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Wir wurden zu erfolgreichen Jägern, ohne die Gelassenheit der Raubtiere zu entwickeln. Unser Nervensystem bleibt sicherheitsorientiert. Trotzdem haben wir eine Stellung erreicht, die nur Prädatoren zukommt.
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„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind. Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen." Axel Buether
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„Ekstase und Existenz haben die gleiche Wurzel." Michel Serres
Am Anfang war die Welle, nicht der Schritt - Frühe Bewegungsformen verbanden bereits mehrere funktionale Elemente: eine rhythmische Wirbelsäulenbewegung, rotatorische Anteile des Rumpfes sowie eine mechanische Kopplung zwischen Rumpf, Schultergürtel und Extremitäten. Aslan nennt diese Kraftübertragung Spinal Wave. Das Wort beschreibt anschaulich reale biomechanische Phänomene wie segmentale Rotation, elastische Rückstellkräfte des Bindegewebes und diagonale Muskel-Faszien-Ketten.
Mit der Evolution der Landwirbeltiere und später des aufrecht gehenden Menschen veränderte sich die Orientierung des Körpers grundlegend. Die Vertikalisierung stellte jedoch keinen vollständigen Bruch mit älteren Bewegungsmustern dar. Vielmehr wurden horizontale Fortbewegungsprinzipien – laterale Rumpfbewegung, Rotation und elastische Kraftspeicherung – in eine vertikale Organisation integriert. Sie zeigen sich bis heute im menschlichen Gang, in Ausgleichsbewegungen der Wirbelsäule, in der Beckenrotation und in den schräg verlaufenden Faszienzügen zwischen Schulter- und Beckengürtel.
Aslan spricht von funktionaler Kontinuität. Der menschliche Bewegungsapparat nutzt nach wie vor wellenartige, rotatorische und elastische Mechanismen, nun jedoch unter den Bedingungen der Schwerkraft und des zweibeinigen Standes. In Kampfkünsten und anderen Bewegungsschulen werden diese Prinzipien kultiviert und verfeinert.
Aslan Coogan und seine Schülerin Takemori Aiko bewegen sich schon eine Weile an einer Schnittstelle zwischen östlichen Bewegungstraditionen und westlicher Bewegungswissenschaft. Konzepte wie Qi bezeichnen in asiatischen Kontexten kein messbares Objekt, sondern ein Erfahrungs- und Erklärungsmodell für koordinierte Bewegung, Atmung, Spannungsregulation und gerichtete Kraftentfaltung. Aus westlicher Perspektive lässt sich Qi daher als emergentes Phänomen verstehen; als ein Ergebnis des Zusammenspiels von Haltung, Atmung, neuromuskulärer Koordination, Rotation und faszialer Kraftübertragung. Diese Übersetzung ist eine Annäherung, keine Gleichsetzung.
Ich nähere mich dem Thema in einer ausschweifenden Lehrgeschichte. Ihr seht Aiko, die verlorene Samuraitochter.
Geologische Architektur und Spirituelle Schuld
Edinburgh Castle ist die bekannteste Festung Schottlands und ruht auf einem vulkanischen Massiv. Castle Rock erhebt sich bis zu hundert Meter über seine Umgebung und bot seit vorgeschichtlicher Zeit einen idealen Verteidigungsstandort. Schroffe Klippen an drei Seiten machten den Felsen nahezu uneinnehmbar. Nur von Osten war ein Zugang möglich. Deshalb entwickelte sich die mittelalterliche Stadt entlang des Felsrückens, der vom Schloss nach Osten abfällt; heute Edinburghs Altstadt. Das Schloss spielte eine wichtige Rolle in den schottischen Unabhängigkeitskriegen des 13. und 14. Jahrhunderts und wechselte mehrfach zwischen schottischer und englischer Kontrolle.
