schleierhaft geworden. Die ihn unterworfen hatten, erschienen wenig informierter. Den Bauern begriffen sie als Appendix des königlichen Eigen. Als Überwinder Roms waren sie emporgekommene Renegaten. – Unfähig, die Technologie des Imperiums auch nur zu bewahren. Ein paar Floskeln, ein Schwert und das Fleisch auf dem Teller machten den Unterschied. Die fränkischen Könige waren zu Kilians Zeit gerade mal über den Punkt, notorisch zivilisationszerstörend zu wirken. Hat je jemand etwas über eine Merowinger Renaissance geschrieben? Die Verwalter der Königsgüter vertrieben sich die Zeit mit Bloodsport. Heimstätten in Herrschaftsnähe lagen der Gemeinheit manchmal allzu nah.

Die neue Religion wurde in einer magischen Praxis begriffen. Der Weinberg des Herren konkretisierte sich im königlichen Weinberg, der strafende Gott im strafenden Amtsinhaber. Vorsichtshalber sagte man alle Schutzformeln auf, die man kannte. Der christliche Text ergänzte ältere Informationen auf einer mythologischen Grundlage. Noch lange nach der ersten Jahrtausendwende beschwerten sich Geistliche über Andachtseinsprengsel aus dem pantheistischen Themenkreis.