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2026-06-01 08:21:10, Jamal

Salvador Dalí zahlte in Restaurants gelegentlich mit Schecks, auf denen er signierte Vignetten hinterließ. Ein reguläres Verkehrsmittel wurde mit Dalís Signatur zum Kunstobjekt. Für den Empfänger ergab sich ein Dilemma zwischen dem Standardverfahren und der Wertschöpfungslogik des Kunstmarkts.   

Der Blick in die Black Box 

Turning Danger into Performance – Das Grauen in der Seelenklause und die mündliche Überlieferungsgenauigkeit

Lieber J., zu Albrecht Altdorfer – Seine Bilder besitzen räumliche Komplexität, atmosphärische Tiefe und eine überwältigende Verdichtung von Welt. Das Interessante an ihm ist nicht ein Mangel an Perspektive, sondern die Tatsache, dass die Zentralperspektive noch nicht die alleinige Souveränität über die Bildorganisation besitzt.

Bei der frühindustriellen Schauerromanproduktion geht es um etwas anderes. Die Figuren wirken oft psychologisch flach, weil ihre Gefühle nicht das Medium des Horrors sind. Der Horror nistet in den Dingen. In modernen Horrorformen – von Freud bis Hitchcock, von Poe bis Stephen King – haust das Grauen in der Seelenklause. Die Mutter ist das Monster. Der Bewusstseinsstrom tritt über die Ufer. Er hat seine Niagarafälle in der Verdrängung, dem Trauma, den Aufspaltungen. Selbst äußere Bedrohungen werden häufig im Spiegel innerer Konflikte lesbar.

Mündliche Überlieferungsgenauigkeit

Vielleicht sind die frühen Schauerromane die letzten Ausläufer einer älteren Erzähltradition, die noch aus der Welt des Märchens und der mündlichen Überlieferung stammt.

Warum besitzen Märchen diese eigentümliche Formelhaftigkeit, Wiederholungen, stereotypen Figuren und Wendungen?

Die Antwort lautet zunächst: weil sie nicht für das Lesen, sondern für das Erinnern gemacht wurden. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm interessierten sich zumal für den Kodex der Überlieferung. Sie glaubten, in ihnen Spuren einer alten Volkskultur zu finden, die jahrhundertelang mündlich weitergegeben worden war. Die Beobachtung der formalen Stabilität bleibt bemerkenswert.

In einer mündlichen Kultur erfüllt die Formel eine andere Funktion als in jeder Schriftkultur. Das erklärt die formelhaften Bausteine:

Es war einmal ... Und wenn sie nicht gestorben sind ... Da machte er sich auf den Weg ... Drei Tage und drei Nächte ...

Solche Formeln sind Gedächtnisanker. Dasselbe gilt für die Figuren. Die böse Stiefmutter ist nicht psychologisch ungenau. Sie ist funktional präzise. Jeder Zuhörer weiß sofort, welche Rolle sie im Gefüge der Geschichte einnimmt. Die Figur muss nicht erst charakterisiert werden.

Die Oralität bevorzugt Typen und verzichtet auf individualisierende Feinzeichnungen. Nach Walter Benjamin beschreibt die traditionelle Erzählung Erfahrungen, während der moderne Roman individuelle Innenwelten entfaltet.  

Märchen sind hochgradig komprimiert. Sie speichern Situationen. Die Information lautet nicht: Wie fühlte sich die Heldin? - sondern: Was geschah, als die Mutter starb?

Und jetzt wird die Verbindung zum frühen Schauerroman sichtbar. Die ersten Gothic Novels besitzen noch die alte Informationsökonomie besitzen. Sie konservieren Konstellationen.

Eine Witwe ohne Schutz.
Ein gefährdeter Erbe.
Ein tyrannischer Vormund.
Eine junge Frau in Abhängigkeit.
Ein enteigneter Sohn.

Das sind transformierte Märchenfunktionen. Die Formelredundanz entspricht einer Technik, mit der eine Gesellschaft Erfahrungen über Generationen hinweg bewahrt.

*

Märchen interessiert sich kaum für Innenleben. Die böse Stiefmutter ist nicht deshalb böse, weil wir ihre Kindheitsverletzungen kennen. Der König leidet nicht unter Bindungsstörungen. Die Hexe besitzt keine Traumabiografie. Die Figuren werden über ihre Stellung in einer Konstellation definiert. Sie sind Knotenpunkte eines sozialen und symbolischen Gefüges.

Das Grauen liegt nicht in ihnen. Es liegt in den Verhältnissen.   

Die ältere Erzählwelt fragt: Was ist einem Menschen zugestoßen? Die moderne fragt: Was ist aus einem Menschen geworden?

Im ersten Fall liegt die Ursache des Schreckens außerhalb der Figur. Im zweiten Fall in ihr. Im nächsten Durchgang tritt die Psychologie auf. Der Wolf verkörpert den Trieb; die Hexe das Trauma. Das Schloss verklausuliert das Unbewusste.

Noch mal

Die alten Konflikte drehen sich um soziale Sicherheit. Eine Witwe verliert ihre Existenzgrundlage, Stiefkinder müssen um ihr Erbe fürchten. Ein Vormund missbraucht seine Macht. Ein Aristokrat verfügt über Menschen wie über Besitz. Eine Familie wird vom Standesdünkel zermalmt. Die Akteure sind in ihren Verhältnissen eingesperrt, entrechtet, verfolgt und ausgeliefert. Das Grauen entsteht in asymmetrischen Machtverhältnissen. 

Deshalb erscheint das Personal manchmal überraschend funktional. Es laboriert an Inferiorität in einem sozialen Kraftfeld. Der Roman fragt nicht: Was empfindet sie? Vielmehr fragt er: Was kann sie tun? Wer verfügt über sie? Wem gehört das Haus, das Geld, der Name, das Kind?

Aus moderner Sicht wirkt das schematisch und überhärtet. Die Gewalt vermittelt sich nicht symbolisch und psychologisch. Menschen geraten nicht deshalb in Schwierigkeiten, weil sie traumatisiert sind, sondern weil die Gesellschaft ihnen die Luft zum Atmen nimmt.

Wir leben in einer Kultur, die nahezu jedes Problem in psychologische Begriffe übersetzt. Armut, Abhängigkeit, Entfremdung und politische Ohnmacht werden in Kategorien von Identität, Resilienz, Selbstbild und mentale Gesundheit beschrieben. Gleich mehr dazu.