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2026-06-18 10:44:01, Jamal

"Words are still the principal instruments of control." William S. Burroughs, "The Electronic Revolution"

"Leadership is not a power structure; it's a flow structure." Floating Quote

Edinburgh leitet sich vom keltischen „Din Eidyn" ab. So hieß im Mittelalter eine befestigte Siedlung der Gododdin. Die Gododdin waren ein brittonisches Volk, das vom 5. - 7. Jahrhundert expansiv und wehrhaft genug für ein eigenes Territorium war. Auf Castle Rock errichteten sie ein Fort. Ihr Siedlungsgebiet umfasste das südöstliche Schottland und Nordostengland. Die Gododdin sprachen Brittonisch, eine keltische Sprache, die eng mit dem Walisischen verwandt war. Nachkommen des kulturellen Gododdin-Erbes findet man heute vor allem in der walisischen Literatur. Berühmt sind die Gododdin für einen um 600 entstandenes lyrischen Epos - das Y Gododdin. Darin beschreibt der Dichter Aneirin, wie dreihundert Gododdin-Krieger von Din Eidyn nach Süden zogen, um in Catraeth (wahrscheinlich das heutige Catterick in Yorkshire) gegen die Angeln zu kämpfen. Sie kämpften drei Tage lang - und wurden fast vollständig aufgerieben. Nur einer kehrte lebend zurück. Nach der Niederlage zerfiel die Macht der Gododdin. Sie verloren ihr Land an die Angles of Bernicia, die sich mit dem angelsächsischen Herzogtum von Deira verbündeten. Aus dieser Allianz ging das Königreich Northumbria hervor.

Die Angeln waren Migranten aus dem heutigen Norddeutschland und Dänemark. Bernicia, ihr nördliches Königreich, erstreckte sich über Nordostengland bis nach Südschottland, während Deira, die südliche Kapitale, ungefähr dem heutigen Yorkshire entsprach. Beide Reiche fusionierten zu einer Großmacht mit kontinentalen Wertvorstellungen. Das Keltische wich dem Germanischen, bis das Erbe der Gododdin zur narrativen Reminiszenz verkümmerte. Für eine lokalpatriotisch übersteuerte Historikerin wie Fiona verkörpert Edinburgh eine mythische Ahnenlinie: „Der Boden meiner Stadt ist von Keltenblut getränkt – mit dem Blut von Kriegern, die bis zum letzten Mann kämpften."

Ab dem 12. Jahrhundert diente die Burg auf Castle Rock als royale Residenz. Maria Stuart (1542 - 1587) gebar hier 1566 James VI., den späteren König von Schottland und England. In Jahrhunderten wurde Edinburgh Castle belagert, erobert und ausgebaut. Heute gilt das Schloss als nationales Symbol und beherbergt das National War Museum.

Winterholzlieferung

Fiona, Aiko und Aslan konferierten noch immer in einer Waffenkammer im Schloss von Edinburgh. Fionas feuerrotes Haar war zu einem formidablen Knoten hochgesteckt, ungezähmte Strähnen fielen in die Stirn. Die waschechte Schottin war so sommersprossig wie in einem Werbespot. Ihre randlose Brille deutete dezent akademische Distinktion an. Sie trug eine Kilt-Blazer-Kombination. Das dunkelgrün-blaugraue Tartanmuster war ein lokalpatriotisches Statement. Gerade war Fiona halb amüsiert, halb genervt von einer Touristenrotte, die lautstark erschöpft einen weiteren Punkt auf ihrer Sehenswürdigkeitsliste abhakte. Leise sang sie: „Din Eidyn... Din Eidyn... Edinburh... Edinburgh..."

Ihre Worte waren nur für Aiko und Aslan bestimmt.

„Din Eidyn, die Burg der Gododdin. ‚Din' heißt Burg, ‚Eidyn' bezeichnet die Region auf Keltisch. Die üblen Angelsachsen sagten ‚Burh'. Aus ‚Din Eidyn' wurde Edinburh, später Edinburgh."

Fiona ließ sich nicht überflügeln.

„Ich bin in Edinburgh geboren", sagte sie, „Und ich sehe nicht ein, warum ich hier nicht alt werden soll."

„Ich verstehe dich", sagte Aiko. „Aber nicht jeder hat das Glück, nach einem erfüllten Leben in seinem Geburtsbett sterben zu dürfen."

Sie spürte die erotische Spannung zwischen Aslan und Fiona.

„Ich nehme mir meinen Zipfel vom Mantel der Geschichte - und ich lasse mir nichts wegnehmen. Edinburgh ist meine Stadt und diese Waffenkammer mit ihren Schwertern, Hellebarden und Rüstungen spricht zu mir wie zu einer geliebten Tochter. Heute Nachmittag erwarte ich meine Winterholzlieferung, wenn ich euch noch etwas zeigen soll, dann müssen wir jetzt aufbrechen.

