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2026-06-12 11:36:04, Jamal

Fadenscheinige Einmaligkeit

Dem Tischgespräch ist schon seit geräumigen Fünfminuten kein Wort hinzugefügt worden. Auf dem Gaumen verblasst eine Erwartung. Alisa schluckt die Enttäuschung herunter. Die lieblose Behandlung von Lebensmitteln erinnert sie an Peter, dem sie im Sommer vor zwei Jahren in einer Hotelküche auf Usedom zugearbeitet hat. Peter war ihr als Reisender erschienen. Seine spirituelle Überlegenheit gab ihm das Recht, die Schwerbeleibten im Speisesaal zu verachten. Es kamen nur alte Leute, das Hotel warb mit barrierefreier Unterbringung. Die Leute schafften es oft nicht einmal mehr zum Strand. Sie waren nicht viel älter als Alisas Eltern und doch schon so gut wie tot. Peter konnte kochen, verlor sich aber lieber im Vulkanismus und in komplizierten astrologischen Überlegungen, die er mathematisch ansteuerte. Ging ein Essen zurück, pimpte er es mit Zauberflüchen und ließ es gleich wieder an den Tisch bringen. Das klappte fast jedes Mal. Alisa und Peter gerieten in einen Sog, der sie immer größere Risiken eingehen ließ. Die Grenze überschritten sie mit zu Mus verarbeiteten Würmern und (aus den Fallen im Lager herangezogenen) Mäusen noch lange nicht. Peter spuckte in den Salat. Angeblich war das Voodoo. Viele leere Teller erreichten das Tiefbecken (die Vorspülstation) mit heißen Danksagungen.

„Das alte Arschgesicht hat sich gar nicht wieder eingekriegt“, sagte Akim, der biegsam und theatralisch den Kellner spielte. Er war ein Konsolenjunkie aus Braunschweig, heimatverbunden bis zur Weinerlichkeit. Es sei denn, Akim fühlte sich von Deutschen beleidigt. Dann wechselte er das Fach und sprach als Stratege des Dschihad.

„Bei dem geht die Spaltung glatt durch“, diagnostizierte Peter.

Peter suchte Extreme - Feuer und Schnee. Vulkane nannte er Hochöfen der Natur. Seine Fotos von aufsprühenden und regnenden Schlacken waren gut. Peter veröffentlichte sie auf Facebook. Zu spät begriff Alisa, dass er nichts festhalten konnte. Dass ihm alles entglitt. Da hatte sie sich schon mit ihm eingelassen. Jeder brachte seinen Stunt. Jeder hatte einen Dreh und eine Liebesmechanik. Alisa verband mit Inselflirt & Sommerliebe einen bestimmten Ton. Eine Wahrnehmungsverschiebung war das erste Verliebtheitszeichen. Sie erklärte ein Lied zum gemeinsamen Lieblingslied und empfand ein kleines Unglück, als Peter ihre Lieblingseissorte immer noch nicht kannte.

Es brauchte eine Stelle am Strand, die man gemeinsam besonders schön finden konnte.

Alisa duldete keine Verballhornung ihres Namens und keine Niedlichkeiten. Sie forderte Respekt. Sie beherrschte das Repertoire der Küchenhilfen und Zimmermädchen. Sie kannte die für eine Haushaltshilfe bestimmte Einliegerwohnung der Weitsichtigen.

Peter kannte diese Perlenkammern auch, in denen vor allem Osteuropäerinnen ohne Aufenthaltsgenehmigung beinah versteckt existierten. Er unterlief Alisas Selbstverteidigung. Er patrouillierte an ihren Grenzen.

Alisa tanzte zu den Aufforderungen einer Trommel am Strand von Usedom. Leute bewegten sich mit wachsender Expression. Sie sahen aus wie die letzten Hippies und lebten auch so. Aber ihre Kommune war ein rechtes Projekt, für das man sich schriftlich bewerben und einen nützlichen Beruf mitbringen musste.

