„Neun Zehntel von dem, was die Welt als Wiener Kultur des neunzehnten Jahrhunderts feierte, war eine vom Wiener Judentum geförderte, genährte oder sogar schon selbstgeschaffene Kultur.“ Stefan Zweig, ‚Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers‘
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„Freud z.B. mied die Synagoge und blieb trotzdem Jude (vgl. Selbstdarstellung; Freud). Die Familie des jungen Arthur Schnitzler feierte zwar der frommen Großmutter zuliebe noch den Versöhnungstag, aber den Sabbat beachtete sie nicht.“ Alexander Schüller, ‚Die deutsch-jüdische Literatur der Wiener Moderne‘
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Jüdische Intellektuelle der Wiener Moderne waren nicht nur Teil der deutschsprachigen Kultur, sondern gehörten zu ihren wichtigsten Erneuerern. Mit ihren Beiträgen in Literatur, Musik, Wissenschaft und Publizistik prägten sie das kulturelle Selbstverständnis des deutschsprachigen Bürgertums maßgeblich mit und trugen entscheidend zur Entstehung der deutschsprachigen Moderne bei.
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„Von Theodor Herzl heißt es sogar, er habe die Arbeit am Judenstaat unterbrochen, um den Weihnachtsbaum zu schmücken. Herzls säkulares Bewusstsein kam nicht von ungefähr: Bereits die Eltern hatten die Pester Synagoge nur an Festtagen besucht, seine Bar-Mizwa ‚Confirmation‘ genannt ... und die Speisevorschriften höchstens in Anwesenheit des Großvaters beachtet.“ Alexander Schüller, ‚Die deutsch-jüdische Literatur der Wiener Moderne‘
Turning Danger into Performance – Selektive Aneignung und Assimilation als kultureller Produktionsmechanismus
Für Schnitzler, Zweig, Mahler und Freud war die deutsche Sprache und Kultur geistige Heimat. Schnitzler verwahrte sich zeitlebens dagegen, als Autor in eine jüdische Schublade gesteckt zu werden. Er verstand sich als deutscher Dichter österreichischer Prägung. Stefan Zweig beschrieb meisterhaft, wie die jüdische Bourgeoisie in Wien die glühendste Hüterin des klassischen deutschen Erbes war. Während Adel und Plebs sich für Kultur kaum interessierten, ließen die Neigungen des jüdischen Großbürgertums Theater, Opern und Verlage florieren.
Die Emanzipierten wollten so sehr dazugehören, dass sie das Ideal der deutschen Klassik – den Humanismus und die Bildungsbürgerlichkeit – oft ernster nahmen und perfekter verkörperten als die christliche Mehrheitsgesellschaft. Sie wurden zu Vorbildern und Katalysatoren des Deutschen.
Die Wiener Moderne ist nicht nur eine Geschichte jüdischer Beteiligung, vielmehr ist sie die Geschichte jüdischer Selbstidentifikation mit der deutschen Hochkultur. Für viele Familien bedeutete die rechtliche Emanzipation nicht die Entwicklung einer separaten Nationalkultur, sondern den Eintritt in die deutsche Bildungswelt. Deutsch war die Sprache des sozialen Aufstiegs, der Wissenschaft, der Literatur und der Verwaltung. Die Werke von Goethe, Schiller und Beethoven wurden von vielen jüdischen Familien nahezu als kultureller Kanon verehrt.
Bildung war ein Weg zur gesellschaftlichen Gleichstellung. Wer dazugehören wollte, musste Leistung zeigen. Deshalb finden wir einen ungewöhnlich hohen Anteil jüdischer Persönlichkeiten unter Schriftstellern, Verlegern, Ärzten, Juristen, Wissenschaftlern und Künstlern. Deshalb waren viele der führenden Köpfe der Moderne Juden. Sigmund Freud revolutionierte das Verständnis der Psyche. Gustav Mahler erneuerte die deutsche Sinfonik. Arthur Schnitzler analysierte die psychologischen Spannungen der bürgerlichen Gesellschaft. Stefan Zweig verstand sich als europäischer Humanist deutscher Sprache. Karl Kraus wurde zu einem der schärfsten Gesellschaftskritiker.
Die Wiener Moderne entstand in dem Spannungsfeld zwischen Integration und Außenseitertum. Viele jüdische Intellektuelle waren kulturell vollständig deutschsprachig und oft patriotisch gegenüber Österreich oder dem deutschen Kulturraum. Gleichzeitig wurde ihre Zugehörigkeit von anderen infrage gestellt.
Die Josephinischen Reformen (1780er Jahre)
Unter Joseph II. begann der erste Modernisierungsschub. Das wichtigste Gesetz war das Toleranzpatent für die Juden von 1781/82. Es gewährte Zugang zu höheren Schulen und Universitäten, das Recht auf Ausübung angesehener Berufe, wirtschaftliche Betätigung außerhalb traditioneller Beschränkungen und die teilweise Aufhebung von Sonderabgaben.
