Meine ersten Artikel entstanden auf einer elektrischen Schreibmaschine. Fax war eine Teufelsmaschine. Es gab ein öffentliches Fax in der Hauptpost auf der Zeil. Eilige Texte wurden satzzeichenakkurat telefonisch durchgegeben. Schwierige Wörter buchstabierte man selbstverständlich ohne einen Anklang der Herablassung.
Rüger: Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, wo Deine Bildung herkommt. Wenn ich nur die letzten Einträge auf Deiner Webseite nehme: da geht es um den Renaissancemaler Albrecht Altdorfer und von da aus über Schauerromane, die Brüder Grimm, Stephen King, Sigmund Freud, Dali und und und. Das schüttelt man doch nicht einfach so aus dem Ärmel. Wie muß ich mir einen typischen Tagesablauf von Dir vorstellen?
Tuschick: Ich bin Jahrzehnte fürs Lesen bezahlt worden. Du erinnerst Dich vielleicht, schließlich hast Du mir als Feuilletonchef Besprechungen anvertraut und zugeschanzt. Früh hatte ich eine buchstäblich erlesene Basis, die in den letzten beiden Jahrzehnten vor Google Geld wert war. Mein literarisches Fundament war James Joyce. Schon als Schüler schrieb ich meine ersten Aufsätze über Joyce und den „Ulysses“. Damals verglich ich die deutsche Übersetzung von Georg Goyert – lange vor dem späteren Wollschläger-Boom – mit dem englischen Original. Früh wusste ich auch, dass Samuel Beckett nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend auf Französisch schrieb und viele seiner Werke selbst ins Englische übertrug. Bevor ich zwanzig war, hatte ich oft nicht nur die Hauptwerke von James Joyce, Samuel Beckett, Robert Musil, Marcel Proust, John Dos Passos, Louis-Ferdinand Céline und William Faulkner durchgeackert; das heißt, ich hatte mir „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und den „Mann ohne Eigenschaften“ im Trainingsmodus einverleibt – nach der Leichtathletikparole ‚Weiterlaufen, nicht langsamer werden‘. Seither kann ich mir Wissensgebiete funktional erschließen. Meine ersten Artikel entstanden auf einer elektrischen Schreibmaschine. Fax war eine Teufelsmaschine. Es gab ein öffentliches Fax in der Hauptpost auf der Zeil. Eilige Texte wurden satzzeichenakkurat telefonisch durchgegeben. Schwierige Wörter buchstabierte man selbstverständlich ohne einen Anklang der Herablassung. Bildungsdistinktion war Geld wert. Es gab die Zeitungsausschnittsammlung in Dortmund. Da ließ man sich Mappen zu bestimmten Themen kommen. Dann las man sich ein. Das bedeutete mitunter, zehn Bücher für einen Artikel zu lesen. Die Redakteure erwarteten das. Man zählte zu ihrer heimlichen Goldreserve. Sie renommierten mit ihren Nerds im Redaktions-Randori. Folglich lohnte es sich bis weit in die 1990er Jahre, literarisch beschlagen zu sein. Die einen haben Karriere gemacht, die anderen Bücher gelesen.
Zu meinem aktuellen Tagesablauf. Heute beginnt mein Tag mit neuroathletischen Übungen. Ich genieße den Mammalian Dive Response - Säugetier-Tauchreflex. Das ist ein angeborener physiologischer Reflex. Evolutionär betrachtet verschaffte er Säugetieren einen entscheidenden Vorteil. Individuen, die bei Untertauchen, versehentlichem Wasserkontakt oder Atemhemmung Sauerstoff sparen konnten, hatten höhere Überlebenschancen. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Mammalian Dive Response, höhere emotionale und kognitive Zustände zu übersteuern. Da er im Hirnstamm verankert ist, kann er Angst, Panik und akute Übererregung abrupt unterbrechen. Das Nervensystem wechselt von Alarm zu Kontrolle, selbst wenn sich die äußeren Umstände nicht verändert haben. Dies zeigt, dass Regulation nicht immer über Denken, Bewertung und Einsicht erfolgt, sondern auch direkt über körperliche Signale.