Das erzählt Alisa Vergil (englische Aussprache) in der Keimzeit ihrer Liebe. Obwohl es unter dem Zwang der Anziehungskräfte steht, kann sich das unerklärte Paar nach zwei Tagen noch nicht auf eine gemeinsame Nacht berufen. Alisas Liebreiz explodiert wie die Serengeti im Frühjahr. Vergils Hand auf ihrem Knie reicht für Empfindungen kurz vor einer Ohnmacht. Ihren Namen spricht Vergil so schön aus wie noch kein Mann vor ihm. Spricht er sie direkt an, bekommt sie allein davon eine Gänsehaut. Kein Zweifel, er ist es, den Gott für sie geschaffen hat. Schon deshalb ist dosiertes Verhalten nicht länger angebracht. Alisa beschäftigt die Frage, wie lange sich die Spannung halten lässt, bevor die letzte Benimm-Saite reißt und sie sich, egal wie, über die Spielregeln hinwegsetzen müssen. Eine Stunde später entspannt sie sich zum ersten Mal in Vergils Armen. Er hat von ihrem Lusttau gekostet und ihre Knospen liebkost und sie vom Scheitel bis zur Sohle in eine einzige erogene Zone verwandelt.

Virgil wurde im laotischen Dschungel von den Dolchtanz-Séancen der Hmongkrieger verzaubert. Die Hmong, eine ethnische Minderheit mit starkem Unabhängigkeitsdrang, kämpften im Vietnamkrieg in der Regie von US-Beratern und unterstützt von Piloten, die offiziell keinen militärischen Rang in regulären Streitkräften hatten. Die Berater und Piloten traten wie Freischärler auf und lebten in einer Dschungelstadt, die auf keiner zivilen Landkarte eingezeichnet war. Sie hausten hinter dem Mond und taten da, was sie wollten. Sie griffen die Laos streifende nordvietnamesische Versorgungslinie an - den Hồ-Chí-Minh-Pfad.

Die Hmong kämpfen rituell mit zwei Langdolchen. Sie erreichen in ihren Exerzitien ekstatische Zustände. Die Techniken wirken brillant, ohne etwas anderes zu sein als gefährlich. Virgil lehrt Alisa die Grundlagen. Sie hat sich lange gesträubt, dergleichen zu lernen. Ihr energisches Wesen bestimmt eine pazifistische Scheu vor Gewalt. Virgil sieht das anderes.  

„Der Mensch ist nicht als Arbeiter erschaffen worden. Es gab keine Herren und kein Geld in den Galeriewäldern und Savannen, die uns angenehm sind. Geh mit einem Kind in die Natur und du wirst erkennen, wie erfüllt es ist von den Erscheinungen des Ursprünglichen. Wir sind Jäger und am liebsten jagen wir mit Ausdauer und Intelligenz.“

Alisa und Vergil trainieren auf einem erdgeschichtlichen Rülpser - einer Basaltrippe. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Nach dem Training führt Alisa den Liebsten durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifen ließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache selbst erschien den Chronistinnen aber banal. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach der Mainzer Gefolgsmann ein Loch in seine Burg und lud den Hessen zur Verwüstung ein.

Alisa bleibt stehen.

„Hier“, sagt sie leise. Sie streift ihr Shirt ab und schlüpft aus den Shorts. Virgil umarmt Alisa, öffnet den BH und widmet sich ihrem Busen. Er küsst die Knospen und stimuliert die Spitzen mit seiner Zunge. Die Zunge wandert weiter, vorbei am Bauchnabel bis zu Alisas Mitte.

*

Alisas unermüdliche Zuneigung schenkt Virgil ein neues Zuhause in der Welt. Habe ich schon gesagt, dass er ein Erbe des Hauses Omri ist. Das Haus Omri war das Nordreich Israel. Nach seiner Zerschlagung zogen jugendliche Freischärler, die man heute zu den verlorenen Stämmen rechnet, nach Opis wegen des ungezügelten Nachtlebens. Man nahm Drogen auf offener Straße, schoss in den Saloons herum, ließ sich großflächig tätowieren und frönte einer orientalischen Spielart des Frühkommunismus. Opis lag am Tigris nahe dem heutigen Bagdad. Von da zogen die Aktivisten nach Babylon. Nach der ersten babylonischen Eroberung Jehudas (587 Jahre vor den Ereignissen in einem Stall zu Bethlehem) verschleppte Nebukadnezar II. die Elite von Jerusalem in seine Hauptstadt am Euphrat. So begann die jüdische Diaspora. Tausend Jahre lag befruchtete sie Mesopotamien, bevor der Islam auch nur losging. Bis zu einer Massenauswanderung in der zeitlichen Umgebung der israelischen Staatsgründung bewahrten Juden im Irak die Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter. Achthundert Jahre nach dem bekanntesten Erlass von Kaiser Augustus wurde Bagdad als Hauptstadt des Kalifats gegründet. Die irakischen Juden, die sich nach 1842 in Shanghai niederließen, nannte man Bagdad-Juden. Wird fortgesetzt.