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2026-06-19 09:48:58, Jamal

„Ich bin nicht verletzt, ich bin ein Spieler, der mit einer Verletzung lebt.“ Rafael Nadal

Quarantäne im übertragenen Sinne, beschreibt sowieso, wie wir in Maine miteinander auskommen. Wir sitzen hier ganz oben, wo es Richtung Kanada geht, sonst nirgendwohin. Alles andere liegt weiter unten. Soziale Distanz ist unsere Vorstellung von einer Gemeinschaft, die zusammenhält.“  Richard Ford zu Beginn der Covid-Pandemie

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Wir sehen uns in jener Lage, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter anno 1348. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebiert Protagonistinnen der Renaissance auf einem römischen Feldbett.

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Solange sie zusammen sind, kennen sie nichts anderes als die Geborgenheit in der Gruppe, die viel mehr eine Herde ist. Doch wenn die Sache gelaufen ist und sie ihre Kleider wieder privat tragen, kennen sie sich überhaupt nicht mehr; so als läge hinter ihnen etwas, dass sie mit Scham erfüllt. 

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„Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein - das Leben, die Seele der Lektüre.“ Laurence Sterne

Das erste Zusammentreffen vor der „Kulturschmiede Freiraum“

Wir erinnern uns - Elena, ihres Zeichens Kommissarin der hessischen Landespolizei, reiste von Ederthal an der nordhessischen Eder nach Ahrenshoop an der mecklenburgisch-pommerschen Ostsee, um da an einem Schreibworkshop mit dem diesjährigen Peter Kurzeck-Preisträger Marek Lorenz teilzunehmen. Gerade sind beide auf dem Weg zu der ersten zwanglosen Zusammenkunft. Marek folgt seiner Schreibschülerin, über die er so viel mehr weiß als sie über ihn. Gleich wird er sich ihr in dem zur ‚Kulturschmiede Freiraum‘ mutierten ehemaligen FDGB-Erholungsheim ‚Wilhelm Pieck‘ als vollendeter Gastgeber präsentieren.

Die ozeanische Nacht rüstet sich für ihren Teil der kosmischen Abmachung. Möwen schreien, der Wind trägt Salzkristalle. Das Ex-Erholungsheim überragt strandunmittelbar die Dünen. Elena genießt einen unverbauten Blick auf die brodelnde Badewanne Ostsee. Der Strand ist komplett überspült. Elena registriert die privilegierte Perspektive. Marek rückt auf. Sie erlebt sein Interesse an ihr fast körperlich, unerwartet fordernd und besitzergreifend, irritierend intim; so, als seien seine Erwartungen so hochgespannt wie ihre. Sie spürt die Konzentration eines Lauerjägers. Trotzdem misstraut sie ihrer Wahrnehmung. Projiziert sie nicht einfach ihre Sehnsüchte auf ihn. Im Gegenlicht ihrer Abwägungen sieht sie ihre Bereitschaft, alles hinter sich zu lassen, erschreckend deutlich.

Sie zieht den Mantel enger um sich.

„Schön, nicht wahr?“

„Was meinen Sie?“

„Dass man hier oben stehen kann und für einen Moment glaubt, alles andere wäre weit weg.“

Sie lächelt schwach.

„Das klingt ziemlich nach einem Schreibseminar.“

„Vielleicht bin ich beruflich verdorben.“

Eine leise Enttäuschung macht sich in Elena breit. Das ist schon alles sehr konventionell, wenn nicht altbacken. Wäre da nicht die brennende physische Präsenz.

Er erscheint jünger als in ihrer Vorstellung. Oder vielleicht nur entschlossener. Sie registriert keine Unsicherheit, nicht eine Spur von Nervosität.  

Gestrandeter Odysseus – Vier Tage später

Der Sirtaki wurde ohne historische Verankerung zum Inbegriff des griechischen Volkstanzes. Die erste Choreografie entstand 1964 bei Dreharbeiten zu „Alexis Sorbas“. Mikis Theodorakis schrieb die Filmmusik. Anthony Quinn spielte den Titelhelden als gestrandeter Odysseus. Er verkörperte eine postolympische Lebensart und erschien weit weg von der Realität unglaublich authentisch. Die Suggestion war, dass er in der entscheidenden Szene eine antike Schrittfolge beachtet.

„Die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“, sagt Heiner Müller. Der Sirtaki beweist diese Kraft. Er kam wie eine getanzte Fayence der hellenistischen Welt an und war doch nichts weniger als das. Ich denke gerade an den Produktionsfuror von Mikis Theodorakis. Der griechische Nationalheld lebte in einem ununterbrochenen Schaffensrausch. Er beschrieb sich als wasserscheues Luftwesen. Er rügte das Wasser für seine Eigenschaften. Er war auf du und du mit den Elementen. Nach seinem Tod wollte er mit seiner Musik in den Weltraum geschossen werden. Der Himmel offenbarte ihm eine Harmonie, die es unter Menschen selten gibt. Mit dir erreiche ich die Harmonie, lieber Marek. Ich schreibe dir das in meiner Not. Du bist nicht bei mir und ich entbehre dich, als könnte ich ohne dich nicht atmen. Gestern hatten wir es schön und morgen werden wir es wieder schön haben. Doch heute Nacht muss ich darben. Du hast versprochen, gegen neun mit mir zu skypen. Ich fiebere dem Termin entgegen und verlasse mich auf deine Pünktlichkeit. Du verlangst mir viel ab und gibst mir noch mehr. Ich weiß, dass dir alles klar ist.

Du bestimmst so viel in meinem Leben, Liebster. Ich sehne mich danach, von dir ‚meine Süße‘ genannt zu werden. Ich hole mir jetzt noch einen Tee und dann zähle ich die Minuten bis zu deinem Anruf. Und morgen schmiege ich mich wieder in deine Arme. Du siehst so gern in meine Augen. Wie ich es liebe, etwas zu haben, wonach du verrückt bist. Schon klar, da sind nicht nur meine Augen im Spiel. Ich möchte nicht frivol sein. Mit dir ist alles heilig. Du sagst, es sei ein Privileg sich kultivieren zu dürfen und die beste Form aus sich heraus zu meißeln. Du sagst, man muss seine Komfortzone verlassen, sonst gelingt das Leben nicht. Hunger, Kälte und Selbstgeißelungen sind dir schon Jahrzehnte ein Bedürfnis. Du lechzt danach deinen Rumpf, deine Arme und deine Hände an Betonpfeilern zu stählen. Du entwickelst in dieser Praxis solche Kräfte, dass mich die Druckwellen vibrieren lassen. Ja, es macht mich heiß, dir dabei zuzusehen und ich genieße es auch, dich dabei zu beobachten, wie du mich in homöopathischen Dosen an eine höhere Trainingsintensität heranführst. Deine Listen und Schliche faszinieren mich nicht weniger als deine körperliche Ausgelassenheit und dein schnörkelloses Verlangen, dem ich schrankenlos entspreche.