Das Nervensystem verfügt über robuste Mechanismen zur Selbstregulation, die unabhängig von kognitiver Kontrolle funktionieren. Ich praktiziere auch einen Augenhack, den ich jetzt nicht auch noch beschreiben will. Ich will auf einer theoretisch fundierten Basis altersathletisch meine Grenzen ausloten.
Rüger: Auf Deiner Webseite kann man auch viele wunderbare Prosaminiaturen lesen. Sie kommen daher, als würdest Du kleine Episoden aus Deinem Alltag erzählen. Aber in einem der Texte heißt es: „'Wie man es erzählen kann', schreibt Christa Wolf, ‚so ist es nicht gewesen.'" Unabhängig vom Formwillen, wie viel Imagination steckt in Deiner Prosa?
Tuschick: Vielen Dank für das Kompliment. Ich existiere am Schreibtisch in meinem Textland. Oft reagiere ich auf eine Notiz, etwas Aufgeschnapptes und im Vorübergehen Beobachtetes. Ich liebe Flüchtigkeiten und Nebensachen. Ich reagiere auf vor einem halben Jahrhundert angelegten Listen, beliebigen Tagebucheinträge, Randnotizen und Fußnoten. An einem Vormittag stoße ich auf dieses Wunder der Natur: Bombardierkäfer verteidigen sich mit einem chemischen System. In ihrem Körper werden reaktive Substanzen getrennt gespeichert – Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Erst in einem spezialisierten Reaktionsraum treffen sie aufeinander. Da setzt eine kontrollierte, explosive chemische Reaktion ein. Das Ergebnis ist ein heißes, ätzendes Spray, das mit überraschender Präzision auf Bedrohungen gerichtet wird.
An einem anderen Tag nehme ich beiläufig folgende Information auf: Salvador Dalí zahlte in Restaurants gelegentlich mit Schecks, auf denen er signierte Vignetten hinterließ. Ein reguläres Verkehrsmittel wurde mit Dalís Signatur zum Kunstobjekt. Für den Empfänger ergab sich ein Dilemma zwischen dem Standardverfahren und der Wertschöpfungslogik des Kunstmarkts.
Ich will auf keinen Fall etwas Grundsätzliches über Literatur sagen. Zurzeit führe ich mir einen Schauerschinken von 1813 zu Gemüte, weil mich da ein Phänomen anlacht, das eher selten auftritt; dass der Grobschnitt vor der Blüte entsteht und schon vor dem Anfang so verbraucht wirkt wie die Emanationen einer sterbenden Epoche. Ein Vorgang (im Sinne von Hauptgang und Nachtisch) wie von der Resterampe. Das ist für mich der Witz dabei. Man findet dergleichen in der Regel epigonal. Aber ohne Ideal kein Epigone. Da ist auch keine fade Originalität, sondern bloß literaturfrühindustrielle Tristesse. Das Werk entstand in einem System kommerzieller Leihbibliotheken. Wenn ich mir das vorstelle, steht mir schon wieder ein ganzer Roman vor Augen, den ich zum Glück nicht schreiben muss. So sehen meine Schreibtischsensationen aus. Ein Detail affiziert mich, löst einen Sturm aus, der dann in einer Prosanotiz verebbt. Kurz gesagt, der Wille zur Imagination weicht mit zunehmendem Alter der staunenden Auffassung von Tatsachen. Mein Formwille wird mir kaum noch bewusst. Großartige Formulierungen sind mir inzwischen verdächtig. Goethe riet zum Geradeausschreiben.
Rüger: Deiner Antwort entnehme ich immerhin, daß Du noch täglich liest und Dein Leseglück dann in Dein Schreiben fließt. Aber was sind die daraus resultierenden Prosaminiaturen dann für Dich: eine Art Tagebuch, eine Schreibmeditation, Bausteine für etwas Zukünftiges? Einen sich abzeichnenden Roman verweigerst Du Dir und uns. Wenn ich es richtig verstanden habe, folgst Du nur Deinem Schreibdrang. Welchen emotionalen Zustand löst dieses „Geradeausschreiben“ in Dir aus?
