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2026-06-15 10:08:38, Jamal

Turning Danger into Performance – Franz Werfel und Hugo von Hofmannsthal – Erinnerung versus Verwandlung/Flucht in die sakrale Ästhetik/Form vs. Ekstase

Mir geht es um eine Schicht, die dem europäischen Erinnerungskörper entnommen wurde. Die Donaumonarchie bot einen idealen Rahmen für die Wiener Moderne. Das für sich ist schon paradox.

Das Paradoxon der Donaumonarchie als Brutstätte der Moderne ist eines der faszinierendsten Phänomene der europäischen Kulturgeschichte.

Dass ausgerechnet ein patriarchaler, bürokratisch verknöcherter und dem Untergang geweihter Vielvölkerstaat eine radikale ästhetische und intellektuelle Erneuerung rahmend garantierte, widerspricht jedem linearen Fortschrittsglauben.  

Supranationales Vakuum versus nationalen Furor

Während das Deutsche Kaiserreich nach 1871 einen aggressiven, homogenen Nationalismus kultivierte, war die Habsburgermonarchie per Definition ein Vielvölkerstaat ohne eine einheitliche nationale Identität. Die politische Ohnmacht des Zentrums, schuf ein Vakuum. Kultur und Bildung wurden zum eigentlichen Bindeglied des Reiches. Weil der Staat politisch keine Zukunftsperspektive bieten konnte, flüchteten die Intellektuellen in die Vertiefung der Ästhetik, des Psychologischen und des Kosmopolitischen. Der „übernationale“ Charakter Österreich-Ungarns ermöglichte überhaupt erst das Entstehen eines gesamteuropäischen, transnationalen Denkens, wie es Stefan Zweig verkörperte.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Stefan Zweig, Arthur Schnitzler und Joseph Roth waren keine Postnationalisten. Ihr Kosmopolitismus speiste sich paradoxerweise aus dem supranationalen Überhang des habsburgischen Imperiums – einer dezidiert voremanzipatorischen Struktur. Die Wiener Moderne war keine fortschrittsgläubige Avantgarde wie der italienische Futurismus. Sie lieferte dem Fin de Siècle die potentesten Emanationen. Man sezierte den Kadaver einer Epoche und erfand beiläufig die Moderne.

Wir neigen dazu, die Geschichte rückwärts zu lesen. Wir wissen, was nach 1918, 1933 und 1938 geschieht. Deshalb erscheinen uns die Zugehörigkeiten des späten Habsburgerreiches oft fragil, prekär oder bloß oberflächlich. Wir suchen nach den Rissen, die später aufbrechen werden.

Weil die staatsbürgerliche Gleichstellung spät erreicht wurde, konnte die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Hochkultur und zum Reich eine enorme Attraktions- und Integrationskraft entfalten. Das Habsburgerreich stellte eine politische und kulturelle Form bereit. Antisemitismus, soziale Schranken oder nationale Konflikte existierten sehr wohl. Aber sie erschöpften die Wirklichkeit nicht. Bei Hugo von Hofmannsthal sieht man das besonders deutlich. Als Enkel konvertierter Juden bedient er eine politische Ästhetik, die seine eigene Existenz bedroht. Viele Kongeniale respektierten Hofmannsthals christlich-österreichische Identität. Sie bewahren nicht nur bürgerliche Diskretion. Hofmannsthal ringt nicht um seine Zugehörigkeit. Für ihn ist die österreichische Hochkultur Heimat. Bemerkenswert ist ferner, dass diese Selbstverständlichkeit von vielen geteilt wurde, die biographisch oder familiär noch gar nicht lange in diese Welt integriert waren. Die historische Nähe zur Emanzipation erzeugte nicht notwendig Unsicherheit. Sie konnte gerade das Gegenteil hervorbringen: eine intensive Loyalität gegenüber der neu gewonnenen gemeinsamen Ordnung.

Von heute aus erscheint das fast unverständlich, weil wir die Geschichte vom Ende her kennen. Wir wissen, wie brüchig vieles war. Die Beteiligten wussten das nicht.

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Die Moderne produziert Fragmentierung, Entzauberung und den Verlust verbindlicher Formen. Da sind sich Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel einig. Der Unterschied liegt in der Antwort. Hofmannsthal vertraut auf die Rekonstruktion kultureller Form. Seine Österreich-Idee, seine Faszination für Barock, Ritual, Zeremoniell und Sprache zielen auf die Wiederherstellung einer symbolischen Ordnung. Er sucht Rettung in einer Verfeinerung der Form.

Werfel sucht Intensität, Glauben, Heiligkeit, religiöse Erfahrung. Wo Hofmannsthal die alte Ordnung beschwört, sucht Werfel Erlösung. Erinnerung versus Verwandlung – Katholizismus als Formprinzip (Hofmannsthal) versus Katholizismus als Heilsversprechen (Werfel).  Beide stehen unter demselben Dach der Donaumonarchie. Beide suchen Antworten auf dieselbe Krise. Hofmannsthal vertraut der Liturgie, Werfel der Mystik.

Die Wiener Moderne ist gleichzeitig avantgardistisch und traditionsbesessen, modern und antimodern, kosmopolitisch und österreichisch, emanzipiert und kulturkonservativ. Auch Stefan Zweig war ein Kind der alten Bildungswelt. Sein Europa ist kein postnationales Projekt. Die Träger der Moderne waren oft zugleich die letzten Erben der alten Welt. Wir betrachten die Wiener Moderne oft als Vorstufe unserer Gegenwart. Die Beteiligten selbst empfanden sich häufig als letzte Bewohner einer Welt im Untergang, deren Formen sie noch einmal bewahren oder verwandeln wollten.

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Viele Autoren, die vor 1933 selbstverständlich als Akteure der deutschsprachigen Literatur galten, erscheinen in der Nachkriegsgeschichte nicht mehr primär als deutsche Autoren der Moderne, sondern als Vertreter separierter Kategorien: „jüdische Literatur“, „Exilliteratur“ oder „Opfer der Verfolgung“. Diese Begriffe verschieben die Wahrnehmung der ursprünglichen Zugehörigkeit. Die Selbstverständlichkeit, mit der Schnitzler, Kafka oder Benjamin innerhalb des deutschen Sprach- und Bildungssystems operierten, wird retrospektiv abgeschwächt. Was im historischen Moment als Integration funktionierte – Sprache, Institutionen, Kanon, Öffentlichkeit – entkoppelt sich in späteren Deutungen.