Turning Danger into Performance – Konservative Revolution
Leider finde ich keine Quelle für das schöne Wort, die Wiener Moderne sei die „Morgengabe des Judentums an die deutsche Kultur“. Manche schreiben es Peter Altenberg zu, andere Hermann Bahr oder Hans Tietze, dem Autor von „Die Juden Wiens“. Eine Triebfeder der Wiener Moderne war für viele ihrer jüdischen Protagonisten das Bestreben, die durch die Diaspora entstandene Sonderstellung zu überwinden und als selbstverständlicher Teil der deutschsprachigen Kultur anerkannt zu werden. Dass dies nur unvollkommen gelang, zeigt die fortwährende Hervorhebung ihrer jüdischen Herkunft selbst auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Wirksamkeit. Die Nationalsozialisten deuteten dieses Streben nach Zugehörigkeit später als Mimikry und Unterwanderung.
Streicht man Arthur Schnitzlers jüdische Herkunft fiktiv, bleibt sein Werk das Produkt einer liberalen, urbanen, psychoanalytischen und kritischen Moderne. Die Nazis hätten ihn – wie auch Heinrich Mann, Erich Maria Remarque oder Ödön von Horváth (die alle keine Juden waren) – als „Kulturbolschewisten“ und „Asphaltliteraten“ geächtet.
In meiner Aufzählung von vorgestern habe ich Hugo von Hofmannsthal nicht erwähnt. Der bereits 1929 verstorbene Neoromantiker war Mitbegründer der Salzburger Festspiele, Autor des „Jedermann“ und vieler Werke, die sich problemlos in einen konservativen deutschen Bildungskanon einfügen ließen.
Die Wiener Moderne des Fin de Siècle fand ihr Gravitationszentrum in einer der faszinierendsten und zugleich spannungsreichsten Doppelbiografien der deutschsprachigen Literatur: der fast vierzigjährigen Beziehung zwischen Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Im Café Griensteidl kreuzten sich 1891 die Wege des damals 29-jährigen Arztes Schnitzler und des erst 17-jährigen Wunderkindes Hofmannsthal. Es war der Beginn einer intellektuellen Weggemeinschaft, die Zeit ihres Bestehens zwischen tiefer künstlerischer Wahlverwandtschaft und unüberbrückbarer charakterlicher Fremdheit oszillierte.
Das Fundament ihrer Verbindung war der Respekt vor dem literarischen Urteil des anderen. Schnitzler erkannte sofort die sprachliche Verfeinerung des jungen Genies; Hofmannsthal wiederum bewunderte Schnitzlers unbestechlichen Blick für die seelischen Abgründe der Wiener Gesellschaft. Diese Vertrautheit erlaubte eine Direktheit, die im berühmten Zitat gipfelte, mit dem Hofmannsthal Schnitzlers provokanten Reigen kommentierte: „Ihr bestes Buch, Sie Schmutzfink!“ Trotz solcher Momente kollegialer Nähe blieben ihre ästhetischen und weltanschaulichen Konzepte grundverschieden. Schnitzler sezierte mit dem Skalpell des Realisten die Lebenslügen des Bürgertums, während Hofmannsthal Zuflucht im Ästhetizismus und der Erschaffung zeitloser Mythen suchte.
Diese literarische Divergenz spiegelte sich in ihren konträren Lebensentwürfen und dem Umgang mit der eigenen Identität. Schnitzler beobachtete mit wachsender Skepsis, wie Hofmannsthal versuchte, seine bürgerlich-jüdischen Wurzeln hinter einer aristokratischen Maske zu verbergen. Während Schnitzler den virulenten Antisemitismus seiner Epoche in Werken wie „Professor Bernhardi“ frontal angriff und sich seiner Herkunft schmerzhaft bewusst blieb, flüchtete sich Hofmannsthal in den Traum eines katholisch-übernationalen Habsburg-Mythos. In seinen Tagebüchern hielt Schnitzler diese Attitüde des Freundes präzise fest. Er kritisierte dessen neurotische Überempfindlichkeit, den elitären Dünkel und die krampfhafte Pose einer Zugehörigkeit zur Aristokratie.
Gerade weil sie sich gegenseitig nichts vormachen konnten, blieb die Freundschaft eine permanente Reibungsfläche. Sie war frei von sentimentaler Verklärung, aber getragen von der unerschütterlichen Gewissheit, dass der andere das eigene Künstlertum wie kein Zweiter verstand. Als Hofmannsthal im Juli 1929 nach einer Familientragödie verstarb, markierte dies für Schnitzler nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern das definitive Ende einer Epoche. Seine Tagebucheinträge zeugen von der Erschütterung, den wichtigsten Zeugen seines eigenen Lebens verloren zu haben. „Maske“ und „Seziermesser“ mochten sich zeitlebens bekämpft haben – im Rückblick bildeten sie die untrennbaren Kehrseiten einer glanzvollen Wiener Epoche.
Hofmannsthal stammte väterlicherseits von jüdischen Großeltern ab, die zum Katholizismus konvertiert waren. Er distanzierte sich nach dem Ersten Weltkrieg vehement von der liberalen Moderne. In seiner berühmten Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ (1927) platzierte er den Begriff der „Konservativen Revolution“ zentral. Er sehnte sich nach einer neuen europäischen Ordnung, einer geistigen Wiedergeburt der Nation und beschwor das alte, katholisch-habsburgische Reichs-Heiligtum. Die Rhetorik von Bindung, Gemeinschaft und der Überwindung des liberalen Individualismus war Musik in Naziohren.
Hofmannsthals „konservative Revolution“ als wandernder Signifikant
Der Begriff der „konservativen Revolution“, den Hugo von Hofmannsthal in seinem kulturpolitischen Denken der späten 1920er Jahre mit Durchsetzungskraft etablierte, gehört zu jenen Formeln, die ihre Bedeutung in Überlagerungsdynamiken gewinnen. Was bei Hofmannsthal als kulturphilosophische Diagnose einer zersplitterten Moderne beginnt, wird zum nomadisierenden Signifikanten mit diversen Aufladungen.
Bei Hofmannsthal bezeichnet die „konservative Revolution“ kein politisches Programm. Gemeint ist vielmehr die Vorstellung einer geistigen Wiederherstellung von Einheit in einer als fragmentiert erlebten Moderne. Es geht um Sprache, Bildung und Tradition als Formen kultureller Kohärenz. Der Begriff dient einem ästhetischen Postulat.
Das NS-Regime funktionierte wie ein parasitärer Organismus. Es suchte in der Kultur nach apologetischen Mustern im Spektrum von Reich, Mythos, Gemeinschaft und Boden. Wo das nicht funktionierte – wie beim psychologischen Seziermesser Schnitzlers, beim humanistischen Weltbürgertum Zweigs oder bei der radikalen Ironie Musils –, wurde die Vernichtungsaxt angesetzt. Wo es scheinbare Anknüpfungspunkte gab – wie bei Hofmannsthals konservativer Sehnsucht –, entstand eine bizarre Mischung aus propagandistischer Ausbeutung und antisemitischer Zensur.