Ziel war die Germanisierung. Joseph II. erwartete, dass Juden Deutsch lernen und sich in die staatliche Gesellschaft einfügen würden. Der Staat förderte deutsche Schulen und Bildung statt traditioneller jüdischer Bildungsinstitutionen.
Revolution von 1848
Die Revolution von 1848 brachte Forderungen nach Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Viele jüdische Intellektuelle unterstützten die Erhebung, weil sie hofften, so vollständige staatsbürgerliche Gleichstellung zu erreichen. Zwar wurden die Reformen zunächst teilweise zurückgenommen, aber die Richtung war klar: die Bürgerrechte sollten nicht mehr von derReligion abhängen.
Dezemberverfassung von 1867
Der entscheidende Schritt war die Dezemberverfassung von 1867, insbesondere das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger. Damit erhielten Juden die volle rechtliche Gleichstellung. Erst jetzt konnten in großer Zahl Karrieren als Ärzte, Anwälte, Professoren, Journalisten und Beamte angestrebt werden. Viele jüdische Familien glaubten nun, die jahrhundertelange Ausgrenzung sei überwunden. Deshalb investierten sie massiv in Bildung, Wissenschaft, Kunst und freie Berufe. Ab den 1880er Jahren entwickelte sich ein politischer Antisemitismus. Unter Politikern wie Karl Lueger wurde Juden zunehmend signalisiert, dass rechtliche Gleichheit nicht zugleich gesellschaftliche Akzeptanz bedeutet.
Die Gesetze von 1867 öffneten den Weg in die deutsche Bildungswelt und ermöglichten den enormen jüdischen Beitrag zur Wiener Moderne. Fast gleichzeitig entstand eine Bewegung, die diese erfolgreiche Integration wieder infrage stellte.
Die Perversion der NS-Umdeutung
Dass der fundamentale Beitrag im kollektiven Gedächtnis nach 1933 (und teilweise bis heute) unsichtbar gemacht wurde, liegt an der perfiden Natur der nationalsozialistischen Propaganda. Die Nazis mussten ein riesiges Konstrukt aufbauen, um die historische Realität zu leugnen. Da man Schnitzlers meisterhafte Beherrschung der deutschen Sprache oder Freuds bahnbrechende Erkenntnisse nicht einfach leugnen konnte, erfand die NS-Ideologie das Konzept des „Zersetzenden“. Sie behaupteten, der jüdische Geist kopiere das Deutsche nur perfekt (Mimikry), um es von innen heraus moralisch zu schwächen und zu vergiften. Die Verbrennung der Bücher im Mai 1933 entsprach einem exorzistischem Ritual. Die jüdisch-deutsche Symbiose sollte aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen werden. Den Autoren wurde das Recht abgesprochen, Teil der deutschen Kulturgeschichte zu sein. Dass diese Tragödie – die enttäuschte Liebe zum Deutschen – nach 1945 selten benannt wurde, hat auch mit der Nachkriegsrezeption zu tun. Aus Scham wurde die jüdische Identität dieser Autoren betont, um ihr Leiden und ihre Besonderheit zu würdigen. Dabei ging die Perspektive verloren, wie deutsch sich die jüdischen Protagonisten der Moderne selbst fühlten und wie sehr ihr Werk ein Liebesdienst an dieser Kultur war.
„Es war nicht möglich, insbesondere für einen Juden, der in der Öffentlichkeit stand, davon abzusehen, daß er Jude war, da die andern es nicht taten, die Christen nicht und die Juden noch weniger.“ Arthur Schnitzler, ‚Jugend in Wien. Ein Porträt‘
Schnitzler entwirft in seinem Kosmos keinen Fortschrittsoptimismus, der dem Faschismus als Gegenpol gegenüberstünde. Vielmehr werden Triebkräfte, Affekte und irrationale Handlungen zu zentralen Motoren des narrativen Geschehens. Schnitzler steht in einem Krisendiskurs, der sich nicht auf eine eindeutig demokratische oder emanzipatorische Programmatik reduzieren lässt. Die Darstellung der Erosion stabiler Subjektivität und bürgerlicher Moral ist dabei selbst Teil jener literarischen Moderne, die unterschiedliche politische Lesarten ermöglicht.
Erkennende Narzisstin - Meine Besprechung der Salomé-Filmbiografie von Cordula Kablitz-Post aus dem Jahr 2016
Ein Mann wird nicht vorgelassen. Das auf den ersten Blick geheimnisvolle Mariechen in der Kittelschürze zeigt Ablehnung an der Schwelle zur Abscheu. Der verstorbene Hausherr hat sie mit der Haushälterin gezeugt, das Halbblütige zwischen Tochter und Magd spielt großartig-spröde mit.
Die Frau des Hauses empfängt nicht mehr. So hat man früher ein Andenken bewahrt, im Wahnsinn des Aberglaubens, man könne sich der Nachwelt mit frühem Eifer und später Zurückhaltung empfehlen.
Der Mann an der Tür heißt Ernst Pfeiffer. Der von Schreibblockaden gehemmte, in einer unglücklichen Ehe gefangene Germanist wird dann doch rasch zum Eckermann der großen Salomé. Matthias Lier staubt als letzter Verehrer von Lou Andreas-Salomé. Er wirkt so grau wie eine Figur von Graham Greene.
