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2026-06-14 14:22:41, Jamal

Turning Danger into Performance - Nachtstücke

Vergils Vorfahren hielten an der iranisch-irakischen Grenze Jahrhunderte eine Gemeinde in Gang. Sie begriffen sich als Erben des Hauses Omri und lebten kryptisch ihren Glauben. Ihnen fehlte der Anschluss an eine überbauende Ordnung des Religiösen. Ein paar Familien versprengten sich nach Maalula, einer christlichen Hochburg in Syrien. Manche da glauben seit Alexander dem Großen Griechen zu sein und wähnen sich deshalb in einer Diaspora.

Aramäer, die vor hundert Jahren von Maalula in die Türkei auswanderten, werden von Türken als christliche Syrer wahrgenommen. Der jüdische Kurde Virgil gilt in Ederthal als muslimischer Araber. Er sitzt in der Hotellobby in Chiavenna und mustert das Publikum. Er schlüsselt es nach einem Schema auf. Zuerst nimmt er allgemeine Einteilungen vor. Status. Herkunft. Haltung. Einschränkungen, die das Bewegungsbild bestimmen. Hinweise auf verheimlichte Beschwerden, Schwangerschaften und Waffen.

Im zweiten Durchgang konzentriert sich Virgil auf Ausgeprägtes und Herausgestrichenes.

Er beobachtet Lichtquellen, Zugänge, die Wege des Personals. Achtlosigkeit. Hektik. Die kleinen Verwerfungen. Knotenpunkte. Fallstricke. Erhabenheiten, die der Kehricht unter Teppichen modelliert. Die Diskretion jedweden hintergründigen Waltens. Dabei gibt sich der Beobachter den Anschein einer mit sich selbst ausreichend befassten Person. Er verhehlt seine Interessen aus Gewohnheit mehr als aus Notwendigkeit. Er trainiert.

Der Emissär kreuzt auf und sticht einen Nasenflügel mit dem rechten Zeigefinger. Das ist eine Frage. Virgil unterstellt eine Hand dem Kinn. Das ist die Antwort. Der Gefolgsmann zieht die Unterlippe ein. Ein Engel des Abgrunds hat verstanden. Er stammt aus einer spanischen Familie, die unter Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien in inquisitorischer Regie zum Christentum konvertierte. Man stigmatisierte sie mit einem Gemüsenamen und glaubte ihnen die Abtrünnigkeit so wenig wie den katholischen Eifer. Vielleicht wäre die Familie mit der Zeit christlich wie Hinz y Kunz geworden und ihrer Sondermarken verlustig gegangen, hätte man sie nur in Ruhe gelassen. Die Inquisition handelte gegenwartsversessen. Sie wollte keine Konvertiten in ihrem katholischen Haus. Die Vorfahren des Gefolgsmannes flüchteten vor den Blutgerichten nach Marokko, wo das Jüdischsein ihr Heil war. Der Sultan kümmerte sich um seine Sepharden. Für sie brachen glückliche Jahrhunderte an.

Der Gefolgsmann zieht sich bis zur Bar zurück. Nichts Unbedachtes verbindet sich mit ihm. Jeder Schritt kalkuliert Angriff und Verteidigung auf den Stufen a) nur körpereigene Waffen, b) + kalte Waffe, c) + Schusswaffe. Als Mann vom Fach betrachtet Virgil die Synchronisation mit Wohlgefallen.

Niemand kann sich ihm unbemerkt nähern. Es wäre ein Fehler, auf den Überraschungsmoment zu spekulieren. Selbst im Schlaf bleibt Virgil gewappnet. Er erscheint dabei vollkommen sorglos.

Nachtstücke

Die Nachtstücke verweben sich mit Alisas Träumen und verzaubern sie im Schlaf. Sie schmiegt sich an Virgil, der sie von hinten umarmt. Eine gelinde Glut glimmt. Virgil taucht in einem Traum seiner Liebsten auf. Die Hotelzimmermöbel sind leicht ramponiert, das Haus hat seine beste Zeit hinter sich. Trotzdem ist es ausgebucht.

Alisa und Virgil wandern täglich. Normalerweise kommen sie erst am frühen Abend zurück, dann absolvieren sie noch einen von Virgil ausgetüftelten Parcours im Wellnessbereich. Sie schwimmen beide gern und sie liegen auch gern träge in den phantasmagorisch in einer Gipsgrottenlandschaft arrangierten Whirlpools. Sie kommen stets heiß aufeinander ins Zimmer. Später sieht man sie im Städtchen. Sie flanieren und klappern die Bars ab, um Atmosphäre zu schnuppern und ihrem Gespräch unvertraute Kulissen zu geben.

Zwei Wochen später

Sie parken auf dem Bahnhofsvorplatz, eine Station wie das Weltende zwischen Böschungen. Ein paar Meter weiter prallt man gegen Weltstadtflughafenkunst. Im Wirkungsschatten des Spektakels schleusen sich Alisa und Virgil durch ein Scherbengericht der verdämmernden Moderne mit Dalís zerlaufenen Brillen als Mosaike. Die beiden gewinnen den barrierefreien Aufgang einer Galerie. Musterabsolventen der Schwarzenegger Academy bewachen alttestamentarisch den Eingang. Die aufwendig gedruckten Einladungen, mit denen Alisa vor ihren Nasen herumwedelt, veranlassen die Drakoniker dazu, den Raum zwischen sich geringfügig zu vergrößern.

Ausladende Mimik verwandelt sich in einladende.

In einer Gesellschaft, in der es auf Sekunden und Zentimeter ankommt, verpasst die Zugänglichkeit der Hünen manchem das Volumen eines Häuflein Elends. Alisa beobachtet bei einem ihrer Onkel der Gerster-Linie die Agilität eines erschlafften Windsacks. Er ist schon lange ein Liebhaber der ehemaligen Bürgermeisterin, die selbst mit einem durchsetzungsfähigen Mann verheiratet ist. Sie leistet sich den mopsigen Hausfreund wie einen alten Muff. Nichts kann ihrer Erscheinung etwas anhaben.

Eine illegal eingewanderte Guatemaltekin steht als Garderobiere herum. Sie stammt aus der Gegend des großen Einschlags, der die Menschheit als mausgroße Nager ins Rennen geschickt hat - die Chance von Yucatán. Auf ihrer Theke steht ein leerer Trinkgeldbecher. Ihr Kleid erinnert Alisa an vertroddelte Hausschuhe ihrer Mutter.

Spielarten von Grausamkeit und Kitsch gehen ihr durch den Sinn.

Kein Vorher. Kein Nachher. So sieht die Wahrheit aus, die wir nicht begreifen. Zeitliche Abfolgen sind nur Gliederungselemente der Erzählung Leben. Die Guatemaltekin hat den blanken, wie ausgetrunkenen Blick der Schiffsbrüchigen. Ein Bild erinnert Alisa an eine ikonografisch ins kollektive Gedächtnis eingegangene Katastrophe. Am 28. Januar 1986 endete der NASA-Weltraumflug STS-51-L gleich nach dem Start. Die Raumfähre zerbrach in einem Bild. Ein vielfach gewundener Explosionsschweif mäanderte über den Himmel. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zu den Opfern des Unglücks zählte Judith Arlene ‚Judy‘ Resnik, deren Eltern aus der Ukraine nach Ohio gekommen waren.