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2026-06-19 10:26:05, Jamal

In der Schlacht von Flodden anno 1513 marschierten die Schotten mit fünf Meter langen Piken in sturer Landsknechtsformation. Die Engländer hielten dagegen mit Bills. Das waren Stangenwaffen, entwickelt aus landwirtschaftlichen Werkzeugen. Garniert mit Haken, Klingen, Spitzen. Die Piken zerbrachen, die Bills hielten.

Aslan lehnte am Tresen, sein Blick badete in den Details eines Schlachtgemäldes. Mühelos punktete er bei Fiona mit der richtigen historischen Einordnung. Ja, Aslan war beschlagen; jederzeit hätte er aus dem Stehgreif zu der Hellebarden-Replik, die dekorativ in einem Sonnenschirmplafond ankerte, einen Vortrag halten können. Akio erinnerte einen gemeinsamen Augenblick in Florenz, Aslan vor einem Fresko, Krieger in dramatischen Posen und zugleich, dem Tod geweiht und ihr Schicksal begrüßend, somnambul-lunar entrückt. Es war in den Uffizien, es war Paolo Uccellos „Schlacht von San Romano". Ein Lanzenwald ragte in den Himmel, die Ewigkeit sich aufbäumender Pferde, Ritter in glänzender Rüstung ... Die Piken taugten nichts in den Sümpfen von Flodden. Der Sieg hing von der Technik ab. Das keltische Element verlor sich schon in Mythen, da bluteten die keltischen Krieger noch aus klaffenden Wunden. Hinter den Fenstern der merkwürdig desolaten Schankstube schimmerte Castle Rock im Abendlicht. Edinburgh Castle thronte über der Stadt. In der Kneipe splitterte das Gelächter wie Glas. Die Trinkgeschehen wirkte wie ein Tableau vivant.

„Wenn ihr etwas Besonderes wollt," sagte der Barkeeper, „dann habe ich den Ardbeg Corryvreckan, 57Prozent. Nichts für schwache Nerven."

Fiona strahlte.

„Corryvreckan. Direkt von Islay. Rauch und Torf und dunkle Schokolade und schwarze Johannesbeere. Stark, rau, unberechenbar."

Fiona prostete den verwitterten Veteranen am Tresen zu. Sie kannte jeden hier seit ihrer Kindheit. Der Tresenpatron gab sich wie ein sesshaft gewordener Seemann und ein bisschen auch wie ein Priester der Malzkunst. Er versah ein Amt - und zwar in einer Weise, die mehr Ritual als Arbeit zu sein versprach.

Drei Tage später waren Aiko und Aslan wieder in Ederthal. Noch am Abend ihrer Ankunft absolvierten sie ein Training in ihrem Garten. Ihre konstant verbundenen Kraftfelder erzeugten Lustwärme. Akio hob die Hände langsam über das Becken und begann die stehende Säule - Zhan Zhuang. Ihre Atmung führte das Qi in den unteren Dantian. Aslan folgte ihrem Bewegungsfluss. Das Liebesatmen setzte die Energie eines Tsunamis frei. Sie zogen ihre Lust in das Herz-Qi und erlebten Orgasmen vom Scheitel bis zur Sohle. Zum Spaß nannten sie das Energiearbeitshöhepunkte.

Jede Drehung ihrer Hüften, jeder Armschwenk wob das Liebes-, Lust- und Kraftnetz dichter.

In ihnen tobte ein Sturm aus Lust und Verlangen. Sie führten sich gegenseitig an ihre Grenzen - nur um in einer Schwerelosigkeit zwischen Ekstase und Katharsis zu schweben. Aiko wollte nicht, dass es aufhört. Nicht einen Moment.

Sie lag auf ihm, der Körper schweißnass, zitternd, erschöpft.