Der Blick nach Osten – Arthur's Seat
Vor den östlichen Fenstern des Schlosses bramarbasiert Arthur's Seat; auch er ein Trumm vulkanischen Ursprungs, allerdings Teil einer deutlich größeren und älteren Formation. Der Gipfel bildet den höchsten Punkt von Holyrood Park.
Zwischen Schloss und Arthur's Seat liegt die historische Achse Edinburgh und das historische Machtzentrum Schottlands – Royal Mile. Am östlichen Ende befindet sich die schottische Residenz der britischen Monarchie – Palace of Holyroodhouse.
Aslan und Aiko orientieren sich in einer Waffenkammer aus Bruchsteinmauerwerk. Sie mustern Schwerter, Musketen, Hellebarden und Rüstungen. Aslan betrachtete die Werkzeuge des Todes mit nüchterner Faszination. Sein Blick prüfte jede Klinge. Aiko fühlte sich von seiner vereisten Leidenschaft ins Unrecht gesetzt. Da war ein Interesse, das sich nicht drosseln ließ. Dieses Feuer sollte in Aiko lodern. Jedenfalls durfte sie sich nicht weniger angesprochen fühlen von diesen anachronistischen Kriegskunstzeugnissen. Sie stammte aus einem Samurai-Geschlecht. Mit raffiniertem Trotz hatte sie sich einer Erziehung im Geist des säkularisierten Kodex' zwar niemals offen widersetzt, aber doch innerlich versperrt. Als Jugendliche hatte sie verhaltene Gleichgültigkeit gegenüber familiären Erwartungen zur Schau gestellt; indes, ohne aus der Rolle der folgsamen Tochter zu fallen. Ihre Geschicklichkeit erschien ihr nur noch fade. Aslan hatte ihr die Augen geöffnet.
Sie hielt eine verschwiegene Andacht für ihren Großvater ab, der den antiken Bushi-Techniken religiöse Verehrung entgegengebracht hatte. In Gedanken verbeugte sie sich und bat um Vergebung. Aiko entsprach nicht nur Gepflogenheiten des Shintō-Ahnenkults. Sie wollte unbedingt die eigene Ächtung aufheben. - Endlich zurückkehren in die noble Ahnenreihe und wieder eine Perle auf der Familienschnur sein. Sie ersehnte Läuterung und Buße mit existenzieller Inbrunst.
In einem wiederkehrenden Tagtraum wähnte sich Aiko in der Haltung einer Verworfenen - verstoßen und verachtet - vor einem Ahnentribunal ihres Clans. Die Vorfahren glichen grotesk-bärbeißigen wie aus dem Kabuki-Theater entsprungenen, ritterlichen Nussknackern. Sie erinnerten an Protagonisten in den frühen Werken von Akira Kurosawa mit ihrer expressionistischen Ästhetik. Aiko vernahm ein Echo der Bunraku-Tradition, in der jede Geste Bedeutung trug. Die Phantasmagorie war eine Emanation des Fluchs, der auf ihr lastete.
Ihre Richter erlaubten Aiko kein Wort zu ihrer Verteidigung. Aber was hätte sie auch sagen können? Die Delinquentin spürte eine Last, die sie zu erdrücken drohte. Vielleicht war es die Last der Jahre, in denen sie gleichgültig und hochmütig gewesen war.
Aslan war für Aiko viel mehr als ein Trainer - er war ihr Seelenführer. Seine Persönlichkeit spiegelte den Geist, den sie einst verleugnet hatte. Aslan verkörperte den Bushi-Spirit. Er lehrte Aiko, was sie längst bis zur Lehrbefähigung beherrschen sollte.
Dr. Fiona MacLeod ahnte nichts von Aikos seelischen Abgründen. Die Historikerin registrierte eine ausgesuchte Garderobe an der Schnittstelle zwischen traditioneller japanischer Ästhetik und modernem Design. Aiko trug ein kimono-inspiriertes Oberteil in Indigo und einen sandbeigen Tellerrock. Die Kombination verlieh ihr die klassische japanische Silhouette mit einer abgefeimten Wendung ins Edel-Schräge.
