Turning Danger into Performance – Nietzsches Geschwistergehirn
„Kam daher dieser merkwürdig schwesterliche, geschlechtslose Anstrich, den sie sich gab, als gäbe es für sie auf der Welt nur lauter Brüder? Oder war es nicht viel wahrscheinlicher, daß dies unendlich unbefangene Betragen nur den äußeren Deckmantel abgab für ein ganz freies Leben? Sie mußte doch schon recht viel von der Welt und den Menschen kennen – mehr als eines der wohlbehüteten jungen Mädchen unsrer Kreise.“ Lou Andreas-Salomé, ‚Fenitschka‘
Fenitschka verkörpert zu ihrer Zeit ein psychologisches Paradoxon. Sie ist intellektuell brillant, erotisch präsent und emotional unverfügbar. Im Doppelpack mit „Eine Ausschweifung“ (1898 erschienen) wird „Fenitschka“ im akademischen Kontext fast durchgehend als Novellenband oder als psychoanalytische Novelle klassifiziert, auch wenn Lou Andreas-Salomé (1861 - 1937) selbst den Untertitel „Eine Sommererzählung“ wählte. Als Schriftstellerin, Essayistin, Philosophin und Psychoanalytikerin bewegte sie sich den Schnittstellen von Literatur, Psychologie und Kulturtheorie. Ihre Lebensgeschichte verbindet die geistigen Strömungen des Fin de Siècle mit der Moderne; sie stand in engem Austausch mit Nietzsche, Rilke und Freud und entwickelte zugleich eine eigene literarische Stimme.
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Lieber J., entschuldige, dass ich Dich so lange ohne Nachricht gelassen habe. Ich trenne mich gerade von K., vermutlich aus ähnlichen Gründen wie Lou Andreas-Salomé sich einst von Rainer Maria Rilke trennte. Er wollte mit ihr verschmelzen. Sie wollte sich nicht aufgeben. Wir kennen das alle. Da ist der Wunsch nach Nähe. Die Angst vor der Vereinnahmung. Das Bedürfnis nach einer Beziehung bei gleichzeitigem Beharren auf Eigenständigkeit. An diesen Stellen treffen sich auch Fenitschka und ihre Schöpferin. Das ist keine autobiografische Gleichung. Fenia ist nicht Lou. Und trotzdem. Lou blieb Rainer lebenslang verbunden. Sie korrespondierten und begegneten sich gesellschaftlich. Salomé blieb eine herausragende Vorkosterin seiner Lyrik. Gern möchte ich glauben, dass du mich so in deinem Leben verortest, ich dachte eben verkostest, auch wenn ich meine halterlosen Strümpfe nicht mehr an dich adressiere und wir diesbezüglich beide darben dürfen. Glück setzt Mangel voraus. Erfüllung steigert das Verlangen. Was hat man schließlich nicht alles gebraucht, während mir heute eine begabte Hand und ein angenehmer Geruch mitunter genügen. Ich finde dich schön in deinem Kosmos. Dass eine Erzählfigur des 19. Jahrhunderts dich deine Form suchen lässt, stimmt mich heiter und könnte mich sogar heiß machen, wollte ich es denn. Weißt du, dass du mich immer noch verführen kannst, mit leichter Hand und wie nebenbei? So als wäre das nichts - dir zu erliegen? Solche Illusionen kann nur ein Zauberer erzeugen. Das ist mir vorhin beim Staubwischen klargeworden. Du hast recht, wenn du in den Irritationen des Psychologen Max Werner die Treibladungen erkennst, die „Fenitschka“ zu einer explosiven Novelle machen. Er versteht nie ganz, woran er bei Fenia ist. Das verleitet dazu, Fenia als Rätsel zu lesen. Aber vielleicht ist die interessantere Frage: Warum braucht Max überhaupt eine eindeutige Antwort? Denn Fenia sagt ihm ja nicht ständig etwas anderes. Sie ist nicht manipulativ. Sie spinnt keine Intrigen. Sie hält, was sie verspricht. Max verstört, dass ihre Zuneigung nicht automatisch in seinen Besitz übergeht. Da sehe ich die Verbindung zu Rilke. Er lud Beziehungen mit einzigartigen Mitteln existentiell auf. Das war für Salomé gleichzeitig schmeichelhaft und bedrohlich.