Die Atmung bewegt den Geist und der Geist bewegt das Qi. Die chinesische Medizin ordnet Kälte dem Yin und Hitze dem Yang zu. In Prozessen kontrollierter Aufladungen verwandeln sich Aiko und Aslan in eine Yang-Fackel und einen Yin-Polarkreis. Sie lassen die Elemente kollidieren und fusionieren. Sie führen ihre Aufnahme- und Leitfähigkeiten in einen gemeinsamen Qi-Stromkreis. Dieser hyperenergetische Tanz von Kraft um eine Mitte, in der ein befreiter Wille steht (ungefähr Rilke), hat einen enormen Schauwert. Jede Zeugin der Supernova wird zur Verkünderin. Ich habe die Kraft gesehen. Sie schießt wie eine von Flammen gezeugte Schlange aus den Körpern der Praktizierenden und schließt jene spiralig ein. Ich denke gerade an die Balztänze japanischer Mandschurenkraniche auf Hokkaido.

Nach solchen Qi-Manifestationen entladen sich Aiko und Aslan sehr gern ineinander. So ein Qi-Quickie in einer universitären Ecke hat seinen eigenen Reiz.

Zwischen Aiko und Aslan gibt es nichts Alltägliches, keine Gewohnheiten im üblichen Sinn - ihr Zusammensein ist Spiel, Ritual, Gebet, ein Tanz aus Licht und Wärme.

Auf einem Grat zwischen Ekstase und Weihe lassen sie sich gegenseitig glühen.

Ein seidiger Morgen. Nebel über der Ederaue.

Einatmen, die Hände heben, als würden sie den Himmel tragen. Ausatmen, die Arme senken, als seien sie Wind. Der Qi-Fluss zwischen ihnen ist sichtbar wie ein Lichtband. Aiko verkürzt den Abstand und küsst Aslan. Seine Hände gleiten unter ihren Kimono, finden ihre Hüften, finden seine Heimat. Aiko lässt den Stoff von ihren Schultern rutschen. Sie ist nackt, warm, wach.

„Du bist mein Qi", flüstert sie.

Neuronales Unterholz

In klassischen Qi-Texten wird der Körper oft als Gefäß beschrieben, in dem sich Qi sammelt, aufsteigt und sinkt. Qi ist Atem, Spannkraft, Strömung und Bewusstheit. Das Bild vom Körper als durchpulster, lebendiger Hülle verweist auf etwas, das in der modernen Physiologie als interozeptive Präsenz oder verkörpertes Bewusstsein diskutiert wird.

Wenn in der daoistischen Praxis davon gesprochen wird, dass wahres Qi zum Dantian sinkt, ist das keine wörtliche Beschreibung eines Stoffwechsels, sondern Ausdruck eines somatischen Zustands. Die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen, der Atem vertieft sich, das autonome Nervensystem reguliert sich - oft vom Vagusnerv vermittelt - in Richtung Entspannung. Es entsteht eine Empfindung von zentrierter Schwere, von innerer Dichte oder Fülle, wie sie auch in körpertherapeutischen Praktiken beschrieben wird.

Das untere Dantian - lokalisiert im unteren Bauchraum - gilt in der chinesischen Tradition als energetisches Zentrum. In westlichen Begriffen könnte man ihn als subjektives Gravitationszentrum verstehen. Das ist ein Ort, an dem sich Körper und Bewusstsein sammeln, ein Fokus-Spot für Selbstregulation, Kohärenz und somatische Sicherheit. Die Vorstellung, dass das Qi vom Geist gelenkt wird - "where the mind goes, Qi follows" - lässt sich als poetische Umschreibung für neurobiologische Prozesse lesen, bei denen Aufmerksamkeit motorische, sensorische und emotionale Prozesse steuert.

Wenn Taiji-Praktizierende von einer surging fullness sprechen, von innerem Aufgeladen-Sein, dann ist das nicht einfach metaphorisch - sondern ein präzises Zeugnis für verkörperte Erfahrung. Es handelt sich um ein Zusammenspiel von Atemrhythmus, Muskeltonus, innerem Dialog und stiller Beobachtung. Die Praxis selbst - regelmäßig, bewusst und entschleunigt - wirkt dabei wie eine Form verkörperter Meditation, in der sich Geist und Körper nicht trennen, sondern gegenseitig formen.

Was also in traditionellen Worten klingt wie Magie - Qi, Essenz, Dantian - lässt sich aus heutiger/westlicher Perspektive als differenzierte Wahrnehmungssystematik lesen; als eine Sprache für das, was unterhalb der sprachlichen Schwelle liegt - präreflexiv, subkortikal, fühlend.