Winterholzlieferung - Welch schönes Wort. Es evozierte bei Aiko eine typische deutsche Weihnachtsszene mit Lebkuchen und Glühwein. Sie sah sich mit rotgefrorenen Wangen und glühendem Herzen in einer knisternden Umarmung. Selig schmiegte sie sich an ihren Meister. Er tastete sich vor und sie studierte taktile Nuancen. In Gedanken bat sie ihn um mehr, aber da waren Freunde, die an Aikos Sehnsüchten vorbei für Turbulenzen sorgten. Aslan hatte seinen Becher schon geleert, Aiko bot ihm ihren Becher an. Er trank so schön aus ihrem Becher. Sie mochte die Arabesken seiner Winkelzüge. Es erregte sie, wie souverän er bei alldem blieb. Aiko hörte ihm stets aufmerksam zu. Sie ließ sich auf alles ein, was er sagte. Sie wollte ihm zeigen, dass sie ihn besser verstand als jede andere.

Ihre spirituelle Zwiesprache erfüllte kathartische Funktionen. Aslan ging in seiner Rolle als körperkundiger Anführer auf und Aiko war sehr gern seine gelehrige Schülerin. Sie schmeichelte ihm nach Kräften.

Aiko beobachtete, wie sehr Aslan Fionas kalkulierten Ausbruch genoss. Er registrierte die Signale eines erotischen Ausschweifungsbegehrens und war nicht abgeneigt. Bahnte sich da eineMénage à troisan?

Interkultureller Smalltalk

Fiona lotste Aslan und Aiko an den Touristenströmen der Royal Mile vorbei. Sie fühlte sich in der Pflicht, den beiden Fremden etwas Stilechtes und Hieb- und Stichfestes zu bieten - nicht zu schick, nicht zu touristisch; vereinbar mit den Maßstäben der Einheimischen - den "regulars".

Sie entschied sich fürThe Royal Oak.

„Hier bestellt man an der Bar", erklärte Fiona. Aslan verstand das als Aufforderung. Er trat vor, nickte dem Barkeeper zu und bestellte in der Mundart seiner westtexanischen Heimat. Der Panhandle-Cowboysound war eine milde Provokation.

"Three pints of Guinness, please."

„Aye, comin' right up."

„Zwei für uns Frauen, und einen für den Mann in unserer Mitte," mischte sich Fiona ein. Es irritierte sie, dass Aslan plötzlich den Southerner rauskehrte. Auf Edinburgh Castle hatte sein Amerikanisch zurückhaltender und mehr nach urbaner Upperclass gelungen.

Der Barkeeper, hager ergraut und granitäugig, musterte Aslan einen Moment länger als nötig. Er überging die Großspurigkeit des Gastes. Er wollte ihn nicht länger als nötig vor seiner Nase haben.

Fiona grifft nach den Gläsern, während Aslan bezahlte. Alle Tische waren besetzt; der Pub pulsierte wie ein lebendiger Organismus. Ein Stoßtrupp bedenklich fröhlicher Zecher okkupierte den Tresen und verdrängte die drei mit unbedachter Gewalt. Fiona fluchte leise, ließ sich aber mit Aiko und Aslan im Schlepp widerstandslos in den Windfang abschieben. Neben einem antiken Schirmständer fand das Fähnlein traute Zuflucht. Die drei standen so dicht beieinander, dass sie ihrer Hitze gewahr wurden. Aslan sagte "Cheers", Aiko „Kanpai", und Fiona "Slàinte Mhath! That's how we say cheers here. It means good health."

„Was bedeutet dein Trinkwort?", fragte Fiona die Rivalin.

„Es bedeutet trockene Tasse", antwortete Aiko. Sie nahm einen großen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken trotzig den Schaum von den Lippen. Weder Fiona noch Aslan sollten glauben, dass sie die Lage überforderte.

Fionas Blick wanderte von Aslan zu Aiko.

„Also gut, ich spiele mit offenen Karten. Ich bin eine echte Edinburgherin. Hier trinke ich, hier kämpfe ich, hier küsse ich."

Aiko hielt dem Blick der Herausforderin stand.

„Du bist sehr direkt, Fiona."

„Direktheit ist ein Privileg, souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."

Fiona fand es nicht nötig, dem Zitat etwas hinzuzufügen. Es war eine stille Ungeheuerlichkeit. In einer Vorlesung hätte der Satz gewiss Unmut ausgelöst.

Aslan konterte schamanisch:

„Herausforderungen eröffnen Wachstumspfade."

Fiona drängte ihm entgegen. Die Anziehungskraft wirkte selbständig. Endlich spürte sie Aslan an ihrer Hüfte. Sie griff nach Aiko, die scheinbar somnambul einschwang. In Wahrheit registrierte sie jedes Detail. Sie wartete auf ein Zeichen von Aslan. Längst war sie zu allem bereit.