Wahrhaftigkeit und andere Prestigeobjekte
Als Cut-up-Autor befragt er das dualistische Weltbild und den linearen Zeitbegriff. Für Jürgen Ploog sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht fixe Realität, sondern flexible Fiktionen, die sich schreibend erkunden lassen. Ploog bezeichnet das Schreiben selbst als „Ausloten des inneren Kontinents" - eine Metapher für das Erfassen innerer Bewusstseinsräume, die in ihrer Dynamik dem All so nah sind wie der neuronalen Architektur des Gehirns.
In einer auf Kohärenz, Struktur und narrativem Flow begründeten Umgebung wirkt Ploogs Werk wie ein vibrierendes Störsignal. Seine Texte sind literarische Interfaces: durchlässig, dissonant, komplex kodiert.
In der fragmentarischen Struktur von „Fickmaschine" verflüssigen sich Begriffe wie „Figur", „Handlung" oder „Motiv". Was bleibt, ist Bewegung - Motels, Kontrollräume, Bildschirme. Die Sprache wird nicht mehr zur Beschreibung herangezogen, sondern als Medium, das sich selbst thematisiert: zerschnitten, gesampelt, auf Loop geschaltet. Die „Fickmaschine" ist nicht bloß technisches Artefakt. Sie funktioniert als Metapher in allen möglichen Verhältnissen - Mensch & Maschine, Körper und Text, Subjekt und Simulation.
Aus dem Endlosinterview zu Wolfgang Rügers editorischer Arbeit im Zusammenhang mit Jürgen Ploog wurde eine Befragung des Interviewers.
Rüger: Ich sehe natürlich die rasante Entwicklung der KI; sehe, was mit ihr möglich ist. Der neue Film von Soderbergh (John Lennon: The last interview) ist weitgehend mit Hilfe von KI hergestellt worden. Seine Argumente leuchten mir ein. KI bedeutet unglaubliche Vorteile. Und trotzdem sträubt sich etwas in mir gegen KI-Kunst. Ein altmodisches Wort, das mir dazu einfällt, ist: Wahrhaftigkeit. Darf KI z.B. die Erlebnisse eines Auschwitz-Überlebenden zu Papier bringen. Und wenn sie das tut, wird sie das, was diese geschundene Seele erleben mußte, wahrhaftig erzählen können. Und schließlich: wollen wir das dann wirklich lesen und uns davon berühren lassen?
Tuschick: Grundsätzlich teile ich deine Vorbehalte. Ich fände es abstoßend und nicht nur unangemessen, wenn jemand im Zusammenhang mit dem Holocaust das Recherchevolumen und die Formulierungsdiversität einer KI einsetzen würde, um einen glänzenden Vortrag abzuliefern.
Zugleich erinnert mich dein Einwand an ein Wort von Adorno. Barbarisch sei es, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Und doch wurde weiter gedichtet. Denk an Paul Celan. Mit der „Todesfuge" entstand eines der eindringlichsten Gedichte über Auschwitz. Vielleicht arbeitet ein Steven Spielberg 2.0 gerade an einer KI-Animation, die das Grauen von damals dem Publikum von morgen auf überzeugende Weise nahebringt. Die Geschichte zeigt, dass gerade da, wo eine Grenze für unverrückbar gehalten wird, mitunter neue Formen entstehen.
Die Frage ist vielleicht eher, ob ein Text der Erfahrung gerecht werden kann, von der er handelt. Eine andere Frage lautet: Was nützt mir die Wahrhaftigkeit eines Holzkopfes? Jemand kann noch so integer, authentisch und wahrhaftig sein – wenn er nichts Interessantes, Kluges oder Berührendes zu sagen hat, bleibt die Wahrhaftigkeit allein ein mageres Kriterium. Manchmal wird sie sogar zum moralischen Prestigeobjekt. Ich bin wenigstens echt. Aber Echtheit ist noch keine Qualität. Darin steckt ein Einwand gegen die verbreitete Vorstellung, die Herkunft einer Aussage sei wichtiger als ihr Gehalt.
Rüger: Mein Ansatz ist immer Qualität. Das Mittelmäßige interessiert mich nicht. Vor Kurzem haben zwei Schweizer Autoren mit ihren Büchern für Furore gesorgt, wurden von der Kritik hoch gelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Ich habe die Bücher nicht gelesen, aber Kunden haben mir gegenüber den Verdacht geäußert, daß beide Bücher teilweise von KI geschrieben seien. Wenn man davon ausgeht, daß sich die KI rasant perfektioniert, ist es naheliegend, daß bald ein Großteil der Neuerscheinungen nicht mehr von Menschen geschrieben wird. Der „Autor" ist dann nur noch das Werbeplacebo seines in Auftrag gegebenen „Werks". Wie behauptest Du Dich als echter Schriftsteller in diesem Umfeld? Worin liegt der Mehrwert Deines authentischen Schaffens?