Eine Neigung zum Twist verriet der Schalk im Auge unserer Heldin.
Das schlichte Obsidianperlenspiel am Handgelenk war kein Schmuck im westlichen Sinn, keine Zierde, sondern ein Juzu. Die buddhistische Gebetskette ging zurück auf die letzte echte Onna-bugeisha des Takemori-Clans, eine Frau, die in historischen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen als Meisterin der Kenjutsu-Künste erwähnt wurde.
Aiko wusste, dass sie die Linie mit ihrer Gleichgültigkeit und dem Trotz unterbrochen hatte. Für diesen Frevel musste sie büßen - und zwar in einer Wüste der westlichen Verständnislosigkeit. Sie durfte erst nach einem vollendeten Beweis ihrer Würdigkeit zurückkehren.
Fiona hätte jeder Kunde von solch einem inneren Geschehen die Aufmerksamkeit verweigert. Für sie war jedweder seelische Aufruhr eine lächerliche Aufblähung. Aiko aber wusste, wie gefährlich unsichtbare Schuld auch solchen Menschen werden konnte, die sie verleugneten. Es war jeden Tag aufs Neue eine potentiell tödliche Prüfung. Jene feindlichen Vorstellungen, die Aiko förmlich besiedelten, besaßen materielle Kraft. Sie übten Druck aus und zogen an ihr. Ein falscher oder vielleicht auch nur zögerlicher Schritt und Aiko sähe sich zu Handlungen genötigt, die Außenstehende nie begreifen würden.
Fiona wandte sich Aslan zu. Er war Turko-Texaner, reich von Geburt, großgewachsen und hypertroph muskulös. Aslan war Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität, ein Mann der Bücher und zugleich Olympiasieger im Freistilringen; versiert ferner in Gōjū-ryū - und Kyokushin Karate, Wing Chun der Yip Man-Lineage und Chen-Taijiquan.
Zu Gōjū-ryū - Stil der Härte und Weichheit - Ging aus dem historischen Naha-te hervor, einer der drei Hauptströmungen des Okinawa-Te. Die Entwicklung des Gōjū-ryū ist eng mit den Leben und Lehren zweier herausragender Meister verbunden:
Kanryō Higaonna (1853 - 1916)
Higaonna gilt als der Gründer des Naha-te. Er verbrachte mehrere Jahre in Fuzhou, China, wo er unter dem Meister Rū Rū Kō (Chinesisch: Liu Liu He) White Crane trainierte, einem Experten im südchinesischen Kung-Fu, insbesondere im Chūan-Fa. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa begann er, die chinesischen Techniken mit den traditionellen lokalen Kampfkünsten zu verbinden und legte so den Grundstein für das Naha-te. Higaonna war streng, diszipliniert, tief spirituell. Er legte großen Wert auf Atemtechnik, Standfestigkeit und Qi.
Chōjun Miyagi (1888 - 1953)
Miyagi war ein Schüler Higaonnas. Er formalisierte das System Naha-te und gab ihm den Namen Gōjū-ryū. Registrierte Gōjū-ryū 1933 beim Dai Nippon Butokukai, der zentralen Martial-Arts-Organisation in Japan. Kreierte Formen (kata) wie Sanchin (stabile Standhaltung, Atemtechnik, Spannung) und Tenshō (weiche, kreisende Bewegungen).
Naha-te und Okinawa-te
Okinawa, früher das Königreich Ryūkyū, war ein Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen China und Japan. Die Kampfkunstsysteme entwickelten sich in verschiedenen Regionen der Insel. Shuri-te entstand in der Stadt Shuri und legte den Grundstein für das Shōrin-ryū. Tomari-te entwickelte sich in der Stadt Tomari und beeinflusste ebenfalls das Shōrin-ryū. Naha-te entwickelte sich in der Stadt Naha und bildete die Grundlage für das Gōjū-ryū. Diese drei Systeme - Shuri-te, Tomari-te und Naha-te - wurden später unter dem Begriff Okinawa-te zusammengefasst und bildeten die Basis für das moderne Karate.