Fenia wirkt nicht wie jemand, der keine Bindung will. Sie wirkt wie eine Frau, die weiß, dass Bindung Kräfte freisetzen, die tiefer reichen als bewusste Entscheidungen. Liebe ist bei Salomé nie bloß ein Vertrag zwischen Vernünftigen. Sie ist ein wüster Schauplatz von Prägungen, Wünschen, Ängsten und Verlusten. Salomé verteidigt ihre Freiheit gegen die Tiefenwirkung von Bindungen. Erklärt das, warum Salomé sich von Rilke löste, ohne ihn aus ihrem Leben zu verbannen? Hoffentlich nimmst du jetzt lächelnd an, dass ich uns zu dir und mir befrage.
Salomés Souveränität ist eine Singularität. In ihren Beziehungen zu Nietzsche, Rilke und Freud fällt auf, dass sie nie in der Rolle aufgeht, die ihr angeboten wird. Zwar ist sie Muse, Geliebte, Schülerin und Jüngerin. Doch interpretiert sie diese Rollen in Überschreitungen der Genres.
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„Benno war schön. Schöne Menschen sind immer mein ganzes Entzücken gewesen, und wenn auch mein künstlerischer Geschmack heute etwas andres darunter versteht als damals, so muß ich doch Benno auch heute noch zugeben, daß er in seiner jungen Männlichkeit, mit dem ernsten blonden Kopf und dem hohen Jünglingswuchs, wie man ihn nicht oft findet, ganz auffallend gut aussah. Wenigstens stach er genugsam von den geschniegelten Referendaren und Lieutenants ab, die auf der Eisbahn und in den Kaffeekränzchen uns jungen Mädchen den Hof machten.“ Lou Andreas-Salomé, ‚Eine Ausschweifung‘
Natürlichkeit verspricht Unschuld; ein harmonisches Aufgehen im Trieb. Salomé erzählt, wie die menschliche Sexualität in psychischen Akten modelliert wird. Die Prägung überschreibt die Natur. In der „Ausschweifung“ verkörpert die Fenia-Variation Adine biografische Momente im Leben ihrer Schöpferin. Die Geschichte spiegelt die Kindheit von Lou Andreas-Salomé. Der in zaristischen Diensten aufgestiegene deutsch-baltische General Gustav von Salomé zog seine einzige Tochter allen Söhnen vor, schützte sie vor einer konventionellen Mutter und schuf für sie eine Oase geistiger Freiheit. Er goss das Fundament für Salomés unerschütterliches Selbstbewusstsein (ihren positiven Narzissmus; dazu später mehr). Adine lernt im Schutz des Vaters, sich als schöpferisches Wesen zu begreifen. Der Vater suspendiert sie von der überkommenen weiblichen Abrichtung zur Unterwerfung. Die Tragik der „Ausschweifung“ beginnt, wo der Schutzraum seine Grenzen erreicht. Als kaum erwachsene Braut bricht die patriarchale Realität der Außenwelt ungefiltert über Adine herein. Das Erwachen des Begehrens fühlt sich für sie an wie ein biologischer Rückfall in die Unfreiheit – ein Verrat am freien Geist.
Friedrich Nietzsche glaubte, in Lou Andreas-Salomé die einzige Person gefunden zu haben, die seine Philosophie nicht nur verstehen, sondern verkörpern konnte. Er nannte sie ein „Geschwistergehirn“ und sah in ihr das lebende Versprechen seines „Übermenschen“ – eines Wesens, das sich von allen alten Moralvorstellungen und bürgerlichen Fesseln befreit. Doch als Nietzsche versuchte, die geistige Verbindung in eine sexuelle und eheliche Beziehung zu überführen, prallte er ungebremst auf Salomés unerbittlichen Schutzpanzer der Selbstbehauptung.
Die „Ausschweifung“ ist eine Erzählung über die Herkunft des Begehrens. Indem Salomé die Sexualität auf frühe affektive Einschreibungen zurückführt, nähert sie sich einer Einsicht, die Freud systematisiert. Menschen orientieren sich an den oft rätselhaften Prägungen ihrer frühen Erfahrungswelt.