Die Dichterin der Psychoanalyse spielen Liv-Lisa Fries (das vehemente Mädchen) Katharina Lorenz (die Bewunderte/Schöpferin/Stürmerin) und Nicole Heesters (als alter Schalk im Nacken der Bourgeoisie). Ihr erstes Buch veröffentlicht Salomé unter einem männlichen Pseudonym. Dazu rät sie auch Rilke, der von seiner Mutter in die Tochterrolle umfassend genötigt wurde. Aus René macht Lou Rainer. Mit Rainer Maria Rilke tritt sie in den dionysischen Kreis. Sie beendet ihre erotische Abstinenz mit einem weiblichen Mann. Rilke verliert sich in seinem Anders-Ich und seiner Kaiserin, die Petersburger Generalstochter Louise von Salomé, verheiratete Andreas-Salomé (1861 - 1937) verweigert ihm die bedingungslose Gefolgschaft. Sie ist erkennender Narzisst. Was ihr nie widerfahren soll: an einer Grenze voreilig kapituliert zu haben, die bei gewissenhafter Prüfung nicht hemmender zu wirken vermocht hätte als ein kindlich gezogener Kreidestrich. Sie verletzt lieber als. Nietzsches „Wenn du zum Weibe gehst“ verkehrt sie. Am Ende, die nationalsozialistische Machtergreifung hat sich vollzogen, beschwört Salomé noch einmal das Recht auf Raub (eines eigenen Lebens). Sie verrät ein geklärtes Verhältnis zu den Konsequenzen ihrer Härte.
„Sofern du willst ein Leben haben: raube dir's!“
„Lou Andreas-Salomé“ zerlegt die Organisation eines autonomen Ichbetriebs, der nicht beispielhaft ist. Salomés Lebenslauf verfehlt sämtliche Biografieformate ihrer Zeit. Sie besteht auf Ebenbürtigkeit und quittiert konventionelle Reaktionen auf ihre Attraktivität mit Enttäuschung. Sie leidet unter geschlechtlichen Fixierungen, lange ohne es zu begreifen, da sie Narzissmus versteht nicht als „Beschränktsein auf ein einzelnes Libidostadium, sondern als unser Stück Selbstliebe (in allen Stadien) nicht (als) primitiver Ausgangspunkt der Entwicklung nur, sondern primär im Sinne basisbildender Dauer bis in alle späteren Objektbesetzungen der Libido hinein“.
Bedeutende Männer rauchen vor antiken Prospekten und Postkartenansichten ein Spalier zusammen, das als Allee der Bewunderung in die Geschichte eingeht, die Cordula Kablitz-Post erzählt. Sigmund Freud spricht geheimgesellschaftlich in einem Göttinger Universitätshinterzimmer, der einzigen Frau am Tisch zollt er die größte Anerkennung. Er schenkt Salomé einen Freundschaftsring und erkennt an, dass das Wesentliche der Psychoanalyse im Werk der Bewunderten vorweggenommen ist. Salomé legt sich auf seine Couch im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychoanalytikerin und macht sich da mit ihrem Vaterkomplex vertraut. Schon ist sie mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas verheiratet, den sie sexuell verhungern lässt. In diesem Verhältnis denunziert der Film beinah seine Heldin. Salomé pocht auf Erfüllung eines Vertrags, der eine geistige Allianz und eine Versorgungsgemeinschaft regelt. Das Einschleifende und Abwandelnde gemeinsamer Jahre lässt sie nicht gelten.
„Lou Andreas-Salomé“ bietet eine Erklärung für Salomés frühe, philosophisch überzogene, im Film prätentiös dem Apollinischen überall den Vortritt lassende Zurückhaltung. Der erste Verehrer ist ein von Spinoza berauschter Pfarrer. Der Adoleszenten macht er einen handgreiflichen Heiratsantrag, Lou reißt sich fort und findet erst als Studentin in Zürich wieder zu ihrer Form (als Widerstandspersönlichkeit).
Sie fasziniert nicht nur Nietzsche und Freud, sondern auch Richard Wagner, Gerhart Hauptmann, August Strindberg und Frank Wedekind. Ihr Gatte unternimmt wegen ihr einen Selbstmordversuch, dem maßlos unglücklich verliebten Wohngemeinschaftsgenosse Paul Rée gelingt die Vollendung.
Auch Salomé lässt Federn. Schwanger von dem Wiener Arzt Pineles, stürzt sich sich von einem Baum.
„Lou Andreas-Salomé“ bringt nicht bloß streifenden Egoismus ins Spiel. Nietzsche begreift die Ich-Revolution des „Geschwisterhirns“ als alle Kräfte entbindende Notwendigkeit. Zwar treibt der Film einen auf Augenhöhe mit Salomé glühenden Philosophen in die Liebeskasperei. Aber sonst hinkt Nietzsche nach, bemuttert von Schwester Elisabeth.