Kyokushin Karate
geht auf Masutatsu Oyama (1923 - 1994) zurück. Der in Korea geborene Oyama studierte Judo, Shotokan-Karate und chinesisches Kempo, isolierte sich temporär in den japanischen Alpen und entwickelte seinen Stil nach dem Prinzip der „höchsten Wahrheit" (Kyokushin). Er kombinierte traditionelle Techniken mit Vollkontakt-Sparring, Prüfungen wie dem 100-Man Kumite und betonte mentale Stärke, Ausdauer und körperliche Härte. 1964 gründete Mas Oyama die International Karate Organization (IKO).
Chen-Taijiquan - In Chenjiagou, dem Ursprungsort des Chen-Stils, erlernte Aslan die klassischen Formen des Chen-Stils, einschließlich Handformen, Push-Hands (Tuishou), Schwert (Jian), Säbel (Dao), Stock (Gun) und Doppelschwert (Shuang Jian).
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Fiona war beeindruckt und sogar geblendet von Aslans monumentaler Erscheinung. Kurz verlor sie sich in einer erotischen Phantasie. Sie zeigte sich gern spröde. Die vulkanische Seite ihres sommersprossigen Wesens verbarg sie sorgfältig.
Fiona spürte den Leistenlustzug und seufzte unwillkürlich auf. Sie wollte Karriere machen und sich gewiss nicht selbst im Weg stehen. Eskapaden kamen nicht in Frage, aber kunstvoll vernebelte Akzente erlaubte sie sich - halterlose Strümpfe, ein Büstenhalter, der ihren Spitzen die Freiheit schenkte, sich unter dem Stoff abzuzeichnen.
Ja, Aslans Präsenz trieb sie an ihr Limit. Gerade konzentrierte er sich auf die Claymore-Kollektion. Der Begriff „Claymore" kommt aus dem Schottisch-Gälischen: claidheamh mòr - großes Schwert. Es bezeichnet ein zweihändiges Schwert, das vor allem in Schottland im 15. bis 17. Jahrhundert verwendet wurde. Typisch ist die lange, gerade Klinge, etwa 100 - 140 cm, der Kreuz- oder schildförmige Handschutz, oft mit ausgeprägten Parierstangen. Es war die Lieblingswaffe der Highlander und in der schottischen Kriegerkultur ein erstrangiges Statusobjekt.
Jede Klinge, jede Gravur verband sich mit der dynastischen Landesgeschichte.
„Die meisten Besucher", verkündete Fiona, „entdecken in diesen Räumen nur Fotomotive. Ein Selfie vor einem Claymore."
Mit einem kleinen Lächeln triumphierte sie über die Ahnungslosigkeit der Masse. Zugleich signalisierten die gekräuselten Lippen die Anerkennung von Ebenbürtigkeit.
Fiona verpasste Aslan den Ritterschlag 2.0. Sie war in festen Händen. Ihre Loyalität hatte noch jede Probe bestanden. Ihre Wurzeln lagen in Edinburgh-Marchmont zwischen Sandsteinhäusern und Parks. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten ihr eine glückliche Kindheit geschenkt. Rugby bei den Edinburgh Harlequins hatte sie gelehrt, was Teamgeist, Kameradschaft und Durchhaltevermögen bedeuteten. Fiona spielte nicht mehr, unterstützte aber das Mädchenteam und vermittelte fleißig die Werte ihrer Prägung.
Sie deutete auf ein Highland Claymore, etwa 1,40 Meter lang und rund zweieinhalb Kilo schwer. „Aber Sie... ich sehe, dass Sie mehr als nur ein Foto suchen. Heben Sie es ruhig aus der Halterung. Zunächst einhändig. Spüren Sie das Gewicht?"
Erst als Aslan die zweite Hand an den Griff legte, wurde das Claymore kontrollierbar.
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Jamal Tuschick