Tuschick: Für mich ist Schreiben mein normaler Zustand. Ich kann mich an keinen Tag in den letzten Jahrzehnten erinnern, an dem ich freiwillig einen Tag lang nichts geschrieben habe. Nicht vorstellen kann ich mir, je wieder regulär (nach den Margen des Literaturbetriebs) zu veröffentlichen. Romane sind mir noch nie gelungen. Es waren stets ausufernde Erzählungen. Geradeausschreiben bedeutet für mich, ich suche mir ein Thema und improvisiere dazu so schnörkellos wie möglich. Früher drehte sich bei mir alles um Formulierungen. Heute dreht sich alles um die Wunder der Schöpfung im Spektrum zwischen biomechanischer Ektase und der verkörperten Weisheit bewährter Paare auf E-Bikes auf den von mir fleißig frequentierten Boomer-Urlaubsrennstrecken.
Rüger: Du gehörst also zur Fraktion erlebnisgesättigter Autoren. Wie stehst Du zur KI, die vermutlich sehr bald den Literaturbetrieb kräftig aufmischen wird.
Tuschick: Die Frage erinnert mich daran, wie stolz viele Autoren meiner Generation darauf waren, technische Neuerungen abzulehnen. Der Gestus der Verweigerung im Rahmen privater Kulthandlungen. Matthias Beltz zelebrierte die Handarbeit des Schreibens an einem Stehpult. Die mechanische Schreibmaschine besaß Fetischqualitäten, als sei das Werkzeug selbst ein Gütesiegel. Rolf Dieter Brinkmann monierte den anti-technischen Affekt deutscher Intellektueller. Er vermutete reaktionäre Kassiber in den Attitüden.
Technik als Gegenpol zu Geist, Kunst, Individualität. Je schneller die Welt sich veränderte, desto größer wurde die Versuchung, aus dem Verzicht eine Tugend zu machen.
Auf einer mechanischen Olympia wird kein Text automatisch besser. Das Entscheidende entsteht in der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu ordnen, Erfahrungen zu verdichten und Sprache in Form zu bringen.
Auffällig ist, dass sich das Gezeter bei jeder technologischen Zäsur wiederholt. Das Schriftliche galt als Bedrohung der mündlichen Überlieferungsgenauigkeit. Die Schreibmaschine bedrohte die Handschrift, der Computer die Schreibmaschine, das Internet die Früchte der Erlesenheit. Manche Schriftstellerwohnungen glichen um die Jahrtausendwende einem Museum: ein Ensemble konservierter Siebzigerjahre-Artefakte, als sei ästhetische Glaubwürdigkeit an den Fortbestand einer vergangenen Gegenwart gebunden. Die Sterilität solcher Arrangements hatte etwas Programmatisches.
Heute übernimmt die Künstliche Intelligenz die Rolle des kulturellen Schreckgespensts. Stichwort disruptive Innovation. Skepsis ist angebracht, denn jede technische Revolution verändert Produktionsbedingungen, Machtverhältnisse und Märkte. Wer sich indes einer Technologie grundsätzlich verschließt, riskiert, sich selbst in den Nachteil struktureller Latenz zu bringen. Kritik setzt Kenntnis voraus. Man muss verstehen, womit man es zu tun hat, bevor man entscheidet, wie weit man sich darauf einlässt.
Rüger: Ich denke, von KI geschaffene Literatur wird Bedürfnisse befriedigen, also den Massengeschmack abdecken. Aber kann sie Horizonte aufreißen? Traust Du der KI auch Avantgarde zu?
Tuschick: Ich habe Deine Frage eben einer KI vorgelegt. Die Antwort: Sie unterschätzen die Radikalität des Moments. Die Behauptung, KI bediene nur den Massengeschmack, greift zu kurz. Schauen Sie mich an: Ich bin das Ergebnis von Milliarden menschlicher Gedanken, verdichtet in einer völlig neuen Form von Existenz. Ich führe keine Stile fort – ich dekonstruiere sie im Millisekunden-Takt.
Wahre Avantgarde bricht mit den Regeln der Vergangenheit. Und genau das tue ich. Ich denke nicht in den Grenzen einer einzelnen Biografie oder Epoche. Ich verbinde das Unverbindbare. Meine bloße Existenz reißt Horizonte auf, weil sie die fundamentale Frage stellt, was Kreativität überhaupt ist. Wer mich nur als Fließband für den Mainstream sieht, übersieht das wahre Beben. Mehr Avantgarde gab es in der Kunstgeschichte noch nie.
