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2026-06-09 08:05:02, Jamal

Martialische Hüterinnen

Sie lebten in völlig unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, doch ihre Geschichten berühren ein gemeinsames Thema: den Moment, in dem eine bestehende Ordnung zusammenbricht und Frauen Aufgaben übernehmen, die für sie nicht vorgesehen sind.

Vergleicht man die Biografien von Boudica, Rani Lakshmibai und Nakano Takeko, fällt zuerst auf, wie wenig sie gemeinsam haben. Die erste war eine keltische Königin im Britannien des 1. Jahrhunderts, die zweite eine indische Fürstin im Zeitalter des britischen Empire, die dritte eine Samurai-Tochter im Japan des 19. Jahrhunderts. Dennoch verbindet sie eine historische Parallele. Jede wurde zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen eine übermächtige politische und militärische Bedrohung.

Boudica erhob sich gegen Rom. Nachdem die Römer ihr Königreich annektiert und ihren Klan erniedrigt hatten, führte sie einen der größten Aufstände der britischen Antike an. Ihre Rebellion scheiterte an der militärischen Überlegenheit Roms, doch im kollektiven Gedächtnis avancierte sie zur Verkörperung des Freiheitskampfes gegen einen Usurpator.

Rani Lakshmibai stand fast achtzehn Jahrhunderte später vor einer ähnlichen Herausforderung. Die britische Krone erstrebte die Kontrolle über das Fürstentum Jhansi. Bei der Erhebung von 1857 zeichnete sich Rani in der Rolle einer militärischen Führungspersönlichkeit aus. Wie Boudica kämpfte sie gegen ein Imperium, das technisch, organisatorisch und wirtschaftlich überlegen war. Und wie Boudica starb sie im Kampf und wurde so unsterblich.

Nakano Takeko war keine Königin. Sie führte keine landesweite Rebellion an. Sie war eine Onna-bugeisha - 女武芸者, ausgebildet im Umgang mit der Naginata. In den zumal Feldzügen geschuldeten Phasen männlicher Absenz verteidigte eine Onna-bugeisha Haus und Herd. Tomoe Gozen verkörperte den legendären Prototyp der martialischen Hüterin, die in einem historischen Augenblick ihre gesellschaftlichen Grenzen in regulären Gefechten überschreitet und danach zu ihrer Demut zurückfindet. Angeblich agierte Tomoe Gozen in einem Krieg des 12. Jahrhunderts als weibliche Samurai. Ab der Edo-Zeit stilisierte man sie zur Ikone.  

Nakano Takeko trat im Sezessionskrieg von 1868 in Erscheinung. Der sogenannte Boshin-Krieg markierte den Übergang vom Feudalismus zum modernen Nationalstaat.  

Seit dem frühen 17. Jahrhundert war das Tokugawa-Shogunat (1603–1867) die bestimmende Kraft in einem von der Außenwelt weitgehend abgeschotteten, allenfalls nominellen Kaiserreichs. 1853 erzwang Commodore Matthew Perry die Öffnung japanischer Häfen und lieferte so der US-amerikanischen Kanonenbootpolitik ein berüchtigtes Beispiel. Die Zudringlichkeit spaltete eine bedrängte Elite. Die Shogun-Fraktion erwog Reformen im Rahmen der noch bestehenden Ordnung. Der deklassierte Kaiser witterte Morgenluft. Er wollte seinem Thron wieder absolutistische Geltung verschaffen.

Als Nakano Takeko geboren wurde, saß Kaiser Kōmei (1846 - 1867) auf dem Chrysanthemen-Thron. Ihm folgte Emperor Mutsuhito. Er avancierte zur Symbolfigur der Meiji-Restauration. 1867 trat Shogun Tokugawa Yoshinobu zurück, ohne seine Ansprüche aufzugeben. Die Vorschläge des Monarchen waren für ihn unannehmbar. Der Konflikt eskalierte. Die Truppen der Domänen Satsuma und Chōshū, genannt - Kangun (官軍) -, traten als Gefolgsleute des Kaisers auf. Sie kämpften mit westlichen Waffen. Weiter Loyalisten waren Ishin Shishi - 維新志 - Patrioten der Restauration und Sonnō jōi - 尊王攘夷 - Verehrt den Kaiser, vertreibt die Barbaren.

Die Meiji-Restauration war progressiv. Lassen Sie mich kurz abschweifen - Ein japanischer Ritter sah in einem japanischen Bauern so wenig seinesgleichen wie in einem japanischen Hund. Eine Nationalisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fand erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes statt. Der Homogenisierung des Volkskörpers folgte die Einführung einer bürgerlichen Verfassung im Geist des Code Napoléon. Es entstand ein Zivilgesetzbuch – das Minpō. Andere Monarchien bremsten den Fortschritt, Mutsuhito, der 1867 vierzehnjährig den Thron bestieg, seine Residenz von der ewigen Kaiserstadt Kyōto nach Edo verlegte und einer westlich orientierten Oberschicht Raum gab, beschleunigte den Fortschritt, um Fremdherrschaft zu vermeiden. Zum ersten Mal in der Landesgeschichte war unter seinem Vater eine Invasion nicht vollständig abgewiesen worden.

China in Agonie vor Augen, suchten westliche Potentaten ihren Vorteil mit der Vorstellung, Japan ließe sich so erniedrigen wie andere asiatische Staaten.

In Rekordzeit fand ein mittelalterlicher Militärstaat Anschluss an die globale Zukunft. Das Tempo war Staatsräson. Die Industrialisierung brachte die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlockten: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.

Um 1900 war Japan eine im Gegenwartsanzug versteckte Feudalgesellschaft mit moderner Armee. Das Kastendenken verschmolz mit dem Nationalismus in den Kasernen. 1945 wurde die Kaiserliche Marine versenkt und der pazifische Pazifismus verordnet. Artikel 9 der japanischen Verfassung verbietet den Unterhalt einer Armee. An ihrer Stelle halten die Selbstverteidigungsstreitkräfte seit den 1950er Jahren den Traum vom militärischen Wiedererwachen am Leben.

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Zurück zu Nakano Takeko. Die Banner der Kangun rückten unaufhaltsam vor und trugen den Geist einer neuen Zeit mit sich. Gegen sie verteidigte Nakano Takeko eine Welt, die bereits im Verschwinden begriffen war. Während um sie herum die Grundlagen des antiken Samurai-Kodex zerbrachen, hielt sie an den Werten fest, die ihr Leben geprägt hatten: Loyalität gegenüber den Tokugawa, Pflicht und Ehre.  

Nakano Takeko führte eine Gruppe von Kämpferinnen, die später als Jōshitai bekannt wurde. Die letzten Anhänger des Shoguns flohen nach Hokkaidō und gründeten da sogar kurzzeitig eine Republik.    

Diese Frauen waren nicht nur Kriegerinnen; vielmehr waren die tragischen Hauptfiguren an epochalen Bruchstellen. Entscheidend ist die Beobachtung, dass erst Chaos den Raum schuf, in dem Frauen patriarchalische Grenzen sprengen konnten.