Aslan lief sich warm. Der Tau dampfte in der Morgenhitze, seine Steinzeitsportlerinnen wälzten sich furios über die Grünfläche auf dem Campus - Tiefe Hockposition, seitliches Gehen auf Händen und Füßen, Krabbeln mit eng am Boden geführtem Körper, Hocksprünge, flaches Kriechen über den Boden, Gehen auf Händen und Füßen, Hüften oben, wellenartige Bewegungen, beidbeinige Hüpfer, Cat Stretch.

Aslan liebte diesen Moment. Wenn das Denken sich verflüchtigte. Wenn das Bewusstsein hinter den Bewegungen zurückblieb.

Qi als inneres Handwerk

Stellt euch einen spätnachmittäglichen Sommermoment in Aslans Atelier vor; den Tausendsassa stehend und barfuß vor einem Dutzend Schülerinnen. Aiko ist anwesend. Sie trägt einen fließenden Gongfu-Anzug aus ungebleichter Baumwolle, weiß, mit grünem Schimmer. Die Knöpfe sind Froschverschlüsse, von Hand geknüpft. Der Kragen steht mönchisch schlicht und erinnert an antike taoistische Linien. Die Ärmel sind weit, aber nicht flatternd. Wenn Aiko sich bewegt, trägt der Stoff ihr Qi. Im Stehen ist sie ein Fels in der Stille, im Gehen Wasser im Nebel. Sie trägt keine Schuhe, nur Baumwollsöckchen, die sich fast unsichtbar an ihre Füße schmiegen.

Die Sonne fällt schräg durch Panoramafenster und mustert das Geschehen. Aslan bezeichnet die internale Energiegewinnung als inneres Handwerk. Er trägt einen seidenen Anzug - die Extravaganz des Stehkragens - im Stil der Übungskleidung für innere Arbeit -Liàn gōng fú; inspiriert von Wabi-Sabi. Indigo. Asche. Matter Sand. Der Schnitt ist nicht geometrisch perfekt, sondern ausgewogen in der Asymmetrie - wie das Leben selbst. Aslan bekennt sich so zu einer poetischen Ästhetik. Wabi-Sabi ist kein Designstil im westlichen Sinne, sondern eine japanische Weltsicht. Sie feiert das Schlichte, das Unvollkommene, das Vergängliche. Schönheit liegt nicht im Glatten, nicht im Glanz, sondern im leicht Brüchigen.

Wabi verweist auf das Genügen in der Stille; Sabi auf das Vergehen. In der Hand hält der Philologe einen abgegriffenen und verblichenen Fächer mit der getuschten Aufschrift: 真氣 - Zhen Qi. Er hält ihn so, dass Aiko das Signal erkennt. Sie fragt sich, wann und wo er sich selbst befriedigt hat. Er ist seit Stunden in der Oase.

Die Zuhörerinnen bilden einen Halbkreis.

„Im klassischen Daoismus heißt es: Zhen Qi erhebt den Menschen. Es ist nicht gemacht - es ist erkannt."

Aslan steht jetzt vor Aiko, spricht aber in den Raum.

„Ihr denkt vielleicht, Zhen Qi sei eine besondere Energie, ein Ziel. Aber Zhen Qi ist kein Zustand, sondern ein Verhältnis. Ein Verhältnis von Innen und Außen, von Wille und Hingabe. Von Absicht und Loslassen."

Er hebt die Hand, zeigt auf sein Herz.

„Wenn wir üben, egal ob Qigong oder Taiji, geht es stets darum, die fremden Impulse auszuleiten und das Wahre freizulegen. Zhen Qi ist das, was bleibt, wenn nichts mehr stört."

*

Sein Blick, als sie im Dōjō zum ersten Mal eine Form nicht nur ausführte, sondern war - das Bild erschien plötzlich vor ihrem geistigen Auge. Sein Gesicht im Halbschatten. Die feine Falte zwischen den Brauen, die seine Konzentration anzeigte. Und dann ein kaum merkliches Nicken, das Lob bedeutete.