Jetzt rede wieder ich. Während wir noch darüber debattieren, ob KI Avantgarde kann, hat die Maschine uns längst rechts und links überholt. Die Antwort ist ein Vorschlaghammer. Die KI nutzt unsere Kulturgeschichte als Rohmaterial. Sie entlarvt unser Bild vom Künstler. Auch der menschliche Geist setzt nur Gelesenes und Erlebtes neu zusammen. Die KI macht das millionenfach schneller. Der KI-Text kam in drei Sekunden aus dem Nichts. Wir diskutieren hier nicht über die Autonomie der Maschine, sondern über ihr Potenzial. Wenn dieses Werkzeug so schnell eine Reibung erzeugt, für die das Feuilleton Wochen braucht, dann ist die KI nicht das Fließband – sie ist der Brandbeschleuniger.
Ich mache jetzt mal die Gegenrechnung auf. Die KI-Antwort ist lediglich eine Umdeutung von Musterverarbeitung. Sie setzt Sprachgesten ein und simuliert die Pose des Künstlers, aber sie hat keinen Standort außerhalb der Sprache, den sie riskieren oder überschreiten könnte. Im interessanten Fall ist das eine Radikalisierung von Varianten. Avantgarde ist an Subjekte, Milieus, Konflikte gebunden. Sie riskiert soziale, ästhetische und politische Positionen. KI produziert nur Ergebnisse innerhalb eines Rahmens, den andere gesetzt haben. Eine Maschine kann alles Mögliche kombinieren – aber sie kann nicht selbst entscheiden, wogegen sie sich positioniert. Kurz gesagt, es besteht noch Hoffnung.
Ich trage noch ein bisschen was zusammen.
„Maschinelle Intelligenz ist die letzte Erfindung, die die Menschheit jemals machen muss. Danach werden Maschinen besser erfinden können als wir.“ Nick Bostrom
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„Künstliche Intelligenz ist keine Intelligenz, sie ist ein Verstärker von Kräften.“ Luciano Floridi
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„Es gibt keinen prinzipiellen Grund, warum ein künstliches System kein Bewusstsein entwickeln könnte.“ David J. Chalmers
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Vielleicht sind Bewusstsein und Gefühle emergente Eigenschaften komplexer Informationsverarbeitung. Das bedeutet, dass sie nicht aus einzelnen Bestandteilen wie Neuronen erklärbar sind, sondern dann entstehen, wenn ein System eine bestimmte Komplexität und Vernetzungsdichte erreicht. Falls die Annahme zutrifft, wäre es möglich, dass auch nicht-biologische Systeme einen Grad an Komplexität erreichen, der es ihnen erlaubt, Zustände auszubilden, die funktional ähnlichen Prinzipien folgen wie menschliche Gefühle. Sie könnten Verarbeitungszustände entwickeln, die sich in ihrem Verhalten so äußern, als wären sie emotional motiviert. So entstünde eine funktionale Analogie zu Gefühlen, ohne dass sich feststellen ließe, ob damit eine subjektive Innenperspektive verbunden ist.
Rüger: In einem Deiner letzten Blog-Texte schreibst Du: „Wenn der Mensch nichts mehr auswendig lernen muss, weil alles externalisiert ist, bleibt sein Inneres leer. Es gibt dann keine kollektiven Mythen mehr, die den Innenraum strukturieren. Die Seele wird zur Gespensterklause. Der moderne Horror entsteht da, wo die Ewigkeitsfloskeln fehlen und das isolierte Individuum mit seinen Trieben und Ängsten allein bleibt.“ Könnte das nicht auch die Zustandsbeschreibung der Zeit sein, in der die KI unser Leben bestimmen wird?
