Turning Danger into Performance – Oasi di Benessere
Aline erzählt
Ich habe Frühdienst und genieße es, fast allein in der Firma zu sein. Ich diszipliniere mich, in dem ich mir nicht erlaube, mir selbst vorzugreifen und in Bausch und Bogen Dinge zu erledigen und in westlicher Weise effektiv zu sein. Auf dem Weg der Entspannung ist Selbstbeobachtung hilfreich. Ich nehme so viel Druck aus dem Körper wie ich es nur vermag. Ich betrachte mich vor dem großen Spiegel im Foyer mit großem Selbstgefallen. Ich brühe mir einen Tee auf. Ich trinke aus einem Becher meiner Kindheit, den ich in der Teeküche safe deponiert habe, und gucke japanisches Frühstücksfernsehen. Heute besucht meine Lieblingsmoderatorin eine Karate-Schule in Kyoto, der Meister ist ein wüster Knochen. Er heißt Usagi. Seine Opfer krauchen normalerweise wie geprügelte Hunde herum; zu sehen auf einem halben Dutzend YouTube-Videos. Sie leiden schrecklich. Usagi ist ein echter Hulk mit Faschofrisur. In seinem Dōjō trainieren mysteriös schlechte Schüler.
Usagi ist einer meiner Favoriten im Reich der menschgewordenen Comicfiguren. Er zeigt der Moderatorin dies und das, aber ihre Aufmerksamkeit gehört allein den Kameras, die sie umschwärmen. Sie ist der Star.
Japanische Moderatorinnen gehen für ihren Job durch die Hölle. Usagis Chefdummy muss sich vor ihr zum Affen machen. In meiner Welt zählt er zu den Celebrities der unfreiwilligen Komik. Der Dummy hat einen Kollegen, dem es genauso dreckig ergeht, während Usagi klarmacht, dass er wieder höchstens drei Prozent seiner Energie eingesetzt hat. Der Kollege weiß selbst am besten, dass er nicht gut ankommt mit seinem Kraut-und-Rübengebiss und dem Hundeblick, der mich an meinen zweitübelsten Liebesfehlgriff denken lässt. Usagi bleibt durchgehend herablassend. Die Schmerzkrümmungen der Adlaten quittiert er mit Gleichgültigkeit. Er hantiert noch ein bisschen mit antiken Volksturmwaffen, verkürzten Dreschflegeln und mehrgliedrigen Schlaginstrumenten.
Niran taucht auf. Er hat diesen Zug ins Drakonische. Er liebt es, sich beherrschend auszuwirken. Die Präsenz der anderen High Potentials deckelt ihn aber.
Chet erzählt
Wir logieren in der Oasi di Benessere, einer in den 1970er Jahren brutalistisch hochgezogenen, inzwischen abgeschrammten Bettenburg in Chiavenna. Unter unserem Fenster fließt charmant die Mera. Chiavenna ist eine lombardische Gemeinde mit römisch-imperialen Fundamenten und einem mittelalterlichen Stadtkern. Das nächste Skigebiet erreicht man mit dem Auto in zwanzig Minuten. Man trifft sich vor der Zahnradbahn in Campodolcino. Die meisten Gäste sind in wenigstens fünfköpfigen Familienverbänden zum Skilaufen angereist. Sie schwärmen nach dem Frühstück aus und kommen nachmittags zurück. Dann schälen sie sich aus perfekten Monturen, hüllen sich in weiße Hotelbademäntel, belegen Liegestühle an den Rändern der drei Planschbecken im Keller und fotografieren sich gegenseitig mit Tablets. Ab und zu zieht eine Mutter den Flausch vom Bein und steht dann so kurz vor dem Eintauchen erst einmal mit nacktem Arsch im Blitzlichtgewitter.
Aline liest lieber noch einmal „Die Nacht von Lissabon“ als in der Sauna aromatisierten Dampf über heißen Steinen aufsteigen zu sehen. Stundenlang habe ich die Sanus per aquam Zone sowie den Wellbeing Bereich für mich nicht ganz allein. Physiotherapeutinnen schwirren herum. Hochschwangere tasten sich durch ihre Programme. Rekonvaleszenten humpeln zu ihren Anwendungen. Eine chinesische Bodybuilderin nutzt geräuschvoll den Maschinenpark.
Auf dem Hotelparkplatz und in der Garage steht nichts Preiswertes. Der italienische Mittelstand wirkt proper und zufrieden. Es gibt ein paar Schweizer und kaum Deutsche. Ich komme ins Zimmer und nehme Alines Duft wahr. Der Duft dominiert die Gerüche der Fremdheit. Wieder einmal bedenke ich Alines außerordentliche Präsenz. Man traut ihr das auf den ersten Blick nicht zu. Sie dosiert ihre Ausstrahlung, wenn auch nicht mir gegenüber. Mich versorgt sie mit all ihrer Magie. Sie bedenkt mich mit einem nachdenklichen Blick und legt das Buch zur Seite.
„Komm zu mir,“, lockt sie. Ihre Zärtlichkeit breitet sich wie ein Raumspray aus. Luft ist ihr Element. Alina ist ein zur Leichtigkeit begabtes Luftwesen. Sie schiebt ihr Kleid hoch, hebt den Po an und streift den Slip ab. Sie macht das für mich. Das ist ein Spielzug, den ich gern sehe. Alines unermüdliche Zuneigung schenkt mir ein neues Zuhause in der Welt. Ich komme zu ihr und die Welt hört auf, ein großer Betrieb zu sein. Jetzt gibt es nur noch dich und mich. Wir sind in einem wahrgewordenen Traum. Vor dir war nichts und nach dir wird nichts mehr sein.
Aus dem Off
Sie gönnt ihm einen Tauchgang im arktischen Augenblau. Das Pupillenschwarz entwickelt einen atlantischen Sog. Ihre Art einander zu erleben, erlaubt ihnen Lustspiele aus dem Themenkreis fortgeschrittener Entspannung. Ihr ist, als darböte sie sich aztekisch einer persönlichen Sonne, deren kosmische Feuer ihr allein nicht gefährlich werden. Manchmal fragt sie sich, wie Chet zu anderen Frauen ist. Wie zärtlich und wie leidenschaftlich. Während sie am Anfang ihrer Liebe es noch für möglich hielt, souverän darüber hinweg sehen zu können, weiß sie nun, dass es sie zerreißen würde.
Sie sind Lebensmittel füreinander. Ihre Unbedingtheit tendiert ins Schroffe, wenn der Liebesvertrag nicht bis zum letzten Paragrafen eingehalten wird. Der Zufall, oder vielleicht auch sein Neffe, will es, dass sich Aline und ihre Schwester Achara im selben Moment auf ihre Liebsten setzen, die eine in einem lombardischen Nest, das es schon in der Antike gab, die andere in einem nordhessischen Nest, in dem die Geschichte des Hauses Hessens einen Anfang nahm. Dazwischen liegen nur fünfhundertfünfzig Kilometer Luftlinie.