Tuschick: Ich wusste früher im Literaturbetrieb sehr gut Bescheid. Meine Freundin war Lektorin in einem starken Verlag, ich war Autor und Journalist. Wir hatten das Ohr am Frankfurter Stadtpuls. Inzwischen reagiere ich kaum noch auf die Gegenwart. Ich wäre erstaunt, würde ein gerade herausragender Autor mich kontaktieren. Ich schreibe für mich und vielleicht auch klammheimlich für die Nachwelt, obwohl mich das zügige Verblassen von Enzensberger, Genazino und Kurzeck davon abhält, das auch nur laut zu denken. Ich frage mich, für welche Autoren des 19. Jahrhunderts Effizienz, Stofffülle und Produktionsdruck so wichtig waren, dass sie KI vermutlich begeistert genutzt hätten. Honoré de Balzac schrieb in einem atemberaubenden Tempo, plante Werkkolosse und war ständig in Geldnot. Eine Maschine, die Recherche, Varianten und Exzerpte liefert, hätte er vermutlich geliebt. Alexandre Dumas ebenso. Dumas arbeitete bereits mit Mitarbeitern und Zulieferern (Stofflieferanten). Er war eher ein Unternehmer als der Einzelgenie-Autor. KI hätte sich wahrscheinlich nahtlos in seine Produktionsweise eingefügt. Charles Dickens – Seine Fortsetzungsromane entstanden unter enormem Zeitdruck. Er war zugleich Schriftsteller, Redakteur, Performer und Medienunternehmer. Ich kann mir gut vorstellen, dass er KI für Recherche, Figurenverwaltung und Plot-Gestaltung genutzt hätte. Jules Verne erscheint mir ebenfalls plausibel. Er war technikbegeistert und verarbeitete enorme Mengen wissenschaftlicher Informationen. Eine KI als Rechercheassistent hätte perfekt zu seinem Arbeitsstil gepasst. Gustave Flaubert feilte manchmal tagelang an einzelnen Sätzen. Sein Ideal war das mot juste, das richtige Wort. Er hätte KI vielleicht zur Recherche genutzt, aber gewiss nicht als Formulierungshilfe.
Rüger: Im Moment herrscht große Aufregung in der deutschen Printlandschaft, weil diverse Journalisten und Politiker ihre Artikel von einer KI haben schreiben lassen. Noch herrscht das Ethos vor, daß menschliche Denkleistung höher zu bewerten sei, als summiertes KI-Wissen. Wie lange, denkst Du, wird sich diese Gesinnung halten? Und nochmals nachgehakt: Was ist von Autoren zu halten, die ihre Bücher ganz oder teilweise von einer KI schreiben lassen? Kann man solchen Büchern dann noch eine kreative Leistung attestieren?
Tuschick: Viele Gewissheiten altern schneller als ihre Herolde. Das gegenwärtige Ethos zugunsten menschlicher Denkleistung bröckelt bereits. Wenn du einen Berg besteigen willst, nutzt du jedes Verkehrsmittel, das dich näher an den Berg bringt. Niemand käme auf die Idee, hundert Kilometer vor dem Berg auszusteigen, um den Rest zu Fuß zurückzulegen – nur um behaupten zu können, er habe die Strecke aus eigener Kraft bewältigt. Mit der KI ist es ähnlich. Sie nimmt dir nicht die Besteigung ab. Aber sie bringt dich schneller an den Punkt, an dem der Aufstieg beginnt. Wer auf sie verzichtet, steigt – technisch betrachtet –früher aus dem Zug als seine Konkurrenten. Die Gefahr besteht dann darin, gar nicht mehr bis zum Berg zu kommen.
Warum sollte die Herkunft eines Werks wichtiger sein als seine Wirkung? Die romantische Vorstellung vom Künstler als einsamem Schöpfer ist historisch gesehen relativ jung. Im Mittelalter und bis weit in die Renaissance hinein waren viele bedeutende Kunstwerke Werkstattproduktionen. Der Meister entwarf die Komposition, legte die entscheidenden Partien selbst an und seine Schüler, Gesellen und Assistenten führten große Teile der Arbeit aus. Bei manchen Werken ist bis heute umstritten, welcher Anteil tatsächlich vom Meister stammt. Niemand sagt, das sei keine Kunst. Die kreative Leistung wird demjenigen zugeschrieben, der die Verantwortung übernimmt. Beschäftigte ein Meister des 16. Jahrhunderts fünf Schüler, gilt er trotzdem als der Urheber. Wenn ein Autor des 21. Jahrhunderts eine KI für Recherche, Variantenbildung und Rohfassungen nutzt - warum soll die kreative Leistung plötzlich verschwinden? Sobald wir akzeptieren, dass Autorschaft und Ausführung auseinanderfallen können, lautet die entscheidende Frage: Wer beansprucht die Urheberschaft?