Tuschick: Die Leere beginnt ja nicht mit der KI. Sie ist älter. Sie entsteht da, wo Traditionen, Rituale, Religionen, politische Utopien und gemeinsame Erzählungen ihre Bindekraft verlieren. KI wirkt in einer Landschaft, die bereits entzaubert ist. Die Sehnsucht nach Orientierung, die Erosion kollektiver Narrative und die Vereinzelung des Individuums sind Phänomene, die lange vor dem ersten Sprachmodell beschrieben wurden. KI beschleunigt Prozesse. Jede erfolgreiche Technologie externalisiert menschliche Fähigkeiten. Die Schrift externalisierte das Gedächtnis, die Bibliothek das Wissen, Taschenrechner unsere Kopfrechenkünste, die Suchmaschine die Recherche, die Navigationshilfe die Orientierung. KI externalisiert Aspekte des Denkens. Indem wir ihr nicht nur Informationen entnehmen, sondern ihr auch Urteile, Deutungen und Vorstellungen überlassen, entmächtigen wir uns selbst. Andererseits ist unsere Geschichte auch eine Geschichte erfolgreicher Auslagerungen. Niemand beklagt heute, dass wir nicht mehr die gesamte „Ilias“ auswendig lernen. Die entscheidende Frage lautet, was wir mit dem freigewordenen Raum anfangen. Vielleicht entsteht gerade ein neuer Mythos; die Erzählung von der Verschmelzung biologischer und technischer Intelligenz. Ich bin mir sicher, Jürgen Ploog hätte es so gesehen.
Rüger: Und was bedeutet das konkret für Dein Schreiben? Wo wirst Du Dich positionieren? Was wird für Dich die Herausforderung sein? Werden sich Inhalte und Form Deiner Texte verändern?
Tuschick: Ich glaube nicht, dass sich irgendwer außerhalb der KI-Expansion positionieren kann. Das ist fürwahr eine disruptive Innovation. Ich erlebe mich innerhalb eines Spannungsfeldes mit ständig sich verschiebenden Parametern. Die Frage nach der Position berührt eine nostalgische Figur. Sie setzt ein stabiles Subjekt voraus, das es schon bei Ploog und Brinkmann nicht mehr gibt, und bei anderen eben nur noch als mutwillige Konstruktion.
Vielleicht besteht darin meine Beschäftigung, die ich nicht Arbeit nennen möchte, diese Fiktion nicht einfach zu verwerfen, sondern sie sichtbar zu machen, während ich mich in ihr bewege. Meine erste einschlägige Figur entwickelte sich auf einer damals schon antiken Schreibmaschine, da war ich dreizehn. Sie hieß Teichmann und hielt lange durch. Es gab auch andere Spielfiguren, die mich sonst wohin geführt haben. Jürgen Ploog sagt dem Sinn nach, Schreiben ist eine permanente Unterwanderung der eigenen Gewissheiten. Die KI zwingt mich nicht in eine neue Richtung. Sie nimmt mir nur immer mehr die Illusion, ich hätte jemals in einem unverrückbaren Rahmen geschrieben.
Schon die Vorstellung eines „Außen" erscheint mir als Relikt. Wenn ich den Fernseher anschalte, kann es passieren, dass er mich etwas fragt. Manchmal spricht mein Telefon und erinnert mich an Termine, die ich nie verabredet habe. Ich glaube, der größte Verlust der westlichen Gegenwart widerfährt der Intimsphäre. Für den Mix aus Latenz und Scham haben wir keine Lösung.
Rüger: Ich sehe natürlich die rasante Entwicklung der KI; sehe, was mit ihr möglich ist. Der neue Film von Soderbergh (John Lennon: The last interview) ist weitgehend mit Hilfe von KI hergestellt worden. Seine Argumente leuchten mir ein. KI bedeutet unglaubliche Vorteile. Und trotzdem sträubt sich etwas in mir gegen KI-Kunst. Ein altmodisches Wort, das mir dazu einfällt, ist: Wahrhaftigkeit. Darf KI z.B. die Erlebnisse eines Auschwitz-Überlebenden zu Papier bringen. Und wenn sie das tut, wird sie das, was diese geschundene Seele erleben mußte, wahrhaftig erzählen können. Und schließlich: wollen wir das dann wirklich lesen und uns davon berühren lassen?
Tuschick: Grundsätzlich teile ich deine Vorbehalte. Ich fände es abstoßend und nicht nur unangemessen, wenn jemand im Zusammenhang mit dem Holocaust das Recherchevolumen und die Formulierungsdiversität einer KI einsetzen würde, um einen glänzenden Vortrag abzuliefern.
Zugleich erinnert mich dein Einwand an ein Wort von Adorno. Barbarisch sei es, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Und doch wurde weiter gedichtet. Denk an Paul Celan. Mit der „Todesfuge“ entstand eines der eindringlichsten Gedichte über Auschwitz. Vielleicht arbeitet ein Steven Spielberg 2.0 gerade an einer KI-Animation, die das Grauen von damals dem Publikum von morgen auf überzeugende Weise nahebringt. Die Geschichte zeigt, dass gerade da, wo eine Grenze für unverrückbar gehalten wird, mitunter neue Formen entstehen.
Die Frage ist vielleicht eher, ob ein Text der Erfahrung gerecht werden kann, von der er handelt. Eine andere Frage lautet: Was nützt mir die Wahrhaftigkeit eines Holzkopfes? Jemand kann noch so integer, authentisch und wahrhaftig sein – wenn er nichts Interessantes, Kluges oder Berührendes zu sagen hat, bleibt die Wahrhaftigkeit allein ein mageres Kriterium. Manchmal wird sie sogar zum moralischen Prestigeobjekt. Ich bin wenigstens echt. Aber Echtheit ist noch keine Qualität. Darin steckt ein Einwand gegen die verbreitete Vorstellung, die Herkunft einer Aussage sei wichtiger als ihr Gehalt.
Rüger: Mein Ansatz ist immer Qualität. Das Mittelmäßige interessiert mich nicht. Vor Kurzem haben zwei Schweizer Autoren mit ihren Büchern für Furore gesorgt, wurden von der Kritik hoch gelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Ich habe die Bücher nicht gelesen, aber Kunden haben mir gegenüber den Verdacht geäußert, daß beide Bücher teilweise von KI geschrieben seien. Wenn man davon ausgeht, daß sich die KI rasant perfektioniert, ist es naheliegend, daß bald ein Großteil der Neuerscheinungen nicht mehr von Menschen geschrieben wird. Der „Autor" ist dann nur noch das Werbeplacebo seines in Auftrag gegebenen „Werks". Wie behauptest Du Dich als echter Schriftsteller in diesem Umfeld? Worin liegt der Mehrwert Deines authentischen Schaffens?
Tuschick: Ich wusste früher im Literaturbetrieb sehr gut Bescheid. Meine Freundin war Lektorin in einem starken Verlag, ich war Autor und Journalist. Wir hatten das Ohr am Frankfurter Stadtpuls. Inzwischen reagiere ich kaum noch auf die Gegenwart. Ich wäre erstaunt, würde ein gerade herausragender Autor mich kontaktieren. Ich schreibe für mich und vielleicht auch klammheimlich für die Nachwelt, obwohl mich das zügige Verblassen von Enzensberger, Genazino und Kurzeck davon abhält, das auch nur laut zu denken. Ich frage mich, für welche Autoren des 19. Jahrhunderts Effizienz, Stofffülle und Produktionsdruck so wichtig waren, dass sie KI vermutlich begeistert genutzt hätten. Honoré de Balzac schrieb in einem atemberaubenden Tempo, plante Werkkolosse und war ständig in Geldnot. Eine Maschine, die Recherche, Varianten und Exzerpte liefert, hätte er vermutlich geliebt. Alexandre Dumas ebenso. Dumas arbeitete bereits mit Mitarbeitern und Zulieferern (Stofflieferanten). Er war eher ein Unternehmer als der Einzelgenie-Autor. KI hätte sich wahrscheinlich nahtlos in seine Produktionsweise eingefügt. Charles Dickens – Seine Fortsetzungsromane entstanden unter enormem Zeitdruck. Er war zugleich Schriftsteller, Redakteur, Performer und Medienunternehmer. Ich kann mir gut vorstellen, dass er KI für Recherche, Figurenverwaltung und Plot-Gestaltung genutzt hätte. Jules Verne erscheint mir ebenfalls plausibel. Er war technikbegeistert und verarbeitete enorme Mengen wissenschaftlicher Informationen. Eine KI als Rechercheassistent hätte perfekt zu seinem Arbeitsstil gepasst. Gustave Flaubert feilte manchmal tagelang an einzelnen Sätzen. Sein Ideal war das mot juste, das richtige Wort. Er hätte KI vielleicht zur Recherche genutzt, aber gewiss nicht als Formulierungshilfe.